Interessengruppen in Deutschland und den USA: Wohlfahrtseffekte und Möglichkeiten für ihre Verbesserung


Diplomarbeit, 2009
57 Seiten, Note: 2,0

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Theorien und Mechanismen der Interessengruppen in Demokratien
2.1 Rent seeking
2.2 Vorgehensweisen bei der Durchsetzung von Interessen
2.2.1 Stimmentausch
2.2.2 Selektive Informationsabgabe
2.2.3 Partielle Unsichtbarkeit
2.2.4 Vorschicken schwacher Mitglieder
2.3 Ökonomische Theorie der Interessengruppen nach Mancur Lloyd Olson
2.3.1 Darstellung der Denkweise von Mancur Lloyd Olson
2.3.2 Wohlfahrtseffekte im Denken Olsons
2.3.3 Kritische Würdigung
2.4 Garry S. Becker
2.4.1 Darstellung von Beckers Gedanken
2.4.2 Die Rolle der Wohlfahrtseffekte bei Becker
2.4.3 Kritische Würdigung
2.5 Abschließende vergleichende Diskussion der Theorien von Mancur Lloyd Olson und Gary S. Becker

3. Erläuterung der ausgewählten Determinanten des kollektiven Handelns in den USA und Deutschland
3.1 Deutschland
3.1.1 Demokratieverständnis
3.1.2 Wahlsystem
3.1.3 Medienumfeld
3.2 USA
3.2.1 Demokratieverständnis
3.2.2 Wahlsystem
3.2.3 Medienumfeld
3.3 Vergleich zwischen den betrachteten Systemen

4. Mögliche Reformmaßnahmen zur Wohlfahrtsmaximierung in Demokratien am Beispiel der Bundesrepublik Deutschland und den USA
4.1 In Deutschland
4.1.1 Vorschläge zur Reform der politischen Abläufe und Strukturen zur gesamtgesellschaftlichen Wohlfahrtsmaximierung in Deutschland
4.1.2 Reformen zur Wohlfahrtsmaximierung durch Aufklärung und Bildung
4.1.3 Reformvorschläge für den Medienbereich
4.2 In den USA
4.2.1 Vorschläge zur Reform der politischen Abläufe und Strukturen zur gesamtgesellschaftlichen Wohlfahrtsmaximierung in den USA
4.2.2 Reformen im Bereich der Bildung
4.2.3 Reformen im Bereich der Medien

5. Schlussbetrachtung

6. Literaturverzeichnis

1. Einleitung

Zu Beginn des Bestehens der Bundesrepublik Deutschland ist es das Be-streben der politischen Akteure, und insbesondere der Volksparteien, au-tonom von dem Einfluss von Interessengruppen zu agieren. So findet man beispielsweise in den Düsseldorfer Leitsätzen der CDU aus dem Jahr 1949 die Formulierung: „Ordnung wird geschaffen durch Freiheit und Bindung, die in der ‚sozialen Marktwirtschaft’ durch echten Leistungswettbewerb und unabhängige Monopolkontrolle zum Ausdruck kommen.“ (Düsseldorfer Leitsätze der CDU aus dem Jahr 1949). Bei den Sozialdemokraten heißt es in ihrem Godesberger Programm aus dem Jahr 1959: „Staat und Gesell-schaft dürfen nicht zur Beute mächtiger Interessengruppen werden.“ (Das Godesberger Programm der Sozialdemokraten aus dem Jahr 1959)

Ungeachtet dieser guten Absichten spricht Michael von Prollius rückbli-ckend über die letzten fünfzig Jahre der Bundesrepublik Deutschland von einer „korporatistischen Wende“ (von Prollius 2005: 103-110).

In der Wissenschaft kritisierte Walter Eucken bereits 1932 in seinem Auf-satz „Staatliche Strukturwandlungen und die Krisis des Kapitalismus’“ das Eingreifen des Staates aufgrund von Partikularinteressen: „Intervention wird nicht bloß verlangt, um die Position einer Gruppe auf den kapitalis-tischen Märkten zu verbessern, sie findet ihre radikalen Anhänger vor allem in den Gegnern der kapitalistischen Wirtschaftsordnung überhaupt.“ (Eucken 1932: 306)

Zudem kann das Denken in Interessengruppen zu einer sachlichen und zeitlichen Kurzsichtigkeit führen, die Wilhelm Röpke in seinem Buch „Maß und Mitte“ als „Deformation Professionell“ (Röpke 1950: 159) bezeichnet.

