Der Kampf um Begriffe

Eine Analyse der Leitkultur-Debatte


Hausarbeit, 2008
14 Seiten, Note: 1,7
Anonym

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Thema und Vorgehensweise

2. Herrschaft durch Sprachherrschaft? Strategien politischen Sprachgebrauchs am Beispiel des Begriffes Leitkultur
2.1. Leitkultur als Schlagwort
2.2. Die Leitkultur-Debatte als semantischer Kampf
2.2.1. ‚Begriffe besetzen’ als politische Strategie
2.2.2. Der Begriff der Leitkultur von Bassam Tibi bis Friedrich Merz

3. Bilanz eines gescheiterten Kampfbegriffs

4. Literaturverzeichnis

Internetquellen

1. Thema und Vorgehensweise

„Wer die Dinge benennt, beherrscht sie.“ Diese Aussage Martin Greiffenhagens (1980: 12) verdeutlicht die Rolle der Sprache für den Machterwerb in der Politik: Wer definiert, schafft Realität – darüber herrscht bei vielen Linguisten, die sich mit politischer Sprache beschäftigen, Konsens. Laut Dieckmann machen die Wörter einer Sprache die außerlinguistische Realität verfügbar und ermöglichen zugleich eine Interpretation dieser Wirklichkeit (1980: 47).

Die Erkenntnis über die Bedeutung von Sprache für die Politik ist schon sehr alt, so wurden schon im alten Griechenland und Rom Politiker in Rhetorik geschult. Oft ist Sprache auch politisch missbraucht worden, man denke nur an die Folgen von Sprachmanipulation und Propaganda in autoritären Regimen wie dem Dritten Reich. In der heutigen demokratischen Regierungsform ist diese Art von Einwegkommunikation weitgehend überwunden, die politische Sprache ist demokratischer strukturiert.

Dass der politische Wortstreit jedoch auch heute noch virulent ist, zeigen zentrale innenpolitische Debatten, in denen Parteien einen regelrechten ‚Kampf um Begriffe’ ausüben. Ein Musterbeispiel für einen derartigen Kampf ist die Leitkultur-Debatte, die vor einigen Jahren angestoßen wurde und bis heute kontrovers und lebhaft geführt wird.

Am Beispiel dieser Debatte soll in der folgenden Arbeit analysiert werden, wie sich Politiker heutzutage in einer Schlagwort-Debatte verfangen können und um Begriffe streiten. Einer kurzen vor allem funktional ausgerichteten Definition von Schlagwörtern in der Politik schließt sich eine Analyse der Besonderheiten des Begriffes Leitkultur aus linguistischer Sicht an. Welche Charakteristika qualifizieren ihn als politisches Schlagwort? Welches sind die pragmatischen Bedingungen bei der Verwendung des Begriffs in öffentlichen Debatten? In Kapitel 2.2. soll schließlich eine konzeptionelle Annäherung in Form einer Analyse des politischen Kampfes um die Bedeutung von Leitkultur erfolgen, indem die wichtigsten Gebrauchsweisen des Begriffes erläutert werden, der zeitweise eine gewisse ‚Karriere’ gemacht hat.

Da eine erschöpfende Analyse der Debatte, in der sich sehr viele wichtige Stimmen zu Wort gemeldet haben, leider den Rahmen sprengen würde, beschränkt sich die folgende Untersuchung auf die Positionen von Bassam Tibi, Theo Sommer und Friedrich Merz.

Dabei soll der Frage nachgegangen werden, mit welcher Bedeutung der Begriff von den Protagonisten gebraucht wird und welche Umdeutungen er durch sie erfährt.

Ziel der Arbeit ist es anhand der Leitkultur-Debatte exemplarisch zu zeigen, wie in der heutigen Politik um Begriffe gekämpft wird, um Wählerstimmen, und somit die Macht zu erlangen. Mit welchen Strategien versuchen die Politiker die Sprachherrschaft zu erlangen? Mit welchen Schwierigkeiten und Gefahren haben sie dabei zu kämpfen?

2. Herrschaft durch Sprachherrschaft? Strategien politischen Sprachgebrauchs am Beispiel des Begriffes Leitkultur

2.1. Leitkultur als Schlagwort

Als Friedrich Merz im Jahre 2000 Leitkultur in die öffentliche Diskussion einbrachte, gehörte der Begriff noch nicht zum allgemeinen deutschen Sprachschatz. Nur wenig später löste der Ausdruck jedoch eine politische Debatte aus, deren Ausmaß und Popularität wohl niemand erahnt hätte. Der Begriff wurde zum politischen Schlagwort.

