Bis Mitte der 1960er Jahre war der schulische Unterricht von einem konkurrenzorientierten und individualistischem Lernen geprägt. Kooperative Arbeitsweisen waren recht unbekannt oder wurden gänzlich ignoriert (Johnson & Johnson, 2008:16). Durch den gesellschaftlichen Wandel gewannen auch Gruppenarbeiten an Anerkennung, sodass sie sich zu einem beliebten Element in den neueren Unterrichtsformen entwickeln konnten.
Die Idee des gemeinsamen Lernens wurde unter der Bezeichnung „Kooperatives Lernen“ neu aufgegriffen und weiterentwickelt. Seinen Anfang fand das angloamerikanische Cooperative Learning durch die Gestalt- und Gruppentherapie. Man ging von der Annahme aus, dass die gegenseitige Abhängigkeit der Gruppenmitglieder entscheidend ist im Hinblick auf die Gruppendynamik und der jeweiligen Zielvorgabe.
Die vorliegende Arbeit setzt sich mit dem Themenfeld des kooperativen Lernens im Schulunterricht auseinander. Kapitel 2 beinhaltet die Fragestellung, wieso die Verwendung kooperativer Lernformen im Unterricht eine Notwendigkeit darstellt und legt dar, welche gesellschaftlichen Veränderungen den Bedarf an neuen Lehrformen steigern. Zu diesem Zweck wird in den folgenden Kapitel 3 und 4 auf die Fragestellung eingegangen, was allgemein unter dem Begriff „kooperatives Lernen“ zu verstehen ist. Darüber hinaus werden Grundgedanken und Prinzipien dieser Lernform aufgezeigt und näher beleuchtet. Entwicklungspsychologische Hintergründe, die bei der Betrachtung kooperativen Lernens von großer Bedeutung sind, werden in Kapitel 5 erläutert. Kapitel 6 umfasst die Zielsetzung dieser Lernform. Eine neue Unterrichtsform fordert auch Veränderungen im Klassenzimmer. Kap.7 geht daher auf die vier grundlegenden Veränderungen ein und definiert die neuen Rollen der Beteiligten.
Kap.8 gibt einen Einblick in den Typus kooperativer Lernformen und seiner Variationen. In Kap.9 wird die Fragestellung beantwortet, wie ein Klassenzimmer mit solch einer Lernform in günstiger Weise zu leiten ist. Im Anschluss stelle ich in Kap.10+11 kooperative Lehr- und Lernformen vor, die, wie auch in Kap.12 beschrieben, auf den Fremdsprachenunterricht angewendet werden können. Große Unklarheiten im Rahmen des kooperativen Lernens lassen sich jedoch häufig in der Frage nach Bewertungsmöglichkeiten kooperativer Arbeit finden.
In Kap.13 werden daher drei unterschiedliche Formen der Leistungsbewertung aufgegriffen und auf das kooperative Lernen übertragen.
