Die Kriemhild-Figur im "Nibelungenlied". Entwicklungsprozess oder Rollenwechsel von der 'höfischen Dame' zur 'entmenschlichten Rächerin'?


Hausarbeit, 2006

29 Seiten, Note: 2


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1 Einleitung
1.1 Thema und Aufbau dieser Hausarbeit
1.2 Fragestellung
1.3 Einleitende Worte zum ‚Nibelungenlied’

2 Hauptteil
2.1 Kriemhild im ersten Teil
2.1.1 Höfische Typisierung, Familienverbund und gesellschaftlicher Status
2.1.2 Falkentraum
2.1.3 Verhältnis zu höfischer Kultur und vorherrschendem Männerpatriarchat
2.1.4 Frauenstreit
2.1.5 Kriemhilds leit
2.1.6 Kriemhilds triuwe -Bindung an Siegfried
2.2 Kriemhild im zweiten Teil
2.2.1 gesellschaftlicher Status und Eingliederung in Etzels Hof
2.2.2 Verhältnis höfische Kultur und Männerpatriarchat
2.2.3 Rachemotiv und verräterische Einladung
2.2.4 Kriemhilds Schritte, um einen Kampf auszulösen
2.2.5 Darstellung Kriemhilds als Rächerin

3 Schluss
3.1 Zusammenfassen der Ergebnisse
3.2 Beantwortung der in der Einleitung aufgeworfenen Frage.

1 Einleitung

1.1 Thema und Aufbau dieser Hausarbeit

In unserem Hauptseminar Die Nibelungen: Epos, Drama, Musikdrama behandelten wir neben Friedrich Hebbels „Die Nibelungen“ und Richard Wagners „Der Ring der Nibelungen“ auch das um 1200 entstandene ‚Nibelungenlied’.

Nachdem wir zunächst einführend den Status des ‚Nibelungenliedes’ um 1200 und im 19. Jahrhundert thematisiert hatten, beschäftigten wir uns neben der Untersuchung höfischer und archaischer Elemente u.a. auch mit den im Epos vorherrschenden Geschlechterrollen und Geschlechterbeziehungen. Bei meinen Überlegungen bezüglich eines Themas stand deshalb schnell fest, dass ich für meine Hausarbeit die Darstellung der Kriemhild im ‚Nibelungenlied’ wählen würde.

Dabei fokussierte ich auf die Fragestellung, ob die Kriemhild-Figur im ersten Teil des ‚Nibelungenliedes’ noch mit der entmenschlichten Rächerin am Ende des Epos identifizierbar ist, d.h. ob der Epiker einen glaubhaften Wandlungsprozess dargestellt oder die Protagonistin in zwei unterschiedlichen Rollen präsentiert hat.

Ich habe für diese Untersuchung verschiedene Gesichtspunkte ausgewählt, anhand derer sich die Kriemhild-Figur analysieren lässt, um anschließend die Frage nach einem Entwicklungsprozess, bzw. Rollenwechsel beantworten zu können.

Dafür habe ich meine Arbeit in drei Abschnitte untergliedert: Der erste und einleitende Teil verdeutlicht Thema, Aufbau und Fragestellung und führt einige einleitende Worte zum ‚Nibelungenlied’ an, in denen ich mich kurz mit Jan Dirk Müllers These zur Psychologisierung von Figuren in mittelhochdeutschen Heldenepen beschäftige. Abschnitt 2 stellt den Hauptteil dar, den ich zweifach untergliedert habe, wobei sich Teil A) auf die Darstellung der Kriemhild-Figur im ersten Teil bezieht und Teil B) auf ihre Darstellung im zweiten Teil des Epos rekurriert.

In Teil A) befasse ich mich zunächst mit der höfischen Typisierung Kriemhilds und prüfe anschließend ihr Verhältnis zu höfischer Kultur und vorherrschendem Männerpatriarchat, wobei ich ferner auf die Konzeption weiblicher Genderaspekte in Bezug auf die Kriemhild-Figur eingehe. Darauffolgend betrachte ich zum Einen den Frauenstreit zwischen Kriemhild und Brünhild, der eine der Schlüsselszenen für die Beurteilung ihrer Figur darstellt und zum Anderen Kriemhilds leit, das aus dieser Auseinandersetzung heraus resultiert.

