Die Verwendung von Archivbildern der Berliner Luftbrücke im dokumentarischen Film


Seminararbeit, 2009

20 Seiten, Note: 1,3


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1 Einleitung

2 Über den Symbolgehalt von Archivbildem und ihren Einsatz als Erinnerungsbilder

3 Bilder von der Berliner Luftbrücke
3.1 Flugzeuge überBerlin
3.1.1 Verwendung in den Wochenschauen Welt im Film und DerAugenzeuge von 1948/49
3.1.2 Verwendung im Dokumentarfilm Schaut aufdiese Stadt
3.1.3 Verwendung in den Guido Knopp-Produktionen Die Luftbrücke und 100 Jahre
3.1.4 VerwendungimDoku-Drama DieWölfe
3.2 „Schautaufdiese Stadt!“
3.2.1 Verwendung in den Wochenschauen Welt im Film und DerAugenzeuge von 1948/49
3.2.2 VerwendungimDokumentarfilm SchautaufdieseStadt
3.2.3 Verwendung in den Guido Knopp-Produktionen Die Luftbrücke und 100Jahre
3.2.4 VerwendungimDoku-Drama DieWölfe

4 Resümee

5 Literaturverzeichnis

6 Filmverzeichnis

1 Einleitung

„[Es] gibt zwar Bilder ohne Geschichte, aber keine Geschichte ohne Bilder.“1 Der Sozialpsycho­loge Harald Welzer betont in seiner Arbeit über das Gedächtnis der Bilder, dass eine Erinnerung ohne die Bilder „konturenlos und abstrakt bleibt, wie eine Grammatik ohne dazugehörige Spra­che.“2 Der dokumentarische Film bedient sich dieser Bilder bei seinem Bestreben, Geschichte zu vermitteln.

In dieser Arbeit geht es um die Frage, wie Archivbilder von der Berliner Luftbrücke in ver­schiedenen dokumentarischen Formaten, wie Dokumentarfilm, TV-Dokumentation oder Doku­Drama eingesetzt werden und wie sich durch neue Kontextualisierungen die Bedeutungszu­schreibungen an die Bilder ändern. Die Arbeit will darstellen, wie die Bilder in ihremjeweiligen Gebrauch umgedeutet beziehungsweise umgeschrieben werden. Dabei ist es auch entscheidend, herauszufinden, welche Funktion die Bilderjeweils übernehmen und aus welchem ideologischen Blickwinkel sie inszeniert werden.

Dabei soll folgendermaßen vorgegangen werden: Am Anfang stehen ein paar grundsätzliche Überlegungen über die Aussagekraft und den Symbolgehalt von Archivbildern. Außerdem soll auf ihren Einsatz als Gedächtnisbilder eingegangen werden, wobei sich auch die Frage stellt, wie sogenannte Bild-Klischees entstehen können. In Kapitel 3 folgt schließlich die Analyse, wie kon­kretes Bild- und Tonmaterial in den verschiedenen Sendungen eingesetzt wird. Dabei soll auch die einstmals aktuelle Verwendung in den Wochenschauen mit berücksichtigt werden, wo die Bilder noch nicht mit dem Status des historischen Artefaktes belegt waren. Das bietet sich auch deswegen an, weil so festgestellt werden kann, wie sich die Bedeutungszuschreibungen im Laufe der Zeit ändern.

Dass diese Arbeit als Beispiel Bilder von der Berliner Luftbrücke benutzt, hat mehrere Grün­de. Zum einen gibt es nicht zuletzt anlässlich des 60jährigen Jubiläums im Jahr 2008 eine große Anzahl von TV-Dokumentationen und Filmen, die sich mit diesem Thema auseinandersetzen. Zum anderen handelt die Geschichte der Luftbrücke von dem Vormachtstreit zweier politischer und ideologischer Systeme, welche die mit dem Ereignis zusammenhängenden Bilder komplett unterschiedlich bewerten.

