Was China einst war und sich nunmehr anschickt wieder zu werden, da spannt sich der Bogen von den Weltkulturerbtümern Große Mauer oder Grabwächterarmee des Kaisers Qin Shi Huangdi bis zu den gigantischen Skylines von Peking, Shanghai und anderen Metropolen oder etwa dem Bau von 60 Flughäfen innerhalb nur einer Dekade. Das alles entspringt dem Ehrgeiz, dem Fleiß und der Disziplin einer überwältigenden Menschenschar und einem Klima gesellschaftlichen Vertrauens auf sehr hohem Niveau.
Um ein solches Vertrauen zu festigen, sah sich die chinesische Regierung veranlasst, ein sogenanntes Social Credit System (SCS) zu installieren. Das befindet sich seit 2014 in der Probephase, 2020 soll diese abgeschlossen sein. Ziel der Initiative ist es, eine zentrale Datenbank zu schaffen, die Aufschluss gibt über das Verhalten von Unternehmen, Behörden und vor allem von Privatpersonen. Nach Fertigstellung bewertet es Menschen anhand einer riesigen Datenmenge und erstellt auf dieser Grundlage ein Punktekonto für Bürgerinnen und Bürger. Dieses Punktekonto erfasst nicht folgenlos das Verhalten, es bewertet positiv bei Wohlverhalten im Sinne der politischen Führung, negativ hingegen wirken sich auf den Punktestand die unterschiedlichsten Verfehlungen aus. Daraus ergeben sich nach dem Prinzip Belohnen und Bestrafen die Folgen für die von der Überwachung Betroffenen. Die asymmetrische, d.h. nur einseitig mögliche Beobachtung, hat sich die Formierung einer Art Disziplinargesellschaft zum Ziel gesetzt. Alles und alle werden sichtbar gemacht, ganz gleich, ob die Ziele von der Existenz der intensiven Beobachtung und seiner sorgfältigen Dokumentierung Kenntnis haben oder in Unkenntnis darüber sind.
Inhaltsverzeichnis
1. Einleitung
2. Das chinesische Paradigma: Kompensieren, Überholen, Weltmacht?
3. Vorläufer und Anfänge der digitalen Überwachung in China
4. Das chinesische Social Credit System
4.1 Das Wesen des Überwachungssystems
4.1.1 Darstellung und Funktionsweise
4.1.2 Big Data, Big Brother, Big Problem?
4.1.3 Algorithmen und Künstliche Intelligenz
4.1.4 Das Prinzip der Gamification
4.2 Initiatoren des Systems
4.3 Chinas Überwachungssystem im Wettbewerb der globalisierten Wirtschaft
5. Gründe für die Akzeptanz des Social Credit Systems in der Bevölkerung
5.1 Kulturhistorisch
5.2 Gesellschaftlich
5.3 Psychologisch
5.4 Wirtschaftlich
6. Vox Populi - Was ist Ihre Meinung?
6.1 Interview mit Jin Fangxiao
6.2 Umfrage zum Meinungsbild in Deutschland
7. Fazit: Digitale Überwachung bei der Erziehung zur Konformität oder doch der Weg in die IT-Diktatur?
Zielsetzung & Themen
Diese Arbeit untersucht das in China implementierte Social Credit System (SCS) und analysiert, inwieweit dieses digitale Überwachungsinstrument sowohl als Mittel zur staatlichen Disziplinierung dient als auch ökonomische und gesellschaftliche Ziele verfolgt. Zentral ist dabei die Forschungsfrage, ob das System eine bloße Erziehung zur gesellschaftlichen Konformität darstellt oder den Weg in eine technokratische IT-Diktatur ebnet.
- Historische Verwurzelung der Sozialkontrolle in China.
- Technische Funktionsweise von Big Data, KIs und Algorithmen im SCS.
- Bedeutung der großen Internetkonzerne (BAT) als treibende Akteure.
- Psychologische und kulturelle Faktoren für die Akzeptanz des Systems in der Bevölkerung.
- Vergleichendes Meinungsbild durch eine Umfrage zu digitalen Überwachungstendenzen in Deutschland.
Auszug aus dem Buch
4.1.3 Algorithmen und Künstliche Intelligenz
Massenhafte im Internet hinterlassene digitale Spuren verleihen Big Data seine unüberschaubare Größe. Will man sich darin orientieren auf der Suche nach speziellen Informationen, bedarf es des Einsatzes automatisierter Intelligenz. Ein solches, in seiner Funktion kaum durchschaubares Instrument ist das System der Algorithmen. Eine Definition dieses schwer zu fassenden Begriffs lautet so: „Ein Algorithmus ist eine aus endlich vielen Schritten bestehende eindeutige Handlungsvorschrift zur Lösung eines Problems, also die Umsetzung in eine Rechenaufgabe.“ Die einzelnen Schritte sind auch wiederholbar. Diese Rechenmodelle haben in der Regel hochkomplexe Formeln und weisen einen sehr hohen Verschlüsselungsgrad auf. Im unbekümmerten Spiel der Kinder kommt es vor, dass Buchstaben durch Zahlen ersetzt werden. Jedem Buchstaben wird eine Zahl zugeordnet, wahlweise sogar eine mehrstellige. Über den Zahlencode besteht kein Konsens innerhalb der Spielgruppe. Ebenso rätselhaft wie spannend. REBECA schreibt sich dann vielleicht so: 745945341. Schwer herauszufinden? 745945341 ist Rebecas Algorithmus. Zugegeben: Ein nicht gerade komplizierter seiner Art. Und noch einmal zugegeben: Es gibt unzählige solcher Algorithmen, deren Kompliziertheit und Intransparenz es uns schwer machen, sich mit ihnen eingehender zu befassen.