Der erste Abschnitt endet mit der Herausarbeitung der zentralen triuwe-Bindung zwischen Kriemhild und ihrem ersten Ehemann Siegfried.

Teil B) ist ähnlich strukturiert: Auf die Darstellung von Kriemhilds gesellschaftlichen Status und ihrer Eingliederung in Etzels Hof, folgt ihr Verhältnis zu höfischer Kultur und vorherrschendem Männerpatriarchat. Des weiteren behandele ich Rachemotiv und verräterische Einladung der Burgunden an Etzels Hof und erläutere danach Kriemhilds Maßnahmen, die zur Auslösung der Kämpfe führen. Abschließend beschäftige ich mich mit ihrer im Epos vorgenommenen Darstellung als Rächerin.

Abschnitt 3 stellt den Schluss meiner Hausarbeit dar, in dem ich die gewonnenen Erkenntnisse noch einmal rekapituliere und anschließend die in der Einleitung aufgeworfene Frage nach einem Entwicklungsprozess, bzw. Rollenwechsel der Kriemhild-Figur beantworte.

1.2 Fragestellung

Ich habe als Leitfaden für meine Hausarbeit die Frage gewählt, ob die Kriemhild-Figur im ersten Teil des ‚Nibelungenliedes’ mit der entmenschlichten

Rächerin am Ende des Epos identifizierbar ist, d.h. ob der Dichter einen glaubhaften Entwicklungsprozess seiner Protagonistin dargestellt oder sie rein funktional in zwei unterschiedlichen Rollen präsentiert hat.

1.3 Einleitende Worte zum ‚Nibelungenlied’

Das um 1200 von einem unbekannten Dichter verfasste ‚Nibelungenlied’ verbindet die Erzählung Kriemhilds und Siegfrieds und dessen Ermordung im ersten Teil des Epos mit dem Burgundenuntergang des zweiten Teils, wobei die Verbindung der beiden Teile durch den Racheimpetus Kriemhilds erfolgt.

Wie beschrieben werde ich in meiner Hausarbeit die Kriemhild-Figur und mit ihr den vom Epiker dargestellten Entwicklungsprozess behandeln.

Doch bevor ich mit meinen Untersuchungen beginne, möchte ich kurz auf die Frage eingehen, ob ein rein psychologischer Ansatz bei der Interpretation von Heldenepen überhaupt anwendbar und zulässig ist oder ob man automatisch das eigene bekannte Wertesystem zugrundelegt. Bei der Untersuchung des ‚Nibelungenliedes’ fällt auf,

dass dessen Handlungsverlauf nicht immer stringent ist und dass Agieren und Sprache der Protagonisten nicht immer stimmig sind und Widersprüche implizieren. Deshalb ist es sinnvoll sich zu vergegenwärtigen, dass eine lückenlose Interpretation aufgrund der verschiedenen „Schichten der Ethik im Nibelungenlied“[1] nicht möglich ist und dass vorhandene Antagonismen nicht Zeichen ästhetischen Misslingens des Epos sind, sondern vielmehr als Symbole für eine andere Sicht der Welt und eine andere Ästhetik gelten müssen.[2]

Es zeigt sich also, dass unser heute gültiges Wertesystem nicht auf mittelalterliche Literatur und besonders nicht auf Heldenepen angewendet werden darf, da erst im europäischen Mittelalter die Weichen für die Ausbildung uns bekannter Handlungs- und Verhaltensstereotypen gestellt wurden. Des weiteren muss vor einer Charakterisierung der Protagonisten im Sinne einer „Common- sense- Psychologie“[3] gewarnt werden, da diese versucht, scheinbar Disparates zu vereinheitlichen und Widersprüchliches zu plausibilisieren. Bei der Untersuchung der Kriemhild-Figur versuche ich daher reines Psychologisieren sowie das Zugrundelegen des heute geltenden Wertesystems zu vermeiden und ihr Agieren im Kontext mittelalterlicher Typik und Ethik zu verstehen. Des weiteren versuche ich zu beachten, dass der anthropologischer Entwurf der Kriemhild-Figur nicht Ausdruck historischer Realität ist und dass ihr Verhalten und ihre Sprache nicht lückenlos und widerspruchsfrei interpretiert werden können und müssen.

