Zur Ethik der Ästhetischen Chirurgie


Bachelorarbeit, 2008

29 Seiten, Note: 1,7


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

Sind Glück und Schönheit Synonyme?

Was ist Schönheit?

Was unterscheidet Schönheit von Krankheit?

Ist Schönheit etwas Individuelles?

Ist Abweichung von der Norm eine Krankheit?

Ist Schönheit mit Identität gleichzusetzen?

Schönheit als individuelles Anti-Aging ?

Die Verantwortung der Ästhetischen Chirurgie

Fazit

Literatur

Internetrecherche

Sind Glück und Schönheit Synonyme?

Weine nicht; werde nicht

ungehalten. Verstehe.

Baruch Spinoza

Ist der Schöne der glücklichere Mensch? Wer sich an den Mythos des Adonis erinnert, wird eines Besseren belehrt. Wo Adonis auftaucht, weckt seine Schönheit zunächst zwar Begehren, aber es gibt keine sexuelle Erfüllung, sondern vornehmlich Streit und Zwist. Nicht nur Aphrodite und Persephone geraten seinetwegen in die Haare. Schließlich verfällt ein Eber dem Adonis in Liebe und tötet ihn.

In ästhetischem Sinn waren die Menschen nie mit ihrem eigenen Körper zufrieden. Er blieb immer hinter ihren Idealen oder Wünschen zurück, was zur Einsicht führte, „dass menschliche Makellosigkeit nur in den seltensten Fällen naturgegeben ist.“[1] Daher gibt es schon seit Jahrtausenden den Wunsch nach einer Verbesserung und Korrektur der Körperformen und damit der menschlichen Natur. Und diesem wurde und wird immer noch in den jeweiligen Kulturen auch tatkräftig nachgegangen.

So ganz neu ist der Wunsch nach Makellosigkeit in unserer medialen Gesellschaft nicht, wie schon dargelegt, nur ändern sich die Wege und Möglichkeiten. Menschen unterziehen sich schon sehr lange großen Mühen oder Leiden oder bringen Leid über andere, sogar ihre Kinder, um einem jeweils aktuellen Schönheitsideal zu entsprechen. Denn wer von anderen als schön empfunden wird, erhält mehr Aufmerksamkeit und wird begehrt, wie das eingehende Beispiel des Adonis aufzeigen soll.

Im alten China galt traditionell als Zentrum der Erotik ein kleiner Fuß. Von Kindstagen an wurden die Füße der jungen Mädchen gewickelt, nur um zierliche Füße zu erhalten. Ein sehr langwieriger und schmerzhafter Prozess für das Kind. „Im Reich der Mitte hieß es: Für jedes Paar gebundener Füße ein Eimer voller Tränen.“[2] Diese Fußverkleinerungen und auch die Halsverlängerungen, die in Afrika sehr beliebt waren und immer noch bei einigen Stämmen sind, würden in unserem westlichen Wertesystem als Verstümmelungen gelten. Ästhetik ist also für den Menschen kein fester Wert, er wandelt sich stetig und ist dadurch keine „einzig anzustrebende und unterstützt eine gewisse Toleranz.“[3]

Mittlerweile explodiert der Markt mit der Ware Schönheit. Mit seinen fallenden Preisen erzielt er eine zunehmend steigende Nachfrage. Die Hemmschwelle seinen Körper mit Hilfe der modernen medizinischen Technik verändern, verbessern oder sogar optimieren zu lassen wird niedriger.

Ästhetische Eingriffe sollen der einzelnen Person, die sich nach einer individuellen Optimierung sehnt, „dem Modell einer Massenschönheit“[4] angleichen. Dieses Paradox entsteht durch den Wunsch der Person vielen Menschen durch die Verbesserung zu gefallen. Als Folge davon sieht man in unseren Medien zum Beispiel Prominente, die ähnliche Gesichter oder Körper haben.

Diese Eingriffe werden, im Gegensatz zur klassischen medizinischen Indikationen, an gesunden Körpern vorgenommen. Aus diesem Grund ist es wichtig hier eine ethische Betrachtung vorzunehmen und dadurch eine mögliche gesamtgesellschaftliche Diskussion anzustoßen.

Nur eine individuelle Entscheidung der Kunden ihren Körper verändern zu wollen, ermöglicht es den Anbietern ästhetische Eingriffe vorzunehmen. Selbstverständlich ist es überlegenswert, „inwieweit es sich um eine autonome Entscheidung handelt und ob nicht extern vorgegebene und internalisierende Schönheitsstandards autonomiebeschränkend wirken.“[5] Das soll allerdings kein Verbot zur Folge haben. Unter der Annahme, dass die Kunden über das Nutzen-Risiko-Verhältnis aufgeklärt werden und es feststeht, dass sie aus eigenem Antrieb handeln, kann man niemandem das Recht nehmen, frei über seinen Körper zu bestimmen.

