Erkenntnis und Mystik bei Nikolaus von Kues


Hausarbeit (Hauptseminar), 2005

25 Seiten, Note: 1,3


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

Einleitung

1. Biographisches zum Leben des Nikolaus von Kues

2. Grundprinzipien bei Nikolaus von Kues
2.1. Docta ignorantia
2.2. Coincidentia oppositorum
2.3. De coniecturis

3. De visione dei

4. Inwieweit ist Nikolaus von Kues der Mystik zuzuordnen?

Abschließende Gedanken und Fazit

Literaturverzeichnis

Einleitung

Wie wird aus einem Dreieck ein Kreis? Diese Frage stellte sich Nikolaus von Kues und kam zu dem Ergebnis, dass die Eckzahl der eckigen Figur, also des Dreiecks, so lange erhöht werden muss, bis dann das n-Eck im Unendlichen mit dem Kreis zusammenfällt. Im 21. Jahrhundert betrachten die meisten Menschen diese Erkenntnis als Selbstverständlichkeit, welche ihnen bereits in der Schule begegnet ist, als Teil des mehr oder weniger geliebten Mathematikunterrichts.

„Koinzidenz“, den Zusammenfall der Gegensätze, nannte der fromme Kardinal Nikolaus von Kues aus dem 15. Jahrhundert dieses Phänomen und erklärte daraus Gott und die ganze Welt.

In meiner Hausarbeit werde ich weitgehend chronologisch vorgehen, wobei die wichtigsten Ereignisse und Erkenntnisse des Cusanus an entsprechender Stelle behandelt werden. So sollen zunächst die günstigen biographischen Ausgangsbedingungen für den Werdegang von Nikolaus von Kues dargestellt werden. Im zweiten Kapitel werde ich auf die Grundprinzipien des cusanischen Denkens, die docta ignorantia, die coincidentia oppositorum und die coniecturis, ausführlich eingehen. Im Rahmen dieses Kapitels werde ich auch kurz Bezug auf seine 1453 verfasste Schrift „De pace fidei“ nehmen. Kapitel drei widmet sich schließlich seiner mystischen Schrift „De visione dei“. Hier spielen das Sehen Gottes sowie der Bezug zu mystischen Merkmalen des Textes die zentrale Rolle. Bevor ich meine Arbeit mit einigen abschließenden Gedanken sowie einem Fazit beende, wird im kleineren Kapitel vier der Frage nachgegangen, inwieweit und unter welchen Voraussetzungen Nikolaus von Kues den Mystikern zugeordnet werden kann.

1. Biographisches zum Leben des Nikolaus von Kues

Nikolaus von Kues wurde unter dem Namen Niklas Kryffts, auf Hochdeutsch: Nikolaus Krebs, in der ersten Hälfte des Jahres 1401 als Sohn eines Moselschiffers, Schiffeigners, Kaufmanns und Winzers in wohlhabenden bürgerlichen Verhältnissen geboren. Es war eine günstige Zeit, denn die Wirtschaft war gerade dabei sich von den vergangenen Katastrophen, der Klimaverschlechterung, dem Krieg und auch der Pest zu erholen.[1]

Aus seiner Jugendzeit bis zu seinem 15. Lebensjahr liegen keine äußeren Dokumente vor, so dass das Wissen über seine Jugendzeit vor allem auf legendärer Überlieferung beruht. Angeblich wollte er nicht dem Wunsch des Vaters, dessen Beruf und Vermögen zu übernehmen, folgen. Eines Tages fiel er dann aus dem Kahn des Vaters, da ihm dieser aufgebracht einen derben Schlag versetzt hatte. Er schwamm ans Ufer, packte seine Sachen zusammen und machte sich auf den Weg zu einem befreundeten Grafen, welcher ihn als 12Jährigen in die Schule der „Brüder vom Gemeinsamen Leben“, nach Deventer in Holland schickte.