2 Hauptteil

2.1 Kriemhild im ersten Teil

2.1.1 Höfische Typisierung, Familienverbund und gesellschaftlicher Status

Bei der Präsentation der Protagonisten im ‚Nibelungenlied’ wird als erstes auf Kriemhild als vil edel magedîn (Vgl. „NL 2“) verwiesen, sie ist somit die erste Rollenfigur, welche dem Rezipienten im ‚Nibelungenlied’ begegnet und schon die zweite Strophe thematisiert ihre Bedeutsamkeit für den weiteren Verlauf des Epos, denn dar umbe muosen degene vil verlíesén den lîp . („NL 2“)[4]

Der Kriemhild Figur wird von Anfang an eine zentrale Position zugedacht, wodurch sich ihr Handlungsspielraum im gesamten Epos vergrößert. Dadurch ergibt sich Raum für ihre Individualisierung und die Entfaltung eines Entwicklungsprozesses vom ersten zum zweiten Teil.

Für eine Untersuchung ist zunächst die Darstellung der mittelalterlichen höfischen Lebenswelt mit ihren unterschiedlichen Kennzeichen erforderlich, welche wir in unserem Hauptseminar erarbeitet haben. Zu diesen Kennzeichen gehörte neben bestimmten äußeren Merkmalen wie Schönheit, Kleidung und körperlicher Stärke auch ein mächtiger Familienverbund sowie eine adlige Abstammung, durch die der gesellschaftliche Status gekennzeichnet war. Des weiteren spielte das Befolgen eines festgelegten ritualisierten Verhaltenskodex eine wichtige Rolle. Dieser Kodex umfasste die höfische Erziehung ebenso wie die Einhaltung bestimmter höfischer Sitten und Normen (z.B. die höfischen Lebens- und Geselligkeitsformen oder das Befolgen der Leitbegriffe triuwe, ere, minne).

Betrachten wir nun die Figur der Kriemhild, so wird evident, dass die Figur den meisten der o.g. höfischen Kriterien entspricht: Die Burgundenprinzessin zeichnet sich vor allem durch hohen Adel, Schönheit und sittliche Qualitäten aus sich, was die „[...] Harmonie von äußerer Erscheinung und innerer Disposition [...] “[5] als idealtypische Stilisierung verdeutlicht.

Auf die höfische Typisierung folgt ihre Einordnung in den Familienverbund des Wormser Hofes, wobei hier v.a. die Strophen 4, 5 und 7 hervorzuheben sind.

In der 4. Strophe führt der Dichter entsprechend ihrer altersbedingten Rangfolge die drei Könige Gunther, Gernot und Giselher ein. Das genderrelatierte Konstellationsgefüge zwischen den Geschwistern ist hierarchisch geordnet, Kriemhild ist als weibliche Figur den Brüdern rechtlich unterstellt, wobei diese (vornehmlich Gunther) nach dem Tod ihres Vaters Dankrat Vormundschaft über sie ausüben: diu frouwe was ir swester, die fürsten hetens in ir pflegen („NL 4“). Der Epiker charakterisiert sie dabei durch idealtypische Herrschereigenschaften wie z.B. edler Abstammung, Kampfkraft, Tapferkeit, Freigebigkeit und einen großen Hofstaat (Vgl. „NL 5“).

Nachfolgend wird Kriemhilds Mutter Ute vorgestellt, die in der Familie sowohl rechtlich als auch in der erzählten Handlung hinter ihren Söhnen rangiert.[6]

Auf die Vorstellung der direkten Verwandten Kriemhilds folgt in den Strophen 9 bis 12 die Einführung der wichtigsten Personen des Wormser Hofstaates und die Nennung der Inhaber der 5 Hofämter. Aufgrund seiner Position als oberster Vasall wird Hagen von Tronje als erster eingeführt: Daz was von Tronege Hagene. („NL 9“).

