Wie wird aus einem Dreieck ein Kreis? Diese Frage stellte sich Nikolaus von Kues und kam zu dem Ergebnis, dass die Eckzahl der eckigen Figur so lange erhöht werden muss, bis dann das n-Eck im Unendlichen mit dem Kreis zusammenfällt. Im 21. Jahrhundert betrachten die meisten Menschen diese Erkenntnis als Selbstverständlichkeit, welche ihnen bereits in der Schule begegnet ist, als Teil des mehr oder weniger geliebten Mathematikunterrichts. „Koinzidenz“, den Zusammenfall der Gegensätze, nannte der fromme Kardinal Nikolaus von Kues aus dem 15. Jahrhundert dieses Phänomen und erklärte daraus Gott und die ganze Welt.
Inhaltsverzeichnis
Einleitung
1. Biographisches zum Leben des Nikolaus von Kues
2. Grundprinzipien bei Nikolaus von Kues
2.1. Docta ignorantia
2.2. Coincidentia oppositorum
2.3. De coniecturis
3. De visione dei
4. Inwieweit ist Nikolaus von Kues der Mystik zuzuordnen?
Abschließende Gedanken und Fazit
Zielsetzung & Themen
Diese Arbeit untersucht das Denken des Nikolaus von Kues an der Schwelle vom Mittelalter zur Neuzeit und analysiert dabei das komplexe Zusammenspiel zwischen rationaler Erkenntnistheorie und mystischer Schau. Im Zentrum steht die Frage, inwiefern seine philosophischen Prinzipien eine Brücke zur mystischen Erfahrung schlagen und unter welchen Voraussetzungen er als Mystiker klassifiziert werden kann.
- Die biographischen Prägungen und das intellektuelle Umfeld des Cusanus.
- Die zentralen philosophischen Konzepte: Docta ignorantia, Coincidentia oppositorum und De coniecturis.
- Die Analyse der mystischen Schrift „De visione dei“.
- Das Spannungsfeld zwischen rationalem Denken und transzendenter Gotteserfahrung.
Auszug aus dem Buch
2.1. Docta ignorantia
Der Begriff des wissenden Nichtwissens erinnert zunächst an den antiken Griechen Sokrates, welcher mit seiner Aussage „Ich weiß, dass ich nichts weiß“ berühmt wurde. Auch Augustinus musste „demütig seine Unwissenheit“ eingestehen. Hinter Nikolaus von Kues Wissen als Nichtwissen verbirgt sich aber noch viel mehr. So gab es für Cusanus auf der einen Seite das positive Wissen der Schulwissenschaft und auf der anderen Seite das negative Nichtwissen. Dieses selbst erfahrene Nichtwissen stellte für ihn eine höhere Erkenntnisstufe dar. Er schrieb hierzu: „Nichts Vollkommeneres kann dem Menschen, auch dem Gelehrtesten, in seiner Wissensweise (doctrina) geschehen, als dass er im Nichtwissen selber, das ihm eigen ist, als der Wissendste gefunden werde; und um so wissender (doctior) wird er sein, je mehr er sich als den Nichtwissenden (ignorantem) wissen wird“. (De docta ignorantia I)
Cusanus wollte den Abgrund, welcher sich zwischen dem menschlichen und dem göttlichen Geist auftut, denkend und erkennend überwinden. Er stellte jedoch fest, dass sich beim Versuch des Aufstiegs zum Göttlichen, also vom endlichen zum unendlichen Geist, die menschlichen Begriffe und Ideen als ungeeignet erwiesen. Gott war mit diesen nicht erreichbar. Ähnliche Einsichten hatte es schon fast tausend Jahre zuvor gegeben, bei Dionysius Areopagita und seiner negativen Theologie.
Zusammenfassung der Kapitel
Einleitung: Die Einleitung führt in die Fragestellung ein, wie Nikolaus von Kues das Unendliche und Gott durch das Phänomen der „Koinzidenz“ zu erklären versucht und skizziert den Aufbau der Untersuchung.
1. Biographisches zum Leben des Nikolaus von Kues: Dieses Kapitel zeichnet den Lebensweg des Cusanus nach, von seiner Herkunft über seine Ausbildung und Reisen bis hin zu den prägenden Einflüssen auf sein Denken.
