Bella Servilia - Die großen Sklavenaufstände der römischen Republik im Fokus moderner Theorien sozialer Bewegungen

Soziologische Theorie als Instrument der Altertumswissenschaft?


Magisterarbeit, 2008
106 Seiten, Note: 1,0

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Inhaltsverzeichnis

Einleitung

I. Teil: Historische Erträge – der Blick ins Kaleidoskop
I. 1. . Die Quellen
I. 2. . Der erste sizilische Sklavenaufstand (135-132 v. Chr.)
I. 3. . Der zweite sizilische Sklavenaufstand (104-100 v. Chr.)
I. 4. . Das Bellum Spartacium (73-71 v. Chr.)
I. 5. . Nachwehen, Wirkungen, vielleicht sogar Humanisierung?
I. 6. . Forschungsprobleme und -tendenzen

II. Teil: Der soziologische Blick – ein theoretischer Autofokus?
II. 1. Antike Sklavenaufstände als soziale Bewegung?
II. 2. Die Theorie kollektiven Handelns
II. 2. 1. ... Das Kollektivgut – die Ziele der aufständischen Sklaven
II. 2. 2. ... Kosten und Nutzen
II. 2. 3. ... Das ‚Trittbrettfahrer-Problem‘ – Drückeberger und Nutznießer?
II. 2. 4. ... Selektive Anreize
II. 3. Strukturskizzen und theoretische Ergänzungen
II. 4. Zusammenfassung

III. Auswertung
III.1. Alte Geschichte pro Soziologie
III.2. Soziologie pro Alte Geschichte

IV. Schlußworte

V. Abkürzungsverzeichnis

VI. Literaturverzeichnis
VI. 1. Quellen
VI. 2. Sekundärliteratur

Einleitung

„Vor allen Dingen trachten die Menschen danach, frei zu sein, und die Freiheit scheint ihnen das höchste Gut, die Sklaverei aber dünkt sie das Schimpflichste und das größte Unglück, welches ihnen widerfahren kann.“[1] Vom Freiheitswillen zeugen für die Antike immer wieder Nachrichten von Sklaven, die ihren Herren davonliefen, die ihre domini töteten oder sie, wenn es opportun schien, denunzierten. Auf der anderen Seite gab es Sklaven, die ihren Herren treu ergeben waren, freilich meist in der Hoffnung auf Freilassung als Lohn. Daß Sklavenmassen aber sich in einem gewaltsamen Aufstand zusammenschlossen und vereint Rom und seinen Truppen die Stirn boten, kam verhältnismäßig selten vor, wuchs sich noch seltener zu einem regelrechten Krieg aus und war am Ende nie von Erfolg gekrönt gewesen.

Eine ungestüme Zeit äußerer Expansion und innerer Spannungen erlebte die Römische Republik im 2. und 1. Jh. v. Chr. – der Wandel zum mediterranen Imperium vollzog sich in Überdehnung der gesellschaftlichen Bindekräfte. Soziale und politische Krisen, meist blutige Konflikte, zeichneten die dunklen Töne im Bild jener Ära. Der Sklavenaufstand um Spartakus zählt hier sicher zu den bekanntesten Episoden, und es ist denkwürdig, daß die drei größten Sklavenaufstände der Antike in diese Epoche fielen, in den relativ begrenzten Zeitraum von 140-70 v. Chr.

Antike Sklavenaufstände, Spartakus – vielleicht denkt man als Nicht-Althistoriker, als Soziologe etwa, zunächst an Kirk Douglas, drahtig, wie er den Sklavenscharen flammende Worte zuruft, mit reichlich Pathos, auf daß ein gewaltiger Haufe Komparsen loszieht, die brutalen römischen Unterdrücker das Fürchten zu lehren. Soweit jedenfalls Hollywood im berühmten Streifen von Stanley Kubrick nach einem Roman von Howard Fast[2]. Wer eine Zeit seines Lebens im Sozialismus verbracht hat, kennt Sportveranstaltungen unter dem Namen Spartakiade, und vielleicht denkt mancher auch an den Spartakusbund samt Rosa Luxemburg und Karl Liebknecht. Recht eigentlich ist <Spartakus> heute ein neuzeitliches Symbol für Widerstand und Rebellion, für politische und sonstige Massenbewegungen, wird der Name als Schild und Schwert gegen ökonomische Ausbeutung und soziale Ungleichheit benutzt. <Spartakus> als Symbol ist idealisiert, mystifiziert und romantisiert, mithin der historischen Wirklichkeit weit entrückt, wo diese bekannt ist. Was wir heute sehen, ist demnach eine Projektion des Zeitgeistes des 19. und des 20. Jh., gefüllt mit je eigenen Vorstellungen von Freiheit und Gleichheit fern der Realität der antiken Sklaverei. War beispielsweise der Spartakusbund ein Parteiflügel mit mehr oder weniger klaren Ideen vom anzustrebenden Wandel der Gesellschaft, verband die Sklaven um Spartakus zwar der Wille zur Freiheit jedoch kein politisch-ideologisches Programm. Sie forderten – das mag beispielsweise den unbedarften Kinobesucher überraschen – nicht etwa die Abschaffung der Sklaverei, ein Gedanke, der in der Antike überhaupt nur undeutlich artikuliert worden ist und im Grunde nicht zur Debatte stand[3]. Die Identifikation politischer Fraktionen mit einem Namengeber <Spartakus> einerseits ist also insofern schon komplexer zu betrachten, so auch auf der anderen Seite die Behandlung der antiken Sklavenaufstände als soziale Bewegungen. Letzteres soll in dieser Arbeit geschehen, dabei sicher nicht um ideologischer Argumentationen Willen, sondern im Lichte soziologischer Theorie.

Untersuchungsgegenstand sind also die drei großen Sklavenaufstände der Antike, furiose Rebellionen, die zu langwierigen Kriegen gerieten und die römische Welt in Atem hielten: der erste und der zweite sizilische Aufstand (ca. 135-132 und 104-100 v. Chr.) sowie die Erhebung des Spartakus in Italien (73-71 v. Chr.). Nicht allein ihrer Dimensionen wegen sind diese drei Aufstände hier miteinander ausgewählt worden, sie haben dem Anschein nach auch gemein, daß sie tatsächlich auf Initiative von Sklaven entstanden sind. Hierin unterscheiden sie sich von vielen anderen Unruhen und Erhebungen in der späten Römischen Republik, an denen zwar Sklaven häufig beteiligt waren, die jedoch nicht primär aus sozialen Konflikten resultierten sondern Mobilisierung und Manipulation der abhängigen Bevölkerungsschichten darstellten, im Schatten ganz persönlicher Ambitionen einiger Weniger. Die Sklavenaufstände, welche im folgenden Thema sein sollen, kann man demgegenüber (vorsichtig) als originäres Gewächs eines gärenden sozialen Nährbodens und echte Bewegungen bezeichnen. Um Analogien und Kontraste aufzuzeigen, werden sie vergleichend nebeneinander stehen.

Neben und mit der neuzeitlichen ideologischen Instrumentalisierung verknüpft sahen und sehen sich auch die Altertumswissenschaften vor vielfältige Probleme gestellt, wenn sie über die genannten Sklavenerhebungen handeln. Viel diskutiert sind Ursachen der Aufstände und Beweggründe der Sklaven, ihre Ziele, und im Ergebnis die historische Bedeutung im Kontext politischer und sozioökonomischer Entwicklungen der späten Römischen Republik. Wie unterschiedlich die historischen Bewertungen der Rebellionen und besonders des Spartakus ausfallen können, ist an den polarisierenden Eingangszitaten dieser Arbeit abzulesen, wobei die eine Meinung (K. Marx) schon früh populär und folgenschwer wurde und den modernen Spartakus-Mythos zementierte, während die andere (A. Guarino) als unter Wissenschaftlern nicht minder einflußreiche Replik gesehen werden muß. Zwischen diesen Polen tun sich dem recherchierenden Betrachter die Forschung und ihre Antworten in aller Vielschichtigkeit auf[4]. Es scheint sogar, die Sklavenaufstände der Antike wären in ihrer Komplexität allein aus den Quellen nicht letztgültig zu erklären.

Man kann indessen einwenden, daß die großen Sklavenkriege ein übermäßig beackertes Feld seien, auf dem keine Früchte der Erkenntnis mehr zu holen sind. Zum einen aber hat dieses Feld einige Zeit brach gelegen – zweifellos aus gutem Grund, zum anderen bietet es sich, da seine Grenzlinien gezogen und Geländemarken abgesteckt sind, als althistorisches Testfeld für die soziologische Theorie an[5]. Methode dieser Arbeit soll also sein, die Sklavenaufstände anhand der soziologischen Theorie, speziell der Theorie kollektiven Handelns von M. Olson zu erörtern[6], verlinkt mit weiteren Teilüberlegungen zur Struktur, Organisation, Dynamik und Rolle von Habitus und Identität in sozialen Bewegungen. Die Fruchtbarkeit der Synthese von Soziologie und Alter Geschichte wird hierbei – in unserem speziellen Fall – gleichermaßen auf dem Prüfstand stehen und der Nutzen für die Alte Geschichte zu besprechen sein.

Zur schwerfälligen Zusammenarbeit beider Disziplinen müssen noch einige Worte gesagt werden. Ein noch immer in den Wissenschaften verbreitetes Phänomen ist, daß das Überschreiten der akademischen Fachgrenzen häufig die Kritik von Kollegen provoziert. Gewarnt wird gerade in der Altertumswissenschaft vor bloßer Neuetikettierung der historischen Faktenlagen. Ein wirklicher Erkenntniszuwachs wird oft bezweifelt. Insofern ist hier auch den Grenzen der Grenzüberschreitung nachzugehen und zu prüfen, inwieweit diese Kritik berechtigt ist. Besonders in den 1960er und 70er Jahren – zeitgleich mit dem hierzulande verzögerten Aufschwung der Soziologie – wurden Diskussionen um deren Anwendbarkeit in der Geschichtswissenschaft eröffnet[7], die teilweise vom Enthusiasmus des Aufbruchs geprägt waren[8]. Einschlägige ‚Durchbrüche‘ blieben aus, doch wandte man sich seit den 80er Jahren intensiver der Sozialgeschichte der Antike zu und gerieten Minoritäten und andere gesellschaftliche Gruppen abseits staatstragender Schichten ins Blickfeld[9]. Neuere Arbeiten gebärden sich u.a. kulturvergleichend[10]. Obschon nun nicht mehr von einer breiten Kluft zwischen systematischen und historischen Sozialwissenschaften zu reden ist, bleibt doch eine gewisse Distanziertheit der Alten Geschichte zur Soziologie spürbar[11]. Vielen Althistorikern mag es unergiebig vorkommen, nicht zwischen, sondern neben den Quellen nach Erkenntnissen zu suchen, und nicht selten zu Recht wird vor Verallgemeinerungen von Detailkenntnissen gewarnt. Die Verwendung ‚modernistischer‘ Vokabeln droht zudem den Blick auf singuläre historische Figuren zu verstellen[12]. Problematisch ist gewiß auch die Abbildung modern konzipierter Theorien auf historisch weit entfernte Ereignisse, zumal die Phänomene sozialer Konflikte der Antike nur oberflächlich denen heutiger vergleichbar sind[13]. Überdies kann dem methodischen Anspruch auf empirische Hypothesenprüfung aufgrund der dafür ungünstigen Dokumentationslage in den Quellen nur bedingt entsprochen werden[14]. Doch bedürfen nicht alle theoretischen Aussagen der breiten empirischen Unterstützung; oftmals genügen Konditionalaussagen bzw. eine gewisse Indizierung (gemeint im Sinne von Indiz und im Sinne von Index).

Klar ist, daß bestimmte Voraussetzungen für die mögliche Fertilität des Paares Alte Geschichte und Soziologie gegeben sein müssen: 1. Applikabilität moderner Theorien für die Antike, 2. gewissenhafter Umgang mit den Quellen, ohne sie durch moderne Konnotationen semantisch aufzuladen, und 3. das Resultat darf gesicherten Erkenntnissen der Altertumswissenschaft nicht diametral widersprechen[15]. Zu den Chancen der Anwendung soziologisch-systematischer Erkenntnisse gehört, daß man über eine bloße Kombination der zur Verfügung stehenden Zeugnisse hinaus gehen kann und nicht vor den unüberwindbar scheinenden Schwierigkeiten der Quellen zu kapitulieren braucht, nicht immer jedenfalls. Natürlich ist Vorsicht vor einer „unbedenklichen historischen Modernisierung“ geboten[16], auf der anderen Seite kann solch eine Modernisierung Wege zu neuen Fragestellungen eröffnen. Weiter sind soziologische Theorien auch darauf ausgelegt, nicht unwesentliche Strukturanalogien aufzuzeigen. Dies ist für den Althistoriker dahingehend von Interesse, daß ihm klassifikatorische Arbeit die Beschreibung des Besonderen auf der Matrix des Typischen gestattet. Umgekehrt ist die Soziologie freilich auf die Klärung der konkreten historischen Dimensionen sozialer Mechanismen angewiesen, so daß der hier verfolgte Ansatz nicht zuletzt auch eine fruchtbare Herausforderung speziell für die Theorie kollektiven Handelns darzustellen vermag. Merkmal dieser Theorie (bzw. dieses Theorietypus) ist, daß sie nicht nur Makroaussagen, also eine Strukturanalyse der Rahmenbedingungen gewährleistet, sondern viele Annahmen auf der Akteursebene ermöglicht und damit historischen Besonderheiten einen gewissen Raum läßt. Entsprechendes Werkzeug wird geboten, um „Vorgänge verschiedenartigster Motivation, Stoßrichtung und Priorität“[17] in ein Erklärungsmuster zu integrieren. – Kurz: die Vorteile neigen, gewogen gegen die oben angesprochenen Risiken, einer gewinnbringenden Anwendung soziologischer Methoden in der Alten Geschichte zu. Und man darf vielleicht etwas agitatorisch mit D. Timpe resümieren, daß „der Althistoriker gar nicht anders [kann], als die soziologische Intention in seinem Bereich als heuristisches Prinzip zu gebrauchen und an ihr seine Methoden zu schärfen.“[18]

Trotz dieser – auch in unseren Tagen zu erneuernden – Feststellung (um die in dieser Arbeit bezogene Position nicht zu verhehlen) ist die Umsetzung derartiger Interdisziplinarität respektive die Prüfung von Umsetzungsmöglichkeiten nicht übermäßig weit gediehen, obschon einige Forscher sich hier verdient gemacht haben. Zwar entnimmt man nach wie vor der Soziologie vielfältige Anregungen, meist derart, daß Typologien und Begriffe rezipiert, seltener Methoden übernommen werden. Jedoch, soweit der Autor zu sehen vermag, ist der direkte Einsatz von vollständigen, soziologischen Theorien als Erklärungsschemata recht spärlich[19].

