1. Einleitung
,,,Wahrheit’ giebt es eigentlich nur in den Dingen die der Mensch erfindet […] Er legt etwas hinein und findet es nachher wieder – das ist die Art menschlicher Wahrheit“
(KGW V 1, NF; [441], S. 642)
In diesem Nachlass-Fragment Nietzsches findet sich eine Thematik bzw. ein Problem angedeutet, welches in den zahlreichen Werken des Philosophen ständig wieder auftaucht. Das Problem mit der Wahrheit. Das „ehrliche Ringen um die Wahrheit“ ist seit den Vorsokratikern, nach Nietzsche die ersten wahren Philosophen, das Hauptgeschäft der Philosophie.
Die Differenz zwischen Wahrheit und Falschheit (Irrtum) besteht schon seit den alten Griechen und mit ihnen begann auch die Definition der Wahrheit bzw. des Wahren. Der Philosoph Platon setzt sich mit seiner Lehre von dieser vorsokratischen Definition ab bzw. versucht eine genauere Bestimmung zu schaffen.
Nietzsche selbst hat mit seinen Studien zu den Vorsokratikern und Platon diese Entwicklung untersucht und hat dabei auch für seine Philosophie wichtige Erkenntnisse gewonnen. Die kritische Auseinandersetzung mit der Wahrheit, welche der Philosoph am Ende des 19. Jahrhunderts vornahm, ließ ihn dabei immer wieder die Vorsokratiker und Platon mit ihren Wahrheitsbegriffen Bezug nehmen.
Allein bei der Kritik seiner Zeit bleibt es jedoch nicht. Die Wahrheit wird bei Nietzsche entlarvt und verworfen. Das Fundament einer über 2000 Jahre gewachsenen Philosophie und das ihrer europäischen Kultur sind nach Nietzsche nicht mehr gegeben. Mit seiner Philosophie will er dieses Denken aufbrechen und den Weg für eine neue Wahrheit bereiten. In „Jenseits von Gut und Böse“1, jener „Philosophie der Zukunft“ geht Nietzsche darauf ein und bezeichnet die von ihm erhofften Philosophen, welche diese neue Wahrheit bringen sollen, als „neue Freunde der ,Wahrheit’“ (KGW VI 2, JGB, S. 56 [43]). Der hier kurz geschilderte Prozess zur Problematik der Wahrheit bei Nietzsche zeigt sich bei mit seiner Auseinandersetzung mit den Vorsokratikern, welche er sehr bewundert hat. Eben jenes Verständnis der Vorsokratiker zur Wahrheit und Nietzsches diesbezügliche Interpretation dazu soll das Thema der Arbeit bilden.
Inhaltsverzeichnis
1. Einleitung
2. Die Anfänge der Philosophie und die Suche nach der Wahrheit
2.1 Die frühgriechischen Denker
2.2 Die selbst auferlegten Grenzen der Wahrheit
3. Platons „Ideenlehre“ und Nietzsches Antwort
3.1 Platons wahre Welt – die „Welt der Ideen“
3.2 Nietzsches Achtung der Person Platons und die Kritik an der Ideenlehre
4. Schlussbetrachtung
5. Literaturverzeichnis
5.1 Siglenverzeichnis
5.2 Weitere Quellen
5.3 Forschungsliteratur
Zielsetzung & Themen
Die Arbeit untersucht das kritische Verhältnis Friedrich Nietzsches zum Wahrheitsbegriff, indem sie seine Auseinandersetzung mit der vorsokratischen Philosophie sowie der Ideenlehre Platons analysiert. Ziel ist es, aufzuzeigen, wie Nietzsche den philosophischen Wahrheitsanspruch historisch einordnet, kritisch hinterfragt und den Weg für eine neue, am Leben orientierte Philosophie ebnen möchte.
- Kritik am klassischen Wahrheitsbegriff
- Die Philosophie der Vorsokratiker bei Nietzsche
- Platons „Ideenlehre“ und die Zwei-Welten-Theorie
- Das Spannungsfeld zwischen Erkenntnisdrang und Lebensdienlichkeit
- Perspektivismus und die Rolle des Philosophen als Gesetzgeber
Auszug aus dem Buch
3.1 Platons wahre Welt – die „Welt der Ideen“
Nietzsche, so schreibt Karl Jaspers, hat von allen Philosophen nur Plato gründlicher gelesen und das aus der Sichtwarte eines Philologen. Später befasste er sich mit Plato auch philosophischer Sicht.