Sollte diese „Legende“ stimmen, so hatte diese Schulzeit keinen geringen Einfluss auf Nikolaus. Bei dieser Brüdergemeinschaft handelte es sich um eine so genannte „esoterische Brüdergemeinde“, die ganz im Geiste der flämischen Mystik eines Johannes Ruysbroek lebte, also im Sinne einer durchaus lebenspraktisch ausgerichteten Mystik. Die Versenkung in Gott diente nicht einer Absage an die Welt, sondern einer Stärkung der Seele für die Aufgaben in der Welt.[2] Vom Kloster Agnietenberg Zwolle in Holland breitete sich die Laienbewegung der Devotio moderna in den Niederlanden und in Norddeutschland stark aus. Im Gegensatz zu den Bettelorden sahen die Brüder das Ideal des Evangeliums in der Arbeit, nicht der Armut. Jedes Mitglied musste durch seine praktische Arbeit zum Unterhalt des Bruderhauses beitragen, so z. B. durch Abschreiben von Handschriften, später auch den Druck von Büchern.[3] Nikolaus bewegte sich also schon in frühen Jahren in einem Umfeld, welches sein ganzes Leben begleiten sollte. So pflegte er stets eine tiefe Wertschätzung der flämischen Mystik und der devotia moderna und versuchte auch im Zuge seiner Reformen und Verantwortung über diverse kirchliche Institutionen (z. B. Sankt Nikolaus Hospital) Lebensweise und Geist dieser zu verankern.

Die Immatrikulation des Fünfzehnjährigen an der Universität Heidelberg ist das erste Dokument zum Bildungsgang des Nikolaus von Kues. Dort studierte er die sieben freien Künste, verließ die Heidelberger Universität jedoch schon ein Jahr später, um in Padua das Studium des kanonischen Rechts aufzunehmen. Auch dieser Entschluss war von erheblicher Bedeutung für das Leben des Nikolaus von Kues. Hier kam er mit der Antike in Kontakt, mit Lehrern der Philosophie, Astronomie und Mathematik aus Griechenland und mit bedeutenden Männern des italienischen Humanismus. Cusanus wurde zu dieser Zeit zum Naturwissenschaftler und Humanisten, aber auch zum Kenner des kanonischen Rechts. Das Studium beendete er sechs Jahren später als Doktor des kanonischen Rechts.

Neben einer sehr breiten Bildung ermöglichte ihm sein Aufenthalt in Padua aber vor allem eines: Beziehungen und Freundschaften zu den bedeutendsten Menschen seiner Zeit, so zum Beispiel zu Toscanelli, dem Arzt, Mathematiker, Geographen und Astronomen oder dem Juristen und Kardinal Guilano Cesarini.

Nach seinem Studium kehrte er nach Kues zurück und begann schließlich 1425 an der Universität Köln Theologie und Philosophie zu studieren. In Köln stieß er auf Schriften, welche den wichtigsten Einfluss auf sein Denken hatten, so zum Beispiel die Schriften des Dionysius Areopagita, die Werke des katalanischen Mystikers Raimundus Lullus und Meister Eckhardts. Hinzu kamen erste Anregungen zu einer mathematischen, geometrischen Figuren-Symbolik durch Albertus Magnus und seinen Lehrer Heimericus.[4]

1430 schließlich war er Sekretär bei Ulrich von Manderscheid, welcher ihn 1432 auf das Basler Konzil sandte. Auch wenn Nikolaus dort in seiner Aufgabe als Berater und Advokat und das Bemühen um Reformen scheiterte, freundete er sich bei dieser Gelegenheit mit dem Schriftsteller und Humanisten Piccolomini an, dem späteren Papst Pius II. Es ist nicht geklärt, warum Nikolaus von Kues das Konzil verließ und sich 1437 dem einstigen Gegner Papst Eugen IV. anschloss, aber auch diese Entscheidung sollte ein Wendepunkt in seinem Leben werden.