Was ist Schönheit?

„Wenn ein Mensch, vor allem ein junges Mädchen, ein hässliches Gesicht hat, das man durch einen chirurgischen Eingriff verbessern kann, so soll man das unbedingt tun. Es mag diesem Menschen genauso viel helfen wie eine Magenresektion beim Ulkuskranken.“

Erich Lexer, 1920 als Ordinarius für Chirurgie in Freiburg

Was macht den Menschen eigentlich begehrenswert? Impliziert eine makellose Schönheit etwa Leben oder sogar ewige Jugend? Es sind doch unsere Makel, die unsere Persönlichkeit ausmachen. Der eine wird so geboren, die andere so. Das kann man als Gnade ansehen oder als Schicksal des Einzelnen. Die reine Symmetrie ist nicht schön und wird vom Betrachter nicht unbedingt als Schönheitsideal empfunden. Allgemein gesehen ist Schönheit eine, von kulturellen, ethnischen und auch historischen Fakten, beeinflusste Marginale. Nicht umsonst heißt es umgangssprachlich, dass die Schönheit im Auge des Betrachters liegt. Zur Aufstellung einer allgemeinen These über die Schönheit reicht das natürlich nicht aus. Man kann nur sagen, dass die Suche nach dem ewigen Leben und nach Schönheit so alt wie der Mensch selbst ist.

Heutzutage lassen sich chinesische Frauen ihre Unterschenkel zersägen, damit man diese um bis zu zehn Zentimeter strecken kann, nur um mit den längeren Beinen bessere Chancen in der Karriere und bei der Heirat zu haben. Bei Asiatinnen ganz groß angesagt sind Lidkorrekturen nach westlichem Muster. Dadurch möchten sie dem medial beworbenen europäischen Aussehen näher kommen. In Brasilien haben sich die Frauen bis zum Ende der 1990er Jahre ihre Brüste verkleinern lassen, weil große Brüste als Merkmal der schwarzen Frau galten, sich diese Frauen aber zur weißen Oberschicht zugehörig fühlen wollten. Auch in islamischen Ländern nehmen die ästhetischen Eingriffe zu. Obwohl im Iran Frauen nur verhüllt das Haus verlassen dürfen, sind Nasenkorrekturen und andere Gesichtseingriffe sehr beliebt. „Wenn die Möglichkeiten vorhanden sind den Körper zu verändern, in dem jeder Mensch wie in einem Zwangsgehäuse steckt, das er ihn nicht wechseln kann, werden diese auch ausgenutzt.“[6]

Durch die erreichten Möglichkeiten der ästhetischen Chirurgie und den damit verbundenen Machbarkeiten von scheinbar allen Korrekturen am und im menschlichen Körper, haben der Jugendwahn und das Streben nach äußerer Perfektion auch in unserer aktuellen Gesellschaft einen immer höheren Stellenwert erhalten. Scheinbar ist die äußere Hülle wichtiger geworden als innere Werte, wie zum Beispiel Mut, Ehrlichkeit oder Vertrauen. Aber ist Schönheit nicht ein komplexer, wandelbarer und keinesfalls verbindlicher Fakt? Zwar werden die meisten Schönheitsideale durch Männer propagiert und wechseln in ihrer Akzentsetzung. Doch der Druck der Öffentlichkeit sowie des aktuellen Schönheitsideals „können zu einer ausgeprägten persönlichen Belastung, fast zu einem Zwang führen.“[7]

Durch diese Vorgaben vermehrt sich insbesondere die Risikogruppe junger Mädchen und Frauen, die ihr Ideal des ausgehungerten Körpers mit somatischen und psychosozialen Erkrankungen bezahlen. Eine Facette bei ästhetischen Eingriffen an Kindern und Jugendlichen ist die bei Eltern vorherrschende Kompensation eigener Enttäuschungen durch ein besonders schönes Kind. Natürlich wollen sie mit diesem Kind auch ihr soziales Image aufpolieren. Für diese Kinder ist es eine Illusion nach einem ästhetischen Eingriff, der von den Eltern initiiert wurde, „Glück, Erfolg und Zuwendung fast über Nacht ebenso wie persönliche Identität gewinnen zu können.“[8]

In unserer Gesellschaft wurde der Körper ein Wert an sich, „denn der Schopenhauersche Wille als Vorstellung prägt unseren Massencharakter der körperlichen Schönheit.“[9] Erfolg, Schönheit und Selbstbewusstsein scheinen sehr eng miteinander verbunden zu sein. „Der selbstbewusste Mensch hat Erfolg, der erfolgreiche Mensch erreicht innere Zufriedenheit.“[10] Somit können ästhetische Eingriffe zu einer Verbesserung der Lebensqualität führen. Die Schönheit kommt nicht mehr von innen, sie ist dank der operativen Einwirkungen eine künstlich erreichte äußerliche Normalität in unserer Gesellschaft. Ein wesentlicher Teil der Schönheit sind bekanntlich Zufriedenheit und Ausstrahlung. Mit dem Skalpell ist alles herstellbar: frischer Teint und jugendliches Aussehen. Sie ermöglichen das große Strahlen der Zufriedenheit, welches im 21. Jahrhundert scheinbar so enorm wichtig geworden ist.