Schlagworte sind für die politische Sprache, die eine „Sprache der Begriffe“ (Bergsdorf 1991: 22) ist, konstituierend. Doch wie lässt sich ein politisches Schlagwort definieren?

Ob ein Wort ein Schlagwort ist, lässt sich am einfachsten über seine Funktion bestimmen: Nach Dieckmann (1980: 61) dient das Schlagwort „der Beeinflussung der öffentlichen Meinung“. Dies impliziert zum einen die Öffentlichkeit des Sprechens, zum anderen muss der Sprecher auch die Absicht haben, diese Öffentlichkeit zu beeinflussen. Da das Schlagwort nur in öffentlichen Diskursen zur Sprache der Überredung gehört, bestimmt die Situation, bzw. die Gebrauchsweise darüber, ob ein Wort als Schlagwort verwendet wird oder nicht (Dieckmann 1980: 61).

Besonders seit der Demokratisierung der Politik spielen Schlagwörter eine sehr wichtige Rolle für die politische Sprache, sie dienen als so genannte Kampfwörter der Beeinflussung der Adressaten. Dabei werden zwei Arten von Kampfwörtern unterschieden: Während auf der einen Seite Fahnenwörter dazu dienen, die eigenen Ideen positiv darzustellen und zu propagieren, erfüllen die negativ konnotierten Stigmawörter die Funktion, den politischen Gegner herabzusetzen (Wimmer 2002: 656).

Durch den Einfluss der technischen Medien hat sich die moderne Meinungsrede verändert. Da sich ein Sprecher nun gleichzeitig an mehrere Millionen Menschen richten kann, wird die Homogenität des Publikums immer geringer (Dieckmann 1980: 62). Aus dieser Voraussetzung ergibt sich ein wichtiges Charakteristikum des Schlagworts: die Unbestimmtheit des Ausdrucks. Allein der vage und unbestimmte Gebrauch von Schlagworten ermöglicht es dem Sprecher, die Zustimmung von einem unüberschaubaren Wahlvolk zu erlangen (Wimmer 2002: 657). Diese Schlechtbestimmtheit des Ausdrucks wird durch den Einweg-Charakter der Kommunikation noch verstärkt, da der Redner nicht auf die Reaktionen der Hörer eingehen kann und somit alles vermeiden muss, was stärkeren Widerspruch hervorrufen könnte. Es bleibt ihm nichts anderes übrig, als die Begriffe möglichst unbestimmt zu belassen (Dieckmann 1975: 103).

Durch die Unbestimmtheit des Ausdrucks bleibt es jedem Wähler selbst überlassen, wie er den Begriff mit Inhalt füllt, so dass er ihren eigenen Meinungen und Überzeugungen entspricht. Ziel ist es, die individuellen Anschauungen der Wählerschaft zum Konsens hinzuzuführen, wofür sich semantisch vage Schlagwörter durch ihren Integrationscharakter hervorragend eignen. Dieses integrative Konzept der Konsensbildung und Generalisierung gerät selbstverständlich in Konflikt mit den individuellen und spezifischen Vorstellungen der Wähler – ein Konflikt, den Rainer Wimmer treffend als „Schlagwort-Falle“ bezeichnet (Wimmer 2002: 654). Einerseits wollen die politischen Protagonisten durch allgemein gehaltene Schlagworte eine möglichst breite Wählerschaft ansprechen, andererseits wollen sie dem Wähler vermitteln, auf seine individuellen Emotionen und Desiderata einzugehen, um seine Zustimmung zu erreichen (Wimmer 2002: 659). Da die Meinungsbildung durch politische Sprache weder vorhersehbar noch konkret lenkbar ist, zeigt sich immer erst im Laufe der Zeit, ob sich ein Wort als Schlagwort eignet und die erwünschten Effekte erzielt, oder ob es an dem oben beschriebenen Konflikt scheitert (Wimmer 2002: 659).

