In der Bundesrepublik Deutschland (BRD) fanden seit den späten achtziger Jahren eine Reihe von Kontroversen statt, die Zeit und Erbe des NS-Regimes zum Gegenstand hatten und haben. Eine davon ist die Debatte um die umstrittene Ausstellung „Vernichtungskrieg. Verbrechen der Wehrmacht 1941-1944“ des Hamburger Instituts für Sozialforschung (HIS) von 1995, die in der BRD und Österreich gastierte [...]
Die Ausstellung erhitzte die Gemüter von großen Teilen der bundesdeutschen Gesellschaft und auch des Auslands. Das HIS selbst bewertet die Kontroverse wie folgt:
„Die Ausstellung „Vernichtungskrieg. Verbrechen der Wehrmacht 1941-1944“ hat in der Bundesrepublik eine Diskussion um die Verbrechen des nationalsozialistischen Krieges und den Umgang der Nachkriegsgesellschaft mit diesem Teil der deutschen Vergangenheit ausgelöst. Niemals zuvor hatte die westdeutsche Öffentlichkeit derart engagiert und ausdauernd über ihre Vergangenheit gestritten.“
Im Verlauf der Ausstellung kam es zu Auseinandersetzungen, bei denen sich das verantwortliche HIS erheblicher Kritik ausgesetzt sah. Im Zentrum der Angriffe standen der Vorstand des HIS, Jan Philipp Reemtsma, sowie der Leiter der Ausstellung, Hannes Heer.
Die Diskussion um die Ausstellung ist dadurch gekennzeichnet, dass die öffentliche Beschäftigung mit dem historischen Thema sehr schnell in den Hintergrund gerückt und von der Auseinandersetzung über deren Wirkungsgeschichte dominiert wurde [...]
Letztlich haben gerade die Schwächen der Ausstellung zum Erreichen ihrer selbst auferlegten Zielsetzung „Eröffnen einer Debatte“, sowie zu ihrem großen Besuchererfolg beigetragen. Das soll am Verlauf der Kontroverse, den Hauptvorwürfen an die Ausstellung, speziell der Rolle der Bilder der Ausstellung, in dieser Arbeit deutlich werden.
Die Arbeit beginnt in einem einführenden Teil mit der Darstellung der Ausstellung „Vernichtungskrieg. Verbrechen der Wehrmacht 1941 bis 1944“ und der Verantwortlichen. Zum Verständnis der Debatte werden ihr Gegenstand und der Stand der Wissenschaft knapp erläutert, ebenso die in der Ausstellung vorgebrachten Thesen. Dann folgt ein Überblick über die vorgebrachte Kritik, die daraus entstandenen Folgen, die schließlich zur neu konzipierten Ausstellung „Verbrechen der Wehrmacht. Dimensionen des Vernichtungskrieges 1941-1944“ und der Versachlichung der Kontroverse um die Verstrickung der Wehrmacht in Kriegsverbrechen führte.
Inhaltsverzeichnis
Einleitung
I. Die 1. Ausstellung: „Vernichtungskrieg. Verbrechen der Wehrmacht 1941-1944“
1. Ausstellungsorte
2. Die Verantwortlichen für die Ausstellung
a) Hamburger Institut für Sozialforschung (HIS)
b) Jan Philipp Reemtsma
c) Die Ausstellungsmacher
3. Thesen der Ausstellung
a) Die Legende der „sauberen Wehrmacht“
b) Zum Stand der wissenschaftlichen Forschung
4. Konzeption und Beweisführung
a) Ausstellung
b) Begleitende Literatur
c) Das Begleitprogramm
5. Reaktionen auf die Ausstellung und Konsequenzen der Kontroverse
a) Die Befürworter der Ausstellung
b) Die Gegner der Ausstellung
c) Die Kritik und ihre vielfältigen Folgen
6. Moratorium und die Bewertung der Kommissionsergebnisse
II. Die 2. Ausstellung: „Verbrechen der Wehrmacht. Dimensionen des Vernichtungskrieges 1941-1944“
1. Ausstellungsorte
2. Thesen und Konzeption
3. Kritik an der Ausstellung
III. Fazit
1. Ergebnisse bzw. Erfolge der Ausstellung „Vernichtungskrieg …“
2. Was ist strittig?
IV. Literaturverzeichnis
1. Literaturverzeichnis
2. Internetressourcen
3. Bildquellenverzeichnis
Zielsetzung & Themen
Diese Bachelor-Arbeit untersucht die Entstehung, den Verlauf und die gesellschaftlichen Auswirkungen der umstrittenen Wehrmachtsausstellung des Hamburger Instituts für Sozialforschung aus dem Jahr 1995. Das zentrale Ziel ist es, aufzuzeigen, wie die Ausstellung durch ihre spezifische Konzeption und bildliche Darstellung den Mythos der „sauberen Wehrmacht“ erschütterte, gesellschaftliche Kontroversen auslöste und welche methodischen Schwächen zu einer Neukonzeption der Ausstellung im Jahr 2001 führten.