Doch stellen Interessengruppen auch eine notwendige Gegenmacht zum staatlichen Handeln dar, die durch institutionelle, durch den Staat selbst gesetzte Rahmenbedingungen in ihrer Handlungsfreiheit eingeschränkt sind (vgl. Becker 1989: 7).

Vor diesem Hintergrund soll es Gegenstand dieser Arbeit sein, die Aus-wirkungen des Handelns von Interessengruppen in Demokratien zu ana-lysieren, um Reformvorschläge daraus abzuleiten. Dieses geschieht in ei-ner vergleichenden Analyse zwischen der Bundesrepublik Deutschland und den USA, also Demokratien, deren Rahmenbedingungen für das Auftreten und Handeln von Interessengruppen möglicherweise Unterschiede aufwei-sen und andere Strategien und Reformen erfordern. Es sei jedoch darauf hingewiesen, dass im Rahmen dieser Arbeit nur punktuelle Aspekte der Determinanten diskutiert werden können.

Eine vergleichende Untersuchung der Möglichkeiten und Probleme des Einflusses von Interessengruppen kann auf diesem Wege Anhaltspunkte für Wohlfahrt steigernde Reformmaßnahmen in den einzelnen Ländern lie-fern, da, wie wir gesehen haben und noch sehen werden, das Agieren von Lobbies[1] sowohl positive als auch negative Auswirkungen auf die gesamt-gesellschaftliche Wohlfahrt hervorruft.

Bevor die Untersuchung jedoch beginnen kann, müssen noch zwei Defi-nitionen vorgenommen werden, die eine tiefer gehende Analyse ermögli-chen.

Definition 1: Unter Interessengruppen sollen im Folgenden „Zusammen-schlüsse von Individuen“ verstanden werden. Zu diesen Zusammenschlüs-sen gehören etwa private Vereine, deren Mitglieder einen gemeinsamen Zweck verfolgen (vgl. Erlei/Leschke/Sauerland 2007: 349).

Diese Gruppen sind bestrebt ein Kollektivgut (Definition 2) zur Verfügung zu stellen, also ein Gut, das, sobald es von einem Gruppenmitglied be-schafft wurde, den anderen nicht mehr vorenthalten werden kann (vgl. Olson 2004: 13).

In einem ersten Schritt sollen einige Mechanismen der Interessengrup-pen zur Durchsetzung ihrer Absichten in allgemeiner Form dargestellt wer-den. Anschließend werden zwei prominente ökonomische Theorien der In-teressengruppen einander gegenübergestellt und kritisch diskutiert. Aus diesen Erörterungen soll deutlich werden, welche positiven und negativen Wohlfahrtseffekte das Handeln von Lobbies konkret hervorrufen kann. Un-ter Wohlfahrtseffekten soll in diesem Zusammenhang „das Wechseln zu einer Situation“, verstanden werden, „die gesamtgesellschaftlich positiver bewertet wird als der Status quo“ (Jarre 2005: 345).

Darauf folgend werden zur Entwicklung von Reformmaßnahmen in den zu betrachtenden Ländern die Rahmenbedingungen, denen sich die Inte-ressengruppen in Deutschland und den USA gegenübersehen, skizziert und die Möglichkeiten der Interessensdurchsetzung analysiert. Diese Er-örterungen werden soweit wie möglich durch Beispiele aus diesen Ländern unterstützt und auf die im vorangegangenen Abschnitt untersuchten Hand-lungsweisen bezogen. Ein Kritikpunkt an einem solchen Vorgehen darf jedoch nicht unerwähnt bleiben. Da Deutschland und die USA sich nicht nur hinsichtlich ihrer hier zu untersuchenden Rahmenbedingungen unter-scheiden mögen, sondern auch u. a. in Bezug auf ihre geografische Lage und die Bevölkerungsstruktur, resultieren hieraus möglicherweise ganz unterschiedliche Interessen, die es mit einer anderen Intensität zu verfol-gen gilt (vgl. Olson 1982: 75 f.) Auf diese Unterschiede wird an gegebener Stelle, falls es die Beispiele erfordern, hingewiesen.