Die Aufzählung der verbleibenden Personen erfolgt ohne detaillierte ständische Zuordnung, sicher ist jedoch, dass sie als Mitglieder des Wormser Hofes dessen Macht und Stärke und zudem einen adäquaten ritterlichen Repräsentationsrahmen verkörpern.

Zusammenfassend ist zu sagen, dass Kriemhild dem idealtypischen Bild einer höfischen Dame entspricht, denn zum Einen ordnet sie sich dem Willen der Brüder unter und zum Anderen kennzeichnen sie ihre äußeren Merkmale, die adlige Abstammung sowie ihre Zugehörigkeit zum Familienverbund des Wormser Hofes als höfisch vollendetes Individuum.

Im nun folgenden Abschnitt thematisiere ich die Schilderung des Falkentraums, die den Beginn des epischen Handlungsverlaufes konstituiert und gleichzeitig einen ersten Blick auf Kriemhilds charakterliche Eigenschaften erlaubt.

2.1.2 Falkentraum

Bevor ich den Falkentraum (Vgl. „NL 13“) analysiere, ist es notwendig, zunächst die Strophen 2 und 4 näher zu betrachten, denn hier benutzt der Erzähler Hinweise, die auf einen Entwicklungsprozesses der Kriemhild-Figur deuten.

Auffällig ist die von ihm vorgenommene Modifikation bei der Benennung Kriemhilds:

Während sie von ihm in Strophe 2,1 noch als vil édel magedîn bezeichnet wird, deutet er in Strophe 2,3 bereits erste Entwicklungsschritte zum scoene wîp an, die ihren vorläufigen Abschluss in der Bezeichnung frouwe („NL 4“) finden.[7]

Kriemhild befindet sich in der Entwicklungszone zwischen Mädchen und Frau, wobei die Verben wuohs und si wart (Vgl. „NL 2, 1“; „NL 2,3“) auf einen Lebensprozess verweisen und somit den biographischen Charakter der Darstellung akzentuieren.[8]

Mit der Erzählung von Kriemhilds Falkentraum in Strophe 13 beginnt der Handlungsbericht des Epos: Kriemhild träumt, wie zwei Adler einen von ihr abgerichteten Falken zerfleischen und dadurch ihr Glück zerstören.

Sie widerspricht der Traumdeutung ihrer Mutter (Vgl. „NL 14“), indem sie erwidert: âne recken mínne sô will ich immer sîn. („NL 15“). Auffällig ist hier v.a. ihr

starker Wille und ihre Bereitschaft, eher der Liebe zu entsagen, als durch sie Leid zu erfahren. Sie fürchtet nicht die Liebe an sich, sondern ihren Verlust, da sie instinktiv ahnt, dass ihr nach dem Verlust der minne keine Existenzgrundlage bleibt[9] und „dass die Wegnahme künftiger Liebe nicht beliebiger Schmerz und Kummer, sondern, [...], totale Zerstörtheit sei, und [...] dass in ihr etwas adäquates Negatives aufbrechen werde, das letztes leit, d.i. Untergang, besagen müsste.“[10] Gestützt wird diese These durch ihre Mutter Ute, die noch einmal die existenzbestimmende Kraft der Liebe betont: “soltu ímmer herzenlîche zer werlde werden vrô, daz gescíht von mannes minne. [...]“ („NL 16“).

Kriemhilds „Anspruch uneingeschränkter Selbstgestaltung ihres eigenen Schicksals“[11] manifestiert sich auch in den folgenden Strophen, in denen sie erneut betont, Liebe und Leid zu vermeiden: “[...] ich sol si mîden beide, [...].“ ( „NL 17“) und an diesem Vorsatz (zunächst) auch festhält (Vgl. „NL 18“).