- Analyse der Thesen und der Konzeption der Wehrmachtsausstellung.
- Untersuchung der gesellschaftlichen Reaktionen und des Generationenkonflikts.
- Methodische Kritik am Umgang mit Bildquellen und Dokumenten.
- Bewertung des Einflusses der Ausstellung auf die deutsche Erinnerungskultur.
- Gegenüberstellung der ersten Ausstellung von 1995 und der überarbeiteten Neukonzeption von 2001.
Auszug aus dem Buch
3. Thesen der Ausstellung
Die Kernaussage der Ausstellung wird in den Informationen zur Ausstellung zusammenfassend beschrieben:
„Die Wehrmacht war aktiv beteiligt am Holocaust, an der Ausraubung der besetzten Gebiete, am Massenmord an der Zivilbevölkerung und an der Vernichtung der sowjetischen Kriegsgefangenen. Der Krieg im Osten und Südosten wurde als Rassen- und Vernichtungskrieg geplant und durchgeführt.“
Der Prolog im Ausstellungskatalog, sowie auf einer einführenden Stellwand in der Ausstellung, erläutert Thesen und Ausstellungskonzeption wie folgt:
„1945, kaum daß Nazi-Deutschland besiegt war, begannen die ehemaligen Generäle mit der Fabrikation einer Legende – der Legende von der ‚sauberen Wehrmacht‘. Die Truppe, so hieß es, habe Distanz zu Hitler und dem NS-Regime gehalten, habe mit Anstand und Würde ihre soldatische Pflicht erfüllt und sei über die Greueltaten von Himmlers Einsatztruppen allenfalls nachträglich informiert worden. Diese Behauptung, die Millionen ehemaliger deutscher und österreichischer Soldaten freisprach, bestimmt bis heute die öffentliche Meinung. 1995, fünfzig Jahre später, ist es an der Zeit, sich von dieser Lüge endgültig zu verabschieden und die Realität eines großen Verbrechens zu akzeptieren:
Die Wehrmacht führte 1941 bis 1944 auf dem Balkan und in der Sowjetunion keinen ‚normalen Krieg‘, sondern einen Vernichtungskrieg gegen Juden, Kriegsgefangene und Zivilbevölkerung, dem Millionen zum Opfer fielen. Die deutsche Militärgeschichtsschreibung hat zwar viel zur Aufklärung dieses Tatbestandes beigetragen, sie weigert sich aber einzugestehen, daß die Wehrmacht an allen diesen Verbrechen aktiv und als Gesamtorganisation beteiligt war.
Die Ausstellung will genau diesen Beweis führen. Sie wählt dazu drei Beispiele: den Partisanenkrieg in Serbien, die 6. Armee auf dem Weg nach Stalingrad, die dreijährige Besatzung Weißrußlands.
Und sie demonstriert die Schwierigkeit dieser Beweisführung: Von Beginn an versuchte die Wehrmacht, die Spuren ihrer Verbrechen zu verwischen und die Erinnerung daran zu beseitigen. Was an Legendenbildung in der Nachkriegszeit entstand, war nur die Fortsetzung dieser Politik. Die Ausstellung will kein verspätetes und pauschales Urteil über eine ganze Generation ehemaliger Soldaten fällen.
Sie will eine Debatte eröffnen über das – neben Auschwitz – barbarischste Kapitel der deutschen und österreichischen Geschichte, den Vernichtungskrieg der Wehrmacht von 1941 bis 1944.“
Zusammenfassung der Kapitel
I. Die 1. Ausstellung: „Vernichtungskrieg. Verbrechen der Wehrmacht 1941-1944“: Dieses Kapitel stellt die erste Wehrmachtsausstellung vor, inklusive ihrer Akteure, der zentralen Thesen, der medialen Rezeption und der heftigen, oft polemischen Kritik, die schließlich zu einem Moratorium führte.
