„Wer die Dinge benennt, beherrscht sie.“ Diese Aussage Martin Greiffenhagens (1980: 12) verdeutlicht die Rolle der Sprache für den Machterwerb in der Politik: Wer definiert, schafft Realität – darüber herrscht bei vielen Linguisten, die sich mit politischer Sprache beschäftigen, Konsens. Laut Dieckmann machen die Wörter einer Sprache die außerlinguistische Realität verfügbar und ermöglichen zugleich eine Interpretation dieser Wirklichkeit (1980: 47).
Die Erkenntnis über die Bedeutung von Sprache für die Politik ist schon sehr alt, so wurden schon im alten Griechenland und Rom Politiker in Rhetorik geschult. Oft ist Sprache auch politisch missbraucht worden, man denke nur an die Folgen von Sprachmanipulation und Propaganda in autoritären Regimen wie dem Dritten Reich. In der heutigen demokratischen Regierungsform ist diese Art von Einwegkommunikation weitgehend überwunden, die politische Sprache ist demokratischer strukturiert.
Dass der politische Wortstreit jedoch auch heute noch virulent ist, zeigen zentrale innenpolitische Debatten, in denen Parteien einen regelrechten ‚Kampf um Begriffe’ ausüben. Ein Musterbeispiel für einen derartigen Kampf ist die Leitkultur-Debatte, die vor einigen Jahren angestoßen wurde und bis heute kontrovers und lebhaft geführt wird.
Am Beispiel dieser Debatte soll in der folgenden Arbeit analysiert werden, wie sich Politiker heutzutage in einer Schlagwort-Debatte verfangen können und um Begriffe streiten. Einer kurzen vor allem funktional ausgerichteten Definition von Schlagwörtern in der Politik schließt sich eine Analyse der Besonderheiten des Begriffes Leitkultur aus linguistischer Sicht an. Welche Charakteristika qualifizieren ihn als politisches Schlagwort? Welches sind die pragmatischen Bedingungen bei der Verwendung des Begriffs in öffentlichen Debatten? In Kapitel 2.2. soll schließlich eine konzeptionelle Annäherung in Form einer Analyse des politischen Kampfes um die Bedeutung von Leitkultur erfolgen, indem die wichtigsten Gebrauchsweisen des Begriffes erläutert werden, der zeitweise eine gewisse ‚Karriere’ gemacht hat.
Da eine erschöpfende Analyse der Debatte, in der sich sehr viele wichtige Stimmen zu Wort gemeldet haben, leider den Rahmen sprengen würde, beschränkt sich die folgende Untersuchung auf die Positionen von Bassam Tibi, Theo Sommer und Friedrich Merz.
Dabei soll der Frage nachgegangen werden, mit welcher Bedeutung der Begriff von den Protagonisten gebraucht wird und welche Umdeutungen er durch sie erfährt.
Ziel der Arbeit ist es anhand der Leitkultur-Debatte exemplarisch zu zeigen, wie in der heutigen Politik um Begriffe gekämpft wird, um Wählerstimmen, und somit die Macht zu erlangen. Mit welchen Strategien versuchen die Politiker die Sprachherrschaft zu erlangen? Mit welchen Schwierigkeiten und Gefahren haben sie dabei zu kämpfen?
Inhaltsverzeichnis
1. Thema und Vorgehensweise
2. Herrschaft durch Sprachherrschaft? Strategien politischen Sprachgebrauchs am Beispiel des Begriffes Leitkultur
2.1. Leitkultur als Schlagwort
2.2. Die Leitkultur-Debatte als semantischer Kampf
2.2.1. ‚Begriffe besetzen’ als politische Strategie
2.2.2. Der Begriff der Leitkultur von Bassam Tibi bis Friedrich Merz
3. Bilanz eines gescheiterten Kampfbegriffs
Zielsetzung & Themen
Die Arbeit analysiert die strategische Verwendung des Begriffs "Leitkultur" in der deutschen Politik. Dabei steht die Forschungsfrage im Mittelpunkt, wie politische Akteure durch die semantische Besetzung und Umdeutung von Schlagworten Machtansprüche artikulieren und welche Folgen diese Form der Kommunikation für den politischen Diskurs hat.
- Politische Sprache als Instrument der Machtausübung
- Die Funktion von Schlagworten im demokratischen Diskurs
- Semantische Kämpfe und ideologische Polysemie
- Analyse der Leitkultur-Debatte (Bassam Tibi, Theo Sommer, Friedrich Merz)
- Das Scheitern von "Leitkultur" als politischer Kampfbegriff
Auszug aus dem Buch
2.2. Die Leitkultur-Debatte als semantischer Kampf
„Kampf um terminologische Prämien ist nicht nur Streit um Worte, denn Worte sind Handlungsmandate“ (Strauss 1968:25).
2.2.1. ‚Begriffe besetzen’ als politische Strategie
Die Einschätzung des Prestigewerts und des Kampfpotenzials von Schlagwörtern ist in den letzten Jahren enorm gestiegen. Sie sind nicht nur noch Mittel von politischen Kontroversen, sondern selbst Objekt von Auseinandersetzungen, der Kampf mit Wörtern ist auch ein Kampf um Wörter (Strauß 1989: 34).
