Mit dem Begriff der Wahrheit und der Wahrhaftigkeit haben sich bereits die Philosophen der Anfänge, wie Platon und Aristoteles, beschäftigt. Augustinus ließ verlauten, dass das Wahrhaftigsein als ein Grundstreben der Seele nach Wahrheit zu verstehen ist. Der deutsche Philosoph Friedrich Kirchner nennt es einen menschlichen Trieb, die Wahrheit geltend zu machen.
Auf den zweiten Blick jedoch erweist sich diese Forderung als ein tückisches Unterfangen, wollten wir sie auf Medien, insbesondere Theater und Film, übertragen: Erfolgt eine Umsetzung dieser Forderung in den genannten Medien? Entspricht das menschliche Rezeptionsverhalten dieser Forderung oder entweicht der Mensch der Realität? Sollen Theater und Film als Genussmittel oder Lehrmedien verstanden werden? Welche Verantwortung tragen sie und wie gehen wir mit dieser Verantwortung um? Welche Rolle erfüllt der in ihnen agierende Schauspieler? An welcher Stelle verschwindet die Grenze zwischen Wahrheit und Illusion ?
Der Anwendungsbereich dieser Fragen soll sich in dieser Arbeit hauptsächlich auf die Schauspielkunst beziehen.
Denis Diderot begründet mit seiner Theorie eine Opposition zur aristokratischen Tragödie. Diderot fordert das Bildnis der Natur, den Schauspieler als kühlen und überlegten Denker, der nur Spiegel des äußeren Geschehens ist und somit der Wahrheit zweckdienlich sein kann. Diesen Schauspieler nennt er den Wahrhaftigen. Mit seiner Auffassung nimmt Diderot wesentlichen Einfluss auf die spätere Theorie Bertolt Brechts.
Des Weiteren soll im Verlauf der Arbeit auf die Aktualität der Debatte um die Wahrhaftigkeit in dem neueren Medium Film hingewiesen werden. Der Schwerpunkt des Untersuchungsgegenstandes wird sich hierbei vom Schauspieler auf den Rezipienten verlagern. Denn das Paradox lässt sich hier in einer Person begreifen: Forderung und Rezeptionsverhalten stehen sich einander gegenüber. Auf Grund dessen können mögliche rezeptionsästhetische Gründe beim Rezipienten selbst erörtert werden. In diesem Zusammenhang wird es weiter Aufgabe sein, die Beliebtheit von Illusion anstelle von Wahrheitsvermittlung in den Medien zu verdeutlichen und Erklärungsansätze zu finden.
Inhaltsverzeichnis
1. Einleitung
2. Zum Begriff der Wahrhaftigkeit
2.1 Philosophische Reflexion des Begriffs Wahrhaftigkeit
2.2 Konkrete Anwendung des Wahrhaftigkeitsbegriffs auf die Kunst des Dramas
3. Die Forderung nach Wahrhaftigkeit im Schauspieler bei Denis Diderot und bei Bertolt Brecht
3.1 Denis Diderot - Philosoph und Dramentheoretiker
3.1.1 Historische Einordnung Diderots – Abriss
3.1.2 Das Schauspielerbild Diderots: „Gib der Wahrheit die Ehre!“
3.2 Ablösung der Schauspieltheorie Diderots durch den Dramentheoretiker Bertolt Brecht
3.2.1 Brechts Schauspieltheorie
3.2.2 Brecht im historischen Kontext
3.3 Diderot und Brecht – eine Gegenüberstellung
3.4 Gegenpositionen: Schauspieltheorien bei Stanislawski und Strasberg
3.5 Betrachtung der unterschiedlichen Anwendungsweisen des Wahrhaftigkeitsbegriffes bei den hier genannten Dramentheoretikern
4. Die (Un-)Möglichkeit von Wahrhaftigkeit in neueren Medien in Hinblick auf heutige Rezeptionsästhetik
4.1 Bertolt Brecht und das epische Theater in der Postmodernen
4.2 Die Filmindustrie Hollywood und ihr Statement zur Wahrhaftigkeit
4.3 Schauspielkunst als Selbstdarstellung: Ursache unwahrhaftiger Kriterien in Theater und Film?
5. Illusion und Wahrhaftigkeit: Ergebnisformulierung, Ausblick und Schlusswort
Zielsetzung & Themen
Die Arbeit untersucht das Paradox der Wahrhaftigkeit in der Schauspielkunst, wobei sie den Fokus auf die theoretischen Positionen von Denis Diderot und Bertolt Brecht legt und deren Einfluss auf die zeitgenössische Rezeptionsästhetik in Theater und Film analysiert. Die zentrale Forschungsfrage befasst sich mit der Spannung zwischen der Forderung nach Wahrhaftigkeit durch den Schauspieler und dem Bedürfnis des Publikums nach Illusion.
- Vergleichende Analyse der Schauspieltheorien von Diderot und Brecht
- Gegenüberstellung mit den Schauspielkonzepten von Stanislawski und Strasberg
- Untersuchung der Rezeptionsästhetik und des Wunsches nach Illusion in modernen Medien
- Reflexion über die Rolle des Schauspielers als Mittel zur Wahrheitsfindung versus Selbstdarstellung
- Medienethische Betrachtung des Verhältnisses von Schein und Wirklichkeit
Auszug aus dem Buch
3.1.2 Das Schauspielerbild Diderots: „Gib der Wahrheit die Ehre!“
Denis Diderot gelingt in seiner Schrift „Das Paradox über den Schauspieler“ eine umfassende und vertretbar unerschütterliche Stellung eines kühlen Schauspielers. Verstärkt wird diese Position durch die Struktur, die der Text aufweist. Die Dialogform scheint sehr geeignet die Brisanz zweier unterschiedlicher Standpunkte zu verdeutlichen. Der Leser wird unmittelbar in die Diskussion eingebunden, er fühlt sich wie ein dritter unsichtbarer Teilnehmer, der an beiden Standpunkten teilhaben kann und dennoch mit einer gewissen Distanz die eigene Meinung zu bilden fähig ist.