Da Schlagworte, indem sie komplexe Programme auf einfache Muster reduzieren und kondensieren, einen starken Eigenwert haben, bedürfen sie oft kaum mehr der Determination durch den Kontext (Dieckmann 1980: 62). In manchen Reden sind die Schlagwörter derart selbstbestimmt, dass der Rest zum reinen Füllwerk wird. Aufgrund dieser starken Eigenwertigkeit ist es möglich, Schlagwörter auch vom Kontext isoliert zu betrachten und ihre linguistischen Besonderheiten separat vom Text zu analysieren (Dieckmann 1980: 63).

Somit ist es auch möglich, den Begriff der Leitkultur auf seine semantisch-syntaktischen Charakteristika hin zu untersuchen und zu prüfen, ob er die beschriebenen Merkmale eines typischen Schlagworts aufweist und als solches charakterisiert werden kann.

Der Begriff Leitkultur ist ein Kompositum, welches sich aus dem Bestimmungswort Leit- und dem Basiswort -kultur zusammensetzt. Die Bedeutung des Wortes Leit- lässt sich mit der Bedeutung des Verbs leiten sehr leicht erschließen, welches im DUDEN mit „führen“, „bestimmen“, „bestimmend begleiten“ erklärt wird (DUDEN, Bd. 6, 1999: 2405). Während das Bestimmungswort Leit- also eine klare Bedeutung enthält, wird mit dem Basiswort -kultur ein inhaltlich sehr weites, offenes und kaum abzusteckendes Bedeutungsfeld angesprochen. So finden die Enzyklopädien, wie z.B. die Brockhaus-Enzyklopädie in ihren Definitionsversuchen des Begriffes kaum ein Ende. Die für politische Schlagworte so konstitutive Vagheit des Ausdrucks liegt bei Leitkultur folglich in dem Basiswort -kultur. Es ist semantisch derart offen und reich an Bedeutungsnuancen, dass sich jeder Einzelne seine individuelle Vorstellung der Bedeutung machen kann. Es eignet sich folglich ideal als Integrationswort, welches zudem eine starke, positiv konnotierte, emotive Ausstrahlung aufweist und viele Adressaten anspricht. Ferner erhält der Begriff der Leitkultur mit seinem provokanten Bestimmungswort Leit- eine sehr signifikante Bedeutungskomponente, die Aufmerksamkeit erregt, Interesse weckt und polarisiert.

Aufgrund dieser semantisch-syntaktischen Eigenschaften eignet sich Leitkultur ausgezeichnet als politisches Schlagwort. Genau diese schlagworttypischen Charakteristika – „schlechtbestimmt/vage“ sowie „provokant/polarisierend“ (Wimmer 2001: 662) sind es, die einerseits die Konjunktur des Begriffes erklären und es andererseits in die öffentliche Kritik brachten, so dass es schließlich sogar zum Unwort des Jahres 2000 gewählt wurde. So betonte die Jury vor allem die Unschärfe des Ausdrucks und bezeichnete ihn als gefährlich, da vor allem ausländische Mitbürger sensibel auf ihn reagieren könnten (Bär 2003: 195). Diese Umstrittenheit des Ausdrucks ist jedoch keineswegs verwunderlich, sondern ein sehr wichtiges, vielleicht sogar das Merkmal von Schlagwörtern. Da sie als Instrumente der politischen Beeinflussung den Politikern als Hauptwaffen in politischen Diskursen dienen, sind sie oft sehr umkämpft: Der Kampf um Macht ist immer auch ein Kampf um Begriffe (Klein 1989:11). Die semantische Vagheit von Schlagwörtern macht es den Sprechern zudem sehr leicht, sie mit eigenen Bedeutungsnuancen zu versehen um diese bei den Adressaten durchzusetzen. Diese Phänomene der Umdeutung werden auch als semantische Kämpfe bezeichnet. Im folgenden Kapitel soll zunächst geklärt werden, was man genau unter diesem Phänomen versteht und wie und mit welchem Ziel ein solcher Kampf geführt wird.

2.2. Die Leitkultur-Debatte als semantischer Kampf

„Kampf um terminologische Prämien ist nicht nur Streit um Worte,

denn Worte sind Handlungsmandate“ (Strauss 1968:25).

2.2.1. ‚Begriffe besetzen’ als politische Strategie

Die Einschätzung des Prestigewerts und des Kampfpotenzials von Schlagwörtern ist in den letzten Jahren enorm gestiegen. Sie sind nicht nur noch Mittel von politischen Kontroversen, sondern selbst Objekt von Auseinandersetzungen, der Kampf mit Wörtern ist auch ein Kampf um Wörter (Strauß 1989: 34).