Inhaltsverzeichnis
1. Einleitung
1.1 Zur Entwicklung des Gegenstandes
1.2 Zur Auswahl des kooperativen Lernens als Thema der Arbeit
1.3 Zum Aufbau der Arbeit
2. Begründung kooperativen Lernens
3. Was ist kooperatives Lernen?
3.1 Definition
3.2 Grundprinzip
4. Fünf Grundelemente kooperativen Lernens
4.1 Soziale Fertigkeiten/ Teamkompetenz
4.2 Direkte Interaktion/ Face-to-Face Interaktion
4.3 Individuelle Verantwortungsübernahme
4.4 Gegenseitige positive Abhängigkeit
4.5 Evaluation/ Prozess-Reflexion durch die Gruppe
5. Entwicklungspsychologische Theorien
5.1 Soziokonstruktivistische Perspektive Piagets
5.2 Soziokulturelle Perspektive Vygotskis
6. Ziele des kooperativen Lernens
6.1 Voneinander lernen
6.2 Gegenseitige Unterstützung
6.3 Selbstmanagement
6.4 Perspektivenwechsel
6.5 Förderung kooperativer Kompetenzen und sozialer Fertigkeiten
7. Vier Dimensionen des kooperativen Klassenzimmers
7.1 Veränderung der Klassenstruktur
7.2 Veränderung des Aufgabentyps
7.3 Veränderung der Lehrerrolle
7.4 Veränderung der Schülerrolle
8. Verschiedene Typen kooperativer Lerngruppen
9. Wie manage ich ein kooperatives Klassenzimmer?
9.1 Motivationale Aspekte
9.2 Gruppenbildung
9.3 Gruppenstärkung
9.3.1 Interview
9.3.2 Gruppenname und Gruppenlogo
9.4 Probleme und Umgang mit Problemen
9.4.1 Gruppenbezogene Belohnung
9.4.2 Das Zero-Noise Signal
9.4.3 Besondere Anerkennung
10. Das Gruppenpuzzle
10.1 Die Entstehungsgeschichte
10.2 Wie funktioniert das Gruppenpuzzle?
10.2.1 Die Aufgaben der Lehrkraft
10.2.2 Lernfreude der Schüler
10.3 Die Wirksamkeit des Gruppenpuzzles
10.3.1 Untersuchungspunkte
10.3.2 Durchführung und Ergebnisse der Voruntersuchung
10.3.3 Durchführung und Auswertung der Hauptuntersuchung
10.4 Worin liegen die Schwächen des Gruppenpuzzles?
11. Weitere Methoden kooperativen Lernens
11.1 Die Gruppenrallye (STAD= Student Teams Achievement Divisions)
11.2 Think - Pair – Share
11.3 Das Placemat- Verfahren
12. Kooperative Lernformen im Fremdsprachenunterricht
13. Wie bewerte ich die Leistung der Schüler?
13.1 Die Bewertung der Gruppenergebnisse
13.2 Die Bewertung des Arbeitsverhaltens
13.3 Die Bewertung individueller Leistung durch Aufsätze
14. Zusammenfassung
15. Fazit
Zielsetzung & Themen
Diese Arbeit untersucht die Relevanz und praktische Umsetzung kooperativer Lernformen im Schulunterricht. Das Hauptziel besteht darin, die theoretischen Hintergründe dieser Lernmethode darzulegen, ihre Wirksamkeit zu analysieren und Lehrkräften konkrete Strategien für die Anwendung, Steuerung und Leistungsbewertung im Klassenzimmer an die Hand zu geben.
- Grundlagen und entwicklungspsychologische Theorien des kooperativen Lernens
- Strukturierung kooperativer Klassenzimmer und Rollenverteilung
- Methoden für das Gruppenmanagement und den Umgang mit Störungen
- Detaillierte Analyse des Gruppenpuzzles und weiterer kooperativer Ansätze
- Bewertungsstrukturen für Gruppen- und Einzelleistungen
Auszug aus dem Buch
10.1 Die Entstehungsgeschichte
Das Gruppenpuzzle ist in der Grundidee eine kooperative Lernmethode, die rassistische Konflikte an Schulen reduzieren und dabei auch pädagogische Ergebnisse erzielen soll. Professor Elliot Aronson wurde von der amerikanischen Regierung nach der Desegregation beauftragt, eine neue Unterrichtsmethode zu entwickeln, um Vorurteile zwischen schwarzen und weißen Schülern zu schlichten. Durch die Aufhebung der Rassentrennung wurden städtische Schulen in Amerika in 1954 zusammengelegt, sodass weiße, afroamerikanische und hispanische Jugendliche sich zum ersten Mal ein Klassenzimmer teilten. Diese Orte entpuppten sich jedoch als Horte festsitzender Vorurteile. Schon nach kurzer Zeit standen Schlägereien im Unterricht an der Tagesordnung.
Daraufhin ließ Aronson die Schulklassen beobachten und stellte bald fest, dass eine Feindseligkeit zwischen den Gruppen herrschte, die durch konkurrenzbetonte Stimmung im Klassenzimmer verstärkt wurde. In Zusammenarbeit mit seinen Studenten entwickelte Aronson 1971 daher die Methode des Gruppenpuzzles. Dieser Ansatz sollte Abhilfe schaffen, das soziale Verhalten zu verbessern und das Selbstwertgefühl der Schüler sowie ihre schulische Leistung zu fördern. Ein weiteres Ziel war es, den Kindern im Unterricht mehr Verantwortung entgegen zu bringen. Die Methode bewährte sich, da die Vorurteile gegenüber den farbigen Mitschülern allmählich abnahmen. Dies hatte zur Folge, dass auch die farbigen Schüler ihre schulischen Leistungen verbessern konnten.
Zusammenfassung der Kapitel
1. Einleitung: Beschreibt die Entwicklung hin zu kooperativen Lernformen sowie die Motivation und Struktur dieser Arbeit.
2. Begründung kooperativen Lernens: Erläutert die gesellschaftlichen und lernpsychologischen Gründe, warum kooperatives Lernen an Schulen notwendig geworden ist.
3. Was ist kooperatives Lernen?: Definiert die Methode als strukturierte Sozialform und grenzt sie von unstrukturierter Gruppenarbeit ab.
4. Fünf Grundelemente kooperativen Lernens: Benennt die zentralen Voraussetzungen wie soziale Kompetenz, positive Abhängigkeit und Reflexion für effektiven Unterricht.
5. Entwicklungspsychologische Theorien: Beleuchtet die theoretischen Fundamente aus der Perspektive von Piaget und Vygotski.
