In dieser Arbeit wird ermittelt, welche Anklagepunkte Weiss erhebt und vor allem, gegen wen. Wie nutzt Weiss dafür das dokumentarische Theater und das vorhandene Material in Form der Frankfurter Prozesse? Welche Rolle spielten für Weiss der Kapitalismus und die Gesellschaft beim Holocaust und wie beurteilt er die gegenwärtige Situation in den 60er Jahren?
Um diese Fragen zu klären, werden verschiedene Zeugenaussagen in Weiss' Stück untersucht und herausgearbeitet, gegen wen sie wirklich aussagen. Vorher wird allerdings noch eine knappe Darstellung der Schwurgerichtsverhandlung in der Strafsache gegen Mulka und andere erfolgen. Diese ist unverzichtbar, will man, "Die Ermittlung" verstehen und nachvollziehen können.
Außerdem werden kurz die Grundzüge des dokumentarischen Theaters erläutert, ehe dann die verschiedenen Zeugen und ihre Aussagen analysiert und die genannten Kernfragen Antwort erhalten. Schließlich werden die Ergebnisse in einem kurzen Schlusswort zusammengefasst und weitere Richtungen, in die auf Basis der gewonnenen Erkenntnisse geforscht werden kann, genannt.
Inhaltsverzeichnis
I. Einleitung
I.1 Zielsetzung und methodisches Vorgehen
I.2 Schuldig: Der Frankfurter Auschwitz-Prozess
II. Die Ermittlung: Ein Konzentrat der Aussage
II.1 Das dokumentarische Theater
II.2 Die Zeugen in „Die Ermittlung“ und ihre Aussagen
II.2.a Die neun Zeugen
II.2.b Die Täterzeugen
II.2.c Zeuge 3 als politisches Sprachrohr
III. Schlussteil
IV. Quellen- und Literaturverzeichnis
Zielsetzung & Themen
Die vorliegende Arbeit untersucht das Stück „Die Ermittlung“ von Peter Weiss unter besonderer Berücksichtigung der darin enthaltenen Zeugenaussagen. Ziel ist es, aufzuzeigen, wie Weiss mittels der Methode des dokumentarischen Theaters die Mechanismen des Holocaust und deren Verankerung in gesellschaftlichen sowie kapitalistischen Strukturen hinterfragt und kritisiert.
- Analyse des Auschwitz-Prozesses als Grundlage des Dramas
- Untersuchung der Funktionsweise des dokumentarischen Theaters
- Interpretation der verschiedenen Zeugentypen (Opferzeugen vs. Täterzeugen)
- Kritik an der gesellschaftlichen Verdrängung und Kontinuität nach 1945
- Darstellung von Kapitalismus und NS-Regime als korrelierende Systeme
Auszug aus dem Buch
II.2.b Die Täterzeugen
„Die Zeugen 1 und 2 „sind „Sprachrohre“ der weiterbestehenden Gesellschaft des Lagers.“ Zwar stammen auch die Aussagen dieser Zeugen alle aus den Prozessakten, allerdings sind in ihnen verschiedene Personen enthalten. So nutzt Weiss diese Zeugen, um „Auskünfte über die Gleichgültigkeit und fragenlose Selbstverständlichkeit des bürokratischen Apparats“ zu erzielen, indem „er ihnen weitaus größeren Raum gibt, als solche Ermittlungen in der Vergangenheit tatsächlich hatten.“ So gibt Zeuge 2 zum Beispiel ein Konzentrat der Aussage von Wilhelm Hilse preis, der für die Güterabfertigung in Auschwitz zuständig war. Stellvertretend für die Bemühungen der Zeugen 1 und 2, stets ihre Hilfsbereitschaft auszudrücken, die doch nur durch die damaligen Befehlshaber unterbunden worden sei, ist folgende Aussage, die Zeuge 2 direkt bei seinem Auftritt tätigt:
Ich sah einmal eine Frau die ein kleines Kind an die Luftklappe hielt und fortgesetzt nach Wasser schrie Ich holte einen Krug Wasser und wollte ihn ihr reichen Als ich den Krug hochhob kam einer der Wachleute und sagte Wenn ich nicht sofort weggehe würde ich erschossen
Die originale Aussage, die Hilse tätigte, lautete wie folgt:
Ich will Ihnen hierzu nur einen Fall nennen: Es war im Sommer des Jahres 1944, da stand ein Transportzug von Ungarn am Bahnhof Auschwitz, unmittelbar gegenüber der Güterabfertigung. Die Wagentüren waren geschlossen. Nur die Luftklappen waren offen. Und eine Frau hielt ein kleines Kind im Arm und rief fortlaufend nach Wasser. Ich habe mir dann ein Herz gefaßt, habe dann einen Krug Wasser genommen und bin rangegangen an den Zug. Und als ich in unmittelbarer Nähe des betreffenden Wagens stand, kam sofort ein SS-Mann an mich heran und fragte, was ich hier zu suchen habe. Die Antwort des SS-Mannes: „Wenn Sie nicht sofort weggehen hier von dem Wagen, schieße ich Sie tot.“
Zusammenfassung der Kapitel
I. Einleitung: Die Einleitung führt in die Thematik des dokumentarischen Theaters ein und erläutert die methodische Herangehensweise der Arbeit sowie den historischen Kontext des Auschwitz-Prozesses.
