Den Ausgangspunkt dieser Arbeit bildet der von Norbert Ricken in seinem Aufsatz
‚Über die Verachtung der Pädagogik. Eine Einführung’ (2007) diagnostizierte Umstand,
wonach
„trotz aller Beschwörungen und ‚Hochglanz’-Beteuerungen, dass Bildung – und mit ihr die Pädagogik
insgesamt – gesellschaftlich nicht nur unverzichtbar, sondern überhaupt wichtiger
denn je sei, […] sich doch in der Öffentlichkeit hartnäckig eine weithin negative Einschätzung
eben dieser Pädagogik [hält]“ (Ricken 2007: 15).
Ricken gibt in seinem Aufsatz bereits einige wertvolle Hinweise, welche Motive für
eben diese Verachtung der Pädagogik als ursächlich anzusehen sind. Ich möchte im
Folgenden auf zwei dieser Hinweise näher eingehen, um daran Überlegungen des
Philosophen, Kulturwissenschaftlers und Essayisten Peter Sloterdijk anzuschließen.
Insbesondere werde ich mich dabei auf die Verachtung, die dem pädagogischen Beruf
des Lehrers entgegengebracht wird, konzentrieren. Aus Sloterdijks Sicht ist dem
Lehrerberuf als einer ‚strukturellen Überforderungsfalle’ nur durch eine entsprechende
Kritik zu helfen: „Die Analyse von berufsspezifischen Kränkungen und Erfahrungen
des Scheiterns ist so nötig wie die Analyse des Ressentiments gegen den
Beruf. Das wäre Aufklärung der wertvollsten Art.“ (Sloterdijk 2001: 43) An einer
solchen Form von Aufklärung möchte diese Arbeit mithelfen.
Zu diesem Zweck werde ich zunächst dem Hinweis Rickens auf den von Theodor W.
Adorno in den 60er Jahren des vergangenen Jahrhunderts gehaltenen Vortrag ‚Tabus
über dem Lehrberuf’ folgen. In dieser Rede spricht Adorno u. a. vom Lehrer als
‚Krüppel’, dem „ein gewisses Aroma des gesellschaftlich nicht ganz Vollgenommenen“
(Adorno 1993: 71) anhafte. Diese Vorstellung Adornos vom Lehrer als seelischem
Krüppel erweist sich als anschlussfähig für Sloterdijks Überlegungen in dessen
aktuellem Buch ‚Du musst dein Leben ändern. Über Anthropotechnik’ (2009),
wonach das ‚Krüppeltum’ nicht nur den modus vivendi des Lehrers, sondern ausnahmslos
aller Menschen bestimme. Wie ich versuchen werde zu zeigen, liegt bereits
in der bloßen Akzeptanz dieser These eine Möglichkeit zur Emanzipation von der
von vielen Lehrern empfundenen Hilflosigkeit sowie einer gewissen selbstbemitleidenden
Haltung, welche von der Öffentlichkeit als Anlass für Verachtung gegenüber
dem Beruf des Lehrers genommen wird. [...]
Inhaltsverzeichnis
1. EINLEITUNG
2. DER LEHRER ALS SEELISCHER KRÜPPEL
3. PÄDAGOGIK UND ZYNISMUS
3.1 KRITIK DER ZYNISCHEN VERNUNFT
3.2 ANTIKE PHILOSOPHIE DER FRECHHEIT: KYNISMUS
3.3 DIOGENES VON SINOPE
3.3.1. Diogenes und Alexander der Große
3.3.2. Die Laternen-Anekdote
3.3.3. Der Philosoph in der Tonne
3.3.4. Diogenes der Schamlose
3.4 DIE MODERNE GESELLSCHAFTLICHE SCHIZOPHRENIE
4. FAZIT: UNTHANS UND DIOGENES’ LEKTION
Zielsetzung & Themen
Die vorliegende Arbeit untersucht die gesellschaftliche Verachtung der Pädagogik und des Lehrerberufs, indem sie Überlegungen von Norbert Ricken mit den philosophischen Ansätzen von Peter Sloterdijk verbindet. Das primäre Ziel ist es, den Lehrerberuf aus der strukturellen Überforderungsfalle zu lösen und Wege aufzuzeigen, wie durch eine Rückbesinnung auf kynische Prinzipien und eine Emanzipation vom Selbstmitleid ein neuer Umgang mit Negativität und Kritik im pädagogischen Kontext gefunden werden kann.
