Herta Müllers Atemschaukel ist kein Werk, dass sich ausdrücklich über humoristische Mittel mit der Thematik der Zwangsdeportation der Rumäniendeutschen auseinandersetzt, wie etwa Bernhard Ohsams Eine Handvoll Machorka (1958). Edith Konradt bemerkt zu Ohsams Roman: „eine betont humoristische, zugleich aber nicht minder realistische Darstellung […], wobei der Realismus ‚auf der Strecke bleibt‛, der Humor hingegen ‚zum Selbstzweck gerät‛“.
Im Folgenden möchte ich mich mit der Problematik, die dieses Lachen – d.h. mein Lachen über Textausschnitte aus der Atemschaukel – aufwirft, auseinandersetzen, indem ich folgende Fragen zu beantworten versuche:
• Darf gelacht werden?
• Was ist denn zum Lachen? Warum wird gelacht?
• Wo bietet der Text einen Anschluss für Komik, für Lachen?
• Woran mache ich fest, dass bei mir als Rezipientin eine höhere Wahrscheinlichkeit gegeben ist, dass ich über einen Text lache?
Bei der Analyse der Texte gehe ich davon aus, dass Lachen und Komik bzw. Humor grundsätzlich zusammen gehören. Humor sehe ich dabei mit Jörg Räwel als Kommunikationsmedium, dessen Funktion darin besteht, Gesellschaft zu reflektieren.
Inhaltsverzeichnis
1. Das ist nicht zum Lachen!
1.1 Erinnerungsbericht: Lesung mit Herta Müller aus Atemschaukel
1.2 Der Gedanke hinter dieser Arbeit
2. Theoretische Überlegungen
2.1 Wer sagt denn, dass das nicht zum Lachen ist?
2.2 „Humor ist, wenn man trotzdem lacht.“
2.3 Komische Brücke über die Leerstelle im performativen Akt der Sinnkonstitution
3. Konkret am Text
3.1 Ubornaja – gemeinschaftlicher Klogang
3.2 Nur die Läuse durften sich rühren an uns
3.3 Fußkultur
3.4 Plankton-Kati – unverbesserlich und hilflos
3.5 Kochrezepte erzählen ist eine größere Kunst als Witze erzählen
4. Abschließende Gedanken
Zielsetzung und Themen der Arbeit
Die vorliegende Arbeit untersucht das Phänomen des Komischen und des Lachens im Kontext des Romans "Atemschaukel" von Herta Müller. Die zentrale Forschungsfrage beschäftigt sich damit, wie humoristische Kommunikation in einem Umfeld von Zwangsarbeit und Deportation möglich ist und welche Funktion dieses Lachen für das Subjekt in einer extremen Grenzsituation einnimmt.
- Die Analyse des Humors als reflexives Kommunikationsmedium zur Bewältigung traumatischer Erfahrungen.
- Die Untersuchung der Spannung zwischen moralischen Diskursen und komischen Darstellungsweisen.
- Die literaturwissenschaftliche Analyse spezifischer Textstellen, die das Groteske und Absurde im Lageralltag thematisieren.
- Die Reflexion über die Grenze zwischen menschlichem Leid und der befreienden Kraft des Humors.
Auszug aus dem Buch
3.1 Ubornaja – gemeinschaftlicher Klogang
Die russischen Wachsoldaten schrien UBORNAJA. Alle Türen aller Waggons wurden geöffnet. Wir purzelten hintereinander ins tiefer gelegene Schneeland und sanken bis zu den Kniekehlen ein. Wir begriffen, ohne zu verstehen, Ubornaja heißt gemeinschaftlicher Klogang. Oben, sehr hoch oben, der runde Mond. Vor unseren Gesichtern flog der Atem glitzrigweiß wie der Schnee unter den Füßen. Ringsherum die Maschinenpistolen im Anschlag. Und jetzt: Hosen runter.