Dieser politischen Praxis liegt die Annahme zugrunde, dass der moderne Kampf um die politische Herrschaft und Macht auch ein Kampf um Begriffe, also um Sprache ist. Wer seine Interpretation von attraktiven, umkämpften Begriffen durchsetzen kann, der setzt auch seine Gedanken durch und kann die anderer somit beeinflussen. Diese semantischen Kämpfe sind in öffentlich-politischen Diskursen deswegen an der Tagesordnung, man denke nur an Kontroversen über Begriffe wie Freiheit, Sozialismus, Fortschritt oder Terrorismus (Strauß 1989: 32). Sie werden stets als Konkurrenz-Kämpfe ausgetragen. Dabei können nach Josef Klein (1989: 17) drei Hauptgruppen unterschieden werden: Bezeichnungskonkurrenz, deskriptive Bedeutungskonkurrenz und deontische Bedeutungskonkurrenz.
Zusammenfassung der Kapitel
1. Thema und Vorgehensweise: Das Kapitel führt in die linguistische Bedeutung von Sprache in der Politik ein und erläutert die methodische Herangehensweise an die Analyse der Leitkultur-Debatte.
2. Herrschaft durch Sprachherrschaft? Strategien politischen Sprachgebrauchs am Beispiel des Begriffes Leitkultur: Hier wird der theoretische Rahmen von Schlagworten dargelegt und die spezifische semantische Entwicklung des Begriffs "Leitkultur" im politischen Kontext untersucht.
2.1. Leitkultur als Schlagwort: Dieser Abschnitt definiert die funktionalen Merkmale eines politischen Schlagworts und wendet diese auf den Begriff "Leitkultur" an.
2.2. Die Leitkultur-Debatte als semantischer Kampf: Die Untersuchung fokussiert sich auf die strategische Umdeutung von Begriffen im politischen Machtkampf.
2.2.1. ‚Begriffe besetzen’ als politische Strategie: Das Kapitel analysiert, wie Parteien versuchen, durch die Besetzung von Begriffen die öffentliche Meinung zu steuern.
2.2.2. Der Begriff der Leitkultur von Bassam Tibi bis Friedrich Merz: Die unterschiedlichen Interpretationen des Begriffs durch verschiedene Akteure werden gegenübergestellt und ihre radikalen Unterschiede herausgearbeitet.
3. Bilanz eines gescheiterten Kampfbegriffs: Das Kapitel zieht ein Fazit über die Auswirkungen der Debatte und konstatiert das Scheitern des Begriffs als effektives politisches Instrument.
Schlüsselwörter
Leitkultur, politische Sprache, Schlagwort, semantischer Kampf, Macht, Assimilation, Integration, Diskurs, Begriffsbesetzung, Meinungsbildung, Bassam Tibi, Friedrich Merz, Ideologie, Multikulturalismus, politische Kommunikation.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser wissenschaftlichen Arbeit?
Die Arbeit befasst sich mit der Rolle von Sprache als Instrument der politischen Machtausübung und analysiert dies am prominenten Beispiel der deutschen "Leitkultur"-Debatte.
Welche zentralen Themenfelder werden behandelt?
Im Zentrum stehen die Definition und Funktion von politischen Schlagworten, das Phänomen semantischer Kämpfe sowie die Transformation von Begriffen durch verschiedene politische Akteure.
Was ist das primäre Ziel der Untersuchung?
Das Ziel ist es, exemplarisch aufzuzeigen, wie Politiker versuchen, durch die Besetzung und Umdeutung von Begriffen Wählerstimmen zu gewinnen und die Deutungshoheit über gesellschaftspolitische Themen zu erlangen.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Die Arbeit stützt sich auf eine linguistische Analyse politischer Sprache, insbesondere auf die Theorie der semantischen Konkurrenz und der Funktionsweise von Schlagworten.
Was wird im Hauptteil der Arbeit behandelt?
Der Hauptteil gliedert sich in die theoretische Fundierung von Schlagworten, die Untersuchung der semantischen Strategien im politischen Wettbewerb sowie die konkrete Analyse der Positionen von Bassam Tibi, Theo Sommer und Friedrich Merz.
Durch welche Schlüsselwörter lässt sich die Arbeit charakterisieren?
Wichtige Begriffe sind politische Kommunikation, semantische Vagheit, Begriffsbesetzung, Assimilation vs. Integration sowie die Machtdimension politischer Sprache.
Wie unterscheidet sich Bassam Tibis ursprünglicher Begriff von der Interpretation durch Friedrich Merz?
Während Tibi den Begriff als "europäische Leitkultur" im Sinne eines liberalen Wertekonsenses zur Integration definierte, interpretierte ihn Friedrich Merz radikal um, indem er ihn auf den nationalen Kontext ("deutsche Leitkultur") verengte.
Warum wird der Begriff im Fazit als "gescheiterter Kampfbegriff" bezeichnet?
Der Autor argumentiert, dass der Begriff aufgrund seiner intendierten, aber letztlich zu großen inhaltlichen Vagheit seine Integrationskraft verloren hat und für die CDU eher zu einer politischen Belastung als zu einem erfolgreichen Wahlkampfmittel wurde.
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- Anonym (Author), 2008, Der Kampf um Begriffe, Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/135992