Der Corbridge-Hort wurde 1964 in der englischen Stadt Corbridge upon Tyne entdeckt. Der Hortfund, der aus über 100 zivilen und militärischen Artefakten besteht, wurde im Militärlager von Corbridge geborgen. Derzeit gibt es zum Corbridge-Hort fünf verschiedene, voneinander abweichende Interpretationen. Die vorliegende Seminararbeit soll untersuchen, inwieweit diese fünf Interpretationen dem archäologischen Befund standhalten, um festzustellen, ob sie glaubwürdig erscheinen.
Inhaltsverzeichnis
1. Einleitung
2. Hauptteil
2.1 Die fünf Interpretationen des Corbridge-Horts
2.2 Gegenüberstellung von Interpretationen und Befund
2.3 Welche narrativen Modellierungen könnten der Interpretation der English-Heritage-Sachverständigen zugrunde liegen?
3. Schluss
4. Anhang – Textteil
4.1 Originalzitate von M. C. Bishop und L. Allason-Jones aus ihrem gemeinsamen Buch «Excavations at Roman Corbridge» von 1988
4.2 Abfolge der Originalzitate der Sachverständigen des English Heritage im English-Heritage-Youtube-Video «Uncovering The Corbridge Story: The Time Capsule» vom 18.05.2018 über den Corbridge-Hort (als Transkript)
4.3 Originalbegleittext des Corbridge Museum zur Hortvitrine:
5. Anhang – Bildteil
Zielsetzung & Forschungsthemen
Die vorliegende Seminararbeit untersucht die verschiedenen Interpretationsansätze zum Corbridge-Hort im Vergleich mit dem archäologischen Befund. Ziel ist es, die wissenschaftliche Validität der Darstellungen zu prüfen, insbesondere im Hinblick auf die Frage, ob diese Interpretationen durch archäologische Evidenz gestützt werden oder stärker von narrativen Konstrukten der Sachverständigen geprägt sind, die zur Vermittlung an ein Laienpublikum dienen.
- Kritische Analyse der fünf gängigen Interpretationen des Corbridge-Horts.
- Gegenüberstellung von archäologischem Befund (Waffen, Werkzeug, Alltagsgegenstände) und historischer Quellenlage.
- Untersuchung der Rolle narrativer Modellierungen (Narrative) bei der archäologischen Wissensvermittlung.
- Hinterfragung der Identität und Rolle der Hortbesitzer (Soldaten vs. Schmied vs. Zivilisten).
- Die Macht von Narrativen im musealen Bildungsauftrag.
Auszug aus dem Buch
Die fünf Interpretationen des Corbridge-Horts
Interpretation 1 der Sachverständigen des English Heritage in einem English-Heritage-Youtube-Video: Die Sachverständigen scheinen von einem einzigen Hortbesitzer auszugehen, nämlich einem römischen Soldaten, der in seiner Zweitbeschäftigung Schmied gewesen sein soll. Die im Hort enthaltenen Artefakte werden in drei Kategorien unterteilt: Waffen, Werkzeuge und persönlicher Besitz. In welchem Zusammenhang diese drei Kategorien zueinanderstehen und ob Waffen und Werkzeuge auch zum persönlichen Besitz gezählt werden oder nicht, wird von den Sachverständigen im Youtube-Video «Uncovering the Corbridge Story: The Time Capsule» nicht präzise genug spezifiziert. Im Begleittext des English Heritage zu diesem Video ist von «personal belongings» im weitesten Sinn die Rede.
Im Video äussern sich die beiden Sachverständigen für das Römische Britannien der Kulturwohltätigkeitsorganisation «English Heritage», Frances McIntosh (Kuratorin für Römische Sammlungen) und Andrew Roberts (klassischer und römischer Baudenkmalhistoriker) über den Corbridge-Hort. Immer wieder wird ein «Soldat» als handelndes Individuum hervorgehoben, der als Einzelperson den Hort auch vergraben haben soll: «a [sic] soldier buried a chest at the frontier of the Roman Empire». Dies impliziert – zumindest indirekt –, dass als Hortbesitzer dieser Soldat als Einzelperson gemeint ist. «Belegt» wird diese Behauptung durch die im Hort enthaltene angebliche Privatkorrespondenz sowie durch einen Holzhumpen (Abb. 11) als scheinbarer Beweis für das angeblich belebte Sozialleben dieses Soldaten.