Dieser politischen Praxis liegt die Annahme zugrunde, dass der moderne Kampf um die politische Herrschaft und Macht auch ein Kampf um Begriffe, also um Sprache ist. Wer seine Interpretation von attraktiven, umkämpften Begriffen durchsetzen kann, der setzt auch seine Gedanken durch und kann die anderer somit beeinflussen. Diese semantischen Kämpfe sind in öffentlich-politischen Diskursen deswegen an der Tagesordnung, man denke nur an Kontroversen über Begriffe wie Freiheit, Sozialismus, Fortschritt oder Terrorismus (Strauß 1989: 32) . Sie werden stets als Konkurrenz-Kämpfe ausgetragen. Dabei können nach Josef Klein (1989: 17) drei Hauptgruppen unterschieden werden: Bezeichnungskonkurrenz, deskriptive Bedeutungskonkurrenz und deontische Bedeutungskonkurrenz. Während bei Bezeichnungskonkurrenz umstritten ist, welche Bezeichnung für einen Sachverhalt die richtige ist (z.B. Arme oder sozial Schwache ( Kuhn 1991: 96)), sind die letzten beiden Typen Arten semantischer Kämpfe. Dabei ist entweder die deskriptive oder die deontische Bedeutung betroffen (Klein 1989: 21).

Da die Leitkulturdebatte als semantischer Kampf um die deskriptive Bedeutung klassifizierbar ist, möchte ich an dieser Stelle auf die Analyse der anderen beiden Fälle verzichten, um den Fokus auf diesen Typus von Bedeutungskonkurrenz zu legen.

Es handelt sich hierbei um ein Phänomen, bei dem der Sprecher versucht, einen meist vom Gegner verwendeten Ausdruck umzudeuten, bzw. „inhaltlich-deskriptive Bedeutungselemente zu tilgen und/oder hinzuzufügen“ (Klein 1991: 57). Die attraktive Vokabel soll mit der eigenen Politik assoziiert werden. Dabei ist auch der Aspekt der Referenz betroffen, da mit dem Begriff in anderer Bedeutung auf andere Sachverhalte Bezug genommen wird (Klein 1991: 58). Wenn ein und derselbe Ausdruck von verschiedenen Parteien in unterschiedlicher Bedeutung verwendet wird und somit mehrere Deutungen des Wortes nebeneinander existieren, spricht man von ideologischer Polysemie (Dieckmann 1975: 70ff.). Diese ist in politischen Systemen, in denen die konkurrierenden politischen Parteien öffentlich um die Vorherrschaft ringen, durchaus als semantische Konkurrenz zu verstehen. Jeder Sprecher versucht die eigene, seiner Meinung nach richtige, Definition im Sprachgebrauch durchzusetzen, die sich dann im Bewusstsein der Wähler einprägen soll. Meist liegt dem Begriff eine Grundbedeutung zugrunde, eine Art ideologieneutrale Leerformel, die in unterschiedliche Bedeutungsaspekte aufgespaltet werden kann (Dieckmann 1975: 72). Durch diese Bedeutungsvielfalt können einzelne Aspekte betont werden, andere werden vernachlässigt oder verneint. Wenn die Polysemie nicht durch den Kontext beseitigt werden kann, führt dies zur „Mehrdeutigkeit der Meinung“ (Dieckmann 1975: 66), was wiederum zu Kommunikationsproblemen und Missverständnissen führen kann.

Die Machart von semantischen Kämpfen ist recht simpel: Den vage gehaltenen und schlecht bestimmten Begriffen wird entweder durch Tilgung oder durch Hinzufügung von semantischen Merkmalen eine neue Bedeutung verliehen (Klein 1989: 22).

[...]

Ende der Leseprobe aus 14 Seiten

Details

Titel
Der Kampf um Begriffe
Untertitel
Eine Analyse der Leitkultur-Debatte
Hochschule
Rheinische Friedrich-Wilhelms-Universität Bonn  (Germanistik)
Note
1,7
Jahr
2008
Seiten
14
Katalognummer
V135992
ISBN (eBook)
9783640440252
ISBN (Buch)
9783640440207
Dateigröße
412 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Leitkultur, Politische Sprache;, Schlagwort;, Schlagwörter;, Begriffe besetzen;, Bassam Tibi;, Friedrich Merz
Arbeit zitieren
Anonym, 2008, Der Kampf um Begriffe, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/135992

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