Die Falkentraum-Episode und besonders das Gespräch mit ihrer Mutter offenbaren ihren Willen zur Selbstbehauptung und die Leidenschaft, mit der sie ihre Ziele verfolgt, zeugen jedoch gleichzeitig von einer gewissen Naivität, denn als Zugehörige der Adelsgesellschaft müsste sie wissen, dass ihr Plan, als Frau in der nibelungischen Gesellschaft unverheiratet zu bleiben, dauerhaft nicht durchführbar ist.

2.1.3 Verhältnis zu höfischer Kultur und vorherrschendem Männerpatriarchat

Wie ich schon beschrieben habe, basiert die höfische Kultur im ‚Nibelungenlied’ auf unterschiedlichsten Komponenten. Neben dem Befolgen bestimmter Leitworte wie triuwe, êre und minne ist das Feiern von Festen eine bedeutsame Eigenschaft.

Das ‚Nibelungenlied’ ist durch insgesamt sieben Feste strukturiert, (vier vor und drei nach Siegfrieds Tod) wobei für mich hier nur die drei Feste relevant sind, die vor Siegfrieds Tod stattfinden und bei denen Kriemhild persönlich anwesend ist (5., 10. und 13.Aventiure). Kriemhilds Verhalten auf diesen Festen soll aufzeigen, welche Stellung sie hinsichtlich bestehender höfischer Werte und ritualisierter gesellschaftlicher Normen einnimmt.

Die 5. Aventiure beschreibt die Siegesfeier der Burgunden über die Sachsen. Die Teilnahme der Burgundenprinzessin am Fest ist mit der ersten Begegnung zwischen ihr und Siegfried verknüpft.

Gunther entscheidet, dass Kriemhild, ihre Mutter und deren Begleiterinnen am Fest teilnehmen sollen: er’nbôt ez frouwen Uoten und ir tóhter wol getân, daz si mit ir mägeden hin ze hove solden gân. („NL 275“). Seine Schwester kommt seinem Anliegen nicht nur bereitwillig nach, sie befolgt auch die in Strophe 289 artikulierte Aufforderung, Siegfried zu begrüßen, obwohl sie nie gegruozte recken („NL 289“).

Ihre Teilnahme an der Siegesfeier, die spezielle Begrüßungszeremonie zwischen ihr und Siegfried (Vgl. „NL 292 f.“; „NL 297“; „NL 305“) und die sich heimlich entwickelnde Liebesbeziehung bestätigen, dass sie als Bestandteil des Wormser Hofes dessen Regeln und Gesetze akzeptiert und sich (noch) an vorgeschriebene Verhaltensmuster hält.

Aventiure 10 stellt Brünhilds Ankunft in Worms und die sich anschließende Begrüßungs- und Hochzeitsfeier zwischen Kriemhild und Siegfried sowie Brünhild und Gunther dar. Im Rahmen dieses Festes kommen erneut die Formen höfischer Repräsentation zur Geltung, so beispielsweise bei Brünhilds Begrüßung durch Kriemhild (Vgl. „NL 587 f..“) oder bei der Eheschließung zwischen Siegfried und Kriemhild (Vgl. „NL 614 ff..“).

Nachdem Siegfried den Burgundenkönig an den ihm versprochenen Lohn erinnert, wendet sich dieser an seine Schwester und bittet sie um ihre formelle Einwilligung, wobei er an ihre triuwe und tugende appelliert: “[...] ich swour dich einem recken, unt wirdet der dîn man, sô hâstu mînen willen mit grôzen tríuwén getân.“ ( „NL 612“).

Kriemhild fügt sich dieser Aufforderung widerstandslos: “[...] jâ wil ich immer sîn, swie ir mir gebietet, daz sol sîn getân.[...].“ („NL 613“).

Vers 4 selbiger Strophe verstärkt diesen Eindruck noch, denn indem Kriemhild entgegnet: “[...] ich will in loben gerne, den ir mir, herre, gebet ze man.“ („NL 613“) und Gunther als herre bezeichnet, verdeutlicht sie, dass sie ihre Brüder und somit auch die vorherrschende Geschlechterordnung anerkennt.

