Die vorliegende Arbeit stellt sich die Frage, ob selbstverletzendes Verhalten ein Ausdruck von kritischen Lebenserfahrungen ist. Daher soll geklärt werden, inwieweit dieses Verhalten als Lebensbewältigung zählt und wie wir als Sozialarbeiter:innen, die Arbeit der psychologischen Fachkraft unterstützen können.
Um diese Fragen klären zu können, wird sich in der Arbeit zunächst mit selbstverletzendes Verhalten auseinandergesetzt. Dabei wird darauf eingegangen, was selbstverletzendes Verhalten ist und in welchen Formen es sich zeigt. Die Ursachen und die Funktionen werden betrachtet, um daraus den Umgang mithilfe des Konzepts der Lebensbewältigung ableiten zu können.
In meiner täglichen Arbeit im Bereich stationärer Jugendhilfe begegnet mir öfters selbstverletzendes Verhalten. Vor allem in der Arbeit in einer therapeutischen Wohngruppe. Die meisten Bewohner einer Einrichtung der stationären Jugendhilfe haben kritische Lebenserfahrungen gemacht. Das lässt sich aus den Gründen für die Hilfegewährung ableiten. Sie sind die Unversorgtheit der Kinder/Jugendlichen, die unzureichende Förderung, Betreuung und Versorgung der Kinder/Jugendlichen, die Gefährdung des Kindeswohls, sowie die eingeschränkte Erziehungskompetenz der Eltern beziehungsweise Personensorgeberechtigten. Bei Jugendlichen ist der Hauptgrund die Unversorgtheit. Dies zeigt sich dann in Auffälligkeiten des Sozialverhaltens.
Inhaltsverzeichnis
1 Einleitung
2 Was ist selbstverletzendes Verhalten?
2.1 Formen
2.1.1 Nach Simeon und Favazza
2.1.2 Leitlinie der Deutschen Gesellschaft für Kinder- und Jugendpsychiatrie und Psychotherapie
2.2 Ursachen
2.2.1 Entwicklungspsychopathologischer Ansatz
2.2.2 Hirnorganischer Ansatz
2.2.3 Psychoanalytische, psychodynamische und tiefenpsychologische Ansätze
2.2.4 Lerntheoretischer Ansatz
2.2.5 Risikofaktoren
2.3 Funktionen
3 Umgang mit Selbstverletzenden Verhalten
3.1 Medizinische Sicht
3.2 Sozialarbeiterische Perspektive mit dem Konzept Lebensbewältigung
3.2.1 Interventions- und Arbeitsprinzipien
3.2.2 Bewältigungslagen
4 Fazit
Zielsetzung & Themen
Diese Arbeit untersucht, inwieweit selbstverletzendes Verhalten (SVV) bei Jugendlichen als Ausdruck kritischer Lebenserfahrungen und als Versuch einer Lebensbewältigung zu verstehen ist, und leitet daraus Ansätze für die sozialarbeiterische Unterstützung ab.
- Klassifizierung und Ursachen von selbstverletzendem Verhalten
- Funktionsmodelle des SVV
- Medizinische versus sozialarbeiterische Perspektiven
- Konzept der Lebensbewältigung in der stationären Jugendhilfe
- Handlungsansätze und Interventionsprinzipien für Fachkräfte
Auszug aus dem Buch
2.2.1 Entwicklungspsychopathologischer Ansatz
„Die Entwicklungspsychopathologie beschäftigt sich gemäß Sroufe und Rutter (1984) mit der Entstehung, den Ursachen und dem Verlauf abweichenden Verhaltens. Hierbei wird die gesamte Lebensspanne berücksichtigt. Es werden sowohl biologische (genetische und neurobiologische) als auch psychische (affektive und kognitive) und soziale (familiäre und kulturelle) Ursachen mit einbezogen, wobei die an der Entwicklung beteiligten Faktoren beliebig komplex sein können.“ (Franz Petermann 2013, S. 57)
Nach Yates (2004) geht SVV auf traumatische Erfahrungen in der Kindheit zurück. Das führt zu einer fehlenden bzw. unzureichenden Entwicklung von grundlegenden motivationalen, instrumentellen, emotionalen und sozialen Kompetenzen. Dies verursacht Anpassungsschwierigkeiten und Entwicklungsaufgaben können nicht ausreichend bewältigt werden, was wiederum Beeinträchtigungen und Belastungen nach sich ziehen. Diese müssen durch die unzureichenden Kompetenzen anders bewältigt werden, was zu SVV führen kann (s. Abb.2) (vgl. Petermann und Winkel 2009, 75 f.).