Ein Ziel dieser Arbeit ist folglich, zu prüfen, inwieweit ein Zusammenwirken der Disziplinen Soziologie und Alte Geschichte sinnvoll sein kann, jedenfalls – und das sei betont – für den hier gewählten Fall <Sklavenaufstände und Theorie kollektiven Handelns>. Bei anderer Lagerung der historischen Basis und unterschiedlichen soziologischen Ansätzen mögen die wissenschaftstheoretischen Ergebnisse recht verschieden ausfallen.

Nun sollen die Erträge der ‚konventionellen‘ althistorischen Forschung hier nicht stiefmütterlich behandelt werden, weshalb im folgenden ersten Teil der Arbeit aus ungeteilt historischer Warte vom zeitlichen und sozioökonomischen Umfeld der Aufstände zu handeln sein wird, von den Quellen, der bekannten Ereignisgeschichte jener Rebellionen sowie von den wichtigsten Forschungsdiskussionen zum Thema.

I. Teil: Historische Erträge – der Blick ins Kaleidoskop

Tatsächlich bietet der tiefere Blick in die althistorischen Quellen und die entsprechende Forschungsliteratur zu den großen Sklavenkriegen im 2. und 1. Jh. v. Chr. ein facettenreiches Über-, Neben-, In- und Gegeneinander verschiedenster Blickwinkel, Problemstellungen und Lösungsversuche. Um ein Durcheinander zu vermeiden, sollen Rahmenbedingungen und Schicksal der Aufstandsbewegungen hier möglichst neutral und konfliktfrei dargestellt werden, um dann im Anschluß die vielfältigen Kompliziertheiten des Themas durch das Kaleidoskop der maßgeblichen Forschungstendenzen zu betrachten.

Nicht alle Personengruppen, die in der Antike einen unfreien Status hatten, waren einfach ‚Sklaven‘ im heutigen Wortsinn. Verschiedene Stufen der Freiheit und Halbfreiheit existierten, allerdings mehr juristisch denn sozial voneinander getrennt, wie es scheint[20]. Eine substanzielle Wesensbestimmung dessen, was die gebräuchlichen antiken Sklaventermini δοῦλος bzw. servus bezeichneten, könnte sich an den folgenden Merkmalskatalog halten[21]: Sprachlosigkeit (sofern man keine der gängigen Verkehrssprachen beherrschte), Familienlosigkeit und Atomisierung (durch Herausreißen aus der Herkunftsgruppe), geringes Machtpotential und Lähmung von Initiative, Verlust des Selbstvertrauens (durch körperliche Verfügbarkeit, Mißhandlung und Hoffnungslosigkeit). Das Augenmerk dieses Identitätsbildes liegt auf sozialer Marginalität und absoluter Fremdbestimmung, und man mag einmal im Geiste nachfühlen, mit welchen Gemütseinstellungen ein antiker Sklave seinem Schicksal demnach begegnen konnte[22].

Das Aufbegehren gegen den unfreien Status nahm in der Antike (wie sonst auch) verschiedene Formen an: von Diebstahl und Sabotage über Flucht bis zu offenem Widerstand. Offene Rebellion indes war zwar das drastischste Mittel, seine Opposition auszudrücken, eine Opposition zum System als solchem möglicherweise sogar, nicht aber das zweckmäßigste. Da politische und ideologische Fundamente fehlten, blieb das Freiheitsideal meist nur durch individuelles Engagement zu erreichen, und so begegnet gemeinschaftlicher Widerstand in Form von Revolten allgemein relativ selten. Die Flucht war die gängigste Form, den unerträglichen Konditionen des Sklavendaseins zu entrinnen[23]. Die Ausbeutung der Sklaven, v.a. im Handwerk, im Bergbau und in der Landwirtschaft darf jedoch nicht dazu verleiten, jegliches Sklavendasein der Antike als einziges Elend zu qualifizieren. Genauso gab es beispielsweise Sklaven, die mit der selbständigen Führung von Geschäften betraut waren oder andere, die im Haushalt kleinere Dienste zu verrichten hatten und ansonsten nur als Statussymbol ihrer Herren fungierten. Auch werden der Sklaverei der älteren Zeit gemeinhin menschlichere Züge zugeschrieben: Sklave und Hausherr pflegten relativ enge Beziehungen, man teilte Arbeit und Tisch und es bestand persönliche Verbundenheit[24]. Ohne den Grad der Integration des Sklaven überbewerten und seinen Status als Unfreier unterbewerten zu wollen, lassen sich dennoch Unterschiede benennen zu jener Form von Sklaverei, die im hier betrachteten Zeitraum mehrheitlich praktiziert wurde: Waren in der römischen Frühzeit Viele durch Schuldknechtschaft in Abhängigkeitsverhältnisse geraten bzw. blieb die Zahl der Unfreien ‚auf natürliche Weise‘ konstant, indem Sklaven eigene Familien gründeten, und handelte es sich größtenteils um Italiker, die also nicht ‚kulturfremd‘ waren, so importierte man besonders ab dem 2. Jh. v. Chr. Massen von Neusklaven, ehemals Freie, aus fremden Ländern, sogenannte Barbaren und ehemalige Bürger der hellenistischen Welt. Man könnte sagen, früher herrschte eine organische Form von Sklaverei vor, später eine mechanische. Aber wie kam es zu dieser Entwicklung?

In der Zeit nach dem 2. Punischen Krieg befand sich Rom in einer Phase militärischer Expansion, die nicht ohne Rückwirkung auf das Wirtschafts- und Sozialgefüge blieb. Endlose Kriege und die permanente Verpflichtung zum Wehrdienst entzogen dem ursprünglichen Kleinbauerntum seine Existenzgrundlage. Viele verarmten, waren in die Stadt abgewandert und hatten den Großgrundbesitzern in Italien und auf Sizilien das Feld überlassen[25]. Bäuerliche Strukturen verfielen und in der Folge verbreitete sich eine extensive, marktorientierte Gutswirtschaft in Gestalt von villae und latifundia, geführt von den Eliten der Gesellschaft. In diesen Mittel- und Großbetrieben entwickelten sich neue, rationalisierte Arbeitsprozesse, und zur Deckung des gestiegenen Bedarfs an billigen Arbeitskräften zog man hauptsächlich Sklaven heran[26]. Die Quellen, aus denen Sklaven nun der römischen Wirtschaft zuströmten, waren Kriegsgefangenschaft und Massenversklavungen von Einwohnern eroberter Gebiete. Darüber hinaus führte Menschenraub per Piraterie oder durch Streifzüge in die Randzonen der mediterranen Welt dem Sklavenhandel ‚Material‘ zu. Die Zahl der Sklaven jedenfalls muß immens gewesen sein[27]. In ihrer Bedeutung für die römische Wirtschaft waren sie schnell unentbehrlich und allgegenwärtig geworden. Eingesetzt wurden sie in Stadt und Land auf allen Wirtschaftssektoren, vom Landarbeiter und Handwerker über den Bergmann und Dienstboten bis hin zum gebildeten Erzieher für die Sprößlinge der besseren Gesellschaft[28]. Der Stellenwert der Sklaverei bei der Römern und die demographischen Relationen zwischen Freien und Unfreien scheinen es zu rechtfertigen, von einer ‚Sklavengesellschaft‘ zu sprechen[29]. Bei einer Gesamtbevölkerung in Italien von ca. sieben Millionen sei in den letzten beiden Jahrhunderten der Römischen Republik die Zahl der Sklaven von etwa 500.000 um das Vierfache auf zwei Millionen angestiegen[30].

Weiter begünstigte ein billiges und dauerhaftes Überangebot an Sklaven den Raubbau am ‚Humankapital‘, wie man mit moderner Begrifflichkeit formulieren könnte. Aus den Sklavenheeren speziell in der Landwirtschaft, wo sie denkbar schlechte Behandlung erfuhren, wurde ab dem 2. Jh. v. Chr. eine anonyme, von Ausbeutung und Verachtung gezeichnete Masse ohne tiefere soziale Bindungen, wurde der einzelne Mensch als bloßer Faktor kapitalistischen Gewinnstrebens aufgefaßt. Diese Haltung der domini deutet sich an bei Cato etwa[31], wenn er Sklaven auf gleicher Stufe wie Nutztiere und Gerätschaften zur Ausstattung eines landwirtschaftlichen Gutes zählt, oder in jener viel zitierten Stelle bei Varro, wo ganz einfach drei Arten von „Werkzeugen“ unterschieden werden: Stummes (Gerät), Halbsprechendes (Vieh) und Sprechendes – die Sklaven[32]. Cato und Varro verteilten Ratschläge für den Umgang mit unfreiem Personal und der neue Wandel der Agrarwirtschaft generierte Handbücher für Landwirte größeren Kalibers bzw. solche, die mit entsprechender Kapitaldeckung einstiegen, Handbücher die an vielen Stellen erschreckend inhumanes Personal- und Arbeitsmanagement predigten, wie es nicht nur die Antike kennt[33]. Regelrechtes Profitdenken begleitete den Strukturumbruch in der Landwirtschaft und die Arbeitsorganisation richtete sich nach genau bemessenem Arbeitsaufwand bei gleichzeitiger Kostenminimierung – eine Rechnung, die auf Kosten der Sklaven gemacht wurde. Für sie sollte es nach dem Dafürhalten Catos keinen Leerlauf geben, keinen Müßiggang, da hieß es (wörtlich und übertragen) ‚ackern bis zum Umfallen‘, da wurden ‚kaputte‘ Sklaven, Alte und Kranke einfach abgestoßen und durch neue ersetzt[34]. Natürlich muß dieses Bild differenziert werden: Nicht alle in der Landwirtschaft Tätigen, auch nicht alle Sklaven, wurden auf diese Weise behandelt. Für die Gutsbetriebe ist hier auf eine gewisse Hierarchie zu verweisen, vom unfreien Gutsverwalter, dem vilicus[35], der auch freien Tagelöhnern und Saisonarbeitern vorstand, über Aufseher und Fachkräfte hinab zum gepeinigten instrumentum vocale. Allerdings machte Letzteres die Masse. Des Nachts wurden diese Sklaven häufig in eine Sklavenkaserne, das ergastulum eingesperrt, und oft waren sie selbst während der Arbeit in Fesseln gelegt[36]. Ähnlich schildert Diodor[37] die Arbeits- und Lebensbedingungen der unfreien Arbeiter auf Sizilien im Vorfeld der Sklavenaufstände: gebrandmarkt wie das Vieh wurden sie – nicht aus Strafe sondern präventiv – dauernd gefesselt, erhielten nur ungenügend Nahrung, dafür aber Schläge usw.

Nun tauchen gerade die in der Landwirtschaft eingesetzten Sklaven in den Quellen als Aufständische auf, und unter Vorbehalt ließe sich formulieren, „daß [...] die Lage der Unfreien [...] so unerträglich war, daß allein eine Revolution noch lebenswerte Bedingungen versprechen konnte.“[38] Vermutlich galt dies um so mehr für Menschen, die – frei geboren – plötzlich (durch Kriegsgefangenschaft etwa) das schwere Los der Sklaverei zu tragen hatten und auf die Wiedererlangung der Freiheit brannten. Einerseits ersann man zwar allerlei Maßnahmen, die das Aufbegehren der Sklaven verhindern sollten: ethnische Mischung der Sklaven, um über Sprachbarrieren Konspirationen vorzubeugen, das Säen von Zwietracht unter den Arbeitern, oder Versuche, sie dauerhaft zu binden, indem man die Gründung einer eigenen Familie gestattete[39]. Andererseits scheinen die domini die Kontrolle oft allzu leichtfertig gehandhabt zu haben. Ein Beispiel hierfür sind die Hirtensklaven, die in Süditalien und auf Sizilien, wo groß angelegte Viehwirtschaft zu Bedeutung gelangt war, der Aufsicht ihrer Besitzer weitgehend entzogen waren, wenn sie die Herden in abgelegenen Regionen weideten. Überdies waren sie zum Schutz des Viehs mit Waffen ausgestattet, gegenteilig aber mit Nahrung und Kleidung durch die Grundbesitzer unterversorgt. In ihrer Bewegungsfreiheit befleißigten sie sich räuberischer Selbsthilfe und bildeten Banden, die das Land tyrannisierten. Die Herren selbst hatten hier demnach solchen ‚Sicherheitslücken‘ Vorschub geleistet, und es bedurfte meist nur eines Anlasses für den nächsten Schritt, zur bewaffneten Revolte[40].

