Der folgende Text soll die philosophisch bedeutsamen Unterschiede zwischen Kants Begriff der Neigung und Hegels Begriff des Triebes diskutieren.
Zunächst werde ich Kants Begriff der Neigung erörtern. Dafür werde ich ausführlicher auf die in „Die Metaphysik der Sitten“ vorliegende Beschreibung eingehen und diese durch Auszüge aus der „Grundlegung zur Metaphysik der Sitten“ sowie der „Kritik der praktischen Vernunft“ ergänzen. Anschließend folgt eine Deutung des Begriffs des Triebes, die Hegel in der „Enzyklopädie der Philosophischen Wissenschaften“ darlegt, um abschließend die Unterschiede zwischen beiden Begriffen herausstellen zu können.
Inhaltsverzeichnis
1. Einleitung
2. Kants Begriff der Neigung
2.1 Begehrungsvermögen und Willkür
2.2 Die sinnliche Natur der Neigung
3. Hegels Begriff des Triebes
3.1 Triebe als Teile des Willens
3.2 Selbstbestimmung und Objektivität
4. Vergleich der Konzepte und Fazit
Zielsetzung & Themen
Die vorliegende Arbeit untersucht die grundlegenden Unterschiede in der Auffassung menschlicher Handlungsantriebe bei Immanuel Kant und Georg Wilhelm Friedrich Hegel, mit Fokus auf die Kategorisierung von Neigungen respektive Trieben im Verhältnis zur Vernunft.
- Untersuchung des kantischen Begehrungsvermögens und der Rolle der Neigung.
- Analyse von Kants strikter Trennung zwischen sinnlichem Begehren und vernunftgeleitetem Willen.
- Darstellung der hegelsehen Konzeption der Triebe als integrierte Bestandteile des subjektiven Geistes.
- Kontrastierung der beiden philosophischen Modelle hinsichtlich ihrer Autonomie- und Vernunftbegriffe.
Auszug aus dem Buch
Die Unterschiede zwischen Kants Begriff der Neigung und Hegels Begriff des Triebes
Die Neigung kann nur in Bezug zu der allgemeineren Beschreibung des menschlichen Geistes verstanden werden, die Kant in der Einleitung der „Metaphysik der Sitten“ darlegt. Ausgangspunkt dieser Beschreibung ist das Begehrungsvermögen, das Kant als „[…] das Vermögen, durch seine Vorstellungen Ursache der Gegenstände dieser Vorstellungen zu sein“ definiert. Damit ist die grundlegende Fähigkeit gemeint, planmäßig und zielgerichtet agieren zu können. Beispielsweise kann ein Mensch die Vorstellung haben, etwas zu trinken, sich dann ein Glas Wasser holen und es trinken, wodurch er zur Ursache seiner vorherigen Vorstellung wird.
Das Begehrungsvermögen wird auf zweierlei Weise beeinflusst. Die Beeinflussung des Begehrungsvermögens durch ein sinnliches Lustempfinden definiert Kant als Begierde. Dabei muss betont werden, dass von der Begierde nur gesprochen wird, wenn die sinnliche Lust dem Begehrungsvermögen „[…] als Ursache, notwendig vorhergeh[t] […]“ . Eine regelmäßig empfundene Begierde wiederum wird als Neigung definiert. Die Verbindung zwischen einem Lustempfinden und dem Begehrungsvermögen bezeichnet Kant als Interesse. Im oben beschriebenen Beispiel wäre der einmalige Drang ein bestimmtes Glas Wasser zu trinken eine Begierde, wohingegen bei einem generellen Gefallen am Trinken von Wasser von einer Neigung gesprochen werden müsste und der Vorgang des Trinkens das Interesse der Neigung wäre.
Demgegenüber steht der durch die Vernunft gelenkte Wille, der ebenfalls das Begehrungsvermögen beeinflussen kann. Für das willentliche Handeln ist ausschlaggebend, dass die Gründe für Handlungen „[…] nicht in dem Objekte angetroffen […]“ werden, also nicht durch die über Sinneswahrnehmungen vermittelte materielle Welt deterministisch bestimmt sind, sondern willentlich selbst gegeben werden können.
Zusammenfassung der Kapitel
1. Einleitung: Einführung in die Fragestellung der philosophischen Divergenz zwischen Kant und Hegel hinsichtlich menschlicher Handlungsantriebe.
2. Kants Begriff der Neigung: Erörterung der kantischen Trennung zwischen sinnlicher Neigung und vernunftgesteuertem, freiem Willen.
3. Hegels Begriff des Triebes: Darstellung der Einbettung von Trieben in das Konzept des Willens und der damit verbundenen Selbstbestimmung bei Hegel.
4. Vergleich der Konzepte und Fazit: Zusammenfassende Gegenüberstellung der Positionen und Schlussfolgerung über die unterschiedliche Gewichtung von Vernunft und sinnlichem Trieb.
Schlüsselwörter
Kant, Hegel, Neigung, Trieb, Begehrungsvermögen, Wille, Vernunft, Selbstbestimmung, Handlungsantrieb, Sinnlichkeit, Subjektiver Geist, Willkür, Philosophie, Ethik, Motivationslehre.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit analysiert die philosophischen Differenzen zwischen Kants Begriff der "Neigung" und Hegels Begriff des "Triebes" innerhalb ihrer jeweiligen ethischen Theorien.
Was sind die zentralen Themenfelder der Untersuchung?
Die zentralen Themen sind das menschliche Begehrungsvermögen, die Rolle der Vernunft bei der Handlungssteuerung sowie das Verhältnis von sinnlichem Impuls zu geistiger Selbstbestimmung.
Was ist das primäre Ziel der Arbeit?
Das Ziel ist es, herauszuarbeiten, warum Kant Neigungen von der Vernunft strikt abgrenzt, während Hegel Triebe als vernünftige, integrierte Bestandteile des menschlichen Willens versteht.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Die Autorin nutzt eine komparative Analyse philosophischer Quellentexte aus Kants "Metaphysik der Sitten", "Grundlegung" sowie Hegels "Enzyklopädie".
Was wird im Hauptteil der Arbeit behandelt?
Der Hauptteil gliedert sich in einer detaillierten Exegese der kantischen Begriffe sowie einer anschließenden begrifflichen Abgrenzung hin zu Hegels Trieb-Konzeption.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren diese Arbeit?
Kant, Hegel, Neigung, Trieb, Wille, Vernunft und Begehrungsvermögen stehen im Zentrum der begrifflichen Analyse.
Wie unterscheidet Kant die "tierische" von der "freien" Willkür?
Kant bezeichnet eine rein durch sinnliche Neigungen bestimmte Willkür als "tierisch", während er die Willkür, die ausschließlich durch reine Vernunft bestimmt wird, als "freie Willkür" bezeichnet.
Inwiefern bewertet Hegel Triebe anders als Kant?
Während Kant Neigungen als rein sinnlich und der Vernunft entgegenstehend betrachtet, interpretiert Hegel Triebe als Ausdruck eines sich selbst bestimmenden vernünftigen Willens, wodurch ihnen ein geistiger Charakter innewohnt.
Was bedeutet Hegels Argument der "Subjektiven Willensbestimmung"?
Es besagt, dass der Mensch sich selbst bestimmt, indem er einen konkreten Trieb bewusst als ausschlaggebend für sein Handeln wählt und diesen in der Welt umsetzt.
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- Lennard Fredrich (Author), 2023, Die Unterschiede zwischen Kants Begriff der Neigung und Hegels Begriff des Triebes, Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/1360549