Nikolaus von Kues lebte an der Schwelle von Mittelalter zur Neuzeit. So gab es auf der einen Seite die Scholastiker, welche trotz ihrer ausgeprägten Begrifflichkeit des Erkennens und Denkens dann an der alles entscheidenden Frage, nämlich der nach Gott, scheiterten und diese dann dem Offenbarungsglauben überließen. Andererseits waren da die Mystiker, welche diese Frage aus dem Affekt, also dem Gefühl, aus dem schmerzhaften inneren Erleben des sich auftuenden Abgrundes zwischen Mensch und Gott, versuchten zu beantworten wie zum Beispiel in ekstatischer Verzückung des Gemüts. Nikolaus von Kues kannte natürlich diese Denkrichtungen und wandte sie auch an, aber von der Mystik trennte ihn die Betonung des Denkelementes. Er war davon überzeugt, dass die Geistigkeit des Kosmos nicht nur dem Offenbarungsglauben, sondern auch dem Wissen zugänglich ist und widersprach damit den Scholastikern.[5]

Es war Papst Eugen, der Cusanus im Jahre 1437 beauftragte, als Legat und Mitglied einer Gesandtschaft nach Konstantinopel zu segeln und den griechischen Kaiser, Johannes VIII., Palaelogos, den Partriarchen von Konstantinopel sowie 28 Erzbischöfe nach Venedig zu holen. Es war genau diese Reise, welche Nikolaus von Kues ein besonderes Erlebnis bescheren und sein weiteres Leben prägen sollte.[6] Die Fahrt und der Aufenthalt in Konstantinopel ermöglichten Nikolaus von Kues nicht nur den direkten Kontakt mit dem Zentrum der Ostkirche, sondern ebenso mit dem geistigen Osten, das heißt, mit der hellenistischen Heimat der Wissenschaften. So durchstöberte er im einstigen Byzanz alte griechische Klöster nach antiken Schriften, Schriften über das östliche Christentum und auch naturwissenschaftliche Schriften über die Himmelskunde der Araber.[7] Es herrschte dort ein Klima der Weisheit, eine ausgesprochen günstige Umgebung des Lernens und Diskutierens.

Auch auf der Rückfahrt nach Venedig blieb dieses wohl bestehen, denn es befanden sich zahlreiche griechische Gelehrte an Bord. So fand dann das außergewöhnliche Erlebnis, das Damaskus-Erlebnis des Nikolaus von Kues, die Erleuchtung, im Frühjahr 1438 in einem geistig wohl vorbereiteten Zustand der reif gewordenen Seele statt. Auch Cusanus selbst erschien seine Offenbarung auf dem Meer wie ein Erleuchtungserlebnis und er schrieb darüber in seinem daraus folgenden Werk „De docta ignorantia“ in Form eines Widmungsbriefes an seinen Freund und Förderer Kardinal Juliano Cesarini:

„Empfange nun, Ehrwürdiger Vater, was ich schon vor langer Zeit auf mannigfachen Wegen der Wissenschaft zu erreichen strebte, aber nicht konnte, bis ich, heimkehrend von Griechenland, auf dem Meere, wohl durch ein Geschenk von oben, vom Vater des Lichtes, von dem alles Beste kommt, darauf geführt wurde, in gelehrter Unwissenheit Unbegreifliches in unbegreiflicher Weise zu umfassen (oder zu umarmen) und zwar durch Übersteigen der unauflöslichen Wahrheiten menschlichen Wissens…[…]…Es muss das dringlichste Anliegen unserer menschlichen Geistes sein, sich zu jener Einfachheit zu erheben, wo das Widersprüchliche in eins zusammenfällt.“[8]

In diesem Erlebnis erfuhr er das Hineinstreben der gegensätzlichen Begriffe in Gott, also den Zusammenfall der Gegensätze im Unendlichen, die coincidentia oppositorum, wie er es in späteren Werken nennt, sowie das Vergehen der positiven Begriffe an der Schwelle und das von der anderen Seite Hinüberleuchten von neuen, negativen Begriffen. Das Wissen geht hier in ein Nichtwissen über.

