Die Gondel ist untrennbar mit Venedig verbunden, gehört zum Erscheinungsbild der Stadt wie sonst wohl nur Markusplatz, Rialtobrücke und Karnevalsmaskerade. Dass das Motiv der Gondelfahrt auch im Medium der Musik zu finden ist, macht die Gondel zu einem geeigneten Objekt für eine Untersuchung des intermedialen Transformationsprozesses, den ein Motiv von der Literatur zur Musik durchläuft. Hierfür drängt sich der Blick auf die Vertonung eines Librettos auf, das eine genuin literarische Vorlage hat. Als das Werk, in das der Transformationsprozess mündet, wurde für diese Arbeit Benjamin Brittens 1973 uraufgeführte Oper "Death in Venice" ausgewählt, deren Libretto Thomas Manns berühmte Novelle "Der Tod in Venedig" (1912) zur Vorlage hat. In einem Dreischritt werden Gondel und Gondelfahrt zunächst in der Novelle, dann im Libretto und schließlich in der Oper analysiert. Jeder der drei Teile setzt mit einem Kapitel ein, das die theoretischen oder geschichtlichen Voraussetzungen in knapper Form vorstellt: Im ersten Teil ist es die Verortung der Gondel in der deutschen Literaturgeschichte, im zweiten die innerliterarische Transformation von der Novelle zum Libretto und im dritten Teil die musikgeschichtliche Tradition der Gondelmusik.
Der Ansatz dieser Arbeit ist dabei weniger ein kunstphilosophischer oder explizit medienwissenschaftlicher, sondern vielmehr ein empirisch-pragmatischer, der die Bedingungen der zu leistenden Transformation im jeweiligen Medium zu reflektieren sucht und den Blick auf die konkrete Umsetzung lenkt: in welcher Form, in welchem Kontext und mit welcher Funktion erscheinen Gondel und Gondelfahrt in der Novelle, in deren Bearbeitung und in der Oper, und inwieweit bedingen die spezifischen Eigenschaften eines Mediums ihre jeweilige Erscheinungsform?
Inhaltsverzeichnis
I. Einleitung
II. Die Novelle
II.1 Gondel und Gondelfahrt in der deutschen Literatur
II.2 Symbolgehalt der Gondel im Tod in Venedig und Aschenbachs Fahrten
III. Das Libretto
III.1 Die innerliterarische Transformation – von der Novelle zum Libretto
III.2 Aschenbachs Gondelfahrten
III.3 Gesang der Gondolieri
IV. Die Oper
IV.1 Gondelmusik: die Barkarole
IV.2 Aschenbachs Gondelfahrten
IV.2.1 Gondelmotivik
IV.2.2 Abfahrt und Ankunft
IV.2.3 Gondelgesang I: „Shall I never see these columns rise again?“
IV.2.4 Gondelgesang II: Gesang des Gondoliere
IV.2.5 Exkurs: Blick in die ‚Werkstatt‘
IV.2.6 Flexibilität der Gondelmotivik
IV.2.7 Brittens Gondelmusik
V. Ergebnis und Ausblick
Zielsetzung & Themen
Die vorliegende Arbeit untersucht den intermedialen Transformationsprozess des Gondelfahrt-Motivs von Thomas Manns Novelle „Der Tod in Venedig“ hin zur gleichnamigen Oper von Benjamin Britten. Ziel ist es, unter Anwendung eines empirisch-pragmatischen Ansatzes aufzuzeigen, wie spezifische mediale Eigenschaften und bühnenpraktische Anforderungen die künstlerische Umsetzung und die semantische Aufladung dieses Symbols in Literatur, Libretto und musikalischem Werk beeinflussen.
- Vergleichende Analyse des Gondelfahrt-Motivs in Literatur und Musiktheater
- Untersuchung der Librettisierung von Thomas Manns Novellenvorlage
- Analyse der kompositorischen Strategien Brittens zur Vertonung eines epischen Textes
- Reflexion über intermediale Transformationsleistungen und mediale Spezifika
- Deutung der Gondelmusik als musikalisches Signum und Todesmetapher
Auszug aus dem Buch
II.2 Symbolgehalt der Gondel im Tod in Venedig und Aschenbachs Fahrten
An den für diese Arbeit entscheidenden Text, Thomas Manns 1912 erschienene Novelle Der Tod in Venedig, führt eine Passage aus Richard Wagners Autobiographie Mein Leben ( ) heran, in der Wagner seine erste, 1858 erfolgte Ankunft in Venedig schildert:
„Das Wetter war plötzlich etwas unfreundlich geworden, das Aussehen der Gondel selbst hatte mich aufrichtig erschreckt; denn soviel ich auch von diesen eigentümlichen, schwarz in schwarz gefärbten Fahrzeugen gehört hatte, überraschte mich doch der Anblick eines derselben in Natur sehr unangenehm: als ich unter das mit schwarzem Tuch verhängte Dach einzutreten hatte, fiel mir zunächst nichts andres als der Eindruck einer früher überstandenen Cholera-Furcht ein; ich vermeinte entschieden an einem Leichenkondukte in Pestzeiten teilnehmen zu müssen. [...] Nun kam die sehr lange Fahrt durch den vielgebogenen Canale Grande: die Eindrücke, welche alles hier auf mich machte, wollten mich nicht von meiner bangen Stimmung befreien.“13
Die hier angelegten Aspekte – die äußere Ähnlichkeit der Gondel zu Sarg und Bahre, die Cholera – werden von Mann aufgenommen, entwickelt und vertieft. Der Anblick der Gondel ruft im Protagonisten der Novelle, Gustav von Aschenbach, einen Eindruck hervor, mit dem der Autor deutlich auf Wagner anspielt und der trotz der bereits angeführten Auszüge nun vollständig zitiert sei:
„Wer hätte nicht einen flüchtigen Schauder, eine geheime Scheu und Beklommenheit zu bekämpfen gehabt, wenn es zum ersten Male oder nach langer Entwöhnung galt, eine venezianische Gondel zu besteigen? Das seltsame Fahrzeug, aus balladesken Zeiten ganz unverändert überkommen und so eigentümlich schwarz, wie sonst unter allen Dingen nur Särge es sind, – es erinnert an lautlose und verbrecherische Abenteuer in plätschernder Nacht, es erinnert noch mehr an den Tod selbst, an Bahre und düsteres Begängnis und letzte, schweigsame Fahrt.“14
Zusammenfassung der Kapitel
I. Einleitung: Hier wird das Ziel der Untersuchung dargelegt, den Transformationsprozess des Gondelfahrt-Motivs von der Novelle zur Oper intermedial zu analysieren.
