„Die haitische Revolution ging also, bereits während sie sich ereignete, mit dem eigentümlichen Merkmal ihrer Undenkbarkeit in die Geschichte ein. (…) Wenn Ereignisse, sogar während sie sich vollziehen, nicht akzeptiert werden können, wie sollen sie dann später beurteilt werden können? Oder anders gesagt: Können historische Erzählungen einer Logik folgen, die in der Welt, in der diese Erzählungen stattfinden, als undenkbar gilt?“
Das Zitat des haitianischen Autors Michel-Rolph Trouillot wirft Licht auf einen erstaunlichen Widerspruch im allgemeinen Verhältnis von Geschehenem und der Betrachtung und Bewertung von Geschehenem, namentlich der Geschichtsschreibung. Dieser Widerspruch ist im Fall der Haitianischen Revolution bei näherer Hinsicht mehr als augenfällig, repräsentiert doch die Haitianische Revolution auf der einen Seite ein weltgeschichtlich einzigartiges politisches Ereignis, an dessen Ende der radikalste revolutionäre und soziale Wandel stand, der innerhalb der Geschichte der Moderne je stattgefunden hat. Auf der anderen Seite fallen die Ereignisse in der damaligen französischen Kolonie Saint-Domingue mit ihren globalen politischen Auswirkungen, die die Welt auf beiden Seiten des Atlantiks in den Jahren zwischen 1791 und 1804 in Atem hielten, durch ihre weitgehend bis heute andauernde Abwesenheit innerhalb der kanonischen Erzählungen über die Moderne und die mit ihr auf engste verbundenen Revolutionen auf.
Inhaltsverzeichnis
1 EINLEITUNG
2 DIE REVOLUTION, IHRE FOLGEN UND DAS SCHWEIGEN DER MODERNE
3 DIE REZEPTION VOR DEM POSTCOLONIAL TURN
3.1 ZEITGENÖSSISCHE REZEPTION
3.2 REZEPTION IM 20. JAHRHUNDERT
4 DIE REZEPTION NACH DEM POSTCOLONIAL TURN
4.1 DER POSTCOLONIAL TURN
4.2. DER EINFLUSS DES POSTCOLONIAL TURN
5 SCHLUSSBETRACHTUNG
6 RESUMEN
Zielsetzung & Themen
Die Arbeit untersucht den historiographischen Umgang mit der Haitianischen Revolution und hinterfragt, inwiefern sich deren Rezeption in Lexika und Standardwerken der Geschichtswissenschaft durch den Einfluss des postcolonial turn seit den 1980er Jahren gewandelt hat.
- Analyse der Rezeption der Haitianischen Revolution im 20. Jahrhundert
- Untersuchung historiographischer Mechanismen von Wissen und Macht
- Vergleich vor- und nachkolonialer Darstellungen in der Fachliteratur
- Bedeutung der Haitianischen Revolution für die Meistererzählung der Moderne
- Rolle des postcolonial turn bei der Aufarbeitung blinder Flecken in der Geschichtsschreibung
Auszug aus dem Buch
3.1 ZEITGENÖSSISCHE REZEPTION
Das vorangegangene Kapitel hat gezeigt, dass die Haitianische Revolution „one of the critical defining features of the modern age“ war und dennoch heute erst am Anfang ihres Weges hin zu einer zentralen Rolle im kulturellen und intellektuellen Bewusstsein der Welt steht. Diese Tatsache steht jedoch nicht im Widerspruch mit der großen Aufmerksamkeit, die den Geschehnissen durch die Zeitgenossen beschieden wurden. Diese Aufmerksamkeit war häufig negativer Natur und resultierte nicht zuletzt aus der Bedrohung für die ökonomische Sicherheit, die der Freiheitskampf der Sklaven in den Kolonien für einen Teil des Bürgertums darstellte, zu dem auch viele der Philosophen der Aufklärung gehörten, deren politische Betrachtungen die Gedanken um Freiheit und Gleichheit zum Kern hatten.
Bereits während der ersten Jahre des Revolutionsgeschehens wurde in verschiedenen europäischen und auch US-amerikanischen Zeitschriften und Zeitungen regelmäßig über die Ereignisse auf der Karibikinsel berichtet. Im deutschsprachigen Raum steht die Berichterstattung in engem Zusammenhang mit der Auseinandersetzung um die Französische Revolution und die Herrschaft Napoleons. Neben dem Politischen Journal sticht die politische Zeitschrift Minerva durch ihre einzigartige Berichterstattung hervor. Vor allem in der Zeit vom Herbst 1804 bis Ende 1805 widmete ihr Herausgeber Archenholz der Revolution eine ganze Serie, die Quelldokumente, Nachrichtenzusammenfassungen und Augenzeugenberichte mit einschloss. Dennoch gab es in Deutschland aber auch Medien, die die Haitianische Revolution überhaupt nicht kommentierten, sie nicht einmal erwähnten. Generell wurde der Sklavenaufstand eher negativ beurteilt, vor allem in Hinblick auf seine ökonomischen Auswirkungen. Die mehrheitliche politische Ablehnung und die teilweise Nicht-Erwähnung der Revolution in Europa sind augenscheinlich anderen Ursachen geschuldet als ihr absolutes Verschweigen in kubanischen Tageszeitungen. Handelt es sich im ersten Fall um eine fast logische Reaktion innerhalb des damaligen ontologischen Rahmens, der eine eigenständige Revolution der Sklaven für europäische Vorstellungen undenkbar machte und somit den Weg für die weitere Rezeption wies, so war im letzten Fall die konkrete Angst der Sklavenhalter ausschlaggebend, denn diese fürchteten, ihre Sklaven könnten mit revolutionärem Gedankengut „infiziert“ werden.