Im konkreten Fall des vor seiner Fertigstellung stehenden Social Credit Systems sind es - neben anderer intelligenter Digitaltechnik, auf die noch einzugehen sein wird - vor allem die Algorithmen, die „die Anwenderinnen und Anwender identifizieren, kategorisieren und klassifizieren.“ Eifrig und unermüdlich sind die automatisierten Datenordner dabei, in Big Datas Pool Brauchbares zu suchen, es zu finden, es auszuwerten, es SCS und seinen Punktekonten zuzuführen. Die immense Ansammlung von Daten und der zu jeder Zeit mögliche Zugriff auf sie sollte gesichert sein, gehen doch rund 95 % der chinesischen Internetnutzerinnen und -nutzer auch oder ausschließlich mobil ins Netz.
Zusammenfassung der Kapitel
1. Einleitung: Die Einleitung beleuchtet Chinas Aufstieg zur globalen Supermacht und stellt das Social Credit System als kontroverses Instrument zur sozio-ökonomischen Steuerung der Bevölkerung vor.
2. Das chinesische Paradigma: Kompensieren, Überholen, Weltmacht?: Dieses Kapitel analysiert die historische Entwicklung Chinas von den Dynastien bis zum heutigen rasanten wirtschaftlichen Wandel und Technologieführungsanspruch.
3. Vorläufer und Anfänge der digitalen Überwachung in China: Hier werden historische Kontrollmechanismen, wie das Hukou- und Danwei-System, als analoge Vorläufer der modernen digitalen Überwachungskultur in China eingeordnet.
4. Das chinesische Social Credit System: Dieses Hauptkapitel untersucht die technischen und funktionalen Aspekte des SCS, einschließlich der Rolle von Big Data, KI-Algorithmen und der Beteiligung privater Tech-Giganten.
5. Gründe für die Akzeptanz des Social Credit Systems in der Bevölkerung: Das Kapitel erörtert kulturelle, gesellschaftliche, psychologische und wirtschaftliche Erklärungsansätze für die hohe Zustimmung zur staatlichen Überwachung.
6. Vox Populi - Was ist Ihre Meinung?: Der Autor ergänzt die Literaturanalyse durch ein Experteninterview mit einem chinesischen Studenten sowie eine eigene Umfrage zum Meinungsbild der Bevölkerung in Deutschland.
7. Fazit: Digitale Überwachung bei der Erziehung zur Konformität oder doch der Weg in die IT-Diktatur?: Das Fazit fasst die Ergebnisse zusammen und kritisiert die moralische sowie ethische Tragweite des Bewertungsstaates, ohne in einfache Diktatur-Klischees zu verfallen.
Schlüsselwörter
Social Credit System, China, Digitale Überwachung, Big Data, Künstliche Intelligenz, Algorithmen, Sozialkontrolle, Gamification, BAT-Unternehmen, Digitale Ethik, IT-Diktatur, Gesellschaftliche Konformität, Bonitätssystem, Internet-Überwachung, Privatsphäre
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser wissenschaftlichen Arbeit grundlegend?
Die Arbeit behandelt das chinesische Social Credit System (SCS) und analysiert, wie der chinesische Staat durch die Nutzung großer Datenmengen und digitaler Technologien das Verhalten seiner Bürger und Unternehmen bewertet und steuert.
Welche zentralen Themenfelder werden bearbeitet?
Die zentralen Schwerpunkte sind die technologische Umsetzung der Überwachung, die historische Einbettung der Sozialkontrolle in China sowie die Gründe für die bemerkenswerte Akzeptanz dieser Maßnahmen in der chinesischen Bevölkerung.
Was ist das primäre Forschungsziel?
Ziel ist es zu klären, ob das Social Credit System als effizientes Werkzeug zur Erziehung zu gesellschaftlicher Konformität fungiert oder ob es die Grundlage für eine autoritäre IT-Diktatur bildet.
Welche wissenschaftliche Methode kommt zum Einsatz?
Die Arbeit basiert auf einer fundierten Literatur- und Quellenanalyse, die durch ein Experteninterview mit einem chinesischen Staatsbürger und eine Primärumfrage zum Meinungsbild in Deutschland ergänzt wird.
Welche Aspekte werden im Hauptteil diskutiert?
Im Hauptteil liegt der Fokus auf der Funktionsweise von Big Data und Algorithmen, der Rolle der großen chinesischen Internetkonzerne (Baidu, Alibaba, Tencent) sowie den komplexen Faktoren, die die Akzeptanz des SCS begünstigen.
Welche Schlüsselbegriffe charakterisieren die Arbeit?
Wichtige Begriffe sind Social Credit System, Algorithmen, Big Data, digitale Überwachung sowie die ethische Auseinandersetzung mit dem Verlust der Privatsphäre und der staatlichen Steuerung durch Punktesysteme.
Welche Rolle spielen die "BAT-Unternehmen" im System?
Baidu, Alibaba und Tencent sind als private Netzgiganten essenzielle Akteure, da sie über immense Datenmengen verfügen und die technologische Infrastruktur bereitstellen, die das SCS überhaupt erst operativ möglich macht.
Wie unterscheidet sich die Wahrnehmung des SCS zwischen China und Deutschland?
Während viele Menschen in China das System aufgrund von Versprechen auf soziale Harmonie und praktische Vorteile tendenziell akzeptieren, herrscht in Deutschland eine ausgeprägte Skepsis bezüglich Datenschutz und der drohenden Einschränkung individueller Freiheiten.
- Citation du texte
- Taha Guichard (Auteur), 2019, Wenn ein Punktestand das Leben bestimmt. Social Rating in China, Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/1358170