2. Theorien und Mechanismen der Interessengruppen in Demokratien

In diesem Abschnitt sollen einige allgemeine Mechanismen zur Durchset-zung von Interessen dargestellt und in ihren Auswirkungen diskutiert wer-den. Zudem werden zwei prominente ökonomische Theorien der Interes-sengruppen (nach Olson und Becker) erörtert und kritisch gegeneinander abgewogen. Dieser Abschnitt soll die Basis für die weitere Untersuchung der Realisierungschancen und mögliche Reformmaßnahmen in den hier betrachteten Volkswirtschaften liefern. Es sei hier noch einmal darauf hin-gewiesen, dass sich diese Betrachtungen auf das Wirken von Interessen-gruppen in Demokratien beziehen. Daher geht es bei den folgenden Hand-lungsweisen häufig um die Beeinflussung der Bevölkerungsmehrheit, die gleichzeitig die Wählerschaft bei Parlaments- oder Präsidentschaftswahlen darstellt (vgl. Jarre 2005: „Interessengruppen in der Demokratie – Wohl-fahrtseffekte und mögliche Reformmaßnahmen“) So besteht eine gegen-seitige Abhängigkeit zwischen Interessengruppen, die die Wählerschaft darstellen oder diese zu ihren Gunsten beeinflussen können, und der Politik, die zur Beschaffung der Kollektivgüter von Interessengruppen bei-tragen kann (vgl. beispielsweise Schrag 2007: 281). Das Vorhandensein demokratischer Strukturen macht zudem Das Timing von bestimmten Maß-nahmen je nach Wahltermin zu einem wichtigen Aspekt. So könnten Regie-rungsparteien kurz vor einer Wahl eher bestrebt sein, bestimmten Lobbies Zugeständnisse zu machen (vgl. Deininger 1974: 238-261). Auf diesen As-pekt kann aus Platzgründen jedoch nur am Rande eingegangen werden.

2.1 Rent seeking

Als das übergeordnete Verhalten zur Interessensdurchsetzung wird hier das Rent seeking zur Erläuterung der folgenden Überlegungen vorange-stellt (vgl. Tullock 1967: 228-232). Unter Rent seeking wird der Umstand verstanden, dass Interessengruppen oder mächtige Einzelpersonen knap-pe Ressourcen einsetzen, um Druck auf den politischen Sektor auszuüben und diesen zu seinen eigenen Gunsten zu beeinflussen (vgl. Jarrre 2005: 345).

Das Rent seeking führt volkswirtschaftlich zu einer Ressourcenverschwen-dung, da Energien produktiven Zwecken nicht mehr zur Verfügung stehen, sondern lediglich für Rent-Seeking-Zwecke verwendet werden. Zudem er-folgt durch das Rent Seeking eine Verzerrung von Anreizen, da zur Finan-zierung der Staatsausgaben Steuern erhöht werden oder nicht mehr pro-duktive Wirtschaftszweige durch Subventionen am Leben gehalten werden wie beispielsweise die Bergbau-Industrie in Deutschland über viele Jahre. Hieraus können in einigen schweren Fällen Strukturinflexibilitäten und Un-reformierbarkeiten von Gesellschaften resultieren (vgl. beispielsweise Dax-hammer 1995: 77).

Olson spricht in diesem Zusammenhang von einer „Unregierbarkeit“ (Ol-son 1982: 9) von Ländern, in denen Interessengruppen einen zu großen Einfluss ausüben. So kann die Angst der Politik vor der Abstrafung durch den Wähler bei Wahlen zu einer Unterlassung objektiv notwendiger Re-formmaßnahmen führen. Ein aktuelles Beispiel sind Rentenreformen bei einer wachsenden Gruppe von alten Menschen, die bei Wahlen zuneh-mend an Gewicht gewinnt. Dieses würde dann eine Erhöhung der nega-tiven Wohlfahrtseffekte bedeuten.

Die genauen Kosten für Rent Seeking sind jedoch schwer quantifizierbar. Wesentlicher Grund hierfür ist, dass kein Konsens darüber erzielt werden kann, wie Rent-Seeking-Prozesse modelliert werden sollten. Die Schätzun-gen belaufen sich für die USA auf einen Betrag, der bis zu 56 % des BIP ausmacht. Hier werden jedoch auch Ausgaben für Versicherungen, Polizei und Militär einbezogen. Für Deutschland gibt es bisher keine belastbaren empirischen Analysen (vgl. Tollison 2001: 470; Tollison 1997: 513; Tollison 2000: 8 f.).

Zu den positiven Wohlfahrtseffekten von Rent Seeking zählen die Infor-mationsbeschaffung von Interessensverbänden. Würde der Staat vollkom-men ohne Rücksicht auf die Informationsarbeit durch Verbände Gesetze erlassen und Reformen beschließen, bestünde die Gefahr einer Wissens-anmaßung und zunehmenden Zentralisierung des staatlichen Handelns (vgl. von Hayek 1976: 102 f.). Allerdings betätigen sich diese Gruppen auch häufig als Informationsselektierer, so dass den politischen Akteuren nur ein Ausschnitt der Wirklichkeit erkennbar wird, der den jeweiligen Grup-pen am meisten nutzt (s. 2.2.2; vgl. Becker 1996b: 189).