II. Die 2. Ausstellung: „Verbrechen der Wehrmacht. Dimensionen des Vernichtungskrieges 1941-1944“: Hier wird der Prozess der wissenschaftlichen Neukonzeption nach dem Moratorium erläutert, wobei der Fokus auf einer differenzierteren Darstellung und der Einbindung eines wissenschaftlichen Beirats liegt.
III. Fazit: Das Fazit fasst die Bedeutung der Ausstellung als Auslöser für eine tiefgreifende gesellschaftliche Debatte über die Rolle der Wehrmacht zusammen und bewertet die Lernprozesse, die zu einer methodischen Verbesserung in der Neukonzeption geführt haben.
Schlüsselwörter
Wehrmachtsausstellung, Vernichtungskrieg, Wehrmachtsverbrechen, Legende der sauberen Wehrmacht, Hamburger Institut für Sozialforschung, Hannes Heer, Jan Philipp Reemtsma, Erinnerungskultur, NS-Regime, Kriegsverbrechen, Bildquellen, Debatte, Zeitgeschichte, Zweiter Weltkrieg, Partisanenkrieg
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser wissenschaftlichen Arbeit grundlegend?
Die Arbeit analysiert kritisch die Wehrmachtsausstellungen des Hamburger Instituts für Sozialforschung in den 1990er und 2000er Jahren sowie die damit verbundene gesellschaftliche Debatte in Deutschland.
Was sind die zentralen Themenfelder der Analyse?
Dazu gehören die Darstellung der Wehrmachtsverbrechen, die Rolle der Militärführung im NS-Staat, der Umgang mit historischen Bildquellen und die Rezeption dieser Ausstellung durch Zeitzeugen, Historiker und die breite Öffentlichkeit.
Was ist das primäre Ziel der Untersuchung?
Ziel ist es, die Entwicklung der Ausstellung zu beleuchten, die berechtigte und teilweise polemische Kritik daran zu untersuchen und aufzuzeigen, wie durch die Kontroverse eine Versachlichung der historischen Forschung eingeleitet wurde.
Welche wissenschaftliche Methode wird in dieser Arbeit verwendet?
Die Autorin oder der Autor verwendet eine historisch-analytische Methode, basierend auf der Auswertung von Fachliteratur, Ausstellungskatalogen, zeitgenössischen Presseberichten, Statements von Historikern und Berichten einer eigens einberufenen Historikerkommission.
Was wird im Hauptteil der Arbeit schwerpunktmäßig behandelt?
Der Hauptteil konzentriert sich auf die Konzeption der ersten Ausstellung, die massive öffentliche Kritik an der Bildauswahl und der methodischen Herangehensweise, das darauffolgende Moratorium sowie die Neukonzeption der zweiten Ausstellung.
Welche Keywords charakterisieren diese Arbeit am besten?
Wehrmachtsausstellung, Vernichtungskrieg, Wehrmachtsverbrechen, saubere Wehrmacht, Erinnerungskultur und gesellschaftliche Debatte.
Warum wird die „Legende der sauberen Wehrmacht“ in der Arbeit so intensiv diskutiert?
Weil dieser Mythos nach 1945 das kollektive Gedächtnis der deutschen Gesellschaft prägte und die Ausstellung direkt dazu beitrug, diesen Mythos durch die Dokumentation von Verbrechen an Zivilisten und Kriegsgefangenen in Frage zu stellen.
Welche Rolle spielten die verwendeten Fotos für die Glaubwürdigkeit der Ausstellung?
Die Fotos waren das wirkungsmächtigste, aber auch angreifbarste Element; die ungenaue Quellenkritik und Bildunterschriften führten dazu, dass Kritiker die wissenschaftliche Validität der gesamten Ausstellung in Zweifel zogen.
Was unterscheidet die erste von der zweiten Ausstellung?
Die erste Ausstellung setzte stärker auf Schock und Provokation, während die zweite Ausstellung (2001) durch einen wissenschaftlichen Beirat, eine stärkere Differenzierung und eine fundiertere quellenkritische Einordnung gekennzeichnet war.
- Arbeit zitieren
- Roland Alfus (Autor:in), 2008, Die Wehrmachtsdebatte - Erkenntnisse aus Schwächen als Wege zum Erfolg , München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/135891