Dies bestätigt auch die bereits erwähnte Konsenserklärung beider Partner bei der Eheschließung. Die dem ordo entsprechende Subordination der weiblichen Figur unter die männlichen Protagonisten wird bis zur Eheschließung nicht in Frage gestellt, denn Kriemhild fügt sich vollständig in die Rolle des Minneobjekts und ordnet sich widerspruchslos unter die Vormundschaft der Brüder.[12]

Nach der Eheschließung mit dem Xantener Königssohn ändert sich nicht Kriemhilds Status sowie ihre Bindung an einen anderen Vormund, sondern sie erscheint auch erstmalig in ihrer Rolle als Königin, die Interesse an Macht und Besitz artikuliert:

“ [... ] mir suln ê mîne brüeder teilen mit diu lant.“ („NL 691“). Siegfried reagiert, indem er - für Kriemhild sprechend – ihre Forderung nach Land und Besitz ablehnt (Vgl. „NL 694, 4 f.“).

[...]


[1] Nagel, Bert: Das Nibelungenlied, Stoff – Form- Ethos, Frankfurt a. M. 1970, S. 137 ff. zitiert nach Marianne Wahl Armstrong: Rolle und Charakter. Studien zur Menschendarstellung im Nibelungenlied. In: GAG 221, hrsg. von Müller, Hundsnurscher und Sommer, S. 3.

[2] Vgl. Jan Dirk Müller: Spielregeln für den Untergang: die Welt des Nibelungenliedes, Tübingen 1998,

S. 2.

[3] Vgl. ebd., S. 2.

[4] Sämtliche hier verwendeten Zitate aus dem ‚Nibelungenlied’ entstammen folgender Ausgabe:

Das Nibelungenlied. Nach der Ausgabe von Karl Bartsch. Hrsg. von Helmut de Boor. 22., rev. und von Roswitha Wisniewski ergänzte Aufl. Mannheim 1988, Nachdruck: Wiesbaden: Albert, 1996 (Deutsche Klassiker des Mittelelalters).

[5] Schulze, Ursula: Das Nibelungenlied. Reclam Stuttgart 2001, S. 143.

[6] Vgl. Schulze, Das Nibelungenlied, S. 144.

[7] Vgl. Wahl Armstrong, Rolle und Charakter, S. 249.

[8] Vgl. ebd., S. 250.

[9] Vgl. Hoffmann, Werner: Das Nibelungenlied. Interpretationen zum Deutschunterricht.

Hrsg. von Rupert Hirschenauer und Albrecht Weber, R. Oldenbourg Verlag München, 1969, S. 51.

[10] Weber, Gottfried: Das Nibelungenlied. Problem und Idee. J.B. Metzlerische Verlagsbuchhandlung und Carl Ernst Poeschel Verlag GmbH, Stuttgart 1963, S. 6.

[11] Wahl Armstrong, Rolle und Charakter, S. 252.

[12] Vgl. Jönsson, Maren: „Ob ich ein ritter waere“. Genderentwürfe und genderrelatierte Erzählstrategien im Nibelungenlied. Acta Universitatis Upsaliensis, Uppsala 2001 ( Studia Germanistica Upsaliensia 40), S. 83.

Ende der Leseprobe aus 29 Seiten

Details

Titel
Die Kriemhild-Figur im "Nibelungenlied". Entwicklungsprozess oder Rollenwechsel von der 'höfischen Dame' zur 'entmenschlichten Rächerin'?
Hochschule
Christian-Albrechts-Universität Kiel  (Institut für Ältere Deutsche Literatur)
Note
2
Autor
Jahr
2006
Seiten
29
Katalognummer
V135871
ISBN (eBook)
9783640439041
ISBN (Buch)
9783640439072
Dateigröße
465 KB
Sprache
Deutsch
Anmerkungen
Schlagworte
Weiblichkeitsentwürfe Nibelungenlied Rollenstereotyp Kriemhild
Arbeit zitieren
Elena Tresnak (Autor), 2006, Die Kriemhild-Figur im "Nibelungenlied". Entwicklungsprozess oder Rollenwechsel von der 'höfischen Dame' zur 'entmenschlichten Rächerin'?, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/135871

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