Darüber hinaus kann man den Interessengruppen eine Entlastung der politischen Legitimationskosten zugestehen, da sie durch ihre Positionie-rung im politischen System zur Stärkung desselben beitragen, so lange sie sich innerhalb der vorgegebenen Normen bewegen. Die Verbände erhalten durch diese Eingliederung auch eine Rückkopplung durch die Politik und akzeptieren das System ihrerseits (vgl. von Hayek 2003: 449 f.). Diese wechselseitige Abhängigkeit kann also zu einer Systemstabilisierung beitragen.

Die Punkte 2.2.1 bis 2.2.4 können als Mechanismen der Anwendung von Rent Seeking verstanden werden.

2.2 Vorgehensweisen bei der Durchsetzung von Interessen

2.2.1 Stimmentausch

Eine Möglichkeit der Interessensdurchsetzung besteht im so genannten Stimmentausch. Grundlage hierfür ist die gegenseitige Zusage der Unter-stützung des maßgeblichen Projekts der jeweils anderen Gruppe. Eine Gruppe, die allein nicht die mehrheitliche Unterstützung für ihr Projekt si-chern kann, verzichtet hierbei auf ein für sie nachrangiges Gut und handelt sich hierdurch die Unterstützung einer oder mehrerer anderer Gruppen für ein wichtigeres Projekt ein. So erhält diese Gruppe für ihr wichtigeres Pro-jekt eine Mehrheit, ebenso wie die andere für ihres. Natürlich dürfen die Gruppen das maßgebliche Projekt der anderen nicht fundamental kritisch beurteilen. Ein Stimmentausch kann durch die Zusicherung des Stimmver-haltens einer oder mehrerer anderer Gruppen erfolgen. In der Realität liegt häufig bereits eine Abstimmungsvorlage vor, in der jede Gruppe die für sie wichtigen Projekte berücksichtigt sieht. Auf diese Weise können die wichti-gen Projekte der jeweiligen Gruppen verwirklicht werden. Dadurch, dass auf diese Weise der Selektionsmechanismus für bestimmte Projekte außer Kraft gesetzt wird, werden mehr Projekte verwirklicht, was die Staatsaus-gaben steigen lässt. Die an dem Stimmentausch und den verhandelten Projekten nicht beteiligten Wählergruppen werden - so Frey/Kirchgässner 2002 - „ausgebeutet“ (Frey/Kirchgässner: 199). Sie leiden möglicherweise unter den politischen Externalitäten.

Zudem kann das so genannte Stimmentausch-Paradox eintreten. Hier stünden dann beide Gruppen nach erfolgreicher Realisierung der jeweili-gen Projekte schlechter da. Zwar haben beide Gruppen einen Vorteil vom Stimmentausch erhalten, können aber darunter leiden, wenn andere Grup-pen ebenfalls ihre Stimmen untereinander getauscht haben. Ein Markt des Stimmentausches führt unter bestimmten Bedingungen somit zu keinem pareto-optimalen Ergebnis (vgl. Frey/Kirchgässner 2002: 198f.).

2.2.2 Selektive Informationsabgabe

Interessengruppen können sich auch Vorteile verschaffen, indem sie ledig-lich, je nach Intention, auf die positiven oder negativen Auswirkungen staat-lichen Handelns für sie und ihre Mitglieder hinweisen. So werden Interes-sensverbände im Umweltsektor die Dramatik der globalen ökologischen Entwicklung betonen, sobald der Staat beispielsweise die Subventionen für erneuerbare Energien kürzt. Interessenverbände der Atomenergie würden hingegen anders argumentieren. Nebenwirkungen für andere Bevölke-rungsgruppen werden hierbei jedoch nicht erwähnt (vgl. Frey/Kirchgässner 2002: 199).[2]

2.2.3 Partielle Unsichtbarkeit

Für Interessengruppen ist es häufig vorteilhaft, ihre Handlungen in der Öf-fentlichkeit unbemerkt zu lassen. Somit vermeiden sie die Opposition ande-rer Interessengruppen oder breiter Wählerschichten (vgl. Frey/Kirchgäss-ner 2002: 199). Wenn Wähler merken würden, welche Intentionen manche Interessengruppen tatsächlich verfolgen, würden sie an der Wahlurne si-cherlich anders reagieren. Spezielle Fälle hierfür werden noch im Kapitel 4.2 vorgestellt. So können Interessengruppen beispielsweise den Umwelt-schutz fördern, weil ihnen dieses Thema am Herzen liegt oder um Image-pflege zu betreiben.