Die Literatur zum Thema ist eher beschränkt. Die Bedeutung von Archivbildern und ihre Funktion bei der Herstellung von Gedächtnis stellen die Arbeiten von Matthias Steinle, Nicole Wiedenmann und Harald Welzer anschaulich dar.3 Bei der Gedächtnis- und Archivthematik wur­den die Arbeiten von Aleida Assmann herangezogen.4 Bei der Frage, ob sich Archivbilder ,ab- nutzen’ und wie mediale Geschichts-Klischees entstehen können, erwiesen sich die Arbeiten von Werner Holly und Judith Keilbach als hilfreich.5 Umfangreiche Darstellungen von der Zeit der Blockade und der Luftbrücke liefern schließlich die Monografien von Gerhard Keiderling und Peter Krönig.6

2 Über den Symbolgehalt von Archivbildern und ihren Einsatz als Erinnerungsbil­der

Zuerst muss der Terminus Archivbild näher erläutert werden. In dieser Arbeit ist damit audiovi­suelles Material gemeint, das aus der Zeit der Luftbrücke stammt und das in den dokumentari­schen Formaten in einem neuen Zusammenhang montiert wird.7 Steinle betont in diesem Zusam­menhang den besonderen Status von Archivbildern: „Der Status des Vorgefundenen, bereits Existierenden und unabhängig vom Benutzer Entstandenen fördert die Illusion unmittelbarer und ungefilterter Wiedergabe von Geschichte“8. Durch die Aufbewahrung im Archiv wird das Mate­rial zusätzlich beglaubigt und erhält so eine besondere Signifikanz.9

Das Archiv ist nach der Meinung von Aleida Assmann nicht nur ein Ort, an dem die Doku­mente aus der Vergangenheit ,lediglich’ aufgehoben werden. Das Archiv ist gleichsam ein Ort an dem Vergangenheit konstruiert und produziert werde. Die Gesellschaft - oder die jeweiligen Machthaber - legen die Bezugsrahmen und Deutungsmuster für die Vergangenheit stets neu fest oder wie Assmann schreibt, sie entscheiden „wie und und was von der Vergangenheit zur Spra­che gebracht wird.“10 Dabei können gesellschaftliche, kulturelle oder politische Faktoren, wie zum Beispiel die Wiedervereinigung ausschlaggebend sein.11

Diejeweiligen gesellschaftlichen Diskurse bestimmen hierbei auch die Bedeutungszuweisun­gen an die Archivbilder. Thomas Nachreiner stellt dazu fest, dass „Bilder [einerseits] indexika- lisch als Dokument auf einen konkreten Sachverhalt verweisen, andererseits [...] als Symbol fur Abstrakta stehen“12 können. Der Symbolcharakter bilde sich erst durch Reproduktion, Wiederho­lung und Ritualisierung heraus.13 Die Bilder an sich sind erst einmal relativ bedeutungsoffen in ihrer Aussage. Das Resultat ist, dass gleiche Bilder fur ganz unterschiedliche Dinge stehen kön­nen. Erst durch die spezifische Verwendung und Kontextualisierung wird ihre Bedeutung festge­legt. Das gilt auch fur audiovisuelles Material, bei dem nicht nur die visuelle Komponente im Vordergrund steht, was oft der Fall ist. Ein Beispiel hierfür ist die historischen Rede von Ernst Reuter, die er im Zusammenhang mit der Luftbrücke gehalten hat.14 Dieses Material ist zwar in seiner semantischen Aussage stärker determiniert, allerdings wird auch dessen Symbolgehalt erst durch die spezifische Kontextualisierung hergestellt. Das wird in Kapitel 3.2 jedoch noch näher untersucht werden.

