Die Darstellung von Heiden und Christen im Rolandslied


Hausarbeit (Hauptseminar), 2007
17 Seiten, Note: 2

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Die Darstellung der Heiden und Christen im Rolandslied
2.1. Die Handlungsmotivation der Heiden und Christen
2.2 Die konkrete Gestaltung der heidnischen und christlichen Krieger
2.3 Der Polytheismus der Heiden und die Personifizierung des Teufels in ihren Göttern
2.4 Die Figur Geneluns als Verräter der Christen
2.5. Auffällige Veränderungen im Rolandslied im Vergleich mit dem Chanson de Roland

3. Vergleich der Darstellung von Heiden und Christen im Rolandslied und im Willehalm

4. Schlussbetrachtung

Literaturverzeichnis

1. Einleitung

Die vorliegende Arbeit beschäftigt sich mit der Darstellung von Heiden und Christen im „Rolandslied“[1] des Pfaffen Konrad. Ausgehend von meinem Referat im Hauptseminar „Das Rolandslied des Pfaffen Konrad“, möchte ich diese Thematik in der vorliegenden Arbeit vertiefen und ausführlicher darstellen. Die Darstellung von Heiden und Christen ist Teil des Schwerpunktes „Das Rolandslied als Kreuzzugepos“ im Hauptseminar gewesen, der mit dem Versuch einer Standortbestimmung (Staatsroman – Geschichtsdichtung – Kreuzzugsepik) seinen Abschluss fand. Folglich steht meine Arbeit unter der Fragestellung, welche Darstellungsabsicht der Pfaffe Konrad mit seiner Gestaltung der Heiden und Christen im Rolandslied verfolgt hat. Ist der starke Kontrast zwischen den Heiden und Christen nur reine Darstellung der zeitgenössischen Vorurteile oder verfolgt der Autor damit das klare Ziel, den Kampf gegen die Heiden zu legitimieren und zu unterstützen.

Um die Fragestellung beantworten zu können, ist es nötig, zunächst die konkrete Darstellung der Heiden und Christen im Rolandslied näher zu beleuchten und einige Beispiele für die typische Gestaltung der beiden Gruppen durch den Pfaffen Konrad darzulegen. Ebenfalls Beachtung finden muss hierbei, dass der Kampf der Christen gegen die Heiden durch göttlichen Auftrag legitimiert wird, der zugleich die Motivation der Christen für den Kampf darstellt. Auch muss die Darstellung der heidnischen Religion näher beleuchtet werden, da sie besonders prägend für das (negative) Bild der Heiden ist. Genelun, als Verräter der Christen, bedarf besonderer Beachtung, da in ihm die schlechten Tugenden der Heiden, wie z.B. die superbia, gut sichtbar werden und er auch symbolisch als Antichrist von Konrad gestaltet wurde. Da Konrad das Rolandslied nach einer alt-französischen Vorlage gestaltet hat, muss natürlich auch seine Quelle das „Chanson de Roland“[2] auf die Darstellung der Christen und Heiden hin beleuchtet werden, um zu sehen welche Veränderungen Konrad in diesem Teilaspekt vorgenommen hat.

Im letzten Schritt möchte ich dann das „Rolandslied“ mit dem „Willehalm“[3] von Wolfram von Eschenbach auf die Darstellung von Heiden und Christen hin vergleichen. Dieses Werk bietet sich für einen solchen Vergleich an, da es ebenfalls auf einer französischen Vorlage basiert und zudem Anleihen beim Rolandslied nimmt. Es ist jedoch ca. 50 Jahre später entstanden, so dass man einen Eindruck von der Entwicklung des Heidenbildes in dieser Zeit bekommt. In der Forschungsliteratur hat die Darstellung der Heiden und Christen im Rolandslied in der jüngeren Vergangenheit recht wenig Beachtung gefunden, weshalb vor allem Literatur aus der ersten Hälfte des 20 Jahrhunderts zu diesem Thema zu konsultieren ist.

Eine der ersten Arbeiten zu diesem Thema stammt von Hans Naumann[4], der in seinem Aufsatz „Der wilde und der edle Heide“ eine Übersicht über die Entwicklung des Heidenbildes in der mittelalterlichen deutschen und auch lateinischen Literatur versucht hat. Besonders für den Vergleich des Rolandsliedes mit dem Willehalm ist seine Arbeit durchaus ergiebig. Ein umfangreicheres Werk stellt die Dissertation von Siegfried Stein[5] dar, die ebenfalls einen Überblick über einen großen Zeitraum der mittelhochdeutschen Literatur gibt.