Zusammenfassung der Kapitel
1 Einleitung: Einstieg in die Thematik durch einen Betroffenenbericht und Darlegung der Relevanz des Themas in der stationären Jugendhilfe sowie der Zielsetzung der Arbeit.
2 Was ist selbstverletzendes Verhalten?: Differenzierte Betrachtung verschiedener Formen, Ursachenmodelle und Funktionen des selbstverletzenden Verhaltens.
3 Umgang mit Selbstverletzenden Verhalten: Gegenüberstellung der medizinischen Wundversorgung mit einer sozialarbeiterischen Perspektive, basierend auf dem Konzept der Lebensbewältigung.
4 Fazit: Zusammenfassende Einordnung von SVV als individuelle Form der Lebensbewältigung und Betonung der Notwendigkeit einer reflexiven, professionellen Fallarbeit.
Schlüsselwörter
Selbstverletzendes Verhalten, SVV, Jugendhilfe, Lebensbewältigung, Entwicklungspsychopathologie, Emotionsregulation, Empowerment, Milieubildung, Krisenintervention, Soziale Arbeit, Jugendliche, Psychische Störung, Selbstwertgefühl, Verhaltensmodell, Bindung.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit untersucht das Phänomen des selbstverletzenden Verhaltens (SVV) bei Jugendlichen aus der Sichtweise der Sozialen Arbeit.
Was sind die zentralen Themenfelder?
Die zentralen Felder umfassen die Definition und Ursachen des Verhaltens, die verschiedenen Funktionen für die Betroffenen sowie die therapeutischen und sozialpädagogischen Ansätze zur Unterstützung.
Was ist das primäre Ziel oder die Forschungsfrage?
Das Ziel ist zu klären, ob SVV als Form der Lebensbewältigung verstanden werden kann und wie Fachkräfte der Sozialen Arbeit die medizinische Therapie sinnvoll unterstützen können.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Es handelt sich um eine theoretische Auseinandersetzung anhand aktueller fachwissenschaftlicher Literatur, Klassifikationssysteme und psychologischer Modelle.
Was wird im Hauptteil behandelt?
Der Hauptteil analysiert die Formen und Funktionen von SVV, Hirnorganische sowie lerntheoretische Erklärungsansätze und diskutiert Interventionsprinzipien wie Milieubildung und Empowerment.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Die Kernbegriffe sind SVV, Lebensbewältigung, Jugendhilfe, Emotionsregulation und Empowerment.
Warum unterscheidet die Autorin zwischen "medizinischer Sicht" und "sozialarbeiterischer Perspektive"?
Die medizinische Sicht fokussiert primär auf die Akutversorgung, während die Sozialarbeit den Fokus auf die lebensweltliche Integration und die individuellen Bewältigungsstrategien des Jugendlichen legt.
Was bedeutet das "Interventionsparadox" im Kontext der Arbeit?
Es beschreibt die Problematik, dass sich Klienten trotz des Wissens um die Notwendigkeit von Hilfe oft sperren oder verweigern, da sie Unterstützung als Gefährdung ihrer persönlichen Autonomie empfinden.
Warum ist das Konzept der "Milieubildung" für die Arbeit so wichtig?
Milieubildung wird als pädagogische Methode betrachtet, um Jugendlichen einen sicheren Ort zu bieten, an dem sie ihre Selbstwirksamkeit stärken und Kompetenzen jenseits des SVV entwickeln können.
- Arbeit zitieren
- Claudia Pfeiffer (Autor:in), 2021, Selbstverletzendes Verhalten im Jugendalter. Der Umgang aus sozialarbeiterischer Sicht, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/1356478