In diesen Rahmen also lassen sich die großen Sklavenrebellionen der späten Römischen Republik positionieren[41]. Anzumerken beleibt sicherlich, daß dies nicht die ersten Sklavenrevolten waren, mit denen sich Rom konfrontiert sah. Bekannter sind dabei der Aufstand unter dem Sabiner Appius Herdonius 460 v. Chr., die Verschwörung von servi und socii navales 259 v. Chr., der Aufstand karthagischer Geiseln und afrikanischer Sklaven 198 v. Chr., die Verschwörung von Sklaven in Etrurien 196 v. Chr. und die Unruhen unter Hirtensklaven in Apulien 185/4 v. Chr.[42] Zwischen diesen Revolten und den großen Sklavenkriegen kann jedoch keine gerade Linie gezogen werden. Die Aufstände der frühen und mittleren Republik hatten lokalen Charakter und eine geringe Teilnehmerzahl. Sie blieben weitgehend ohne Bedeutung für den Gang der Politik und entstanden nicht auf Initiative aus den Reihen der Sklaven sondern wurden meist von Freien, politischen Gegnern oder „aristokratischen Außenseitern“ lanciert[43]. Außerdem wandelte Rom sich, veränderte sich unsere Quellenlage, und die Sklaven selbst hatten sich gewandelt, was ihre Herkunft, ihre quantitative und wirtschaftliche Bedeutung betrifft, ihre Chancen und ihr Verhalten in einer nun mechanischen Form der Sklaverei.

Den Ereignissen um die beiden sizilischen Aufstände und den Krieg des Spartakus wollen wir uns – nach einem kurzen Blick auf die Quellensituation – zuwenden.

I. 1. Die Quellen

Unsere Quellen für die drei großen Sklavenkriege können unterteilt werden in Primärquellen, welche entsprechend am ergiebigsten sind[44][45], und kleinere, in die Literaturlandschaft der Antike gestreute Quellen, Randnotizen, mehr oder weniger hilfreiche, direkte und indirekte Aussagen.

Für den 1. sizilischen Aufstand ist der Hauptinformant Diodorus Siculus mit Passagen aus seiner Bibliothek (34/35, 2, 1-3, 1). Auch für den 2. sizilischen Aufstand ist Diodor (36, 1, 1-11, 3) heranzuziehen. Die Erhebung unter Spartakus wird ausführlich in der Lebensbeschreibung des Crassus bei Plutarch (8-11) und in Appians Bürgerkriegen (1, 116-120) geschildert. Florus gibt im zweiten Buch der Epitome (2, 8, 1-14) einen kurzen aber nützlichen Rapport über diesen Sklavenkrieg. Für die Quellen um Spartakus wird angenommen, daß sie zu zwei Traditionssträngen summiert werden können. Ein Strang gehe auf das Geschichtswerk des Titus Livius zurück (vertreten u.a. durch Florus, Orosius, eventuell Appian), der eine mißgünstige Einstellung gegen Spartakus gehegt habe, der andere auf die Historien des eher wohlwollenden Sallust (auf welche sich Plutarch mutmaßlich stützte)[46]. Die betreffenden Abschnitte beider Autoren sind uns leider nur verstümmelt erhalten; bei Livius in überaus knappen Inhaltsangaben, den Periochae, die nicht viel hergeben, bei Sallust in schwer zu ordnenden Fragmenten[47]. Im groben Ablauf des Krieges stimmen beide Traditionen immerhin überein, Varianten ergeben sich in Einzelheiten, den moralischen und politischen Tendenzen und dem Augenmerk der jeweiligen Autoren.

Zu den nachgeordneten Quellen zum 1. sizilischen Sklavenkrieg zählen neben Florus u.a. Iulius Obsequens und – relativ ausführlich – Orosius, beide erst aus dem 5. Jh. n. Chr., weiter Valerius Maximus und natürlich Cicero, zeitnah mit Bemerkungen in seinen Verrinen. Dieser Auflistung werden für die 2. sizilische Erhebung Athenaios und Fragmente des Cassius Dio hinzugefügt. Im Fall des Spartakus bieten wiederum Orosius, Athenaios und Cicero, sowie Velleius Paterculus, Frontin (mit Interesse für die militärischen Strategien) und Sueton Ergänzungen.

Diodor, selbst aus Sizilien stammend, lebte im 1. Jh. v. Chr. Seine Weltgeschichte ist ein kompilatorisches Werk, in dem er sich auf wertvolle, heute zum Teil verlorene Quellen stützte, dabei jedoch nicht immer sauber arbeitete. Für die Ereignisse der beiden Sklavenkriege in seiner Heimat scheint er über weite Strecken Poseidonios von Apameia benutzt zu haben[48]. Erhalten sind uns Diodors Berichte aus byzantinischen Exzerpten des 9. und 10. Jh. in zwei einander größtenteils deckungsgleichen, sich aber mitunter ergänzenden Versionen. Auch wenn diese Quelle am ausführlichsten berichtet, ist ihr gegenüber Mißtrauen angebracht: Diodor ist manchmal schlecht informiert und liefert Anachronismen[49]. Außerdem hat es den Anschein, daß er den sozialen und ökonomischen Hintergrund auf Sizilien unzuverlässig darstellt[50]. Im übrigen aber muß ihm angerechnet werden, wie er auch die Perspektive und Bewußtseinslage der Aufständischen berücksichtigt, auf die Zustände der Sklaverei eingeht und bisweilen die Rolle des Apologeten oder „Anwalts der Sklaven“ einnimmt[51].

Plutarch von Chaironeia schrieb zu Zeiten Trajans um die Wende vom 1. zum 2. Jh. n. Chr. Er war u.a. als Biograph tätig und betrieb nach eigenem Verständnis weniger Geschichtsschreibung denn Zeichnung von Lebensbildern. Die literarische Gattung beeinflußt hier also die Reliabilität der Quelle, doch kann man Plutarch neben moralisierenden, pädagogischen Intentionen eben auch eine gewisse Sorgfalt mit seinen Quellen attestieren. Dem Spartakus begegnet er mit Wertschätzung, wenngleich zu bedenken ist, daß er der literarischen Darstellung wegen einen kompatiblen Gegner, einen ebenbürtigen Widerpart für Crassus benötigte[52].

Der monarchisch gesinnte Autor Appian lebte zwischen 90 und 160 n. Chr. und hinterließ eine längere Darstellung der Sklavenerhebung unter Spartakus. Für diesen hat er – als Huldiger römischer Tugenden und römischer Größe – allerdings nur Geringschätzung übrig und ist stets bestrebt, die Erfolge der Sklaven zu diskreditieren[53].

In diesem Sinne ist Florus ebenfalls nicht ohne Makel, den man zeitlich ins 2. Jh. n. Chr. einordnet. Auch er verbirgt nur schwerlich seine Verachtung für den Gegner, speziell bei Spartakus. Er diffamiert, spielt römische Niederlagen herab und bescheinigt den Sklaven einzig niedere Ziele wie Raub, Rache und Terror[54]. Desweiteren stellt er nicht unbedingt ein Musterbeispiel exakten Arbeitens dar; öfters unterlaufen ihm Fehler was z.B. Namen und Chronologie angeht[55].

Die Liste der ‚Unannehmlichkeiten‘ mit diesen Quellen ist nicht kurz. Im großen und ganzen sind uns die begreiflicherweise zu bevorzugenden zeitnahen Quellen – die Historiker Sallust und Livius sowie Poseidonios – nicht oder nur bruchstückhaft zugänglich. Weiter handelt es sich in der Mehrzahl um ‚feindliche‘, Rom-orientierte Quellen, die sich undifferenziert und verurteilend zur Motivation der Aufständischen und zwiespältig zu deren Zielen äußern. Einen tieferen Blick aus Perspektive der Sklaven versuchen wenigstens Diodor und Plutarch. Sämtliche Autoren gehörten indes der Oberschicht an, wonach hier Aussagen, die auf authentischen Informationsquellen seitens der Gegner Roms beruhen, nicht ohne weiteres zu erwarten sind, zumal die revoltierenden Sklaven selbst keine Zeugnisse hinterlassen haben. Überhaupt stellt die tendenziöse Verzerrung der Geschehnisse eines der gewichtigsten Probleme dar. Die Grenzen zwischen historischen Tatsachen und literarischer Stilisierung sind fließend, ganz besonders hinsichtlich der Charakterisierung der Aufstandsführer[56]. Indem sich die antike Historiographie auf diese konzentriert, personalisiert sie das Geschehen, wie wir es v.a. im Fall des Spartakus beobachten können.

Die Soziologie nun hat im wesentlichen mit diesen Quellen genauso umzugehen, wie es die Alte Geschichte tut, d.h. Kontext und Intention der Aussagen zu beachten, um über die Dechiffrierung diverser, vorgeschalteter Filter indirekt zu den Tatsachen vorzudringen[57]. Über die klassische Methode der Historiker hinaus aber, die die Quellen in Diskurs zueinander stellen und sie quasi gegeneinander ausfragen[58], vermag die Soziologie hier vielleicht vom theoretischen Fahrplan aus neue Fragen an die Quellen[59] heran zu tragen, und erkundet, wie sie sich zu den Hypothesen der Theorie äußern (welche wiederum – grob gesagt – auf anthropologische Variablen und Konstanten abzielen). Deshalb bietet sie der Alten Geschichte möglicherweise neues Werkzeug, und vice versa liefert die geschulte Quellenkritik zur Antike der Soziologie das quasi-empirische Material[60].

Anhand der vorgestellten Zeugnisse erfolgt nun eine grobe[61] Rekonstruktion der drei großen Sklavenkriege des 2. und 1. Jh. v. Chr.

I. 2. Der erste sizilische Sklavenaufstand (135-132 v. Chr.)

Alteingesessene sizilische und aus Italien eingewanderte Großgrundbesitzer waren es, die auf[62] Sizilien eine inhumane und leichtsinnige ‚Personalpolitik‘ betrieben. Die Sklaven, die sie in großen Zahlen auf ihren Gütern beschäftigten, erfuhren viel Ungerechtigkeit und Verbitterung, so daß ihre Rachegelüste das Maß allenthalben zu überschreiten drohten. Daneben scheint es Usus gewesen zu sein, denjenigen Sklaven, die – mit relativer Bewegungsfreiheit – als Hirten eingesetzt waren, Kleider und Nahrung vorzuenthalten, unter dem Hinweis, solcherlei könne man sich doch bei Reisenden usw. zusammenstehlen. Von ihren Herren wurden diese Sklaven praktisch zur Räuberei angehalten; Banden müssen sich an allen Wegen herumgetrieben haben und das ganze Land litt unter einer ‚Räuberplage‘. Die römischen Statthalter gingen offenbar nur halbherzig dagegen vor (auf Druck der einflußreichen Grundbesitzer-Lobby). Die domini traten als Patrone der Banden auf, von ihrer Seite wurde die Räuberei geduldet, forciert sogar und – irgendwann nicht mehr – kontrolliert[63]. Das Heft entglitt ihnen allzu oft, die Banden verselbständigten sich, es kam zu Eskalation und Gesetzlosigkeit in den ländlichen Gegenden.

Parallel dazu müssen jene Sklaven, die zur Feldarbeit gezwungen waren, dazu übergegangen zu sein, konspirative Gruppen zu bilden. Als erstes wurde der Plan im Jahr 135 v. Chr. bei der Stadt Enna im Zentrum Siziliens in die Tat gesetzt. Dort hatten sich vierhundert Sklaven eines gewissen Damophilos zusammengerottet, eines reichen Emporkömmlings, der im Verein mit seiner Frau Megallis ein besonders hartes und grausames Regiment über seine Arbeiter führte, und der auch mit seinen Hirten wie beschrieben verfahren war. Vor ihrer Rebellion holten die Sklaven den Rat des Eunous ein. Dieser war selbst ein Haussklave, seines Zeichens Wahrsager und Magier aus Syrien. Schon vorab hatte er verkündet (auch vor seinem Herrn), die syrische Göttin Atargatis-Astarte, unter deren Schutz er stünde, habe ihm das Königtum prophezeit. Nun bescheinigte er den Sklaven das Wohlwollen der Götter für ihr Vorhaben und setzte sich auch gleich an ihre Spitze. Gemeinsam zog man gegen Enna, wobei Eunous unter gauklerischem Spektakel, feuerspuckend nämlich, die Verwegenen anführte. Die Stadt wurde im Handstreich genommen, und was zunächst folgte, war eine furchtbare Eruption von Rache und Gewalt, die keinen Bürger gleich welchen Geschlechts und Alters verschonte. Die Sklaven aus der Stadt Enna schlossen sich den Aufständischen an und im Theater hielt man eine Art Volks- oder Heeresversammlung ab, bei der denn Eunous auch tatsächlich zum König gewählt wurde[64]. Als solcher nahm er den Namen Antiochos an, seine Untertanen hießen fortan <Syrer>[65]. Darüber hinaus schmückte er sich mit Diadem und monarchischer Robe und gebärdete sich auch sonst ganz im Zeichen hellenistisch-seleukidischer Herrschaft, indem er sich später mit Leibgarde und Dienern umgab und einen Hofstaat samt Beraterstab um sich versammelte, aus dem ein gewisser Achaios durch Fähigkeit und Tat hervorstach. Die Aufstandsbewegung erhielt Verstärkung durch Sklaven der Umgegend[66], man bewaffnete sich, zunächst mit improvisierten Waffen – symbolisch hierbei die Sichel, und man ging daran, die Bewegung und die neu proklamierte Monarchie zu organisieren[67]. Nach kurzer Zeit brachte man 10.000 Mann auf, trat den angerückten römischen Provinzialtruppen offen entgegen und besiegte sie. Rom respektive seine Vertreter auf Sizilien stuften die Umtriebigkeiten offenbar nicht als gemeingefährlich ein und bekämpften sie zunächst als lokale Polizeiaktion mit in Sizilien vorhandenen Kräften. Erst später ergriff man ernste Maßnahmen und schickte reguläre Streitkräfte unter praetorischem bzw. konsularischem Kommando[68].