In dem Werk geht es um zwei in einen Dialog tretende Herren, welche die wesentlichen Positionen in der Debatte um die Schauspielkunst skizzieren. Einer der beiden Sprecher vertritt die bis dahin populärere Meinung über den Schauspieler, der da ein leidenschaftlicher zu sein hat und den Zuschauer in seiner Emotionalität mitreißt, während sein Dialogpartner auf die Notwendigkeit eines bedachten Schauspielers plädiert.
Das Werk Diderots bildet im Jahr 1769 eine Antwort bezüglich beider Positionen und wirft demnach diverse Diskussionen auf. Er erklärt seine ganz eigene Theorie über einen großen Schauspieler und spricht der überwältigenden Hitze eines bis dahin hoch gelobten leidenschaftlichen Schauspielers klar ab: „Es liegt daran, dass er sich bewegt hat, ohne zu fühlen und ihr gefühlt habt, ohne euch zu bewegen.“
Zusammenfassung der Kapitel
1. Einleitung: Die Einleitung führt in das grundlegende Spannungsfeld zwischen Wahrhaftigkeit und Illusion in Theater und Film ein und formuliert die zentrale Problemstellung der Untersuchung.
2. Zum Begriff der Wahrhaftigkeit: Dieses Kapitel widmet sich der philosophischen Fundierung des Wahrhaftigkeitsbegriffs, von der Antike bis hin zu einer ersten Anwendung auf die Kunst des Dramas.
3. Die Forderung nach Wahrhaftigkeit im Schauspieler bei Denis Diderot und bei Bertolt Brecht: Das Hauptkapitel analysiert detailliert die Schauspieltheorien von Diderot und Brecht, stellt sie einander gegenüber und kontrastiert sie mit den Ansätzen von Stanislawski und Strasberg.
4. Die (Un-)Möglichkeit von Wahrhaftigkeit in neueren Medien in Hinblick auf heutige Rezeptionsästhetik: Hier wird der Fokus auf die mediale Gegenwart und die Filmindustrie Hollywoods verschoben, um die Wirkung von Illusion und Rezeptionsverhalten auf die Wahrhaftigkeit zu prüfen.
5. Illusion und Wahrhaftigkeit: Ergebnisformulierung, Ausblick und Schlusswort: Das abschließende Kapitel fasst die Untersuchungsergebnisse zusammen und reflektiert über die anhaltende Spannung zwischen der Suche nach Wahrheit und dem Verlangen nach illusionärer Flucht.
Schlüsselwörter
Wahrhaftigkeit, Schauspieltheorie, Denis Diderot, Bertolt Brecht, Illusion, Episches Theater, Method Acting, Konstantin Stanislawski, Lee Strasberg, Rezeptionsästhetik, Schein, Wirklichkeit, Schauspielkunst, Medienethik, Selbstdarstellung
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in der Arbeit grundlegend?
Die Arbeit untersucht das Paradoxon der Wahrhaftigkeit in der Schauspielkunst und beleuchtet, warum das Publikum oft Illusion der Wahrheit vorzieht.
Was sind die zentralen Themenfelder?
Im Zentrum stehen die Schauspieltheorien, der Kontrast zwischen rationaler Distanz und emotionaler Identifikation sowie die Wirkung dieser Konzepte in Theater und Film.
Was ist das primäre Ziel der Untersuchung?
Das Ziel ist es, aufzuzeigen, warum sich bestimmte Schauspieltheorien in der Rezeption durchgesetzt haben und welche Verantwortung Schauspieler und Theater gegenüber der Wahrheit tragen.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Es handelt sich um eine literatur- und theaterwissenschaftliche Analyse, die durch den Vergleich theoretischer Texte und deren historische sowie medienkritische Einordnung erfolgt.
Was wird im Hauptteil behandelt?
Der Hauptteil analysiert die Theorien von Diderot und Brecht sowie die Gegenpositionen von Stanislawski und Strasberg zur Rolle des Schauspielers.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Wahrhaftigkeit, Schauspieltheorie, Illusion, Episches Theater und Rezeptionsästhetik sind die prägenden Begriffe.
Warum bevorzugt das Publikum laut dieser Arbeit die Illusion gegenüber der Wahrheit?
Der Autor argumentiert, dass das Publikum oft eine Flucht aus der anstrengenden Realität sucht und daher die einfache, illusionäre Welt der Filme der fordernden Auseinandersetzung mit der Wahrheit vorzieht.
Welche Rolle spielt Hollywood bei der Vermittlung von Wahrhaftigkeit?
Hollywood wird als ein System dargestellt, das primär auf kalkulierte Illusion und Star-Image setzt, wodurch das Anliegen einer wahrhaftigen Darstellung und Gesellschaftskritik oft in den Hintergrund tritt.
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- Finja Christin Wrocklage (Author), 2008, Das Paradox der Wahrhaftigkeit: Die Rolle des Schauspielers bei Diderot und Brecht, Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/135752