- Analyse der Verachtung gegenüber dem Lehrerberuf (Adorno, Ricken).
- Verbindung von Lehrertum und dem Begriff des „seelischen Krüppels“.
- Kritik der zynischen Vernunft in der modernen Gesellschaft.
- Die Philosophie des Diogenes von Sinope als Gegenentwurf zum Zynismus.
- Didaktische Implikationen zur Überwindung von Selbstmitleid und zur Förderung von Lernfreude.
Auszug aus dem Buch
3.1 Kritik der zynischen Vernunft
Tenorth bezieht sich zur Beantwortung dieser Frage ausschließlich auf systemtheoretische Argumente.5 Aus meiner Sicht erscheint eine andere Herangehensweise – gerade im Hinblick auf mögliche Maßnahmen gegen die Verachtung der Pädagogik, da die systemtheoretischen Paradoxien prinzipiell unlösbar bleiben – deutlich fruchtbarer. Peter Sloterdijk hat in seinem 1983 veröffentlichten Hauptwerk ‚Kritik der zynischen Vernunft’ für die moderne Gesellschaft eine grundlegende, gegen das „Prinzip Ernstfall“ (Sloterdijk 2001: 41) gerichtete ‚neo-kynische’6 Bewegung diagnostiziert:
„Der heftige antirationalistische Impuls in den Ländern des Westens reagiert auf einen geistigen Zustand, in dem alles Denken Strategie geworden ist; er bekundet einen Ekel vor einer bestimmten Form von Selbsterhaltung. Er ist ein sensibles Zusammenzucken vor dem kalten Hauch einer Realität, in der Wissen Macht ist und Macht Wissen.“ (Sloterdijk 1983: 12)
Der moderne Zynismus nimmt somit an dem Punkt seinen Ausgang, an dem Nietzsche damit begonnen hatte, jedweden Willen zum Wissen als einen Willen zur Macht zu entlarven. Mit der alten Sozialdemokratie erhält im 19. Jahrhundert die Parole ‚Wissen ist Macht’ als praktisch-vernünftiges Losungswort Einzug in die Schulen, womit vorrangig der kleinbürgerliche Glauben verbunden war, dass man zunächst etwas lernen müsse, um es später einmal besser zu haben. Es ist eben dieser Glaube, der durch real gemachte Erfahrungen von Diskontinuitäten und diversen Brüchen in der eigenen Biographie bereits seit Jahrzehnten im Auflösen begriffen ist, da der direkte Weg vom Studium zum angestrebten Lebensstandard der Ausnahmefall geworden ist, und man gemeinhin seither mit dem Risiko leben muss, „ins Leere zu lernen“ (ebd.). An die Stelle des Glaubens, man müsse erst etwas lernen, um es später besser zu haben, tritt nun die Verachtung der Pädagogik, wie sie auch bei Sloterdijk unmissverständlich zum Ausdruck kommt:
Zusammenfassung der Kapitel
1. EINLEITUNG: Diese Einleitung führt in die Problematik der gesellschaftlichen Verachtung der Pädagogik ein und erläutert die Absicht, die Lehrerthematik mit Sloterdijks philosophischen Reflexionen zu verknüpfen.
2. DER LEHRER ALS SEELISCHER KRÜPPEL: Das Kapitel diskutiert das negative Bild des Lehrers nach Adorno und setzt es in Bezug zu Sloterdijks Überlegungen zum „Krüppeltum“ als allgemein menschlichem Zustand, um Auswege aus dem professionellen Selbstmitleid zu finden.
3. PÄDAGOGIK UND ZYNISMUS: Dieses Kapitel analysiert die Diskrepanz zwischen gesellschaftlichen Erfordernissen und pädagogischen Idealen und untersucht den Zynismus als ein aufgeklärtes falsches Bewusstsein in der modernen Schule.
3.1 KRITIK DER ZYNISCHEN VERNUNFT: Hier wird Sloterdijks Konzept des Zynismus als Reaktion auf einen geistigen Zustand vorgestellt, in dem alles Denken zur Strategie verkommt und das Vertrauen in die Bildung erodiert.
3.2 ANTIKE PHILOSOPHIE DER FRECHHEIT: KYNISMUS: Dieses Kapitel erläutert den Kynismus als subversive Antwort auf den athenischen Herrenidealismus, bei dem Leben und Lehre im Sinne der Verkörperungsregel untrennbar verbunden sind.