Inzwischen nahmen andere Sklaven auf Sizilien sich ein Beispiel und weitere lokale Erhebungen wurden involviert, vom jungen Sklavenstaat absorbiert. So entstand im Südwesten der Insel eine Revolte, deren Rädelsführer, ein kilikischer Sklave namens Kleon, der als Pferdehirt und Räuber bei Agrigent ansässig gewesen war, mit den Seinen nach Enna zog und sich als Feldherr dem Eunous-Antiochos unterordnete[69]. Auf gleiche Weise konstruktiv schien es, daß die Sklaven während ihrer Aktionen jetzt darauf achteten, Bauern und Grundbesitzer, die Ernten und die landwirtschaftliche Infrastruktur zu schonen, wohingegen arme Freie die anarchischen Bedingungen offenbar dazu nutzten, auf Plünderungszüge zu gehen. Letztere beteiligten sich also nicht direkt am Aufstand, sondern waren in eigener Sache unterwegs. Von anderen urbanen Sklaven außer aus Enna, die sich den Rebellen anschlossen, ist nicht die Rede. Zuflucht zu jenen nahmen offenbar weiter hauptsächlich unfreie Arbeiter aus den ländlichen Regionen[70].

Die Monate zogen ins Land und man brachte einem eigens in Sizilien ausgehobenen römischen Heer von 8.000 Mann eine vernichtende Niederlage bei. Die Rebellen zählten jetzt 20.000 und weiter strömten Scharen den Aufständischen zu, bis diese angeblich eine Stärke von 200.000 Mann erreichten[71]. Auf der Insel gerieten immer mehr Gebiete in Aufruhr, nur selten steckten die Sklaven militärische Rückschläge ein, bis sie schließlich weite ländliche Gebiete Siziliens kontrollierten und wohl auch mehrere Städte und Festungen erobert hatten. Seit 133 v. Chr. scheinen sie aber ins Hintertreffen geraten zu sein. Bereits seit 134 v. Chr. war das Kommando auf römischer Seite den Konsuln übertragen worden, die jetzt zwar mit regulären Truppen anrückten, zunächst aber scheinbar nur halbherzig vorgingen und nur mäßige Erfolge erzielten. Die entscheidende Wende führte schließlich Publius Rupilius (cos 132 v. Chr.) herbei, der durch Belagerung und Verrat das befestigte Tauromenium und endlich auch Enna zurück gewann. Der Kilikier Kleon war bei einem Ausfallversuch aus Enna heldenhaft ums Leben gekommen, Eunous-Antiochos wurde einem Feigling gleich aus einem Versteck gelesen und eingesperrt. Im Kerker fristete er den Rest seines Lebens[72]. Die anderen Aufständischen, derer man habhaft wurde, wurden hingerichtet. Kleinere Truppeneinheiten der Römer sollten Reste und versprengte Banden zerschlagen, die offenbar wieder dem Räuberhandwerk nachgingen, während Rupilius sich sogleich an die Reorganisation der Provinz machte.

Am Ende hatte der Sklavenstaat unter Eunous-Antiochos immerhin vier Jahre lang als von Rom autonomes Gebilde Bestand gehabt. Und nur unter ungeheuren Verlusten war es den Römern gelungen, die Aufstandsbewegung zu unterdrücken und sich ihre Provinz, die ‚Kornkammer Roms‘ zurück zu holen. Für Sizilien sollte eine Phase von knapp dreißig Jahren Frieden folgen.

I. 3. Der zweite sizilische Sklavenaufstand (104-100 v. Chr.)

Ein wenig detaillierter über Konturen und Maßnahmen sind wir im Fall des 2. [73]sizilischen Aufstands unterrichtet. Trotz der Befriedung der Insel hatte sich für die Sklaven nicht viel geändert, es herrschten nach wie vor die gleichen sozialen und ökonomischen Bedingungen, die gleichen unmenschlichen Verhältnisse, unter denen sie in ihrer Unfreiheit darbten.

Unruhen entzündeten sich diesmal im Zusammenhang mit einem Senatsbeschluß aus dem Jahr 104 v. Chr., der Provinzstatthalter anwies, widerrechtlich in der Sklaverei lebende Bürger aus mit Rom verbündeten Staaten zu ermitteln und freizugeben. Offenbar gab es auf Sizilien eine ganze Reihe von Sklaven, auf die dies zutraf[74]. Der damalige Praetor Publius Licinius Nerva machte sich an die Umsetzung des Dekretes und entließ binnen weniger Tage 800 Bithynier in die Freiheit. Dies soll für Begehrlichkeiten bei vielen Sklaven auf der Insel gesorgt haben, anders aber rief es die einflußreichen ‚Landlords‘ auf den Plan, die ihre Interessen bedroht sahen und nun ihrerseits Druck auf Nerva ausübten, so daß der die Untersuchungen bald wieder einstellte[75]. Plötzlich zerschlugen sich die Hoffnungen auf Freiheit, die man sich gemacht hatte, und ein Sturm der Entrüstung fegte über die gesamte Insel. Bemerkenswerterweise provozierten wiederum die Sklavenhalter, diesmal mitsamt der Provinzialverwaltung die neuerliche Sklavenerhebung.

In verschiedenen Gegenden regte sich Aufruhr und mit Erfolg bekämpfte Nerva zunächst einzelne Banden von Aufständischen, bis er die Unruhen bereits für beigelegt hielt[76]. Ganz im Gegenteil jedoch, im Südwesten Siziliens taten sich erneut Sklaven zusammen, die sich ihres dominus, eines römischen Ritters entledigt hatten. Nerva handelte zögerlich, so daß die Schar schnell anwachsen konnte und schließlich ein Aufgebot des Statthalters in die Flucht schlug, nicht ohne dabei Waffen zu erbeuten. Der Sieg bescherte den Aufständischen Mut und immer mehr Mitstreiter. Nach wenigen Tagen kamen 6.000 Mann zusammen, die erstaunlich rasch politische Maßnahmen zugunsten einer längeren Perspektive ergriffen: Auf einer Vollversammlung konstituierten sie öffentlich ein eigenes Staatswesen und wählten einen gewissen Salvius als König an ihre Spitze. Dieser zeichnete sich, wie Eunous-Antiochos vor ihm, durch religiös-mantische Qualitäten aus; er war Opferschauer und Flötenspieler bei religiösen Zeremonien. Salvius teilte die Rebellen in drei Gruppen, die getrennt das Land durchstreifen sollten, um die Mannschaften zu verstärken und die Ausrüstung aufzubessern. Im östlichen Teil Siziliens vereinigte man sich schließlich wieder zu einem Sklavenheer von rund 20.000 Mann und begann im großen Stil mit der Belagerung der Stadt Morgantine. Zwar gelang ein Durchbruch nicht und Nerva rückte mit einer Armee von 10.000 Soldaten zum Entsatz der Stadt an, doch wurde der Statthalter von der Übermacht der Sklaven einfach überrannt und ein weiteres Mal in die Flucht geschlagen. Der großartige Sieg verbreitete glänzenden Ruhm weithin über die Insel, wodurch sich die Streitmacht der Sklaven durch starken Zulauf binnen Kürze verdoppelte. Man versuchte sich indes weiter an der Belagerung von Morgantine und befleißigte sich dabei auch subtilerer Mittel: Die Sklaven innerhalb der Stadtmauern rief Salvius auf, zu ihm überzulaufen und sich der Bewegung anzuschließen. Die Sklavenbesitzer konterten mit einem Gegenangebot – Freilassung als Lohn für die Verteidigung der Stadt, was letztendlich die urbanen Unfreien bewog, den Belagerern weiter Widerstand zu leisten[77].

Analog zum 1. sizilischen Aufstand kam es auch diesmal an mehreren Stellen der Insel zu parallelen Erhebungen. Im Westen bei Lilybaeum führte ein Kilikier namens Athenion eine Revolte an. Er tat sich seinerseits als Sterndeuter religiös hervor und war als Sklave vilicus (bzw. in griechischer Entsprechung οἰκονόμος) gewesen. Die zweihundert Sklaven, denen er vorstand, überredete als erstes zum offenen Widerstand und scharte daraufhin unzählige Sklaven aus Nachbargütern um sich, die ihn prompt zu ihrem König wählten[78]. Von vorausschauender und rational durchdachter Organisation zeugt die Form der Arbeitsteilung, die Athenion sogleich einführte: Als Soldaten nahm er nur die Fähigsten unter den zuströmenden Sklaven an, während er die übrigen anwies, ihrer Arbeit wie bisher nachzugehen. Auf diese Weise sollte der Fortgang des Wirtschaftslebens zum Unterhalt des Rebellenheeres gewährleistet werden. Überdies verbot Athenion das Morden und Plündern, zumal das Land samt Lebewesen und Pflanzen darin, wie sein persönliches Eigentum zu schützen sei[79]. Die Aufstandsbewegung unter Athenion wuchs in der Folgezeit auf angeblich 10.000 Mann an und man wagte – allerdings erfolglos – die Belagerung der Stadt Lilybaeum[80].

Salvius durchstreifte inzwischen mit den Seinen das offene Land und waltete nach seinem Gutdünken. Als König ließ er sich jetzt feierlich inthronisieren und legte sich den Namen Tryphon zu. König Salvius-Tryphon nun beorderte König Athenion zu sich, und wie schon beim 1. sizilischen Sklavenkrieg rang man mitnichten um die Vorherrschaft, sondern der Kilikier Athenion ordnete sich als Feldherr unter und die Aufstandsbewegungen vereinten sich[81]. Gemeinsam nahm man die Bergstadt Triokala im inneren Westsizilien als festen Stützpunkt in Beschlag, fruchtbar und geschützt gelegen, verstärkte die Verteidigungs-anlagen und richtete sich eine Residenz ein. Salvius-Tryphon umgab sich jetzt auch mit einem Hohen Rat, in Tracht und Aufzug indessen trat er wie der höchste römische Magistrat auf, so daß für seine Herrschaft eine merkwürdige Synthese hellenistisch-orientalischer und römischer Elemente charakteristisch wurde.

Sizilien schien derweil in großes Chaos zu stürzen, Zerstörung und Anarchie regierten v.a. in ländlichen Gegenden. Wechselvoll war weiter das Schicksal der Kriegsparteien: weder konnten die Römer die Macht der Aufständischen brechen, noch die Rebellen der Städte habhaft werden. Interessant ist, daß eine Allianz der sozial benachteiligten Schichten, also der Sklaven und armen Freien offenbar nicht zustande kam. Wie bereits im vorangegangenen Krieg nutzten freie ‚Proletarier‘ die allgemeine Anarchie lediglich auf eigene Rechnung[82].

Nach der teilweise nachlässigen Kriegführung des Nerva, dem anscheinend auch einfach nicht genügend Kräfte zur Verfügung standen, stattete der römische Senat dessen Nachfolger Lucius Licinius Lucullus im Jahr 103 v. Chr.[83] mit einem 17.000 Mann starken Heer aus. Athenion und Salvius-Tryphon zogen mit 40.000 Mitstreitern dem Feind entgegen, erlitten aber in der offenen Feldschlacht eine bittere Niederlage und konnten sich nur mit etwa der Hälfte ihrer Leute nach Triokala zurückziehen. Anstatt den Geschlagenen nachzusetzen und sie endgültig zu vernichten, erschien Lucullus erst nach neun Tagen vor Triokala, wo die Sklaven sich verbissen wehrten und schließlich den Abzug der Römer erzwangen[84]. Lucullus gab die „heiße Kartoffel“[85] quasi an seinen Nachfolger Gaius Servilius weiter, der ebenfalls nichts wesentliches ausrichtete. Im selben Jahr 102 v. Chr. starb König Salvius-Tryphon. Athenion trat die Nachfolge als König des Sklavenstaates an, durchstreifte Beute machend das Land und belagerte ungestört Städte. Das Blatt wendete sich erst, als Manius Auqilius (cos 101 v. Chr.) das Kommando im Kampf auf Sizilien erhielt. Mit harter Hand setzte er in einer heftigen Schlacht der Aufstandsbewegung ein Ende und soll Athenion persönlich in einem spektakulären Zweikampf (Feldherr gegen Sklavenkönig!) getötet haben. Selbst jetzt noch aber waren rund 1.000 Rebellen übrig unter der Führung eines gewissen Satyros, über den wir nicht mehr erfahren. Auch diese Gruppe wurde schließlich zur Kapitulation gezwungen. 100 v. Chr., nach knapp vier Jahren, war der Aufstand endgültig niedergeworfen und alle versprengten Reste aufgespürt und beseitigt[86]. Viele gefangene Sklaven inklusive Satyros deportierte man nach Rom, wo sie ad bestias verurteilt wurden. Die Sklaven aber verweigerten den Kampf mit den wilden Tieren und nahmen sich gegenseitig das Leben, Satyros als Letzter sein eigenes.