Zusammenfassung der Kapitel
1 EINLEITUNG: Einführung in die Thematik der Haitianischen Revolution als historisch unterbelichtetes, aber radikales Ereignis der Moderne und Erläuterung des Forschungsinteresses am historiographischen Rezeptionswandel.
2 DIE REVOLUTION, IHRE FOLGEN UND DAS SCHWEIGEN DER MODERNE: Historischer Abriss der Ereignisse in Saint-Domingue, der Sklavenrevolution und ihrer globalen Auswirkungen sowie der anschließenden Verdrängung des Themas aus dem historischen Gedächtnis.
3 DIE REZEPTION VOR DEM POSTCOLONIAL TURN: Untersuchung, wie die Revolution zeitgenössisch und im 20. Jahrhundert durch eurozentrische Sichtweisen und archivarische Machtmechanismen entweder ignoriert oder negativ verzerrt wurde.
4 DIE REZEPTION NACH DEM POSTCOLONIAL TURN: Analyse des Einflusses postkolonialer Theoriebildung auf die wissenschaftliche Wahrnehmung und Aufarbeitung der Haitianischen Revolution in der jüngeren Forschung.
5 SCHLUSSBETRACHTUNG: Zusammenfassendes Fazit über den langsamen, aber stetigen Wandel in der Geschichtsschreibung, der zunehmend dazu führt, Haiti als integralen Bestandteil der Moderne zu begreifen.
6 RESUMEN: Zusammenfassung der vorliegenden Arbeit in spanischer Sprache.
Schlüsselwörter
Haitianische Revolution, Saint-Domingue, Postcolonial Turn, Historiographie, Sklaverei, Toussaint Louverture, Eurozentrismus, Moderne, Sklavenaufstand, Karibik, Kolonialismus, Rezeptionswandel, Michel-Rolph Trouillot, Identität, Wissen und Macht.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser wissenschaftlichen Arbeit grundlegend?
Die Arbeit untersucht den Wandel in der historiographischen Darstellung der Haitianischen Revolution – von ihrer weitgehenden Ausklammerung aus dem kanonischen Wissen bis hin zu ihrer zunehmenden wissenschaftlichen Anerkennung durch den Einfluss postkolonialer Studien.
Welche zentralen Themenfelder werden bearbeitet?
Im Zentrum stehen die Sklavenrevolution in Saint-Domingue, die Geschichte der westlichen Geschichtsschreibung, der Eurozentrismus in Lexika und Überblicksdarstellungen sowie der Einfluss des postcolonial turn auf die Kulturwissenschaften.
Was ist das primäre Ziel der Untersuchung?
Das Ziel ist es, aufzuzeigen, wie und warum die Haitianische Revolution über lange Zeit aus dem kulturellen Gedächtnis der westlichen Welt verdrängt wurde und inwieweit neuere wissenschaftliche Ansätze dieses Schweigen aufbrechen.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Die Autorin führt eine vergleichende Analyse von deutsch-, französisch- und englischsprachigen Lexika und Standardwerken der Geschichtsschreibung durch, um vor und nach dem postcolonial turn publizierte Einträge gegenüberzustellen.
Was wird im Hauptteil der Arbeit behandelt?
Der Hauptteil gliedert sich in eine historische Einbettung der Ereignisse, eine kritische Bestandsaufnahme der Rezeption vor der postkolonialen Wende sowie eine Analyse der veränderten Wahrnehmung nach dem Einzug dieser Theorieansätze in die Geschichtswissenschaft.
Welche Begriffe charakterisieren die Arbeit am stärksten?
Die Arbeit lässt sich durch Schlüsselbegriffe wie Sklavenrevolution, Historiographie, Postcolonial Turn, Eurozentrismus und die kritische Auseinandersetzung mit der westlichen Moderne beschreiben.
Warum war die Haitianische Revolution laut Trouillot lange Zeit „undenkbar“?
Das Ereignis widersprach dem damaligen eurozentrischen Selbstverständnis, das Sklaven jegliche eigenständige politische Handlungsmacht absprach, weshalb die Revolution in den dominierenden narrativen Strukturen der Moderne keinen Platz finden konnte.
Welche Rolle spielt das Taubira-Delannon-Gesetz in der Argumentation?
Es dient als Beispiel für eine späte offizielle Reflexion Frankreichs über die Sklaverei und verdeutlicht die Diskrepanz zwischen politischer Aufarbeitung und der naiven Annahme, Historiker hätten das Thema lediglich aus Scham ignoriert.
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- Nadja Schuppenhauer (Author), 2008, Die veränderte Rezeption der Haitianischen Revolution im Zuge des postcolonial turn, Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/136087