3.3 DIOGENES VON SINOPE: Das Kapitel widmet sich dem Prototyp des Kynikers, dessen Lebensführung die Einheit von Theorie und Praxis in den Fokus rückt.
3.3.1. Diogenes und Alexander der Große: Die Anekdote illustriert den souveränen Geist des Diogenes, der dem subjektiven Machtstreben eine radikale Genügsamkeit entgegensetzt.
3.3.2. Die Laternen-Anekdote: Die Geschichte verdeutlicht Diogenes' Suche nach wahrer Menschlichkeit und seine Kritik an den gesellschaftlichen „Sozialkrüppeln“.
3.3.3. Der Philosoph in der Tonne: Das Wohnen in der Tonne steht symbolisch für die Ablehnung zivilisatorischer Verführungen und die Freiheit von falschen Ansprüchen.
3.3.4. Diogenes der Schamlose: Hier wird Diogenes' provokanter Umgang mit dem Animalischen und den Schamkonventionen als Form der Emanzipation analysiert.
3.4 DIE MODERNE GESELLSCHAFTLICHE SCHIZOPHRENIE: Das Kapitel beschreibt den Strukturwiderspruch moderner Gesellschaften, der es Lehrern verunmöglicht, pädagogische Ziele ohne Zynismus zu verfolgen.
4. FAZIT: UNTHANS UND DIOGENES’ LEKTION: Das Fazit fasst zusammen, wie Lehrer durch eine Abkehr vom Zynismus und eine Hinwendung zu einer „Vorfreude auf sich selbst“ die pädagogische Arbeit neu gestalten können.
Schlüsselwörter
Pädagogik, Verachtung, Peter Sloterdijk, Lehrerberuf, Zynismus, Kynismus, Diogenes, Seelischer Krüppel, Selbstmitleid, Anthropotechnik, Kritik, Lebenskunst, Bildungsphilosophie, Moderne Schizophrenie, Erziehung.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in der Arbeit grundlegend?
Die Arbeit untersucht die Gründe für die hartnäckige gesellschaftliche Verachtung der Pädagogik und des Lehrerberufs und sucht nach philosophischen Ansätzen, diese zu überwinden.
Was sind die zentralen Themenfelder?
Die zentralen Themen sind das Verhältnis von Lehrerbildung und Selbstmitleid, die Kritik am modernen Zynismus sowie die antike kynische Lebensphilosophie als mögliches Korrektiv.
Was ist das primäre Ziel der Arbeit?
Das Ziel ist es, aufzuzeigen, wie Lehrer ihre durch gesellschaftliche Erwartungen verursachte Hilflosigkeit überwinden können, um durch eine philosophisch fundierte Haltung wieder produktiv und mit Freude zu lehren.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Die Arbeit basiert auf einer philosophischen Analyse im Anschluss an Peter Sloterdijk, ergänzt durch pädagogische Diskurse und die Rezeption klassischer Texte (Adorno, Ricken).
Was wird im Hauptteil behandelt?
Im Hauptteil werden das Bild des „seelischen Krüppels“, die moderne „Schizophrenie“ des Bildungssektors und die kynischen Strategien des Diogenes von Sinope zur Bewältigung von Zynismus detailliert ausgearbeitet.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Die Arbeit wird durch Begriffe wie Pädagogik, Verachtung, Zynismus, Kynismus, Lehrerberuf und Anthropotechnik geprägt.
Wie unterscheidet sich der hier beschriebene „seelische Krüppel“ von einer körperlichen Behinderung?
Der Begriff bezieht sich bei Adorno und Sloterdijk auf eine existenzielle Haltung der Hilflosigkeit und sozialen Unangepasstheit, die Lehrer aus ihrem beruflichen Scheitern und gesellschaftlichen Status ableiten, anstatt ihn als reale körperliche Einschränkung zu verstehen.
Warum spielt die Figur des Diogenes eine so zentrale Rolle für die Argumentation?
Diogenes verkörpert die radikale Einheit von Leben und Lehre und dient als Beispiel dafür, wie man sich durch die Ablehnung falscher gesellschaftlicher Ansprüche – etwa überzogener Machtwünsche – von einer zynischen Haltung emanzipieren kann.
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- B.A. René Klug (Author), 2009, Über die Verachtung der Pädagogik: Überlegungen im Anschluss an Peter Sloterdijk, Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/135892