Die Bezugnahme auf Platon und seiner Lehre, begründet sich durch einen gravierenden Wechsel bzw. einer Neuauslegung des Wahrheitsbegriffes. Wahrheit, im sechsten Jahrhundert eine persönliche Sache und damit keine Einzelne, wandelte sich. Mit der Ideenlehre Platons kommt es aber zu einer Wahrheitsauffassung, welche andere Wahrheiten nicht mehr neben sich dulden kann. Zudem kommt es auch zur Negation der Wirklichkeit, das Wahre, liegt nach Plato in den Ideen und die dem Menschen zukommenden Bilder sind Abbilder dieser Ideen.
War das Wahrheitsstreben der Vorsokratiker vorher mit einem Streben nach letzter Erkenntnis verbunden, jedoch durch das aufzeigen der Gefahr mittels der Kunst begrenzt, so kommt es mit der Ideenlehre zu einer Verkehrung. Statt des Pessimismus tritt der Optimismus an die Seite der Wahrheit, das Streben nach Wahrheit wird damit verstärkt.
Zusammenfassung der Kapitel
1. Einleitung: Die Einleitung führt in das Problem des Wahrheitsbegriffs bei Nietzsche ein und erläutert seine kritische Auseinandersetzung mit den Vorsokratikern und Platon.
2. Die Anfänge der Philosophie und die Suche nach der Wahrheit: Dieses Kapitel widmet sich der Bedeutung der Vorsokratiker für Nietzsche und untersucht das Spannungsverhältnis zwischen dem individuellen Wahrheitsdrang und der Lebensdienlichkeit.
3. Platons „Ideenlehre“ und Nietzsches Antwort: Der Autor analysiert hier Platons Zwei-Welten-Theorie sowie Nietzsches Ambivalenz gegenüber Platon, die sich durch persönliche Achtung und zugleich radikale Kritik an der Ideenlehre auszeichnet.
4. Schlussbetrachtung: Das Fazit fasst zusammen, warum Nietzsche den absoluten Wahrheitsanspruch ablehnt und stattdessen eine Philosophie propagiert, die als offener Prozess verstanden wird.
5. Literaturverzeichnis: Hier werden die verwendeten Quellen, das Siglenverzeichnis sowie die Forschungsliteratur aufgeführt.
Schlüsselwörter
Friedrich Nietzsche, Platon, Vorsokratiker, Wahrheit, Wahrheitsbegriff, Ideenlehre, Perspektivismus, Lebensdienlichkeit, Erkenntnis, Philosophiegeschichte, Moral, Metaphysik, Wahrheitsstreben, Erkenntnistheorie
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit untersucht das kritische Verhältnis Nietzsches zum Wahrheitsbegriff und seine spezifische Interpretation der antiken griechischen Philosophie.
Welche zentralen Themenfelder behandelt die Untersuchung?
Die zentralen Themen sind der Wahrheitsbegriff bei den Vorsokratikern, Platons Ideenlehre sowie Nietzsches philosophische Gegenentwürfe dazu.
Was ist das primäre Ziel oder die Forschungsfrage der Arbeit?
Das Ziel ist es, Nietzsches Kritik an der traditionellen Suche nach einer absoluten Wahrheit zu analysieren und aufzuzeigen, wie er diese durch eine lebensbejahende Sichtweise ersetzen möchte.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Der Autor nutzt eine literaturwissenschaftliche und philosophiehistorische Analyse, wobei er Nietzsches Schriften und seine kritische Auseinandersetzung mit ausgewählten Quellen auswertet.
Was wird im Hauptteil der Arbeit behandelt?
Im Hauptteil werden zunächst die Vorsokratiker als "Philosophenköpfe" betrachtet, danach folgt eine detaillierte Auseinandersetzung mit Platons Ideenlehre und Nietzsches Kritik an dieser.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Die Arbeit lässt sich durch Begriffe wie Nietzsche, Platon, Vorsokratiker, Wahrheit, Ideenlehre und Perspektivismus charakterisieren.
Wie bewertet Nietzsche das Höhlengleichnis Platons?
Nietzsche sieht darin die Manifestation der von ihm kritisierten Zwei-Welten-Theorie, welche die reale Welt zugunsten einer abstrakten Ideenwelt entwertet.
Warum bezeichnet Nietzsche die Vorsokratiker als Gesetzgeber?
Er sieht in ihnen den Typus des Philosophen, der den Anspruch auf Wahrheit persönlich vertritt, verteidigt und damit einen individuellen Weg für das Leben vorgibt.
Was versteht der Autor unter dem "ehrlichen Ringen um die Wahrheit" bei Nietzsche?
Dies bezieht sich auf das Verständnis, dass Wahrheit kein statisches Ziel ist, sondern ein fortlaufender, nie ganz abgeschlossener Prozess der Auseinandersetzung.
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- Lars Rahn (Author), 2009, Nietzsche, die Vorsokratiker, Platon und die Wahrheit(en), Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/135750