Der einzige moderne Aufsatz zur Darstellung der Heiden im Rolandslied stammt von Herbert Backes[6], der jedoch keinen Bezug auf die Arbeiten Steins oder Naumanns nimmt. Backes geht anhand vieler Beispiele auf das Heidenbild ein und nimmt hierbei auch Bezüge zu geistlicher Literatur bis hin zum 2. Jh. n. Chr.

Die Literatur zum „Willehalm“ von Wolfram von Eschenbach fällt deutlich umfangreicher aus. Zum einen behandeln, wie bereits erwähnt, Naumann und Stein dieses Werk ebenfalls und zum anderen existieren zum Heidenbild im Willehalm mehrere (auch moderne) Arbeiten. Einen Überblick über die Handlung des „Willehalm“ und einzelne Aspekte der Heidendarstellung und der Problematisierung des heidnischen Glaubens sind in Joachim Bumkes Buch über Wolfram von Eschenbach[7] zu finden.

Ebenso hat Ludwig Wolff in seinem Aufsatz über den „Willehalm“[8] diesen Aspekt mitbehandelt. Carl Lofmark hingegen beschäftigt sich in seinem Aufsatz „Das Problem des Unglaubens im ‚Willehalm’ “[9] speziell mit der Darstellung des heidnischen Glaubens und dem Versuch Wolfram von Eschenbachs das Verhältnis zwischen den Christen und den Heiden auf eine neue Basis zu stellen.

2. Die Darstellung der Heiden und Christen im Rolandslied

Dem Leser des Rolandsliedes fällt bei der Lektüre des Textes schnell auf, dass die Darstellung der Heiden und Christen in einer Art Schwarz-Weiß-Malerei geschieht, d.h. die Heiden werden vom Pfaffen Konrad überwiegend negativ dargestellt, wohingegen die Christen, bis auf den Verräter Genelun, überwiegend positiv dargestellt werden. Da das Werk rund 9000 Verse umfasst, können im Folgenden nur einige besonders auffällige Beispiele für diese Charakterisierung, die das gesamte Werk durchzieht, dargestellt werden.

2.1. Die Handlungsmotivation der Heiden und Christen

Der erste zu behandelnde Punkt ist die Frage nach der Handlungsmotivation der Heiden und Christen. Diese gibt im Prinzip schon die Charakterisierung der beiden Gruppen vor, da Konrad die Heiden als Kämpfer des Teufels darstellt und sie nach weltlichen Gütern streben lässt und im Gegensatz dazu, die Christen als Kämpfer Gottes dargestellt werden, die keine materiellen Gründen für den Kampf haben, sondern nur die Christenheit verteidigen wollen. Auch die Anführer der beiden Gruppen, auf der Seite der Heiden Marsilie und auf der Seite der Christen Karl der Große, werden dementsprechend dargestellt. Wo der eine Herrscher auf eigenen Ruhm und Schätze hin seine Männer kämpfen lässt, tritt der andere als uneigennütziger Vollstrecker des göttlichen Willens auf. Diese unterschiedliche Motivierung der beiden Anführer ist auch der Grund für ihr unterschiedliches Verhalten nach einer Niederlage, so zertrümmert Marsilie nach der Niederlage die Götterbilder, da sie ihm nicht geholfen hätten. Genauer heißt es bei Konrad:

„Er sagte: „Wie könnten mir die Götter noch helfen?/ Ich ließ sie unter die Schweine werfen/ und ihre Tempel niederreißen,/ denn sie haben mich nicht gerächt./ Sie hatten mir den Sieg verheißen./ Nun seht selbst wie ich darniederliege/ nach dem Verlust meines Arms./ Sie haben sich meiner nicht erbarmt,/ indem sie mich etwa gerächt/ oder irgendeine Verheißung gegeben hätten./ Sie schwiegen, als seien sie stumm./ Wären sie doch alle verbrannt,/ soviel es in der Welt auch geben mag!/ Es sind alles Trugbilder!“[10]

Karl hingegen macht nicht Gott zum Schuldigen für die vielen Toten, sondern seine Sünden und erhält dafür von Gott neue Kräfte geschenkt, so dass er den Kampf gegen die Heiden mit neuem Mut fortsetzen kann.