Wie ist es in diesem Zusammenhang möglich, dass sich Bildklischees herausbilden können? Judith Keilbach spricht von einer Abnutzung der Bilder, die dadurch zustande käme, dass be­stimmte Bilder im Fernsehen permanent wiederholt würden.15 Werner Holly schreibt von media­len Geschichts-Klischees und betont, dass bestimmte Bilder in ihrer Aussage überdeterminiert seien, was sich wiederum günstig auf die Herstellung von kulturellem Gedächtnis auswirke.16 Die Vorstellung, dass sich Archivbilder abnutzen, ist kritisch zu hinterfragen. Wie bereits festge­stellt wurde, entsteht die Aussagekraft des Materials immer erst im Zuge einer Einbettung in einen spezifischen Kontext. Erst die immergleiche wiederholte Verwendung des Bildes, als Sym­bol für denselben Sachverhalt kann zur Entstehung von medialen Bildklischees führen. Diese Bilder nennt Holly in Anlehnung an Uwe Pörksen historische Visiotypen, „die als Standardzeug­nisse mit emotionalisierendem und authentisierendem Wert fungieren“17 und das kulturelle Ge­dächtnis prägen. Matthias Steinle beschreibt in diesem Zusammenhang Archivbilder als „wichti­ge Elemente der (nationalen) Erinnerungskultur(en)“18. Dabei sollte eine Analyse dieser „Ge­dächtnisbilder“19 allerdings stets berücksichtigen, „that whenever memory is invoked we should be asking ourselves: by whom, where, in which context, against what?“20.

3 Bilder von der Berliner Luftbrücke

3.1 Flugzeuge über Berlin

Wenn von historischen Bildern der Luftbrücke die Rede ist, denkt man unweigerlich zuerst an solche, die fliegende Flugzeuge zeigen. Es soll in diesem Kapitel folglich vorrangig um Archiv­material gehen, das erst einmal ,nur’ ein Flugzeug oder mehrere am Himmel zeigt, wobei auch Gebäude oder Menschen mit im Bild sein können. Diese Bilder sind für sich genommen wenig aussagekräftig. Dennoch kommen sie in allen Filmen und Sendungen über die Luftbrücke vor, da sie als Dokument oder indexikalisches Zeichen21 auf die Tatsache verweisen, dass die Bevölke­rung über den Luftweg versorgt wurde. Ihr besonderes Merkmal besteht darin, dass sie durch ihre große Offenheit eine Vielzahl von Bedeutungszuweisungen zulassen. Deswegen eignen sie sich im besonderen Maße, für die Möglichkeit der Umdeutung der Bilder.

3.1.1 Verwendung in den Wochenschauen Welt im Film und DerAugenzeuge von 1948/49

Die Bilder von der Luftbrücke, die die fliegenden Flugzeuge zeigen, stehen in den Wochen­schauen der Westzone für etwas gänzlich anderes als das, was sie in der Ost-Wochenschau reprä­sentieren sollen.

In der DEFA-Wochenschau Der Augenzeuge sind die Flugzeuge durchweg negativ konno- tiert. In der Ausgabe Nr. 122 aus dem Jahr 1948, die die Luftbrücke thematisiert, wird das Bild von dem fliegendem Flugzeug mit einem bedrohlich klingendem Motorengeräusch unterlegt, dass unweigerlich an die Bombenflieger aus dem Krieg erinnert. Dazu spricht der Kommentator von einer „Melodie, die wir noch gut im Ohr haben.“22 Das Bildmaterial dient folglich dazu, die Bedrohung, die von den Westalliierten ausgehen soll, zu untermauern.

[...]


1 Welzer, Harald: „Das Gedächtnis der Bilder: Eine Einleitung“. In: Ebd. (Hrsg.): Das Gedächtnis derBilder: Ästhetik undNationalsozialismus. Tübingen: Ed. diskord 1995, S. 7-13. Hier S. 8.

2 Ebd.

3 Vgl. Steinle, Matthias: „Das Archivbild: Archivbilder als Palimpseste zwischen Monument und Dokument im audiovisuellenGemischtwarenladen“. In: Medienwissenschaft (3/2005), S. 295-309. Wiedenmann, Nicole: „,So ist das, was das Bild dokumentiert, das Gegenteil dessen, was es symbolisiert’. Holocaustfotografie im Spannungsfeld zwischen Geschichtswissenschaft und Kulturellem Gedächtnis“. In: Crivellari, Fabio et al. (Hrsg.): Die Medien der Geschichte: Historizität und Medialität in interdisziplinärer Perspektive. Konstanz: UVK2004, S. 317-349.