An dieser Stelle erscheint es sinnvoll den biographischen Pfad des Nikolaus Cusanus zu verlassen, um sich nun im nächsten Kapitel seinen aus der Erleuchtung gewonnen Erkenntnissen zu widmen und anhand einiger Beispiele zu verdeutlichen.

2. Grundprinzipien bei Nikolaus von Kues

Nach der Rückkehr nach Venedig legte Nikolaus seine neuen Erkenntnisse in wenigen Jahren schriftlich nieder und formulierte hierbei drei Hauptgedanken.

Zum einen handelt es sich um das 1440 geschriebene Werk „De docta ignorantia“ und die Schrift „De coniecturis“, welche er nur ein bis zwei Jahre später verfasste. Die drei Elemente sind das Erlebnis des Wissenden Nichtwissens als eine höheren Erkenntnisstufe (docta ignorantia), die Erkenntnis vom Zusammenfall der Gegensätze im Unendlichen (coincidentia oppositorum) sowie die Einsicht in die spekulative Natur des menschlichen Denkens als eine unaufhörlichen Kunst der Mutmaßung (coniectura).

2.1. Docta ignorantia

Der Begriff des wissenden Nichtwissens erinnert zunächst an den antiken Griechen Sokrates, welcher mit seiner Aussage „Ich weiß, dass ich nichts weiß“ berühmt wurde. Auch Augustinus musste „demütig seine Unwissenheit“ eingestehen. Hinter Nikolaus von Kues Wissen als Nichtwissen verbirgt sich aber noch viel mehr. So gab es für Cusanus auf der einen Seite das positive Wissen der Schulwissenschaft und auf der anderen Seite das negative Nichtwissen.[9] Dieses selbst erfahrene Nichtwissen stellte für ihn eine höhere Erkenntnisstufe dar. Er schrieb hierzu:

[...]


[1] Flasch, Kurt: Nikolaus von Kues. Ein Essay, S. 6.

[2] Meffert, Ekkehard: Nikolaus von Kues. Sein Lebensgang - seine Lehre vom Geist, S. 48f.

[3] Ebd., S. 50.

[4] Meffert, Ekkehard: Nikolaus von Kues. Sein Lebensgang - seine Lehre vom Geist, S. 57-62.

[5] Meffert, Ekkehard: Nikolaus von Kues. Sein Lebensgang - seine Lehre vom Geist, S. 200.

[6] Ebd., S. 67–73.

[7] Ebd., S. 75f.

[8] Nikolaus von Kues: De docta ignorantia I, zitiert nach: Meffert, Ekkehard: Nikolaus von Kues. Sein Lebensgang - seine Lehre vom Geist, S. 75f.

[9] Meffert, Ekkehard: Nikolaus von Kues. Sein Lebensgang - seine Lehre vom Geist, S. 198.

Ende der Leseprobe aus 25 Seiten

Details

Titel
Erkenntnis und Mystik bei Nikolaus von Kues
Hochschule
Universität Karlsruhe (TH)  (Institut für Literaturwissenschaft, Abteilung Mediävistik)
Veranstaltung
Hauptseminar: Mystik
Note
1,3
Autor
Jahr
2005
Seiten
25
Katalognummer
V135650
ISBN (eBook)
9783640437252
ISBN (Buch)
9783640437399
Dateigröße
595 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Nikolaus von Kues, Cusanus, Mystik, Erkenntnis, Zusammenfall der Gegensätze, coincidentia oppositorum
Arbeit zitieren
Nicole Vollmer (Autor), 2005, Erkenntnis und Mystik bei Nikolaus von Kues, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/135650

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