Die Nachfahren des M. Aquilius übrigens emittierten Münzen, die den Sieg ihres Vorfahren in Sizilien feierten; eine davon 70 v. Chr., also unmittelbar nach dem Spartakuskrieg[87]. Auf Sizilien sollte es nach dieser zweiten furiosen Sklavenerhebung vergleichsweise ruhig bleiben, wenn es zwar mit in die Wirren geriet, die bald der Bundesgenossenkrieg und kurz darauf der Bürgerkrieg zwischen den Anhängern Sullas und den politischen Erben des Marius heraufbeschworen – unruhige Zeiten also, die dem Aufstand um Spartakus in Italien vorauf gingen.

I. 4. Das Bellum Spartacium (73-71 v. Chr.)

Der für Rom wohl gefährlichste Sklavenaufstand begann im Jahr 73 v. Chr. mit einem Ausbruch von ca. 70 Gladiatoren [88] [89] aus einer Gladiatorenschule in Capua. Als Führungspersonen standen dabei zunächst drei Männer im Vordergrund: zwei Kelten, mit Namen Krixos und Oinomaos[90] (Letzterer verstarb wohl zeitig in einem Gefecht) sowie der Thraker Spartakus, der sich als Kopf des Unternehmens etablierte. Über Spartakus erfahren wir noch, daß er früher für die Römer gekämpft hatte, dann desertierte und sich eine Zeit als Räuber verdingt haben soll, bevor er schließlich Gladiator geworden war[91]. Mit improvisierten und erbeuteten Waffen ausgestattet, traten die Entkommenen die Flucht nach Süden an, nicht ohne den Trupp Häscher zu versprengen, der von Capua hinterher gesandt worden war. Man sammelte sich schließlich am Vesuv und sortierte sich. Die Römer schickten Gaius Claudius Glaber mit einem in Eile rekrutierten Haufen aus, der die Gladiatoren am Vesuv in der Falle wähnte, indem er den einzigen Aufgang ihrer Anhöhe versperrte. Die Aufrührer allerdings wußten aus wilden Weinranken Leitern zu machen, seilten sich den Felshang hinab und schlugen die Feinde durch einen Überraschungsangriff auf ihr Lager in die Flucht. In der Folge dieses Sieges erhielten Spartakus und seine Mitstreiter kräftig Verstärkung durch Freiwillige, die sich der Aufstandsbewegung anschlossen: flüchtige Sklaven, Hirten und auch einige Freie vom Land[92]. Die Aufständischen plünderten benachbarte Gegenden, und da Spartakus die Beute zu gleichen Teilen gehen ließ, soll ihm dies noch mehr Zulauf beschert haben[93] ; bald zählte man 10.000 Mann. In mehreren Gefechten schlugen die Rebellen nun die Streitkräfte des Praetors Publius Varinius und zwangen die Römer wiederholt zum Rückzug. Am Ende kontrollierten sie die Landschaft Campanien, marodierten über Landgüter und Dörfer hinweg und verwüsteten Städte wie Nola und Nuceria. Weiter wandten sie sich nach Lucanien, verwüsteten Metapontum und besetzten (möglicherweise) die Stadt Thurii, wo sie überwinterten[94]. Inzwischen sollte die Bewegung auf ca. 70.000 Personen angewachsen sein. Spartakus, der bereits sein taktisches Können unter Beweis gestellt hatte, kümmerte sich offenbar verstärkt um die militärische Organisation des Sklavenheeres, ließ Schilde herstellen und Waffen schmieden – u.a. aus dem eingeschmolzenen Eisen der ergastula[95].

Im Frühjahr 72 v. Chr. setzten sich die Aufständischen mitten durch Italien nach Norden in Bewegung. Berichtet wird uns von dem Plan des Spartakus, sein Heer an die Alpen zu führen und diese zu überschreiten, daß jedermann in seine Heimat ziehen könne, die einen nach Gallien, die anderen nach Thrakien[96]. Aufgrund der bisherigen Siege grassierte indes Übermut unter den Sklaven und eine Fraktion unter der Führung des oben erwähnten Krixos plädierte dafür, weiter durch Italien zu ziehen und es zu verwüsten. Wie die Quellen es jedenfalls darstellen, war das Kommando des Spartakus nicht unangefochten, sollte Insubordination bzw. Abspaltung einzelner Heeresteile auch später noch des öfteren auftreten[97].

Inzwischen hatte der Senat beide Konsuln des Jahres 72 v. Chr. Lucius Gellius Publicola und Gnaeus Lentulus Clodianus samt zwei Legionen mit dem Kampf gegen die Sklaven und Gladiatoren betraut. Diese nun nahmen <Spartakus> in die Zange, Gellius von Süden, Lentulus von Norden, wobei Gellius den separat oder als Nachhut marschierenden Heerhaufen unter Krixos überfiel und an die 20.000 Aufständische und Krixos selbst niedermachte. Spartakus soll dem Krixos daraufhin eine Leichenfeier ausgerichtet haben, bei der dreihundert römische Gefangene geopfert wurden[98]. Mit den Seinen zog Spartakus weiter nach Norden und wehrte erfolgreich und verheerend diverse Angriffe der Konsuln ab. So gelangten die Rebellen bis auf Höhe der Stadt Mutina, wo sich ihnen der Prokonsul von Gallia Cisalpina, Gaius Cassius Longinus mit 10.000 Mann in den Weg stellte. Auch er mußte eine blutige Niederlage hinnehmen.

Der Weg über die Alpen stand nun offen, doch auf wundersame Weise wandten sich die Rebellen in großer Eile wieder gen Süden: Mit angeblich jetzt 120.000 Mann soll Spartakus den Plan verfolgt haben, auf Rom zu marschieren, um der Republik in ihrem Zentrum einen empfindlichen, wenn nicht vernichtenden Stoß zu versetzen. Doch verwarf er den Plan später und zog – geräumig an Rom vorbei – weiter nach Unteritalien[99]. Rom seinerseits überantwortete ab Herbst 72 v. Chr. dem Marcus Licinius Crassus (dem späteren Triumvir) ein außerordentliches Kommando sowie ganze acht Legionen für den Kampf gegen die Aufstandsbewegung. Teile dieser Streitmacht konnten die Sklaven gleich zu Beginn der Kampagne in die Flucht schlagen[100], bevor sie erneut die Stadt Thurii und die Umgegend besetzten und in Lucanien den Winter zum Jahr 71 v. Chr. verbrachten[101]. Mittlerweile hatte Crassus in pessimistischer Einschätzung der Lage an den Senat geschrieben, daß es nötig sei, Lucius Licinius Lucullus aus Thrakien und Cornelius Pompeius Magnus aus Spanien zur Unterstützung herbei zu rufen, allerdings bereute Crassus sein Gesuch, da er fürchtete, Pompeius könne ihm den Ruhm des Sieges streitig machen[102]. Er sputete sich also, die Aufständischen in die Halbinsel Bruttium abzudrängen, und muß dabei auch Teilerfolge erzielt haben, die auf Seiten der Sklaven viele Opfer forderten. Hier im äußersten Zipfel Italiens trugen Gladiatoren und Sklaven sich offenbar mit der Idee, Teile der Bewegung mit Hilfe kilikischer Seeräuber nach Sizilien überzusetzen, um dort eine Sklavenerhebung neu zu entfachen. Die Piraten jedoch hintergingen die Aufständischen und der Versuch scheiterte[103].

Crassus hatte derweil die Landenge durch Schanzwerke absperren lassen und belagerte die Rebellen[104]. Deren Versorgungslage verschlechterte sich zusehends und infolgedessen scheint es zwischen Spartakus und Crassus sogar zu Verhandlungen gekommen zu sein bzw. zu einem Verhandlungsversuch, den Spartakus anstrengte – jedoch ohne Ergebnis[105]. Mit einer spektakulären Aktion konnte das Sklavenheer schließlich die Verschanzungen durchbrechen und floh von Crassus gefolgt Richtung Brundisium[106]. Im weiteren Verlauf gelang es Crassus, größere Rebellenverbände unter den Galliern Castus und Gannicus zu schlagen, die sich von Spartakus abgespalten hatten, der ihnen aber zur Hilfe eilte und seinerseits weitere Truppenteile des Gegners vernichtete[107]. Mittlerweile waren auch Pompeius und Lucullus nahe und ein weiteres Mal sahen sich die Aufständischen um Spartakus in die Zange genommen: von Norden her war Pompeius im Anmarsch, im Süden setzte Crassus nach, und in Brundisium landete Lucullus.

So kam es also im Jahr 71 v. Chr. zur dramatischen, entscheidenden Endschlacht gegen Crassus, bei der die Aufrührer vernichtend geschlagen wurden. Spartakus selbst drängte im Getümmel auf Crassus zu, erreichte ihn aber nicht und fiel schließlich, sich heldenhaft gegen eine Übermacht wehrend. – Zumindest darin stimmen alle Quellen überein, indem sie das Ende als heroischen Untergang beschreiben. Etwa 5.000 der Schlacht entronnene Rebellen fielen Pompeius in die Hände, der wenn auch den Siegesruhm nicht direkt einheimste, so doch den des Crassus schmälerte. 6.000 Gefangene wurden längs der Via Appia zwischen Capua und Rom gekreuzigt, gleichsam als abschreckendes Fanal wie als blutrünstiger Triumph Roms. Allerdings waren weitere ‚Säuberungsaktionen‘ offenbar unerläßlich, zumal noch im Jahr 60 v. Chr. Gaius Octavius, der Vater des späteren Augustus, Reste von Sklavenbanden im Gebiet von Thurii beseitigte, die unter Spartakus und Catilina gekämpft hatten[108].

So war zuletzt das sogenannte bellum Spartacium, am Anfang – mit den Worten Appians[109] – als Gladiatorenkampf verlacht und verachtet, zu einem furchtbaren, Italien verwüstenden Krieg ausgegoren, zum gefährlichsten und verlustreichsten Sklavenkrieg – eine blutige, erbitterte Aufstandsbewegung, die Ihresgleichen in der Antike nicht wieder sah.

I. 5. Nachwehen, Wirkungen, vielleicht sogar Humanisierung?

Daß indessen solch große Sklavenerhebungen in der Antike eher singulär und in einem begrenzten Zeitraum aufbrachen, darf selbstverständlich nicht den Blick davor verstellen, daß es dann und wann auch kleinere Rebellionen und stets andere, subtile Formen des Widerstands von Sklaven gegen ihre Unterdrücker gegeben hat: Sabotage, Diebstahl, schlechte Arbeitsmoral usw. Man kann sagen, daß Sklavenaufstände und prinzipiell eine feindselige Einstellung der Sklaven gegen ihre domini in der Antike als selbstverständlich hingenommen wurden, gewissermaßen eine gelegentlich vorkommende, „unvermeidliche und unerfreuliche Begleiterscheinung der Sklaverei“ waren[110]. Dennoch hat es nach dem Untergang des Spartakus keine vergleichbare Aufstandsbewegung mehr gegeben, weshalb hier eine Einordnung der großen Sklavenkriege der Römischen Republik versucht werden soll.

Aus der Epoche der großen Aufstände selbst sind wir über mehrere Revolten unterrichtet, die parallel, vorgelagert, regional verstreut oder verzögert unternommen (und schnell niedergerungen) wurden, so während des 1. sizilischen Aufstands in Rom und Italien, in den Bergwerken Attikas sowie auf Delos, einem Hauptumschlagplatz des Sklavenhandels[111]. – Verschiedene Konfliktherde quasi, entfacht von „abgesprühten Funken des großen Brandes auf Sizilien“[112]. Auch der Aufstand des Aritonikos in Pergamon (133-130 v. Chr.) wurde mit den Sklavenrebellionen in Verbindung gebracht[113]. Ähnlich gingen dem zweiten sizilischen Sklavenkrieg mehrere kleinere Revolten (ἀποστάσεις) auf italischem Boden voraus, etwa in Nuceria und Capua, und der unbeholfene Putschversuch des römischen Ritters Titus Vettius Minutius[114]. – So besehen haben wir hier vielleicht sogar eine Art ‚gärendes‘ Zeitalter vor uns, in dem ‚die Sklavenseele‘ (und nicht nur diese) besonders häufig hochkochte. Dennoch: zwar riefen die großen Sklavenkriege in den Regionen des Mittelmeeres ein kurzes Echo herauf, aber man gerät schon in schwere Nöte, will man sie allesamt als eine übergreifende Aufstandsbewegung erklären, vernetzt und umklammert von einer gemeinsamen Direktive gleich den internationalen Arbeiterbewegungen der Neuzeit[115].

Tatsächlich fand das Zeitalter der großen Sklavenaufstände nach der Kreuzigung der 6.000 entlang der Via Appia sein Ende – nicht freilich die Sklaverei. Verschiedentlich geriet der Widerstand der Sklaven hernach in Verschwörungen zum Ausdruck, die allerdings von anderer Seite angezettelt worden waren: etwa bei der Verschwörung des Catilina 63 v. Chr., während der Unruhen um den Volkstribun Clodius 52 v. Chr. oder verstärkt während des Bürgerkrieges gegen Sextus Pompeius zwischen 43 und 36 v. Chr., der Massen von entlaufenen Sklaven in Sizilien und Sardinien sammelte. In allen diesen Unternehmungen waren Sklaven allerdings nicht das treibende Element, waren sie Involvierte, wurden (nicht immer zum eigenen Schaden) benutzt, politisiert und militarisiert. Weiter waren flüchtige oder rebellische Sklaven im Umfeld des Räuberwesens aktiv oder scharten sich zusammen mit Armen und anderen Unterprivilegierten um lokale Aufrührer; Episoden, die meist jedoch nur als Marginalia die Geschichte überdauerten[116]. Speziell in den Provinzen kam es darüber hinaus zu Aufständen unter Beteiligung von Sklaven, initialisiert wurde diese Erhebungen aber von den Provinzialen selbst, von Deserteuren oder Usurpatoren[117]. ‚Echte‘ Sklavenerhebungen kleineren Ausmaßes kennen wir aus der Kaiserzeit eigentlich nur aus Süditalien, wo sich 24 und 54 n. Chr. wiederum Hirtensklaven erhoben[118]. Ansonsten tauchen Sklaven lediglich als Mitbeteiligte im Heer der Unzufriedenen auf, zumeist die Masse der Landbevölkerung, und wenn es jetzt, und zwar selten, zu Widerstandsbewegungen und bewaffneten Aufständen kam, dann zumeist innerhalb der einheimischen Bevölkerung der Provinzen[119].