II. Die Ermittlung: Ein Konzentrat der Aussage: Dieser Hauptteil analysiert die Form des dokumentarischen Theaters bei Peter Weiss und untersucht detailliert die Rolle und Aussagen der verschiedenen Zeugen, von Opfern bis zu Tätern, um die ideologische Kritik des Autors herauszuarbeiten.
III. Schlussteil: Der Schlussteil fasst die Ergebnisse zusammen und verdeutlicht, dass Weiss mittels des Stückes nicht nur die Vergangenheit aufarbeitet, sondern die gesellschaftliche Kontinuität und kritische Hinterfragung des kapitalistischen Systems anmahnt.
IV. Quellen- und Literaturverzeichnis: Auflistung sämtlicher für die Arbeit herangezogener Primär- und Sekundärquellen sowie Online-Literatur.
Schlüsselwörter
Peter Weiss, Die Ermittlung, Dokumentarisches Theater, Auschwitz-Prozess, Zeugenaussage, NS-Regime, Kapitalismus, Faschismus, Holocaust, Schuldfrage, Gesellschaftskritik, Systemkritik, Opferzeugen, Täterzeugen, Vergangenheitsbewältigung.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit befasst sich mit dem Werk „Die Ermittlung“ von Peter Weiss und untersucht, wie der Autor das dokumentarische Theater als Medium nutzt, um zeithistorische Zeugenaussagen zu verarbeiten und systemkritische Zusammenhänge offen zu legen.
Was sind die zentralen Themenfelder der Analyse?
Im Zentrum stehen die Struktur des dokumentarischen Theaters, die Analyse von Zeugentypen sowie die Kritik an der Verflechtung von nationalsozialistischer Ideologie und kapitalistischen Wirtschaftsstrukturen.
Was ist die primäre Forschungsfrage?
Die zentrale Frage lautet, welche Anklagepunkte Weiss gegen wen erhebt und wie er diese mithilfe des dokumentarischen Theaters und des Materials der Frankfurter Prozesse narrativ und inhaltlich umsetzt.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Die Arbeit nutzt die literaturwissenschaftliche Analyse des Dramentextes sowie dessen Abgleich mit den historischen Dokumenten der Gerichtsprotokolle des Frankfurter Auschwitz-Prozesses.
Was wird im Hauptteil der Arbeit behandelt?
Der Hauptteil gliedert sich in die Definition des dokumentarischen Theaters und eine tiefgehende Untersuchung der Zeugenrollen – dabei wird insbesondere zwischen Täterzeugen, deren Entschuldigungsstrategien, und dem Einsatz von Zeuge 3 als politischem Sprachrohr differenziert.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Zu den prägenden Begriffen gehören Vergangenheitsbewältigung, Dokumentarisches Theater, systemkritische Analyse, NS-Verbrechen und die ökonomische Dimension der Verfolgung.
Warum wählt Weiss die Form des „dokumentarischen Theaters“?
Laut der Argumentation der Arbeit wählt Weiss diese Form, um eine „anonyme“ Wahrheit aus authentischem Material zu destillieren, die den Zuschauer direkt mit der Realität der Geschehnisse konfrontiert und den Anspruch auf Unvoreingenommenheit durch Fakten untermauert.
Welche besondere Funktion nimmt „Zeuge 3“ ein?
Zeuge 3 dient im Stück als explizites politisches Sprachrohr für den Autor, da er durch seine Kommentare eine übergeordnete Reflexionsebene einnimmt und sowohl die Lügen der Täter entlarvt als auch die systemimmanente Fortführung der Ausbeutungsmechanismen kritisiert.
- Arbeit zitieren
- Samr Salman (Autor:in), 2023, Konzentrat der Aussage. Gegen System und Gesellschaft in Peter Weiss' "Die Ermittlung", München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/1358942