6. Ziele des kooperativen Lernens: Beschreibt die angestrebten Lernziele wie voneinander lernen, Selbstmanagement und Perspektivenwechsel.
7. Vier Dimensionen des kooperativen Klassenzimmers: Analysiert notwendige Veränderungen bei Klassenstruktur, Aufgaben, Lehrer- und Schülerrollen.
8. Verschiedene Typen kooperativer Lerngruppen: Unterscheidet zwischen formalen, informellen Gruppen und Stammgruppen.
9. Wie manage ich ein kooperatives Klassenzimmer?: Gibt praktische Anleitungen zur Motivation, Gruppenbildung und zum Umgang mit Störungen.
10. Das Gruppenpuzzle: Präsentiert die Jigsaw-Methode inklusive Entstehung, Ablauf, Wirksamkeit und Schwächen.
11. Weitere Methoden kooperativen Lernens: Stellt ergänzende Verfahren wie die Gruppenrallye, Think-Pair-Share und das Placemat-Verfahren vor.
12. Kooperative Lernformen im Fremdsprachenunterricht: Erörtert die spezifischen Vorteile kooperativen Lernens für die kommunikative Kompetenz in Fremdsprachen.
13. Wie bewerte ich die Leistung der Schüler?: Diskutiert Strategien zur Leistungsbewertung, die sowohl Gruppen- als auch Einzelleistungen berücksichtigen.
14. Zusammenfassung: Fasst die Kernerkenntnisse der Arbeit zusammen.
15. Fazit: Reflektiert kritisch den Nutzen und die Herausforderungen bei der Implementierung kooperativer Lernformen im Schulalltag.
Schlüsselwörter
kooperatives Lernen, Gruppenpuzzle, Sozialkompetenz, Unterrichtsgestaltung, Lehrerrolle, Schülerrolle, Gruppenarbeit, Wissenskonstruktion, Leistungsbewertung, Fremdsprachenunterricht, Interdependenz, Motivation, Lernklima, Schulentwicklung, Teamfähigkeit
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser wissenschaftlichen Arbeit grundlegend?
Die Arbeit befasst sich mit dem Konzept des kooperativen Lernens im Schulunterricht. Sie untersucht, warum diese Methode angesichts gesellschaftlicher und arbeitsweltlicher Veränderungen wichtig ist und wie sie praktisch im Unterricht umgesetzt werden kann.
Was sind die zentralen Themenfelder der Arbeit?
Im Fokus stehen die theoretischen Grundlagen des kooperativen Lernens, die methodische Gestaltung von Gruppenarbeit, die notwendigen Veränderungen im Klassenzimmer (Lehrer- und Schülerrollen) sowie Strategien für Leistungsbewertung und Konfliktmanagement.
Was ist das primäre Ziel der Forschungsarbeit?
Das Ziel ist es, ein umfassendes Verständnis für kooperative Lernformen zu vermitteln und Lehrkräften praxisorientierte Ansätze zu bieten, um den Lernprozess der Schüler durch Kooperation effizienter und sozialer zu gestalten.
Welche wissenschaftlichen Methoden werden verwendet?
Es handelt sich um eine wissenschaftliche Hausarbeit, die auf einer fundierten Literaturanalyse basiert. Dabei werden psychologische Theorien (Piaget, Vygotski) und empirische Studienergebnisse zu Unterrichtsmethoden wie dem Gruppenpuzzle ausgewertet.
Was wird im Hauptteil der Arbeit behandelt?
Der Hauptteil gliedert sich in die theoretische Begründung, die Darstellung der Grundelemente kooperativen Lernens, praktische Management-Methoden für Lehrer, eine detaillierte Einführung in Methoden wie das Gruppenpuzzle und Gruppenrallye sowie Strategien zur Leistungsbewertung.
Welche Begriffe charakterisieren die Arbeit am besten?
Wichtige Begriffe sind kooperatives Lernen, soziale Kompetenz, Gruppenarbeit, Interdependenz, Methodenvielfalt und Schulentwicklung.
Warum ist das Gruppenpuzzle ein zentraler Bestandteil dieser Arbeit?
Das Gruppenpuzzle dient als Paradebeispiel für die praktische Anwendung kooperativen Lernens. Die Arbeit geht detailliert auf seine Entstehungsgeschichte, den Phasenablauf und die wissenschaftlich belegte Wirksamkeit ein.
Welche Rolle spielt die Lehrkraft im kooperativen Unterricht?
Die Rolle der Lehrkraft wandelt sich von einer instruierenden Instanz hin zum Mentor und Moderator. Sie bereitet den Lernprozess didaktisch vor, strukturiert die Gruppen und unterstützt bei der Reflexion, statt nur Frontalunterricht zu leisten.
- Arbeit zitieren
- Hasret Deliorman (Autor:in), 2009, Kooperatives Lernen im Schulunterricht, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/135910