So heißt es:

„Mit ausgebreiteten Armen fiel er zur Erde/ und bat Gott um seine Gnade./ Dann sagte er zu denen, die bei ihm waren:/ ‚Leider ist noch lange/ unsere große Mühsal nicht zu Ende./ Wie immer Gott es ausgehen lässt,/ das ist die Strafe für meine Sünden -/deshalb straft mich Gott’ “[11]

„Er fand ein Kreuz an sich,/ nicht von Menschenhand gemacht,/ das der Engel vom Himmel im gebracht hatte./ Gott hatte damit seiner gnädig gedacht.“[12]

Die unterschiedliche Motivation zum Kampf wird auch bei der Beschreibung der einfachen Krieger schnell deutlich. Da die christlichen Kämpfer für Gott kämpfen und im Falle des Todes an einen sofortigen Einzug ins Paradies glauben, stellen sie sich unerschrocken dem Gegner zum Kampf. Die Heiden hingegen kämpfen vor allem für Ehre und Gold und haben Angst vor dem Tod. Besonders deutlich wird diese an folgender Stelle, an der Konrad die beiden Gruppen gegenüberstellt:

„Die Heiden, die in der vordersten Linie standen/ und die Siegesgewissheit der Christen erkannten,/ ritten zum Hauptheer zurück./ Die Nachhut hätten sie/ alle am liebsten gebildet./ Keiner glaubte, mit dem Leben davonzukommen./ Die zuvor von ihrem Dienstherrn/ den Auftrag gefordert hatten,/ Roland zu töten/ und ihm sein Haupt zu bringen,/ die wurden alle kleinlaut./ Sie wären am liebsten weit weg vom Schlachtfeld gewesen./ Die eben noch wie Löwen brüllten,/ wurden nun lammfromm./ Die sich eben noch angemaßt hatten,/ als sie im Rat der Fürsten saßen,/ die Kirche von Saint-Denis zu zerstören,/ deren Zuversicht war dahin./ Wie wenig Gewicht legten sie jetzt/ auf das Gold des Königs!/ Sie glaubten tapfer zu sein,/ doch wurde ihr Stolz an diesem Tag gebeugt.“[13]

Zusammenfassend kann man sagen, dass die sich stark unterscheidenden Handlungsmotivationen der beiden gegnerischen Gruppen, bereits ein starkes Indiz für die Darstellungsabsicht Konrad sind, den Krieg der Christen gegen die Heiden zu legitimieren und die Überlegenheit des Christentums darzustellen. Im nächsten Punkt werde ich, anhand der konkreten Gestaltung der heidnischen und christlichen Krieger, diese Darstellungsabsicht Konrads noch weiter untersuchen.

2.2 Die konkrete Gestaltung der heidnischen und christlichen Krieger

So unterschiedlich die Kampfesmotivation der Heiden und Christen im Rolandslied ist, so unterschiedlich werden die Krieger der beiden Gruppen durch Konrad beschrieben und charakterisiert.

Die Heiden werden als die Krieger des Teufels beschrieben bzw. z.T. sogar selbst als Teufel bezeichnet. Ihnen wird auch bisweilen der Status von echten Menschen aberkannt, wenn sie als Hunde betitelt werden oder als den Tieren nahe Fabelwesen beschrieben werden. Ein Beispiel hierzu ist in den Versen 2679ff. zu finden:

„Das Volk war schreckenserregend./ Dort gab es keine schönen Menschen./ Viele Könige kamen hin./ Zernubele traf ein,/ dessen Volk Gott haßt./ Auf dem Land liegt ein Fluch –/ nie schien ihnen die Sonne-,/ Finsternis liegt auf ihm./ Es gibt kein Korn./ Schwarz ist das Gestein./ Nur Wald und Moos gibt es./ Sie essen Pferde/ und führen ein wildes Leben./ Dort ist der Teufel zu Hause./ Der König war ein starker Mann./ Was sieben Maultiere tragen können,/ das hob er mit einer Hand./ Sein Haar fiel bis auf die Füße herab.“[14]

Die abwertende Bezeichnung Hunde für die Heiden wird sogar durch Karl bei seinem Gebet benutzt, so heißt es:

„Der Kaiser blickte zum Himmel auf/ und sprach: ’Gnädiger Gott,/ nun gedenke deines Ruhms!/ Zeige deine Macht./ Erlöse uns von den Hunden/ durch deinen Engel […] ’ “[15]

Eine weitere negative Eigenschaft die den Heiden zugeschrieben wird ist ihr lautes Geschrei so heißt es in den Versen 3531 – 3539:

„Die Todgeweihten zogen los,/ die schwer zu trennen waren./ Groß war das Feldgeschrei./ Sie bedeckten Berge und Täler/ und die ganze Ebene./ Die Vögel unter dem Himmel/ fielen tot zur Erde./ Der mächtige Lärm/ lähmte ihre Flügel.“[16]

