Es war einmal…
Diese Einleitungsformel weckt Neugier, Erwartung und Vorfreude. Immer wenn jemand beginnt, eine Geschichte zu erzählen, können wir beobachten, wie Kinder mit leuchtenden Augen gespannt und mit größter Konzentration den Ausführungen lauschen. Geschichten wecken eine tiefe Sehnsucht – nach magischen Abenteuern, nach einer klar geordneten Welt, in der Gut und Böse auf ihre rechten Plätze verwiesen werden, nach Rhythmus und Ruhe und dem Prozess des Erzählens und Zuhörens. Kinder brauchen Geschichten – und zwar mündlich, frei und lebendig erzählte Geschichten…
Leider ist bei uns in Mitteleuropa die Tradition des Geschichtenerzählens großenteils verloren gegangen. Nur in wenigen Familien gibt es noch jemanden, der Geschichten auswendig erzählen kann; oft wird nicht einmal mehr vorgelesen. Entsprechende Probleme bereitet vielen Kinder schon das Widergeben von Erlebtem, mehr noch das Erfinden von fantasievollen, eigenen Geschichten. Aus diesem Grund sollte in der Schule versucht werden, dem entgegenzusteuern und die Erzählressourcen aller Kinder – so versteckt sie auch sein mögen – herauszulocken, aufzugreifen, zu unterstützen und zu fördern.
Ein Besuch eines Erzählseminars beim Bayerischen Rundfunk in München weckte mein Interesse am Geschichtenerzählen, woraus die Idee für die vorliegende Arbeit entstand. Ein halbes Jahr beschäftigte ich mich in einer 4. Klasse mit Sprech- und Hörerziehung, dem freien Sprechen vor der Gruppe und vielfältigen Methoden der Erzählpraxis im Unterricht. Als übergeordnetes Ziel setzte ich mir, eine gesellige und lebendige Erzählkultur in der Klasse zu entfalten.
Die Ausführung der gesamten Erzählsequenz würde den Rahmen der Arbeit sprengen, weshalb ich mich für die Darstellung einer Teilsequenz entschieden habe, die ich als interessant und wichtig für meine Arbeit einstufe und die in der Literatur bisher nicht thematisiert wurde.
Nachdem ich anfangs die theoretischen Grundlagen des mündlichen Erzählens, zentrale Begriffe und didaktische Vorüberlegungen geklärt habe, werde ich den Schwerpunkt meiner Arbeit – das „gemeinsame Erfinden von Sagen“ – in seiner Sequenz erläutern und reflektieren.
Inhaltsverzeichnis
1 Kinder brauchen Geschichten
2 Theoretische Grundlagen des mündlichen Erzählens
2.1 Erzählen als gesellige Praxis
2.2 Geschichten erfinden
2.3 Funktionen des mündlichen Erzählens
2.3.1 Lebensbewältigung
2.3.2 Sprachförderung
2.3.3 Soziales Lernen
2.3.4 Persönlichkeitsbildung
2.4 Bezug zum Lehrplan und den Bildungsstandards
2.4.1 Lehrplan für die Grundschulen in Bayern
2.4.2 Bildungsstandards im Fach Deutsch
3. Didaktische Vorüberlegungen
3.1 Situation in der Klasse
3.2 Die Sage im Deutschunterricht der Grundschule
3.3 Zielvorstellungen einer lebendigen Erzählkultur
3.3.1 Rahmenbedingungen
3.3.2 Ziele
3.4 Vorbemerkungen zur geplanten Sequenz
4. Praktische Durchführung
4.1 Überblick über die Sequenz
4.2 Darstellung ausgewählter Unterrichtseinheiten
4.2.1 Wir lernen „die Sage“ kennen
4.2.2 Unsere Sagenfiguren
4.2.3 Unser Schulhaus ist „Sagen-haft“
4.2.4 Geschichtenwanderung
5. Resumée
Zielsetzung & Themen der Arbeit
Das Hauptziel der Arbeit besteht darin, Schüler einer 4. Klasse an eine lebendige und gesellige Erzählkultur heranzuführen, wobei der Fokus auf dem gemeinsamen Erfinden von Sagen liegt, um die sprachliche Ausdrucksfähigkeit und soziale Kompetenzen der Kinder zu fördern.
- Grundlagen des mündlichen Erzählens als gesellige Praxis
- Bedeutung von Geschichten für die kindliche Persönlichkeitsbildung
- Didaktische Konzepte zur Sprachförderung im Grundschulunterricht
- Praktische Erprobung von Erzählanlässen und Sagenfindung
- Reflexion über die Rolle der Lehrkraft als Erzählvorbild
Auszug aus dem Buch
2.1 Erzählen als gesellige Praxis
Welches Erzählen ist hier gemeint? In der Literatur finden sich verschiedene Definitionen des Begriffs. In meiner Arbeit möchte ich mich auf die Bezeichnung „Erzählen als gesellige Praxis“¹ – wie CLAUS CLAUSSEN es nennt – stützen. Beim so genannten `geselligen Erzählen` ist das Erzählen selbst der Lerngegenstand. Es ist eine eigene Form des Erzählens und unterscheidet sich vom monologischen Erzählen – eine Person erzählt den anderen eine Geschichte – und vom dialogischen Erzählen – zwei oder mehrere Personen erzählen sich wechselseitig Geschichten. „Erzählen als gesellige Praxis ergänzt beides um eine weitere Form, nämlich das gemeinsame Ausdenken, Erfinden und Erzählen einer Geschichte.“²
Mündliches Erzählen als gesellige Praxis schließt die gesamte Erzählrunde – Erzählende und Zuhörende – mit ein, denn Erzählen und Zuhören sind untrennbar miteinander verbunden.