Mithin sind diese Aufstände von den hier behandelten großen Sklavenkriegen in ihrem Charakter, also substanziell zu unterscheiden, da die Motivation der Beteiligten nicht vornehmlich der Unterdrückung als Sklaven an und für sich entsprangen bzw. besonders unmenschlichen Formen der Sklavenhaltung. Wenn demnach mit dem Ausklingen der Republik keine großen Sklavenaufstände mehr das Römische Reich erschütterten, so bleibt die Frage zu beantworten, woran dies lag und was dies für die Einschätzung der sizilischen Kriege und der Erhebung um Spartakus bedeutet. Sind in ihnen Ereignisse von herausragender, historischer Tragweite zu sehen oder waren es nur grausame und heftige Episoden[120] ?

[...]


[1] Dion Chrys. 14,1: Οἱ ἄνθρωποι ἐπιθυμοῦσι μὲν ἐλεύθεροι εἶναι μάλιστα πάντων, καί ϕασι τὴν ἐλευθερίαν μέγιστον τῶν ἀγαθῶν, τὴν δὲ δουλείαν αἴσχιστον καὶ δυστυχέστατον ὑπάρχειν. (Übersetz. des Autors)

[2] Vgl. Miller, Spartacus (2007) 481-483; als Artikel in einer „Encyclopedia of Slave Resistance“ allerdings schlecht recherchiert hinsichtlich der Übereinstimmung des Films mit den historischen Fakten. Eine Neuverfilmung von Robert Dornhelm aus dem Jahr 2004 mit Goran Visnjic in der Hauptrolle – kein besonders heller Stern am cineastischen Himmel (gemeint ist in erster Linie der Film) – hält sich im übrigen aber erstaunlich nah an den Quellen.

[3] Garnsey, Ideas (1996). Abgeschieden und weit gestreut ist die antike Kritik an der Institution Sklaverei, etwas häufiger wurden konkrete Formen und Praktiken der Sklaverei beanstandet (vgl. ebd. 75ff. 53ff.).

[4] Eingehender s.u. Kap. I. 6. S.33ff. Die ganze ungeheure Fülle der Literatur, mit der man sich konfrontieren mag, ist in Bellen/Heinen, Bibliographie (2003), Bd.1, besond. 286-311 zusammengetragen.

[5] Um im Bild zu bleiben, nicht ohne es zu modernisieren: Der Sicherheitsabstand zu anderen autochthonen althistorischen Feldern ist gering und eine Gefahr der Kontamination muß einkalkuliert werden, und zwar sowohl von Seiten der modernistischen wie der konventionellen ‚Anbauflächen‘.

[6] Grundlegend ist Olson, Collective Action (1965).

[7] Generelle Überlegungen finden sich bei Timpe, Fragestellung (1971), Topitsch, Geschichtswissenschaft (31971) und Burke, Soziologie (1989) (vom Autor nicht in allen Einzelheiten eingesehen).

[8] Wehler, Geschichte (1973) 34 z.B. erwartete „die allmähliche Fusion zu einer historisch-kritischen Sozialwissenschaft mit emanzipatorischen erkenntnisleitenden Interessen und klarem Theoriebewußtsein“.

[9] Vgl. hierzu Weiler, Außenseiter (1988), insbesondere die dort versammelten einführenden und methodologischen Bemerkungen von I. Weiler, H. Graßl und A. Bellebaum.

[10] Hier sind die Arbeiten zur antiken Sklaverei von K. R. Bradley, M. I. Finley und I. Weiler zu nennen.

[11] 1985 attestierte Weiler (Randgruppen [1985] 660) den Althistorikern noch einseitige Präferenzen für personalistische Geschichtskonzepte, für Politik- und Ereignisgeschichte. Dies mag sich heute nivelliert haben und ist ergänzt worden um einen ideengeschichtlichen Fokus.

[12] So bezüglich moderner Vokabeln und strukturvergleichender Methoden Christ, Sklavenführer (1982) 75f. Natürlich sollte moderne Terminologie möglichst präzise und unter den genannten Vorbehalten verwendet werden, und so ist sie in dieser Arbeit zu verstehen.

[13] Allerdings geht es hier bestenfalls um den Vergleich sozialer Konflikte der Antike untereinander.

[14] So dokumentiert die antike Historiographie vorzugsweise die sozialen Verhältnisse der Oberschichten bzw. hat hier quasi einen elitären Filter vorgeschaltet. Ebenfalls sind statistische und demographische Informationen nur schwer und unsicher zu eruieren. Andererseits ist die Situation aber nicht so prekär, daß man hier immer von den Quellen im Stich gelassen würde.

[15] So Riess, Apuleius (2001) 20, der hervorragende methodologische Vorarbeit geleistet hat.

[16] Vogt, Forschungsproblem (1965) 102.

[17] Christ, Sklavenführer (1982) 76.

[18] Timpe, Fragestellung (1971) 12.

[19] Gewiß soll hier keine Soziologie der Antike aus der Taufe gehoben werden, indes scheint eine Probe aufs Exempel angemessen. Ein hervorragendes Beispiel für soziologische, theoretische Implementation ist Riess (Apuleius [2001]), der Theorien abweichenden Verhaltens ergiebig auf antikes Räubertum anwendet. In Ansätzen trifft dies auch auf Weiler (Sklavenstatus [2003]) zu, eine sozialwissenschaftlich angereicherte Arbeit mit multiplen Perspektiven. Im weiteren Kontext Sozial- und Geschichtswissenschaft ist auch die Arbeit von Baudy zu erwähnen, der mit anthropologischen Erkenntnissen arbeitet – G. J. Baudy: Exkommunikation und Reintegration. Zur Genese und Kulturfunktion frühgriechischer Einstellungen zum Tod, Frankfurt/Bern/Cirencester 1980. Vermerkt sei schließlich, daß die Anwendung religionssoziologischer Hypothesen auf die Antike schon seit Max Weber fruchtbar war, der sich besonders mit dem Christentum beschäftigte und dessen Lektüre man nur jedem Althistoriker ans Herz legen kann, der sich diesem Thema widmet. Als Projekte sind weiter vorstellbar ein Vergleich antiker und moderner Anomie-Theorien oder die Verwendung theoretischer Konzepte zu korporativen Akteuren bei der Betrachtung religiöser, rechtlicher und genossenschaftlicher Körperschaften der Antike. Auch Theorien über Tausch und Reziprozität, über Vertragsbeziehungen und Mittel zur Sicherung von Vereinbarungen abseits rechtlicher Zwangsmittel könnten in einem interkulturellen und diachronen Vergleich von der Alten Geschichte profitieren; hier böten sich die Praxis des Geiselaustauschs oder die Heiratspolitik antiker Eliten an.

[20] Breitere Überlegungen hierzu findet man bei Weiler, Sklavenstatus (2003) 15-54.

[21] Nach Flaig, Untermenschen (2001) 34-36.

[22] Wir kommen konkret in Kap. II. 2. 1. S.52f. darauf zurück.

[23] Bellen, Sklavenflucht (1971) 156 für die römische Kaiserzeit, doch ist dies – eingedenk der extensiven Nutzung von Neusklaven in der Villen- und Latifundienwirtschaft gerade in den letzten zwei vorchristlichen Jahrhunderten – auch auf die spätere Republik zu übertragen; vgl. Brunt, Manpower (1971) 283f. und hier im Kapital weiter unten.

[24] Zweifel an allzu euphemistischen Interpretationen der patriarchalischen Geborgenheit des Sklaven in der familia meldet u.a. Weiler, Sklavenstatus (2003) 120 an.

[25] Vgl. Alföldy, Sozialgeschichte (21979) 45f. und Brockmeyer, Sklaverei (21987) 159ff.

[26] Unfreies Personal ließ sich brutal ausbeuten, die Sklaven waren leicht ersetzbar und mußten nicht dem Militärdienst zur Verfügung stehen. Schneider, Sozialer Konflikt (1976) 597ff. mahnt Korrekturen im Bild dieser Entwicklung an: Die Entstehung der auf Sklavenarbeit beruhenden Großgrundwirtschaft sei nicht allein eine Folge der römischen Expansion, sondern schon eher anzusetzen. Die sozialen Konflikte der späten Römischen Republik verortet er als Spannungen zwischen Freien.

[27] Anschauliche Zahlen, die durchschnittlich 20.000 bis 80.000 Gefangene für jeweils einzelne militärische Erfolge der Römer nennen, finden sich samt Quellenangaben bei Alföldy, Sozialgeschichte (21979), 49 und Bradley, Rebellion (1989) 1464. Brunt, Manpower (1971) 121 schätzt den Anteil der Sklaven an der Gesamtbevölkerung Italiens auf ca. ein Drittel. Für die Jahre 200-150 v. Chr. wird ein Sklavenzustrom von rund 250.000 genannt. Vgl. Volkmann/Horsmann, Massenversklavungen (21990) 115ff., wo sich auch genauere Zahlen aus Massenversklavungen finden, die bestimmten Regionen zugeordnet sind (und wonach den Löwenanteil der Balkanraum ausmachte). Volkmann benennt insgesamt zwei Höhepunkte des Sklavenzustroms: Die Versklavungswelle von 200 bis 150 v. Chr., die zum guten Teil als Auslöser der Sklavenaufstände zwischen 140-70 v. Chr. zu sehen sei (ebd. 117), und eine zweite Welle im Kontext der Feldzüge Caesars. Für die Zeit dazwischen, also für Kriegsgefangene aus den spanischen Kämpfen und den Kriegen in Griechenland und Kleinasien kann Volkmann keine genauen Angaben machen. Generell überbetont er die Rolle von Massenversklavungen für den Bestand der Sklaverei gegenüber der Kriegsgefangenschaft, wie Horsmann (ebd. 121f.) anmerkt. Guarino (Mythos [1980] 26) wiederum hält die Zahl 250.000 für übertrieben und möchte dem regulären Sklavenhandel mehr Gewicht geben als der Kriegsgefangenschaft.

[28] Hierzu ausführlicher Bradley, Rebellion (1989) 26ff. und Brockmeyer, Sklaverei (21987) 163ff.

[29] Weiler, Sklavenstatus (2003) 69ff.; dort auch genauer zur Forschungsliteratur und mit kritischen Vorbehalten gegen allzu bestimmte demographische Angaben.

[30] W. Scheidel nach Weiler, ebd. 7054.

[31] Cato agr. 10f. (für die 1. Hälfte des 2. Jh. v. Chr.).

[32] Eine herabwürdigende Typologie nach Interaktionsfähigkeit des Werkzeugs quasi. Varro rust. 1, 17, 1 (für das 1. Jh. v. Chr.): Instrumenti genus vocale et semivocale et mutum, vocale, in quo sunt servi, semivocale, in quo sunt boves, mutum, in quo sunt plaustra. Die Definition gibt Varro nur wieder, er selbst tendierte (aus Erwägungen zur Effektivitätssteigerung) zu vergleichsweise vernünftiger Behandlung der Sklaven; vgl. ebd. 1, 17, 7. 19, 3 und Brockmeyer, Sklaverei (21987) 168f. zur Einschätzung Varros in diesem Zusammenhang.

[33] Als Höhepunkt der lateinischen Agrarliteratur ist Columellas Werk De re rustica aus dem 1. Jh. n. Chr. bekannt. Näheres zu seinen Ausführungen zur Sklavenarbeit findet sich bei Bradley, Masters (1987) 21ff.

[34] Cato agr. 2; zum Verkauf alter und kranker Sklaven ebd. 2, 7; vgl. Plut. Cato 4, 5.

[35] Zu seinen Aufgaben Cato agr. 5, 1-5; vgl. Colum. 1, 8, 1-6 – nach welchen Gesichtspunkten ein vilicus auszuwählen sei.

[36] Zum ergastulum vgl. Colum. 1, 6, 3; zur Fesselung Cato agr. 56. 57 und für Sizilien Diod. 34/35, 2, 27. 36.

[37] Diod. 34/35, 2, 27ff.

[38] So Hoben, Terminologische Studien (1978) 139 in Inversion zu den kleineren Dimensionen späterer Sklavenaufstände. Zum Gehalt dieser Erklärung vgl . u. II. Teil S.43f.

[39] Zur ethnischen Mischung vgl. Varro rust 1, 17 und Tac. ann. 14, 44, 3.

[40] Diod. 34/35, 2, 27ff.; vgl. Varro rust. 1, 17, 3.

[41] Dafür, daß sie nun sämtlich in dem Zeitraum zwischen 140-70 v. Chr. ausbrachen, benennt die althistorische Forschung im Tenor die angedeuteten sozioökonomischen Ursachen: Strukturwandel der Landwirtschaft – Zunahme der Sklavenarbeit – viele Neusklaven – miserable Arbeitsbedingungen – ungenügende Prävention. Als Ursachen für die Häufung der Erhebungen bleiben sie ihrem historischen Kontext verhaftet und können nicht als Strukturmerkmale der antiken Sklaverei im allgemeinen gewertet werden.