2.2.4 Vorschicken schwacher Mitglieder

Die Dramatik der Forderungen von Interessengruppen lässt sich trefflich am Beispiel von besonders schwachen bzw. bedürftigen Mitgliedern einer Gruppe demonstrieren. So wird beispielsweise Ein Bauernverband nie-mals erfolgreiche und zufriedene Mitglieder nach außen zeigen. Allgemein widersetzen sich Interessengruppen aus diesem Grund einer Differenzie-rung nach Einkommen oder Status. Die erfolgreichen Mitglieder einer Inte-ressengruppe können auf diesem Wege von einem erlangten Kollektivgut wie beispielsweise Preiserhöhungen profitieren, obwohl sie gar nicht zu den schwächsten Mitgliedern zählen (vgl. Frey/Kirchgässner 2002: 199).

Die Überversorgung nicht Not leidender Mitglieder benachteiligt somit an-dere Gruppen, wie beispielsweise Konsumenten, die unter einer Preiserhö-hung zu leiden hätten.

2.3 Ökonomische Theorie der Interessengruppen nach Mancur Lloyd Olson

Bei der Darstellung der einzelnen Theorien der Interessengruppen wird auf folgende Aspekte abgestellt. Zunächst erfolgt eine generelle Erläuterung des Denkens von Olson bzw. Becker. Im Anschluss daran wird die Rolle der Wohlfahrtseffekte, die durch Interessengruppen hervorgerufen werden im Denken der jeweiligen Autoren thematisiert, bevor eine abschließende Diskussion und Bewertung der jeweiligen Ideen erfolgt.

2.3.1 Darstellung der Denkweise von Mancur Lloyd Olson

Um Aufschluss über das Gedankengebäude Olsons zu erhalten, bietet es sich an, im Folgenden die Ausführungen darzustellen, die er in seinen Hauptwerken „Die Logik des kollektiven Handelns“ und „Aufstieg und Nie-dergang von Nationen“ geäußert hat.

Im Mittelpunkt seines 1965 in erster Auflage erschienenen Buches „Die Logik des kollektiven Handelns“ steht die Frage mit welchen Mechanismen man Gruppen welcher Größe mit entsprechender Interessenstruktur am besten organisieren kann (vgl. Kirsch 2004: 173). Um Olsons Gedanken nachzuvollziehen, ist es notwendig, sich noch einmal die Nicht-Exkludier-barkeit von Gruppenmitgliedern nach Beschaffung eines Kollektivgutes durch eines oder einige der Gruppenmitglieder vor Augen zu führen. Die passiven Mitglieder profitieren von dem Kollektivgut, auch wenn sie keinen Beitrag zur Beschaffung geleistet haben. Hieraus entsteht nach Olson die Gefahr des Effizienz senkenden Trittbrettfahrertums oder der „Free-Rider-Mentalität“ (vgl. Olson 2004: 21; Kirsch 2004: 175; ähnlich Jarre 2005: 349). In einer Situation, in der jedes Gruppenmitglied versucht, ein Tritt-brettfahrer zu sein, besteht die Gefahr, dass das Kollektivgut überhaupt nicht beschafft wird (vgl. Kirsch 2004: 173 f.). Aus der Erläuterung dieses Verhaltens wird schon deutlich, dass Olson ein rational die individuellen Kosten und Nutzen abwägendes Individuum unterstellt (vgl. Olson 2004: 29). Wenn ein Individuum von einem Gut profitieren kann, ohne selbst Kosten in unterschiedlichster Form aufwenden zu müssen, ist es indivi-duell-rational, von den Anstrengungen anderer zu profitieren. Das Span-nungsverhältnis zwischen individueller und kollektiver Rationalität tritt auch zu Tage, wenn ein Wirtschaftszweig eine Produktionssenkung vornehmen möchte, um den Preis der Erzeugnisse auf dem Markt zu stabilisieren. Da die Grenzkosten eines jeden Produzenten jedoch unterschiedlich sind, ist nicht für jedes Mitglied individuell-rational, seine Produktion zu drosseln, auch wenn es der kollektiven Rationalität entspräche (vgl. Olson 2004: 8).

Olson unterscheidet hinsichtlich der Größe der Gruppen große (latente), mittlere und kleine Gruppen. In diesem Kontext traut er kleinen Gruppen am ehesten zu ein Kollektivgut zu beschaffen (vgl. beispielsweise Olson 2004: 19).

Dieses führt er auf die Möglichkeit des Verhandelns in kleinen Gruppen zurück und auf die gegenseitige soziale Kontrolle, die in einem kleinen Ver-bund eher gegeben ist als in einem großen (vgl. Olson 2004: 52).