2. Grundprinzipien bei Nikolaus von Kues: Hier werden die zentralen Säulen seines Denkens, namentlich die gelehrte Unwissenheit, der Zusammenfall der Gegensätze und die Kunst der Mutmaßung, detailliert erläutert.
2.1. Docta ignorantia: Dieses Kapitel erörtert das Konzept des wissenden Nichtwissens als höhere Erkenntnisstufe, die den menschlichen Geist über die Grenzen des Verstandes hinaus zum Göttlichen führen soll.
2.2. Coincidentia oppositorum: Das Kapitel behandelt das Prinzip des Zusammenfalls der Gegensätze, bei dem im Unendlichen scheinbare Widersprüche in der göttlichen Einheit aufgehoben werden.
2.3. De coniecturis: Hier wird die Erkenntnistheorie der Mutmaßung dargelegt, die das Streben des Menschen nach Wahrheit als progressiven, unendlichen Prozess der Annäherung beschreibt.
3. De visione dei: Dieses Kapitel widmet sich der mystischen Schrift „De visione dei“, in der Cusanus den suchenden Menschen experimentell und didaktisch an eine mystische Schau Gottes heranführt.
4. Inwieweit ist Nikolaus von Kues der Mystik zuzuordnen?: Diese Sektion diskutiert den fachwissenschaftlichen Streit über die Einordnung des Cusanus in die mystische Tradition und hinterfragt seine Nähe zur unio mystica.
Abschließende Gedanken und Fazit: Das Fazit fasst die Bedeutung des Cusanus als Universalgelehrten zusammen und reflektiert die Schwierigkeit einer eindeutigen mystischen Kategorisierung seines Werkes.
Schlüsselwörter
Nikolaus von Kues, Cusanus, Mystik, Docta ignorantia, Coincidentia oppositorum, De coniecturis, De visione dei, Erkenntnistheorie, Nichtwissen, Gotteserfahrung, Mittelalter, Philosophie, Theologie, Mathematische Symbolik, Transzendenz.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit befasst sich mit dem philosophischen und mystischen Denken des Kardinals Nikolaus von Kues und analysiert seine Versuche, Gott als das Unendliche durch Konzepte wie die "gelehrte Unwissenheit" fassbar zu machen.
Was sind die zentralen Themenfelder der Arbeit?
Im Zentrum stehen die Erkenntnistheorie, das Verhältnis von menschlichem Geist und göttlicher Transzendenz sowie die Rolle von Mathematik und Symbolik in der mystischen Theologie des Cusanus.
Was ist das primäre Ziel der Forschungsarbeit?
Das Ziel ist es, die Verbindung zwischen der rationalen Philosophie des Nikolaus von Kues und seiner mystischen Praxis zu klären und zu prüfen, inwieweit er als Mystiker bezeichnet werden kann.
Welche wissenschaftliche Methode verwendet die Autorin?
Die Arbeit geht weitgehend chronologisch vor und kombiniert eine werkanalytische Vorgehensweise mit der Einbettung der Schriften in das biographische und ideengeschichtliche Umfeld des 15. Jahrhunderts.
Was wird im Hauptteil der Arbeit behandelt?
Der Hauptteil gliedert sich in die Darstellung der Grundprinzipien (wie das Nichtwissen und der Zusammenfall der Gegensätze) und die spezifische Untersuchung der Schrift „De visione dei“ als zentrale mystische Quelle.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Untersuchung?
Wesentliche Begriffe sind vor allem Coincidentia oppositorum, Docta ignorantia, Mystik, Gotteserkenntnis und das Streben nach dem Unendlichen durch mathematische Annäherung.
Inwiefern spielt die Geometrie eine Rolle für den Erkenntnisweg bei Cusanus?
Cusanus nutzt geometrische Figuren, wie das Vieleck und den Kreis, um zu verdeutlichen, dass unser menschlicher Geist sich der Wahrheit nur annähern, sie aber nie in absoluter Vollkommenheit erfassen kann.
Wie definiert Cusanus die Rolle der „Koinzidenz“ in seinem Denken?
Die Koinzidenz (das Zusammenfallen der Gegensätze) beschreibt den Punkt im Unendlichen, an dem sich widersprüchliche Begriffe in der Einheit Gottes auflösen und so eine transzendente Sichtweise ermöglichen.
- Arbeit zitieren
- Nicole Vollmer (Autor:in), 2005, Erkenntnis und Mystik bei Nikolaus von Kues, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/135650