4 Vgl. Assmann, Aleida: „Persönliche Erinnerung und kollektives Gedächtnis in Deutschland nach 1945“. In: Erler, Hans (Hrsg.): Erinnern und Verstehen: Der Völkermord an den Juden im politischen Gedächtnis der Deutschen. Frankfurt a. M., et al.: Campus 2003, S. 126-138 und Dies.: Erinnerungsräume: Formen und Wandlungen des kulturellen Gedächtnisses. München: Beck 320 06.

5 Vgl. Keilbach, Judith: „Neue Bilder im Geschichtsfernsehen. Über Einsatz und Verwertung von Laufbildern aus der Zeit des Nationalsozialismus“. In: Crivellari, Fabio et al. (Hrsg.): Die Medien der Geschichte: Historizität undMedialität in interdisziplinärerPerspektive. Konstanz: UVK 2004, S. 543-568. Holly, Werner:,„Ich bin ein Berliner’ und andere mediale Geschichtsklischees“. In: Schmitz, Ulrich et al. (Hrsg.): Wissen und neue Medien. Bilder und Zeichen von 800 bis 2000. Berlin: Erich Schmidt 2003, S. 215-240.

6 Vgl. Keiderling, Gerhard: „Rosinenbomber“ überBerlin: Währungsreform, Blockade, Luftbrücke, Teilung: Die schicksalsvollen Jahre 1948/49. Berlin: Dietz 1998. Krönig, Peter: Schaut auf diese Stadt! Berlin und die Luftbrücke. Berlin-Brandenburg: be.bra 1998.

7 Vgl. Steinle 2005, S. 296.

8 Ebd.

9 Vgl. ebd., S. 298f.

10 Assmann 2003, S. 130.

11 Vgl. ebd., sowie Assmann 2006, S. 21.

12 Nachreiner, Thomas: Untersuchungen zu jüngeren Entwicklungen in audiovisuellen Archiven: Der Wandel gesellschaftlicher Ubertragungsstrategien im Wechselspiel von Technik, Ökonomie und Kultur. Erlangen: 2007, S. 51.

13 Vgl. ebd.

14 Vgl. ebd., S. 50.

15 Vgl. Keilbach 2004, S. 552.

16 Vgl. Holly 2003, S. 223.

17 Ebd., S. 233.

18 Steinle 2005, S. 303.

19 Ebd., S. 302.

20 Davis, Natalie Zemon / Starn, Randolph: „Introduction: Memory and Counter-Memory“. In: Representations 26 (1989), S. 1-6. Hier: S. 2.

21 Vgl. S. 3 in dieser Arbeit, sowie Holly 2003, S. 225.

22 DerAugenzeuge 122 (1948). Auf: Internetseite des Wochenschau-Archivs. URL: http://media.studio-hamburg. de/studio-hamburg/wochenschau/streams250kwo/08E92C0055BA58DF030103009D21A8C01E09000000. mpg.asf [26.3.2009], bei 0:09:53.

Ende der Leseprobe aus 20 Seiten

Details

Titel
Die Verwendung von Archivbildern der Berliner Luftbrücke im dokumentarischen Film
Hochschule
Friedrich-Alexander-Universität Erlangen-Nürnberg  (Institut für Theater- und Medienwissenschaft)
Veranstaltung
Filmarchiv und Gedächtnis
Note
1,3
Autor
Jahr
2009
Seiten
20
Katalognummer
V136061
ISBN (eBook)
9783640466344
ISBN (Buch)
9783640466429
Dateigröße
450 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Archivbilder, Archiv, Berliner, Luftbrücke, Rosinenbomber, Wochenschau, Guido Knopp, Augenzeuge, Schaut auf diese Stadt, Dokumentarfilm, Dokumentation, Doku-Drama, Erinnerungsbilder
Arbeit zitieren
Maja Hetmank (Autor), 2009, Die Verwendung von Archivbildern der Berliner Luftbrücke im dokumentarischen Film, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/136061

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