Um kollektives Handeln in den unterschiedlich großen Gruppen zu initiie-ren, stehen Olson der Zwang, selektive Anreize sowie das freiwillige Han-deln als Mechanismen zur Verfügung. Die von Olson ins Feld geführten selektiven Anreize zur Organisation von Gruppen können sowohl positiver als auch negativer Natur sein. So kann man beispielsweise Mitgliedsbeiträ-ge erheben, physische Gewalt anwenden oder aber Leistungen exklusiv nur für Gruppenmitglieder anbieten( vgl. Olson 2004: 50). Der Mechanis-mus des Zwangs versetzt ein Gruppenmitglied auf eine niedrigere Ebene der Indifferenzkurve als in dem Fall, wenn es seinen Beitrag zur Erlangung des Kollektivgutes geleistet hätte (vgl. Olson 2004: 50). Der Zwang ist nach Olson insbesondere in großen Gruppen angebracht, um die Mitglieder zu einem kollektiven Handeln zu bewegen. Als Beispiel nennt er hier den Staat, der sich des Zwangs bemächtigen muss, um beispielsweise Steuer-gelder von seinen Bürgern zu erhalten (vgl. Olson 2004: 12).

Große Gruppen sind zudem dadurch benachteiligt, dass das Handeln ei-nes einzelnen Mitglieds oft überhaupt nicht bemerkt wird und somit auch keine Motivation für den Einzelnen zum Handeln vorliegt (vgl. Kirsch 2004: 174). Ein Beispiel hierfür könnte eine demokratische Parlamentswahl dar-stellen, in der die Stimme eines Einzelnen kaum zur Geltung kommt. Hie-raus resultiert dann in vielen Fällen eine niedrige Wahlbeteiligung. In klei-nen Gruppen kommt dem Individuum hingegen eine weitaus größere Macht zu (vgl. Kirsch 2004: 175).

Olson betrachtet zudem auch die Situation eines unterschiedlich großen Interesses der einzelnen Gruppenmitglieder an einem Kollektivgut. Ist das Interesse eines Gruppenmitglieds besonders stark ausgeprägt, so werden die anderen Gruppenmitglieder individuell-rational darauf setzen, dass die-ses Gruppenmitglied das Kollektivgut beschafft und die übrigen Mitglieder als Trittbrettfahrer davon profitieren können. Olson nennt diese Situation „die Ausbeutung der Großen durch die Kleinen“ (Olson 2004: 46). Gruppen mit einer solch heterogenen Interessenstruktur nennt Olson „priviligierte Gruppen“ (Olson 2004: 48).

Bei der Betrachtung der Gruppengrößen fehlt noch die mittelgroße Grup-pe. Hier ist es nicht sicher, ob ein Kollektivgut bereitgestellt wird. Kirsch vergleicht diese Situation in Anlehnung an Axelrod mit einem Gefangenen-dilemma. Der Einzelne ist bereit zu kooperieren, solange er sich sicher sein kann, dass er von den anderen Gruppenmitgliedern nicht ausgenutzt wird (vgl. Axelrod 1984 zitiert nach Kirsch 2004: 177). Als adäquates Vorgehen beim Bereitstellen eines Kollektivgutes in mittelgroßen Gruppen schlägt Axelrod das so genannte tit for tat vor. Olson hingegen setzt darauf, dass innerhalb dieser Gruppe ein Mitglied das Gut beschafft, bevor die Gefahr besteht, dass es überhaupt nicht bereitgestellt wird (vgl. Axelrod 1984 zi-tiert nach Kirsch 2004: 180).

Entgegen der vorhin gemachten Aussagen gibt Olson durch die Unter-scheidung in inklusive und exklusive Gruppen - in einigen Fällen auch gro-ßen Gruppen - eine Existenzberechtigung. Während exklusive Gruppen eher klein sein sollten, um das Kollektivgut, wie beispielsweise eine Pro-duktionssenkung zur Preisstabilisierung, zu erreichen, sollten inklusive Gruppen hierfür eher eine hohe Mitgliederzahl aufweisen. Zu einem Kollek-tivgut, das eher durch inklusive Gruppen beschafft werden könnte, gehören beispielsweise Steuersenkungen oder Zollerrichtungen. Hier geht es letzt-lich darum, Druck auf die Politik auszuüben (vgl. Olson 2004: 37).

