Die Literaturwissenschaft kennt verschiedene Methoden, um sich literarischen Texten zu nähern, die je nach Perspektive und Fragestellung andere Aspekte beleuchten und hervorheben. Die vorliegende Arbeit setzt sich mit zwei Werken der russischen Literatur, Puškins „Pique Dame“ und Sologubs „Melkij bes“, im Zusammenhang mit Wahnphänomenen auseinander.
Die als erste bedeutende russische Großstadtnovelle geltende „Pique Dame“ gehört zu den späten Werken Puškins und zeichnet sich unter anderem durch eine unausschöpfliche Fülle von Ideen aus, die innerhalb der russischen Literatur neben Autoren wie Dostoevskij, Gogol' und Belyj auch von Fedor Sologub aufgegriffen wurden. In seinem 1907 erschienenen Roman „Melkij bes“ übernimmt Sologub die zentralen Themen der Puškinschen Kurznovelle: verlorene Illusion und Wahnsinn.
Als Einstieg in die Arbeit wird auf die Definition des Begriffs 'Wahn' eingegangen. Besondere Aufmerksamkeit gilt dabei den Grundlagen, die Karl Jaspers für die Wahnforschung erarbeitet hat, sowie der Jaspersschen Herangehensweise, sich der menschlichen Seele zu nähern – dem phänomenologischen Denkansatz. Anhand dieses Hintergrundwissens können anschließend die für die vorliegende Hausarbeit relevanten Phänomene 'Wahn', 'Wahnarbeit' und 'Wahnsystem' genauer erläutert werden. Die daraus resultierenden Erkenntnisse werden ferner auf die literarischen Texte übertragen, wobei es nicht darum geht, medizinische Diagnosen zu erstellen. Die Texte werden als literarische Kunstwerke betrachtet. Das primäre Ziel besteht hierbei darin, die dichterische Gestaltung von der Wahnarbeit zum Wahnsystem zu verfolgen und darzustellen.
Inhaltsverzeichnis
1. Einleitung
2. Wahn
2.1 Entstehung und Entwicklung des Begriffes
2.2 Karl Jaspers und die Psychopathologie
2.3 Das psychopathologische Phänomen Wahn
2.3.1 Begriffsbestimmung
2.3.2 Phantastische Erlebnisse
2.3.3 Innere Gliederung des Wahns
2.3.4 Wahnarbeit
2.3.5 Wahnsystem
3. Die literarischen Texte
3.1 Puškins „Pique Dame“
3.2 Sologubs „Melkij bes“
4. Von der Wahnarbeit zum Wahnsystem
4.1 „Pique Dame“
4.1.1 Die Wahnidee
4.1.2 Wahnarbeit
4.1.3 Wahnsystem
4.2 „Melkij bes“
4.2.1 Die Wahnidee
4.2.2 Wahnarbeit
4.2.3 Wahnsystem
5. Fazit
Zielsetzung & Themen
Die vorliegende Arbeit untersucht die psychologischen Phänomene Wahn, Wahnarbeit und Wahnsystem in den literarischen Werken "Pique Dame" von Puškin und "Melkij bes" von Sologub, wobei sie das Ziel verfolgt, die dichterische Gestaltung dieser Prozesse nachzuzeichnen, ohne medizinische Diagnosen zu stellen.
- Phänomenologische Analyse von Wahnstrukturen nach Karl Jaspers
- Untersuchung des Übergangs von Wahnideen zur Wahnarbeit und zum Wahnsystem
- Vergleichende literaturwissenschaftliche Analyse von Puškin und Sologub
- Betrachtung von Realitätsverlust und der Konstruktion subjektiver Wahrnehmung
- Analyse der narrativen Gestaltung von Wahnsinn in der russischen Literatur
Auszug aus dem Buch
4.1.2 Wahnarbeit
Die besagte Nacht endet mit dem ersten Kapitel. Im zweitel Kapitel wird Hermanns abendlicher Spaziergang beschrieben, der am Tag danach stattfindet. Die Gedanken überschlagen sich regelrecht, Hermann überlegt, wie er an die Gräfin herankommen kann und zieht sogar in Erwägung, ihr Liebhaber zu werden. Bald wird dem Leser klar, dass er zwei der Zahlen, die ihm später von der verstorbenen Gräfin genannt werden, bereits in seinem Sinn trägt. Die Drei und die Sieben sind Produkte seiner Wahngedanken:
„[…] Почему ж не попробовать своего счастия?.. Представиться ей, подбиться в её милость, - пожалуй, сдеться её любовником, - но на это всё требуется время – а ей восемьдесят семь лет, […] Да и самый анекдот?.. Можно ли ему верить?.. Нет! Расчёт, умеренность и трудолюбие: вот мои три верные карты, вот что утроит, усемерит мой капитал и доставит мне покой и независимость!“
Auch an dieser Stelle kann sich gegen eine Illusion aufbegehrende Vernunft nicht durchsetzen und Hermann denkt nicht nur daran, sein Kapital zu verdrei- und zu versiebenfachen, die Sieben haftet sich auch an das Alter der Gräfin – im ersten Kapitel spricht Tomskij über seine achtzigjährige Großmutter, Hermann stellt sie sich als Siebenundachtzigjährige vor.