[42] Eine vollständige Auflistung gibt Hoben, Terminologische Studien (1978) 1 und macht Ausführungen 110ff. passim. Die Authentizität der älteren Aufstände vor dem 3. Jh. v. Chr. wird gemeinhin bezweifelt, zumal für diese Zeit keine Sklaverei im großen Stil zu erwarten ist; vgl. Guarino, Mythos (1980) 18. Berühmt ist aus dem griechischen Raum der Sklavenführer und Räuberhauptmann Drimakos; s. fürs Erste die Darlegung von Vogt, Struktur (1965) 51f.

[43] Hoben, Terminologische Studien (1978) 3; zu den Unterschieden bzw. Eigenheiten vgl. weiter Kap. I. 5. dieser Arbeit S.27ff.

[44] Quellenzusammenstellungen zum Thema in jeweils englischer Übersetzung bieten als erste Handreichung Shaw, Slave Wars (2001) 33-172 (allerdings ohne genaue Quellenzählung) und Wiedemann, Slavery (1981) 198-223.

[45] In diesem Fall allerdings nicht am authentischsten, wie es Aussagen von Zeit- oder gar Augenzeugen wären.

[46] Vgl. Hoben, Terminologische Studien (1978) 128-136; Sallust mit „kritischer Distanz“ zum römischen Staat. Guarino, Mythos (1980) 15f. ist sich diesbezüglich nicht sicher. Er meint, es haben sich im Grunde nie verschiedene Traditionen gebildet: Alle Autoren schöpften aus einem einzigen, in sich schon widersprüchlichen Nachrichtengrundbestand, wußten aber nicht genau, wie den Spartakus einschätzen, da er bereits zu Lebzeiten zum Mythos und Legende geworden war. Vgl. weiter Hoben a.a.O. mit Erläuterungen zu den im Text folgenden ‚peripheren‘ Quellen.

[47] Beides versammelt bei Shaw, Slave Wars (2001). Für Editionen siehe z.B. Livius: Periochae omnium librorum. Fragmenta oxyrhynchi reperta. Iulii Obsequentis prodigiorum liber, hrsg. v. O. Rossbach, Leipzig 1910 und C. Sallusti Crispi Historiarum Fragmenta, hrsg. u. komm. v. R. Funari, 2 Bde., Amsterdam 1996.

[48] Hoben, Terminologische Studien (1978) 123; vgl. auch für das Weitere zu Diodor Rubinsohn, Some Remarks (1982) 437ff.

[49] So, wenn er (34/35, 2, 3) von römischen Rittern besetzte Gerichtshöfe nennt, die über Mißstände der Provinzhalterschaft zu befinden hatten. Auffallend sind auch die vielen Analogien in den Schilderungen der beiden Aufstände, so daß der zweite Sklavenkrieg für eine Dublette des ersten gehalten wurde. Hoben, Terminologische Studien (1978) 116 bezweifelt dies, Grünewald, Räuber (1999) 89f. verweist auf literarische Topik.

[50] Hierzu einschlägig – im wahrsten Wortsinn – Verbrugghe, Sicily (1972); Näheres s.u. Kap. I. 6. S.39.

[51] Hoben, Terminologische Studien (1978) 123f.

[52] Grünewald, Räuber (1999) 233f.

[53] Mit Beispielen Hoben, Terminologische Studien (1978) 133f. 8497. 93137. Auch irrt Appian bisweilen, was Namen und Personen angeht.

[54] Eingehender wiederum Hoben, Terminologische Studien (1978) 128f.

[55] In Florus‘ kurzen Bericht über den 2. sizil. Aufstand macht Rubinsohn, Some Remarks (1982) 439f. gleich drei Fehler aus.

[56] Umfassend erörtert dies Grünewald, Räuber (1999); vgl. u. S.77f. mit Anm.334.

[57] Daß Wissenschaftler oft genug mit ihren eigenen Filtern zu kämpfen haben und selbst tendenziöse Aussagen aus den Quellen herausschälen, zeigt das Beispiel von Oliva, Die charakteristischen Züge (1976), der Diodors Bericht über die Gerechtigkeit der Sklaven für wahr hält, die Aussagen über Grausamkeiten der Rebellen aber für eine Aufblähung durch die siegreichen Römer, ohne Gründe für das eine oder andere anzuführen, jedoch mit folgender ideologischer Blüte (ebd. 245): „Auch bei den Sklavenaufständen zeigt sich die gleiche Erfahrung wie in der Geschichte der Klassenkämpfe aller Zeiten, daß nämlich die ausgebeuteten Massen gegen ihre Unterdrücker zwar mit Härte, jedoch gerecht vorgehen, während gegen die Aufständischen nach der Unterdrückung einer Revolte stets der grausamste Terror angewandt wird.“

[58] Für unser Thema nie mit endgültiger Überzeugungskraft.

[59] Und an die betreffenden, bisherigen Arbeiten der Historiker.

[60] Wobei zuviel Quellenkritik Gefahr läuft, sich einzig auf der semantischen Ebene der Autoren zu bewegen. Grünewald, Räuber (1999) ist diesbezüglich m.E. ein Grenzgänger.

[61] Das eine oder andere Detail wird im Verlauf der Arbeit zu besprechen sein.

[62] Zu den zeitlichen Ansätzen zwischen 143 und 134 v. Chr. vgl. Hoben, Terminologische Studien (1978) 11. Die hier gebrachte Darstellung folgt im wesentlichen Diod. 34/35, 2, 1-3, 1. Wir verzichten dabei – wie Diodor übrigens auch – auf Feinheiten, wie und wann welcher römische Magistrat welche militärische Aktion mit welchem Erfolg/Mißerfolg leitete, zumal sie für unsere Betrachtung auch nicht erheblich sind. Einen entsprechenden Rekonstruktionsversuch bietet Bradley, Rebellion (1989) 60f.

[63] Aus Eigennutz und Kalkül provozierten die Gutsherren die Bandenbildung: sie sparten Unterhalt und ‚gängelten‘ auf diese Weise die kleineren Landbesitzer ringsum, die als fast wehrlose Familienunternehmen bevorzugt heimgesucht wurden. Diod. 34/35, 2, 28. Vgl. Rubinsohn, Forschung (1993) 112 und Bradley, Rebellion (1989) 50-54.

[64] Bei einer anderen Versammlung sollte über Damophilos Gericht gehalten werden, allerdings war die Rache zweier ehemaliger Sklaven schneller.

[65] Dies am ehesten unter religiösem Aspekt, denkt man an die Schutzgöttin des Eunous. Anscheinend waren aber auch viele der sizilischen Sklaven syrischer oder wenigstens hellenistisch-orientalischer Herkunft. Zur Identität und ethnischen Zusammensetzung der Rebellen vgl. auch u. Kap. II. 3. S.82f.

[66] Man marodierte und befreite andere Sklaven umliegender Güter von ihren Fesseln und aus den ergastula.

[67] Eunous ließ Einwohner aus Enna am Leben, um in der Waffenproduktion zu arbeiten. Während seiner Regentschaft prägte er auch Münzen; vgl. E.S.G. Robinson: Antiochus. King of the Slaves, The Numismatic Chronicle, 4.Serie, 20 (1920) 175f.

[68] Ausgearbeitet bei Hoben, Terminologische Studien (1978) 116f.

[69] Entgegen den Erwartungen auf der anderen Seite, die Sklaven würden sich gegenseitig aufreiben.

[70] Eine spätere Bestrafung der plündernden und brandschatzenden Freien ist nicht belegt. Für den 2. sizil. Aufstand behauptet Diodor (36, 11, 1), sie hätten alle Zeugen ihrer Gewalttaten beseitigt (was dann natürlich verwundert, wie jemand überhaupt davon zu berichten weiß); vgl. unten Anm.82 S.22.

[71] Die Zahl wirkt übertrieben; Frauen, Kinder und Kampfunfähige sind möglicherweise mitgerechnet, aber dennoch. Oros. 5, 6, 4 nennt 70.000.

[72] Seltsamerweise wurde er nicht exekutiert, sondern starb eines natürlichen Todes. Guarino, Mythos (1980) 40 erklärt dies mit der Scheu vor einem Hexenmeister. Auch habe man ihn keinesfalls zum Märtyrer machen wollen, um nicht weitere Erhebungen zu provozieren.

[73] Die Darstellung folgt wiederum hauptsächlich Diod. 36, 1, 1-11, 3.

[74] Der politische Hintergrund ist folgender: Die Stämme der Kimbern und Teutonen drangen gen Italien vor, Rom befand sich in einer brenzligen Situation und Marius benötigte an der Front im Norden dringend Hilfstruppen der Bundesgenossen. Auf seine Anfrage hin protestierte Nikomedes, König von Bithynien, mit dem Hinweis, daß viele freie Bürger seines Reiches von Räubern gekidnappt und mit Hilfe römischer Steuerpächter in die Sklaverei in römische Provinzen verschleppt worden seien. Als Geste und Antwort formulierte man in Rom ein SC über unrechtmäßig in der Sklaverei lebende Bürger der Alliierten samt entsprechender Anweisung an die Statthalter. Vgl. zum senatorischen Dekret und historischen Umfeld Rubinsohn, Some Remarks (1982) 443f. 447ff. mit interessanten Interpretationen.

[75] Vielleicht hatten sie ihn auch bestochen. Der Statthalter jedenfalls wies alle anderen Sklaven mit ihren Anliegen ab und schickte sie zu ihren Herren zurück. Offenbar waren sie vor seinem Tribunal wegen ihrer Freilassung zusammengeströmt. Eine gewisse Bewegungsfreiheit mögen diese Sklaven demnach gehabt haben und waren also kaum identisch mit jenen gefesselten Landarbeitern aus den ergastula. Die abgewiesenen Sklaven nahmen Asyl beim Heiligtum der Paliken nahe Leontinoi und versammelten sich in rebellischer Absicht. Vorerst konspirierten sie allerdings nur und waren nicht die ersten, die den Aufstand in die Tat umsetzten.

[76] Hierher gehört folgende Episode: Im Südwesten der Insel erhoben sich 30 Sklaven, ermordeten die Herrschaften, befreiten Leidensgenossen aus benachbarten Landgütern und verschanzten sich – derweil auf 200 Mann Stärke angewachsen. Nerva rückte eilig heran, konnte aber ihre Stellung erst mit Hilfe des berühmten Räuberbandenführers Gaius Titinius gewinnen, indem er diesem Immunität versprach und ihn bei den Rebellen einschleuste, die jenen gar zu ihrem Anführer erkoren. Er verriet sie jedoch bald an den Feind. Nerva rechnete hernach nicht mit weiteren Erhebungen und entließ seine Soldaten.

[77] Nachdem die Gefahr gebannt war, verbot Nerva, das Wort gegen diese Sklaven zu halten, woraufhin die Hintergangenen nun tatsächlich zu den Rebellen überliefen.

[78] Die Sterne prophezeiten ihm – wie Athenion bekannt gab – das Königtum über ganz Sizilien.

[79] Diod. 36, 5, 1-3.

[80] Die Sklaven zogen unverrichteter Dinge wieder ab (Athenion schob eine Weisung der Götter vor) und wurden während des Abmarsches von verbündeten Hilfstruppen Roms, die per Schiff aus Nordafrika herbeigeeilt waren, arg bedrängt, aber nicht aufgerieben.

[81] Später ließ Salvius allerdings den Athenion in Haft nehmen, aus Angst, dieser wolle ihn beseitigen, hob die Haft dann aber auf, zumal er den fähigen Mann brauchte.

[82] Als ehemalige Bauern hatten sie unter den großen Latifundienbetreibern und der wirtschaftlichen Konkurrenz gelitten, waren verarmt und in urbane Räume abgewandert. Nun übten sie Rache, indem sie zu Plünderungen aufs Land zogen und auch vor Mord und Totschlag nicht Halt machten – ganz gleich übrigens, ob das Opfer Freier oder Sklave war. Diod. 36, 11, 1: Ὅτι οὐ μόνον τὸ πλῆθος τῶν οἰκετῶν τὸ πρὸς τὴν ἀπόστασιν ὡρμημένον κατέτρεχεν, ἀλλὰ καὶ τῶν ἐλευθέρων οἱ τὰς ἐπὶ χώρας κτήσεις οὐκ ἔχοντες ἐτρέποντο πρὸς ἁρπαγὴν καὶ παρανομίαν. οἱ γὰρ ἐλλιπεῖς ταῖς οὐσίαις διὰ τὴν ἀπορίαν ἅμα καὶ παρανομίαν ἐξεχέοντο κατὰ συστροϕὰς ἐπὶ τὴν χώραν καὶ τὰς μὲν ἀγέλας τῶν θρεμμάτων ἀπήλαυνον, τοὺς δὲ ἐν τοῖς σταθμοῖς τεθησαυρισμένους καρποὺς διήρπαζον, καὶ τοὺς περιτυγχάνοντας ἀνέδην ἐλευθέρους τε καὶ δούλους ἐϕόνευον, ὅπως μηδεὶς ἀπαγγείλῃ τὴν περὶ αὐτοὺς ἀπόνοιάν τε καὶ παρανομίαν.

[83] Viel Zeit war also noch nicht vergangen. Die Inkonsistenz der Dichte der hier gegebenen Beschreibung gegenüber dem chronologischen Verlauf ist der Anlage der Quellen geschuldet.

[84] Lucullus mußte sich in Rom wegen schlechter Kriegführung verantworten und wurde verbannt.

[85] Guarino, Mythos (1980) 43.

[86] Zu diesem Zweck war das konsularische Imperium des Aquilius verlängert worden.