Diese Peinlichkeit, das Schamgefühl der ganzen Welt. Wie gut, dass dieses Schneeland mit uns allein war, dass niemand ihm zusah, wie es uns nötigte, dicht nebeneinander das Gleiche zu tun. Ich musste aufs Klo, ließ aber die Hose herunter und setzte mich in die Hocke. Wie gemein und still dieses Nachtland war, wie es uns in der Notdurft blamierte. Wie die Trudi Pelikan links von mir ihren Glockenschnittmantel in die Achseln raffte und ihre Hose über die Knöchel herunterzog, wie man zwischen ihren Schuhen das Zischeln hörte. Wie hinter mir der Advokat Paul Gast beim Drücken stöhnte, wie seine Frau Heidrun Gast das Gedärm vom Durchfall quakte.
Wie der pestwarme Dampf rundherum sofort glitzrig in der Luft gefror. Wie uns dieses Schneeland eine Rosskur verpasste, uns mit blankem Hintern in den Geräuschen des Unterleibs einsam allein ließ. Wie armselig unsere Eingeweide wurden in dieser Gemeinsamkeit.
Zusammenfassung der Kapitel
1. Das ist nicht zum Lachen!: Dieses Kapitel führt in die Ausgangssituation der Lesung ein und erläutert die Beweggründe des Autors für die Untersuchung des Lachens bei Herta Müller.
2. Theoretische Überlegungen: Hier werden die wissenschaftlichen Grundlagen zu den Begriffen Humor, Lachen und Moral anhand theoretischer Konzepte, insbesondere von Jörg Räwel, erarbeitet.
3. Konkret am Text: In diesem Hauptteil werden fünf zentrale Textpassagen aus der "Atemschaukel" analysiert, um die komischen Aspekte in den geschilderten Extremsituationen zu beleuchten.
4. Abschließende Gedanken: Das Fazit fasst zusammen, wie das Lachen im Lager als befreiender Akt und als Strategie der Sinnkonstitution fungiert, um die unmenschliche Realität zu ertragen.
Schlüsselwörter
Herta Müller, Atemschaukel, Humor, Lachen, Grenzsituation, Deportation, Komik, Groteske, Sinnkonstitution, reflexive Kommunikation, Lageralltag, existenzielle Erfahrung, Widerstand, Moral, Interpretation
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit untersucht das Phänomen des Lachens und des Humors innerhalb von Herta Müllers Roman "Atemschaukel", der von der Zwangsarbeit der Rumäniendeutschen handelt.
Was sind die zentralen Themenfelder?
Zentrale Themen sind die Dialektik von Lachen und Leid, die Grenzziehung zwischen Moral und Humor sowie die Frage, wie menschliche Identität in extremen Extremsituationen mittels Sprache und Komik gewahrt werden kann.
Was ist das primäre Ziel oder die Forschungsfrage?
Ziel ist es zu ergründen, warum und unter welchen Bedingungen Lachen im Lagerkontext möglich ist und welche Funktion es als "doppelte Distanz" oder Überlebensmechanismus einnimmt.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Die Arbeit nutzt literaturwissenschaftliche Analyseansätze, kombiniert mit kultur- und systemtheoretischen Konzepten, insbesondere den Theorien zum Humor als Kommunikationsmedium nach Jörg Räwel.
Was wird im Hauptteil behandelt?
Im Hauptteil werden fünf konkrete Alltagsszenen aus dem Lager analysiert, wie etwa der Zwang zum gemeinschaftlichen Klogang oder das Teilen von Kochrezepten, um die darin verborgenen komischen Momente herauszuarbeiten.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Wichtige Begriffe sind unter anderem Atemschaukel, Lageralltag, Groteske, Reflexion, Sinnkonstitution und die existentielle Auseinandersetzung mit der Deportationserfahrung.
Warum erscheint das Lachen im Lager so paradox?
Es wirkt paradox, weil es eine eigentlich schmerzhafte oder erniedrigende Situation durch eine "doppelte Distanz" in einen Raum der Reflexion verwandelt, wodurch das Individuum über die erzwungene Unmenschlichkeit hinauswachsen kann.
Was bedeutet der Titel "Plankton-Kati – unverbesserlich und hilflos" in diesem Zusammenhang?
Diese Figur wird als Beispiel für eine "Subversion per se" herangezogen; ihr Schwachsinn entzieht sich der Lagerlogik auf eine Weise, die trotz ihrer Hilflosigkeit eine Art von Freiheit bewahrt.
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- Vanya Gheorghita (Author), 2010, Meine paradoxe Erfahrung von Komik in Herta Müllers "Atemschaukel", Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/1359235