Die sichtbare Anpassung der körperlichen Schönheit scheint etwas verdrängen zu wollen. Die Persönlichkeit und die Individualität werden von der Gesellschaft geopfert für eine Vereinheitlichung des Aussehens von Männern und Frauen. „Die Theodizee der Schönheit ist in die Kategorien Verheißung und Fluch unterteilt.“[11] Die dominierenden Ideale werden vom Mainstream vorgegeben und in die Gesellschaft durch die Medien in rasender Geschwindigkeit infiltriert. Die angebliche Selbstbestimmung über den Körper verliert realistisch gegen die Wirtschaftlichkeit der Anpassung.

Im beginnenden 19. Jahrhundert begründete der Berliner Ordinarius für Chirurgie Johann Friedrich Dieffenbach (1792 – 1847) erstmals den Bereich der »Schönheitsoperationen« mit der „Verkleinerung von Nasen und der Begradigung von Schiefnasen“[12]. Die ersten Gesichtsstraffungen, also Facelifts, führten die Herren Eugen Holländer (1887 – 1932) in Berlin und Erich Lexer (1867 – 1937) in Königsberg durch. In kurzem Abstand wurden bereits vor mehr als 100 Jahren „Operationstechniken zur Behandlung von Altersstigmata und »Schönheitsfehlern« entwickelt, die einzig dem Ziel dienten bei ansonsten gesunden Menschen die Attraktivität zu steigern, und erstmals tauchte auch der Begriff »kosmetische Chirurgie« auf“.[13] Mit der Zeit wurden die chirurgischen Eingriffe immer sicherer und leichter vorgenommen mit dem Ziel der reinen Verbesserung der äußeren Erscheinung. Im zweiten Weltkrieg wurde dieser Bereich der Chirurgie durch das Naziregime unterdrückt, beim germanischen Helden sollten „die Wunden des Schmerzes zu Narben des Stolzes[14] werden. Aus diesem Umstand folgt, dass das Fach der Ästhetischen Chirurgie kaum Vertreter an deutschen Universitäten hat. Das Resultat sind „entsprechende negative Folgen auf die Medizinerausbildung und normative Behandlungsstandards.“[15]

Durch immer perfektere Technologien konnten in den letzten Jahrzehnten „Baumaßnahmen am menschlichen Körper[16] leichter und tief greifender vorgenommen werden. Mit Werbeslogans wie „Für nur 2.999 € zum Traumbusen“ bieten Ärzte mittlerweile ihre Dienste an. Würden die Patientinnen (oder handelt es sich hier eher um Kundinnen?) diesen Eingriff bei einem Facharzt für Plastisch-Ästhetische Chirurgie vornehmen lassen, „müssten mindestens 5.000,- € gezahlt werden[17]. Dieses kleine Beispiel soll nur aufzeigen, dass das Dienstleistungsprodukt der Schönheit mittlerweile ein „hoch kommerzialisiertes und medialisiertes Produkt[18] geworden ist. Dieser „lukrative Markt betrug 2003 schätzungsweise mehr als eine Milliarde Euro.[19]

[...]


[1] Pollmann, S 307

[2] Kobald, S. 9

[3] Wiesing, S. 142

[4] Kobald, S. 8

[5] Michl, S. 232

[6] Kobald, S. 9

[7] Dorfmüller, S. 162

[8] ebd.

[9] Kobald, S. 2

[10] Kobald, S. 4

[11] Kobald, S. 5

[12] Stark, S. 105

[13] ebd.

[14] Stark, S. 106

[15] ebd.

[16] Ach/Pollmann, S. 9

[17] Michl, S. 232

[18] ebd.

[19] DÄB, S. A908

Ende der Leseprobe aus 29 Seiten

Details

Titel
Zur Ethik der Ästhetischen Chirurgie
Hochschule
Universität Duisburg-Essen
Note
1,7
Autor
Jahr
2008
Seiten
29
Katalognummer
V135676
ISBN (eBook)
9783640428519
ISBN (Buch)
9783640422630
Dateigröße
531 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Ethik, Chirurgie
Arbeit zitieren
Thomas Wehrs (Autor), 2008, Zur Ethik der Ästhetischen Chirurgie, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/135676

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