Im Abschnitt 2.1 habe ich bereits darauf hingewiesen, dass die Kämpfer der Christen nur für Gott und das Christentum kämpfen, wohingegen die heidnischen Kämpfer vor allem für persönlichen Ruhm und Beute kämpfen. Konrad vermeidet es daher auch von Rittern zu sprechen und distanziert sich damit vom „Rittertum als Eigenwert im Sinne artushafter Aventiure.“[17] Für Konrad sind nur die Kämpfer mit dem Kreuz auf dem Gewand und mit göttlichen Auftrag die gerechten Krieger. Sogar der Erzbischof Turpin darf daher, als Mann der Kirche, an den Kämpfen teilnehmen und die heidnischen Gegner töten. Kämpferisch wertet Konrad die Heiden jedoch nicht ab, ihnen fehlt es allein am göttlichen Auftrag, so dass die Überlegenheit der christlichen Helden besonders deutlich wird.[18]

[...]


[1] Im Folgenden zitiert nach: Kartschoke, Dieter (Hrsg.), Das Rolandslied des Pfaffen Konrad. Mittelhochdeutsch/Neuhochdeutsch, Stuttgart 1996.

[2] Im Folgenden zitiert nach: Klein, Hans Wilhelm (Hrsg.), La Chanson de Roland (altfranz. u. dt.), München 1963.

[3] Im Folgenden zitiert nach: Kartschoke, Dieter (Hrsg.), Willehalm (mittelhochdt. u. neuhochdt.) Text der 6. Ausgabe von Karl Lachmann‚ Berlin 1968.

[4] Naumann, Hans, Der wilde und der edle Heide. Versuch über die höfische Toleranz, in: Paul Merker, Wolfgang Stammler (Hrsg.), Vom Werden des deutschen Geistes. Festgabe Gustav Ehrismann zum 8. Okt. 1925 dargebracht von Freunden u. Schülern, Berlin-Leipzig 1925, S. 80-101.

[5] Stein, Siegfried, Die Ungläubigen in der mittelhochdeutschen Literatur um 1050-1250, Heidelberg 1933.

[6] Backes, Herbert, Teufel, Götter und Heiden in geistlicher Ritterdichtung. Corpus Antichristi und Märtyrerliturgie, in: Albert Zimmermann (Hrsg.), Die Mächte des Guten und Bösen. Vorstellungen im XII. und XIII. Jh. über ihr Wirken in der Heilgeschichte, Berlin-New York 1977, S. 417-441.

[7] Bumke, Joachim, Wolfram von Eschenbach, Stuttgart 19916.

[8] Wolff, Ludwig. Der ‚Willehalm’ Wolframs von Eschenbach, in: Deutsche Vierteljahresschrift für Literaturwissenschaft und Geistesgeschichte, 12 (1934), S. 504-539.

[9] Lofmark, Carl, Das Problem des Unglaubens im Willehalm, in: Kurt Gärtner, Joachim Heinzle (Hrsg.), Studien zu Wolfram von Eschenbach. Festschrift für Werner Schröder zum 75. Geburtstag, Tübingen 1989, S. 399-413.

[10] RL vv. 7277-7290.

[11] RL vv. 7448-7456.

[12] RL vv. 7475-7478.

[13] RL vv. 3995-4016

[14] RL vv. 2679-2696.

[15] RL vv. 8416-8421.

[16] RL vv. 3531-3539:

[17] Kolb, Herbert, Die deutsche Literatur von Karl dem Grossen bis zum Beginn der höfischen Dichtung : 770 – 1170, München 19799, S. 232.

[18] Vgl. De boor und Neuwald, S. 232f.

Ende der Leseprobe aus 17 Seiten

Details

Titel
Die Darstellung von Heiden und Christen im Rolandslied
Hochschule
Universität Leipzig  (Institut für Germanisitk)
Veranstaltung
Das Rolandslied des Pfaffen Konrad
Note
2
Autor
Jahr
2007
Seiten
17
Katalognummer
V135932
ISBN (eBook)
9783640439614
ISBN (Buch)
9783640439607
Dateigröße
426 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Rolandslied, Pfaffe Konrad, Willehalm, Wolfram von Eschenbach, Eschenbach, Heiden, Christen
Arbeit zitieren
Fabian Rühle (Autor), 2007, Die Darstellung von Heiden und Christen im Rolandslied , München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/135932

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