Zusammenfassung der Kapitel
1. Einleitung: Einführung in die Thematik der Wahnphänomene bei Puškin und Sologub sowie Darlegung der phänomenologischen Methode zur Analyse literarischer Texte.
2. Wahn: Theoretische Grundlegung des Wahn-Begriffs unter Berücksichtigung der Psychopathologie von Karl Jaspers und Definition zentraler Begriffe wie Wahnidee, Wahnarbeit und Wahnsystem.
3. Die literarischen Texte: Vorstellung der beiden zu untersuchenden Werke "Pique Dame" und "Melkij bes" unter Berücksichtigung ihrer literarischen Rezeption.
4. Von der Wahnarbeit zum Wahnsystem: Detaillierte Analyse der Wahnprozesse bei Hermann und Peredonov anhand der Kategorien Wahnidee, Wahnarbeit und Wahnsystem.
5. Fazit: Zusammenfassende Betrachtung der Ergebnisse, in der die Tragik des Scheiterns und der Verlust von Illusionen als zentrale gemeinsame Themen der beiden Werke hervorgehoben werden.
Schlüsselwörter
Wahn, Wahnarbeit, Wahnsystem, Phänomenologie, Karl Jaspers, Puškin, Pique Dame, Sologub, Melkij bes, Psychopathologie, Wahrnehmung, literarische Analyse, Wahnidee, Realitätsverlust, Wahnsinn
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser wissenschaftlichen Arbeit grundlegend?
Die Arbeit untersucht, wie Wahnphänomene in den literarischen Texten "Pique Dame" von Puškin und "Melkij bes" von Sologub dargestellt und erzählerisch gestaltet werden.
Was sind die zentralen Themenfelder der Untersuchung?
Im Zentrum stehen die Konzepte des Wahns, speziell die Entwicklung von der initialen Wahnidee über die Wahnarbeit hin zum geschlossenen Wahnsystem, sowie deren Auswirkung auf das Denken und Handeln der Protagonisten.
Welches primäre Ziel verfolgt die Autorin?
Das Hauptziel ist es, die dichterische Gestaltung des Weges von der Wahnarbeit zum Wahnsystem bei Hermann und Peredonov nachzuvollziehen, wobei die Texte explizit als Kunstwerke und nicht als psychiatrische Fälle betrachtet werden.
Welche wissenschaftliche Methode kommt zur Anwendung?
Es wird eine literaturwissenschaftliche Analyse unter Heranziehung des phänomenologischen Denkansatzes von Karl Jaspers verwendet, um die subjektive Erlebniswelt der literarischen Figuren zu erschließen.
Welche Aspekte werden im Hauptteil der Arbeit behandelt?
Der Hauptteil gliedert sich in eine theoretische Einführung in Jaspers' Psychopathologie und eine daran anschließende detaillierte Untersuchung der Wahnstrukturen in Puškins Novelle und Sologubs Roman.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Untersuchung?
Die wichtigsten Begriffe sind Wahn, Wahnarbeit, Wahnsystem, Phänomenologie, Pique Dame, Melkij bes, Psychopathologie, Wahrnehmung und literarische Gestaltung.
Wie unterscheidet sich die Darstellung des Wahns bei Puškin von der bei Sologub?
Puškin nutzt Wahnelemente eher für ein Spiel mit den Grenzen der Realität, während Sologub in "Melkij bes" pathologisch präzise eine Geisteskrankheit zeichnet, die bei Peredonov zur Bewusstseinserweiterung dient.
Welche Rolle spielt der Konflikt bei der Entstehung eines Wahnsystems?
Die Arbeit zeigt auf, dass jeder Wahn in einem Konflikt zwischen Gegensätzen verwurzelt ist, wobei der Wahn selbst immer beide Pole (z.B. Größenwahn und Verfolgungswahn) umfasst, um den Konflikt zu verarbeiten.
Was bedeutet der Begriff "Nahtstelle" im Kontext der Analyse von "Pique Dame"?
Die "Nahtstelle" bezeichnet den Punkt, an dem die subjektive Realität des Gedankenspiels bei Hermann mit der objektiven Realität der Erzählung verschmilzt, woraufhin die Grenze zwischen beiden Welten verschwimmt.
- Arbeit zitieren
- Irene Schlothauer (Autor:in), 2007, Von der Wahnarbeit zum Wahnsystem: Puškins 'Pique Dame' und Sologubs 'Melkij bes', München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/135652