II. Die Novelle: Dieses Kapitel verortet das Gondel-Motiv in der deutschen Literaturgeschichte und analysiert dessen zentrale Bedeutung in Thomas Manns Novelle sowie Aschenbachs Fahrten.
III. Das Libretto: Die Untersuchung befasst sich mit der innerliterarischen Transformation von der Vorlage zum Libretto und beleuchtet die szenische Adaption der Gondelfahrten sowie des Gondolieri-Gesangs.
IV. Die Oper: Dieses Hauptkapitel analysiert Brittens spezifische musikalische Gestaltung, von der Barkarole bis zur komplexen Gondelmotivik und deren Anwendung auf Aschenbachs Fahrten.
V. Ergebnis und Ausblick: Eine abschließende Synthese der Ergebnisse hinsichtlich der Vereinfachung, Differenzierung und Transformation durch das Musiktheater wird vorgenommen.
Schlüsselwörter
Gondelfahrt, Thomas Mann, Benjamin Britten, Tod in Venedig, Oper, Libretto, Transformation, Barkarole, Gondelmotivik, Aschenbach, Intermedialität, Musiktheater, Symbolik, Myfanwy Piper, Todesmetaphorik
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in der Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit analysiert den Übergang des in der Literatur verankerten Gondelfahrt-Motivs in die musikalische und szenische Form der Oper, speziell am Beispiel von Thomas Manns Novelle und Benjamin Brittens Oper „Death in Venice“.
Was sind die zentralen Themenfelder?
Zentrale Themen sind die intermediale Transformation von Literatur zu Musik, die Dramaturgie der Librettisierung, die musikalische Charakterisierung durch die Barkarole sowie die Deutung der Gondel als Symbol für den Tod.
Was ist das primäre Ziel der Forschungsarbeit?
Das Ziel ist es, die spezifischen Anpassungen zu untersuchen, die bei der Überführung eines literarischen Stoffes in das Musiktheater notwendig sind, und wie diese die Gestalt und Funktion zentraler Leitmotive beeinflussen.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Es wird ein empirisch-pragmatischer Ansatz gewählt, der die konkrete Umsetzung und Funktion des Gondel-Motivs in den verschiedenen Medien (Novelle, Libretto, Oper) analysiert.
Was wird im Hauptteil der Arbeit behandelt?
Der Hauptteil gliedert sich in drei Abschnitte: die Betrachtung der Novelle, die Analyse der Librettisierung und die detaillierte musikwissenschaftliche Untersuchung der Oper, insbesondere der Gondel-Musik und Motivik.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit am besten?
Die wichtigsten Begriffe sind Gondelfahrt, Intermedialität, Transformation, Benjamin Britten, Thomas Mann und Musiktheater.
Wie verändert die Librettistin Myfanwy Piper das Motiv der Gondelfahrt im Vergleich zur literarischen Vorlage?
Piper vereinheitlicht alle Fortbewegungen auf dem Wasser zu Gondelfahrten, um eine einheitliche szenische Atmosphäre zu schaffen und um dem Komponisten spezifische Anreize für eine musikalische Vertonung zu bieten.
Inwiefern leistet Brittens Musik eine Rekonstruktion des mythologischen Subtextes?
Da der mythologische Subtext (der Bezug auf Charon und Hades) im Libretto teils entfällt, nutzt Britten spezifische kompositorische Mittel, um diesen Kontext durch die musikalische Gestaltung der Gondel als „Todes-Kahn“ in der Oper wieder erfahrbar zu machen.
- Citar trabajo
- Dennis Roth (Autor), 2008, Die Transformationen der Gondelfahrten von Thomas Manns "Der Tod in Venedig" zu Benjamin Brittens "Death in Venice". Novelle - Libretto - Oper, Múnich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/1359546