Zusammenfassung der Kapitel
Einleitung: Vorstellung des Corbridge-Horts als archäologischer Fund sowie Darlegung der Problematik der Datierung und der mangelhaften Dokumentation der Grabung von 1964.
Hauptteil: Detaillierte Analyse und kontrastierende Gegenüberstellung der fünf verschiedenen Interpretationsansätze zum Hort, ergänzt durch eine Untersuchung der narrativen Konstrukte, die den Vermittlungsstrategien des English Heritage zugrunde liegen.
Schluss: Zusammenfassende Bewertung, dass keine der aktuellen Interpretationen wissenschaftlich zweifelsfrei belegt ist und die Notwendigkeit einer differenzierteren, auf den Befund gestützten Interpretation betont wird.
Anhang – Textteil: Dokumentation der Quelltexte und Transkripte, auf denen die Analyse und Kritik der Interpretationen basieren.
Anhang – Bildteil: Zusammenstellung des relevanten Bildmaterials zur Veranschaulichung der Befunde und Fundkontexte.
Schlüsselwörter
Corbridge-Hort, Römische Archäologie, Coriosopitum, Militärlager, Depotfund, Narrative in der Archäologie, English Heritage, Soldat, Waffenschmied, Inventar des Horts, Wissensvermittlung, archäologische Interpretation, Fundkontext, Materialanalyse, römische Armee.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in der Arbeit grundsätzlich?
Es geht um eine kritische archäologische Untersuchung des Corbridge-Horts, einem bedeutenden römischen Fund, und um die Hinterfragung, wie wissenschaftliche Interpretationen dieses Fundes entstehen und durch narrative Stilisierungen beeinflusst werden.
Was sind die zentralen Themenfelder?
Die zentralen Themen sind die Interpretation von Hortfunden im römischen Militärkontext, die Rolle der Archäologie in der Wissensvermittlung sowie die kritische Auseinandersetzung mit der Darstellung antiker Soldatenleben in der modernen Forschung und Popkultur.
Was ist das primäre Ziel der Arbeit?
Das Ziel ist es, die fünf verschiedenen Interpretationen des Horts gegen den archäologischen Befund zu prüfen und aufzuzeigen, wo narrative Erzählmuster (wie das des Soldaten-Schmieds) die wissenschaftliche Sachlichkeit einseitig überlagern.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Die Arbeit nutzt einen methodisch vergleichenden Ansatz, der den archäologischen Befund (Inhalt der Holzkiste) mit den publizierten Interpretationen und historischen Quelltexten abgleicht, ergänzt durch eine diskursanalytische Betrachtung der verwendeten Narrative.
Was wird im Hauptteil behandelt?
Der Hauptteil analysiert detailliert die Deutungen des English Heritage, von Bishop und Allason-Jones sowie des Corbridge Museums und konfrontiert diese mit archäologischen Erkenntnissen zur römischen Militärstruktur, Werkzeugverwendung und den Problemen der Datierung.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Wichtige Begriffe sind: Corbridge-Hort, Militärlager, Depotfund, Narrative, archäologische Interpretation und Funddokumentation.
Warum wird die Interpretation des "Soldaten-Schmieds" als kritisch angesehen?
Weil der archäologische Befund keine spezifischen Schmiedewerkzeuge enthält und keine direkte Verbindung hergestellt werden kann, zudem wird das Narrativ des Einzelindividuums gegen die Komplexität der archäologischen Fakten ausgespielt.
Welche Bedeutung kommt der Holzkiste und ihrem Inhalt für die Interpretation zu?
Die sorgfältige Verpackung des Inhalts wird oft als Beweis für das intendierte Mitnehmen oder Verbergen interpretiert, doch die Arbeit zeigt, dass ähnliche Funde in anderen Garnisonen (wie Haltern) eher auf strategische Zurücklassung oder Standardvorgänge bei der Räumung hinweisen.
Wie bewertet der Autor die Rolle der Museen bei der Vermittlung?
Der Autor fordert eine wissenschaftlich fundiertere und flexiblere Interpretation, die sich eng am Befund orientiert und warnt davor, zugunsten einer "spannenden Story" ein einseitiges und potenziell falsches Geschichtsbild zu vermitteln.
- Arbeit zitieren
- Nicolas Ströhla (Autor:in), 2023, Der Corbridge-Hort. Gegenüberstellung von Deutung und Befund, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/1358234