2.3.2 Wohlfahrtseffekte im Denken Olsons

In seinem Werk „Aufstieg und Niedergang von Nationen“ aus dem Jahr 1982 zeichnet Olson ein kritisches Bild hinsichtlich einer zu starken Inan-spruchnahme des Staates durch Interessengruppen. Er entwickelt aufbau-end auf seinen Überlegungen zum kollektiven Handeln neun Folgerungen, die im Folgenden wiedergegeben werden sollen:

1. Es wird keine Länder geben, die eine symmetrische Organisation aller Gruppen mit einem gemeinsamen Interesse erlangen und die dabei durch umfassende Verhandlungen optimale Ergebnisse erzielen.
2. Stabile Gesellschaften mit unveränderten Grenzen neigen dazu, im Laufe der Zeit mehr Zusammenschlüsse und Organisationen für kollektives Handeln zu akkumulieren.
3. Mitglieder von „kleinen“ Gruppen haben vergleichsweise große Organisationsmacht für kollektives Handeln; dieses Missverhältnis verringert sich mit der Zeit in stabilen Gesellschaften, aber es verschwindet nicht.
4. Im Ergebnis vermindern Sonderinteressengruppen und Kollusionen die Effizienz und das Gesamteinkommen der Gesellschaften, in denen sie wirken, und sie machen das politische Leben zwieträchtiger.
5. Umfassende Organisationen haben einen Anreiz, die Gesellschaft, in der sie wirken, aufblühen zu lassen, und einen Anreiz, Einkommen an ihre Mitglieder mit möglichst geringen sozialen Kosten umzuverteilen und damit aufzuhören, wenn der umverteilte Betrag im Verhältnis zu den sozialen Kosten der Umverteilung nicht erheblich ist.
6. Verteilungskoalitionen treffen Entscheidungen langsamer als Individuen und Unternehmen, die sie umfassen, sie neigen dazu, überfüllte Tagesordnungen und Verhandlungstische zu haben und setzen häufiger Preise als Mengen fest.
7. Verteilungskoalitionen verringern die Fähigkeit einer Gesellschaft, neue Technologien anzunehmen und eine Reallokation von Ressourcen als Antwort auf sich verändernde Bedingungen vorzunehmen und damit verringern sie die Rate des ökonomischen Wachstums.
8. Verteilungskoalitionen sind exklusiv, sobald sie groß genug sind, um erfolgreich zu sein, und sie versuchen, die Unterschiedlichkeit der Einkommen und Werte ihrer Mitgliedschaft zu begrenzen.
9. Die Zunahme von Verteilungskoalitionen erhöht die Komplexität der Regulierung, die Bedeutung des Staates und die Komplexität von Übereinkommen, und sie ändern die Richtung der sozialen Evolution. (Olson 1982: 98)

Zusammenfassend lässt sich demnach sagen, dass Olson einer durch In-teressengruppen stark determinierten Gesellschaft ein geringeres ökonomi-sches Wachstum und eine geringere Wohlfahrt (letztlich sogar den Nieder-gang) vorhersagt (s. insbesondere Folgerungen 4., 6. und 7.). Er macht dieses am Vergleich zwischen den Verlierern des Zweiten Weltkriegs Deutschland und Japan mit Großbritannien deutlich. Während sich in Deutschland nach dem Zweiten Weltkrieg die meisten Verbände erst neu konstituieren mussten, leidet das Großbritannien der vor Thatcher-Ära an einer „institutionellen Sklerose“ (Olson 1982: 103; zum Entstehen der Ver-bände in Deutschland nach dem 2. Weltkrieg vgl. Wehler 2008: 7-10). Zu-dem bleibt Olson hier der Vorliebe für kleine Gruppen treu und zieht einen föderalen Staatsaufbau vor (vgl. Olson 1982: 28).

2.3.3 Kritische Würdigung

In diesem Abschnitt sollen die Überlegungen Olsons, später Beckers, auf ihre logische Folgerichtigkeit und ihre Aktualität überprüft werden.

Die Überlegungen Olsons zum kollektiven Handeln gehen, wie gezeigt, auf ein rational nach ökonomischen Gesichtspunkten handelndes Individu-um zurück. Dieses Individuum agiert autonom. Es werden die Reaktionen von Gruppen auf das Handeln anderer Zusammenschlüsse jedoch weitge-hend ausgeblendet, was eine realistische Situationseinschätzung verzerren dürfte (vgl. Kirsch 2004: 174).

Darüber hinaus stellt sich die Frage, ob Olsons Rationalitätsbegriff als re-alitätsnah anzusehen ist. Im neueren ökonomischen Denken spielen Dinge, wie Altruismus und gegenseitige Hilfsbereitschaft durchaus eine Rolle (vgl. Frey/Kirchgässner 2002: 33). Diese Dinge berücksichtigt Olson in überwie-gendem Maße nicht.