In diesem didaktischen Konzept kommt es nicht auf fertig vorgegebene Erzählanleitungen an, sondern vielmehr auf einen geeigneten offenen Rahmen mit wenigen definierten Merkmalen und einem angemessenen Raum zum Ausgestalten. Nur so ist es möglich, die vielen spontanen Einfälle der Kinder aufzunehmen und zu integrieren.
CLAUSSEN fordert, dass das „Erzählen als gesellige Praxis als aktiver und offener Bereich einer narrativen Unterrichtskultur in der Grundschule verankert und entfaltet werden sollte, und zwar mit dem Ziel authentischer Textproduktion: Kinder und Lehrerin oder Lehrer schaffen erzählend etwas Originales, etwas Neues, was es vorher nicht gab.“³ Die Lehrkraft fungiert dabei als Initiator, die mit den Kindern gemeinsam einen offenen Lernprozess durchläuft und die vielfältigen Ideen, Ansätze und Wege des kindlichen Erzählens mit geeigneten Mitteln und angemessenem Verhalten unterstützt.
Zusammenfassung der Kapitel
1 Kinder brauchen Geschichten: Einleitende Darlegung der Bedeutung des mündlichen Erzählens für Kinder sowie der persönlichen Motivation zur Durchführung des Erzählprojekts.
2 Theoretische Grundlagen des mündlichen Erzählens: Wissenschaftliche Fundierung des Konzepts „Erzählen als gesellige Praxis“ unter Berücksichtigung von Funktionen wie Lebensbewältigung, Sprachförderung und Persönlichkeitsbildung.
3. Didaktische Vorüberlegungen: Analyse der Klassensituation sowie Erläuterung der Bedeutung der Gattung Sage und der Zielsetzungen für die Unterrichtssequenz.
4. Praktische Durchführung: Detaillierte Darstellung konkreter Unterrichtseinheiten, von der Einführung der Sage bis zur abschließenden Geschichtenwanderung.
5. Resumée: Kritische Reflexion der Projektergebnisse und Fazit zum Stellenwert freien Erzählens im künftigen Unterricht.
Schlüsselwörter
Mündliches Erzählen, gesellige Praxis, Sagen erfinden, Grundschule, Sprachförderung, Erzählkultur, authentische Textproduktion, Persönlichkeitsbildung, soziales Lernen, Bildungsstandards, Erzählhilfen, Reflexion, Kreativität, Unterrichtspraxis, Grundschulunterricht.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit befasst sich mit der Etablierung einer lebendigen, mündlichen Erzählkultur in einer 4. Klasse, wobei die Schüler durch gezielte Methoden dazu befähigt werden, gemeinsam Sagen zu erfinden.
Was sind die zentralen Themenfelder?
Die zentralen Felder umfassen die Theorie des geselligen Erzählens, die pädagogische Bedeutung von Geschichten, die Analyse von Sagenstrukturen sowie die praktische Umsetzung narrativer Kompetenz im Unterricht.
Was ist das primäre Ziel der Arbeit?
Das Hauptziel ist es, die Erzählfreude der Schüler zu fördern, die Sprech- und Sprachfähigkeiten durch authentische Textproduktion zu verbessern und ein angstfreies, kooperatives Lernklima zu schaffen.
Welche wissenschaftliche Methode wurde verwendet?
Es wurde ein handlungsorientierter Ansatz gewählt, der auf dem Konzept des „Erzählens als gesellige Praxis“ basiert und durch begleitende Reflexionsgespräche sowie kreative Methoden wie die Arbeit mit Bildkarten ergänzt wurde.
Was wird im Hauptteil behandelt?
Der Hauptteil gliedert sich in didaktische Vorüberlegungen zur Klassensituation und zur Gattung Sage sowie in die detaillierte Darstellung und Reflexion der durchgeführten Unterrichtseinheiten, wie z.B. „Unser Schulhaus ist Sagen-haft“.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Die Arbeit ist geprägt durch Begriffe wie mündliches Erzählen, gesellige Praxis, Sagen erfinden, Sprachförderung, Sozialkompetenz und kreative Unterrichtsgestaltung.
Wie wurden die Schüler bei der Erfindung der Sagen unterstützt?
Die Autorin nutzte diverse Erzählhilfen, insbesondere selbst gestaltete Bildkarten, die als Strukturierungshilfe dienten und den Kindern Sicherheit beim freien Sprechen boten.
Welche Bedeutung hatte das Thema Sagen für die Kinder?
Die Sage erwies sich als motivierendes Element, da sie die Kinder anregte, phantastische Elemente mit realen Orten in ihrer Umgebung zu verknüpfen, wodurch eine besondere Identifikation mit dem Schulhaus und der Region entstand.
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- Kathrin Doeppner (Author), 2008, Lebendige Erzählkultur in der Grundschule, Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/136078