[87] Ganz ehrlos kann der Kampf gegen die Sklaven also nicht gewesen sein, wie Florus (epit. 2, 8, 1) mit Blick auf Spartakus meint (vgl. Plut. Crass. 11, 11), daß man nicht wenigstens eine ovatio, Ruhm und politisches Kapital daraus schlug. Hierzu Hoben, Terminologische Studien (1978) 104f.; zu den Münzen BMCRomRep 1 (1910) 416, 3364-3369; zwei Umzeichnungen sind auch bei Shaw, Slave Wars (2001) 116. 127 zu sehen.

[88] Hauptsächlich wird bei der Darstellung auf die entsprechenden Quellenpassagen bei Plutarch (Crass. 8-11), Appian (civ. 1, 116-120) und Florus (epit. 2, 8, 1-14) Bezug genommen. Der Beginn der Erhebung wird von den meisten modernen Autoren auf das Jahr 73 v. Chr. datiert; vgl. noch Hoben, Terminologische Studien (1978) 12. In den Quellen gleicht der Spartakusaufstand einem einzigen Kriegszug, bei dem die Aufständischen getrieben werden von den Feinden, dem Erfordernis, die Masse der Rebellen mit Lebensmitteln zu versorgen und von diffusen und widersprüchlichen Zielsetzungen. Besonders über die ersten Phasen der Erhebung herrscht Konfusion, insoweit verständlich, da es sich zunächst um eine unbedeutende Episode von Aufruhr unter anderen handelte, die man begreiflicherweise unterschätzte. Auch wenn im späteren Verlauf unsere Quellen deutlichere Konturen zeichnen, bleiben doch genaue Chronologie, Personen und Orte bisweilen unklar, gibt es Widersprüche und Auslassungen in den verschiedenen Quellen. Daher kann die hier versuchte Skizze nur vorbehaltlichen Charakter haben.

[89] Die Quellen nennen Zahlen zwischen mehr als 30 (Flor. epit. 2, 8, 3) und 78 (Plut. Crass. 8, 2).

[90] Plutarch kennt diese beiden nicht bzw. unterschlägt sie.

[91] Flor. epit. 2, 8, 8: [...] de stipendiario Thrace miles, de milite desertor, inde latro, deinde in honorem virium gladiator. App. civ. 1, 116, 539: Σπάρτακος Θρᾀξ ἀνήρ, ἐστρατευμένος ποτὲ ̒Ρωμαίοις, ἐκ δὲ αἰχμαλωσίας καὶ πράσεως ἐν τοῖς μονομάχοις ὤν. Ob er als Söldner oder Bundesgenosse in römischen Diensten stand, ist nicht auszumachen. Zumindest gilt er dem Florus als tributpflichtiger Thraker. Appian weiß nichts von Desertion oder Räuberidentität und fährt fort (ebd.), Spartakus sei über Gefangenschaft und Verkauf schließlich unter die Gladiatoren geraten.

[92] App. civ. 1, 116, 540: ἔνθα (am Vesuv) πολλοὺς ἀποδιδράσκοντας οἰκέτας καί τινας ἐλευθέρους ἐκ τῶν ἀγρῶν ὑποδεχόμενος. Für einen späteren Zeitpunkt des Aufstands zählt App. civ. 1, 117, 547 als Teilnehmer Sklaven, Überläufer und zusammengeströmte Leute auf: θεράποντες, αὐτόμολοι, σύγκλυδες. Florus (vgl. epit. 2, 8, 3) nennt eigentlich nur Sklaven konkret, Plutarch (vgl. Crass. 9, 4) außerdem Hirten, für gewöhnlich auch Sklaven. Zur Diskussion um die Teilnehmer, ob und mit welcher Potenz Italiker dabei waren, vgl. zunächst u. Kap. I. 6. S.38ff.

[93] So jedenfalls App. civ. 1, 116, 541 – despektierlich offenbar.

[94] Die Städte nennt Flor. epit. 2, 8, 5.

[95] So Flor. epit. 2, 8, 6; mit Hang zum Symbolismus hier? obwohl so abwegig es ja nicht sein muß.

[96] Plut. Crass. 9, 7; vgl. App. civ. 1, 117, 544; Florus erwähnt den ‚Heimkehrplan‘ nicht.

[97] Besonders Plutarch fährt diese Schiene; s. für den angesprochenen Streit (ohne Krixos zu nennen) Crass. 9, 8.

[98] App. civ. 1, 117, 545; nach Flor. epit. 2, 8, 9 ließ Spartakus wie ein Veranstalter von Gladiatorenspielen die Gefangenen um den Scheiterhaufen herum miteinander auf Leben und Tod kämpfen.

[99] Zum eiligen Aufbruch gegen Rom s. App. civ. 1, 117, 545: Allen Ballastes wie Zugvieh etc. entledigte man sich, tötete die Gefangenen und nahm keine Überläufer mehr auf. Zur Aufgabe des Plans (man fühlte sich dem Kampf noch nicht gewachsen) ebd. 117, 547; vgl. auch Flor. epit. 2, 8, 11; Plutarch berichtet (Crass. 11, 1) von der Furcht vor einem Marsch auf Rom.

[100] Als grausame Strafaktion gegen die marode Kampfmoral seiner Soldaten wandte Crassus die lange nicht mehr gehandhabte Dezimierung an.

[101] App. civ. 1, 117, 547f. berichtet, Spartakus habe Händlern die Lieferung von Gold und Silber untersagt und seinen Mitstreitern den Besitz dieser Metalle verboten. Statt dessen wurde die durch Beute gefüllte „Aufstandskasse“ zum Kauf von Eisen und Erz verwendet, womit man die militärische Ausrüstung aufbesserte. Interessant ist hier – neben Überlegungen zu Organisation und moralischen Implikationen – m.E. der scheinbar ganz selbstverständliche Kontakt zu (Groß?)Händlern.

[102] Plut. Crass. 11, 3. Nach App. civ. 1, 119, 554 wurde Pompeius von Rom aus über Crassus hinweg beibeordert, damit sich ein schmählicher Krieg gegen Gladiatoren nicht unnötig hinziehe. Von Crassus‘ Befürchtung, daß er durch Pompeius um seine Siegeslorbeeren gebracht werde, wissen beide Autoren.

[103] Einsilbig App. civ. 1, 118, 551; auskunftreicher Plut. Crass. 10, 6, der für wahrscheinlich hält, daß es nur wenig Zündstoff gebraucht hätte, Sizilien wieder zu entfesseln. Entsprechend dokumentiert Cicero (Verr. 2, 5) die Furcht vor einem neuerlichen Ausbruch eines Sklavenkrieges auf Sizilien während der Erhebung um Spartakus, obzwar er selbst die Situation nicht zu ernst einschätzte (vgl. Verbrugghe, Sicily [1972] 545f.). Flor. epit. 2, 8, 13 erzählt zudem von einem gescheiterten Übersetzversuch mittels Flößen.

[104] App. civ. 1, 119, 553 weiß zu berichten, wie Spartakus zwischen den feindlichen Linien einen römischen Gefangenen kreuzigen ließ, um den eigenen Leuten zu zeigen, was sie erwartete, sollten sie nicht siegen.

[105] Ebd. 120, 555f.: Spart. schlug dem Crassus ein Abkommen vor, dessen Inhalt und Bedingungen nicht klar sind. Aus Tac. ann. 3, 73, 2f. ließe sich vielleicht eine Kapitulation herauslesen. Vgl. Wallinga, Bellum Spartacium (1992) 38f.

[106] Plut. Crass. 10, 9 beschreibt, wie Spartakus in der Nacht den Graben auffüllen ließ und mit ⅓ seines Heeres entkam (über den Verbleib des Restes verliert er kein Wort). App. civ. 1, 120 weiß, daß man mit dem ganzen Heer durchbrach. Flor. epit. 2, 8, 13 erwähnt nur einen Ausfall.

[107] Als Abspaltung zumindest dargestellt bei Plut. Crass. 11, 1-2, der von einer regelrechten Rebellion im Heer des Spartakus spricht.

[108] Suet. Aug. 3, 1 vgl. 7, 1.

[109] App. civ. 1, 118, 549: τριέτης τε ἦν ἤδη καὶ ϕοβερὸς αὐτοῖς ὁ πόλεμος, γελώμενος ἐν ἀρχῇ καὶ καταϕρονούμενος ὡς μονομάχων.

[110] Rubinsohn, Forschung (1993) 1.

[111] Diod. 34/35, 2, 19 (in Rom mit 150 Rebellen); vgl. Oros. 5, 9, 4-5 (Minturnae 450 gekreuzigte Sklaven, Sinuessa mit 4.000 Rebellen; Laureion und Delos bei beiden Autoren ohne Größenangaben).

[112] So Oros. 5, 9, 5: [...] absque illo primo Siciliensis mali fomite, a quo istae velut scintillae emicantes, diversa haec incendia seminarunt.

[113] Explizit reiht Diod. 34/35, 2, 26 <Aristonikos> in die Riege der Sklavenaufstände ein, doch ist der Aufstand nur bedingt mit diesen vergleichbar, da Sklaven nur Teile der Gefolgschaft bildeten, auf die sich der übergangene Thronprätendent bei seinem Kampf um das pergamenische Erbe stützte. Vgl. Mileta, Eumenes III. (1998) 47-65, der aus einer überzeugenden Textanalyse heraus den Charakter des Aristonikosaufstands als Sklavenerhebung verneinen kann (bes. 62), sowie neuerdings Daubner, Aristonikos (2003).

[114] Diod. 36, 2, 1-6 (Nuceria mit 30 Konspirateuren, in Capua mit 200 rebellierenden Sklaven, und Titus Vettius mit ca. 3.500 Mann hinter sich, darunter viele Sklaven, jedoch wiederum ‚echten‘ Sklavenerhebungen nur eingeschränkt vergleichbar).

[115] Vgl. schon Vogt, Struktur (1965) 53-60, der dennoch (ebd. 57f.) gewissen Verbindungen und Kommunikationskanäle zwischen den Sklaven im Mittelmeerraum hervorhebt, da sie nach seinem Dafürhalten das antike Nachrichtenwesen wesentlich leisteten, und so der ‚Funke‘ über gesprungen sei. Zur Kommunikation vgl. noch einmal unten S.84. Zu der angedeuteten ideologischen Interpretation s. das folgende Kapitel S.33ff.

[116] Eine Reihe von Beispielen berichtet Tacitus. Ein gewisser T. Curtisius z.B. rief in Calabrien 24 n. Chr. Sklaven zur Flucht in die Freiheit auf (Tac. ann. 4, 27). Der Sklave Geta konnte im Jahr 69 n. Chr. einige Sklaven und Arme mobilisieren (Tac. hist. 2, 27, 1f.), und im selben Jahr scharte der Freigelassene Aniketos Arme und flüchtige Sklaven um sich (ebd. 3, 47, 1-48, 2). Ebenfalls 69 n. Chr. umgab sich ein falscher Nero mit Sklaven und Deserteuren (ebd. 2, 8, 9); vgl. Bellen, Sklavenflucht (1971) 96-101.

[117] Der Aufstand der Cantabrer in Spanien 19 v. Chr. etwa ging auf kurz zuvor im Krieg in die Sklaverei verkaufte Cantabrer zurück (Volkmann/Horsmann, Massenversklavungen [1990] 50). Zu späteren Provinzrevolten s. Bellen, Sklavenflucht (1971) 106ff. Die Beteiligung von Sklaven kann in solchen Fällen angenommen werden, jedoch nicht in einer Rolle als Triebkraft der Aufstandsbewegungen.

[118] Tac. ann. 4, 27. 12, 65.

[119] Hierfür Alföldy, Konflikte (1981) 383f. Ob sich daraus Rückschlüsse auf den Anteil der freien Landbevölkerung an den Sklavenkriegen der Republik ziehen lassen, wird zu erwägen sein.

[120] Eine unideologische Annäherung an die Fragestellung mit Hilfe der Sekundärliteratur ist nicht ganz einfach, wie das folgende Kapitel zeigen wird.

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Details

Titel
Bella Servilia - Die großen Sklavenaufstände der römischen Republik im Fokus moderner Theorien sozialer Bewegungen
Untertitel
Soziologische Theorie als Instrument der Altertumswissenschaft?
Hochschule
Universität Leipzig  (Historisches Seminar. Institut für Alte Geschichte)
Note
1,0
Autor
Jahr
2008
Seiten
106
Katalognummer
V135835
ISBN (Buch)
9783640424986
Dateigröße
2976 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Mathias Pfeiffer, Antike, Sklaven, Spartakus, Spartacus, soziale Bewegungen, Guarino, Sklavenaufstand, Sizilien, kollektives Handeln, Kollektivgut, Trittbrettfahrer, slektive Anreize, Diodorus Siculus, Diodor, Appian, Plutarch, Crassus, Florus, Sallust, Athenaios, Eunous, Antiochos, Enna, Salvius, Athenion, Tryphon, Krixos, Oinomaos, Gladiatoren, Mancur Olson, Radikalisierungseffekte, sozioökonomische Voraussetzungen, Kleon, Achaios, Satyros, Castus, Gannicus, politische Unternehmer, Gruppennormen, Gruppengröße, Identifikation, Dynamik, Kommunikation, Mikromobilisierung, Werbung, frame alignment, Makrobedingungen, mechanische Sklaverei, Deprivation, Charisma, Habitus, Kollektivgutanreize, Flucht, Hierarchie, Freilassung, Rache, Nutzenkalkulation, Theorie kollektiven Handelns, rivalness, Cato, Augustus, Appianos, Cicero
Arbeit zitieren
Mathias Pfeiffer (Autor), 2008, Bella Servilia - Die großen Sklavenaufstände der römischen Republik im Fokus moderner Theorien sozialer Bewegungen, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/135835

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