James Q. Wilson merkt zudem an, dass Olsons Theorie nur beschränkt anwendbar sei, da er bei den unterschiedlichen Anreizsystemen in den ein-zelnen Gruppen die letzten Konsequenzen außer Acht lässt (vgl. Wilson 1995 zitiert nach Lehner 1981: 78). Dieses bestätigt Hirschman. Er fragt auch nach den Reaktionen der Gruppenmitglieder bei unbefriedigender Zielerreichung. Während Olson sich damit beschäftigt, die Gruppenmitglie-der zu motivieren, fragt Hirschman nach den Möglichkeiten der Mitglieder, die Führung einer Gruppe zu einem optimalen Verhalten zu bewegen (vgl. Hirschman 2004 zitiert nach Lehner 1981: 78).

Bei der Beurteilung der unterschiedlichen Gruppengrößen und deren Fä-higkeit, ein Kollektivgut zu beschaffen, vernachlässigt Olson die Möglich-keiten der modernen Informations- und Kommunikationstechnologie. Diese könnte die Anonymität in großen Gruppen aufheben und auch eine dezen-trale, soziale Kontrolle ermöglichen. Dieses gilt insbesondere dann, wenn wichtige Projekte auch in virtuellen Gruppen geplant werden (vgl. hierzu beispielsweise Kollock 1999: 234 f.). Nicht vernachlässigt werden darf in diesem Zusammenhang, dass Interessengruppen durch das Internet die Möglichkeit erhalten, Ihre Anliegen permanent und für nahezu jedermann zugänglich darzustellen (vgl. als Beispiel http://www.aarp.org).

Durch die Multiplikationswirkung der Medien ist die Gruppengröße häufig zudem nicht mehr so entscheidend, wie Olson es in seinen Gedanken noch annimmt.

Darüber hinaus vernachlässigt Olson die Frage, ob es sich bei dem „Gro-ßen“, der in einer priviligierten Gruppe durch die Kleinen ausgebeutet wer-den kann, auch gleichzeitig um ein reiches Mitglied handelt. So könnten reiche Mitglieder bestimmte Güter, wie beispielsweise saubere Luft durch private Investitionen erlangen, indem man sich eine Filteranlage kauft. Ob es sich bei einem Gut also notwendigerweise um ein Kollektivgut handeln muss, ist auch eine Frage des Geldes und der politischen Rahmenbedin-gungen. Sobald ein Gut kein Kollektivgut mehr ist, werden die anderen Gruppenmitglieder exkludiert.

Es kommt also nicht nur auf das Interesse des einzelnen Mitglieds an, sondern auch auf dessen Möglichkeiten (vgl. Kirsch 2004: 174). Überträgt man diesen Gedanken auf eine Gesellschaft, so könnten reiche Individuen der „institutionellen Sklerose“ entgehen. Aktuelle Beispiele sind u. a. Privat-schulen, auf die Kinder gegen Entrichtung von Entgelten geschickt werden können. So kann sich eine bestimmte Schicht der Gesellschaft den Interes-senskonflikten bei der Beschaffung des Kollektivgutes der Bildungsinfra-struktur entziehen, allerdings auch gleichzeitig nicht mehr als Trittbrettfah-rer fungieren.

Bei der gesellschaftlichen Bedeutung von Interessengruppen vernachläs-sigt Olson den Aspekt der Machtverteilung. Zwar kann durch das Zusam-mentreffen divergierender organisierter Interessen eine gegenseitige Blo-ckade entstehen, jedoch erfolgt hier keine Machtkonzentration in der Hand einer Gruppe.

[...]


[1] Die Bezeichnung Lobby und Interessengruppe werden in dieser Arbeit synonym verwandt.

[2] Auf die Rolle der Medien hierbei wird weiter unten noch eingegangen.

Ende der Leseprobe aus 57 Seiten

Details

Titel
Interessengruppen in Deutschland und den USA: Wohlfahrtseffekte und Möglichkeiten für ihre Verbesserung
Hochschule
FernUniversität Hagen
Note
2,0
Autor
Jahr
2009
Seiten
57
Katalognummer
V136092
ISBN (eBook)
9783640435401
ISBN (Buch)
9783640435098
Dateigröße
813 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Interessengruppen, Deutschland, Wohlfahrtseffekte, Möglichkeiten, Verbesserung
Arbeit zitieren
Carsten Dethlefs (Autor), 2009, Interessengruppen in Deutschland und den USA: Wohlfahrtseffekte und Möglichkeiten für ihre Verbesserung, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/136092

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