Verfolgt man neuere Untersuchungsergebnisse über die Lese- und Schreibfähigkeit von Schülern und jungen Erwachsenen in unseren Medien, klagen entsprechende Stellen (weiterführende Schulen, Arbeitgeber, Universitäten u.a.) immer wieder über auffallend große Defizite in diesen genannten Bereichen.
Das Lesen- und Schreibenkönnen entwickelt sich jedoch nicht von selbst beim Menschen. Es muß vielmehr in einem längeren Prozeß unter ganz bestimmten Bedingungen erworben und auch gepflegt werden. Gerade weil die Fähigkeit des Lesens und Schreibens für viele Menschen bereits eine Schlüsselfunktion zu persönlicher und beruflicher Weiterentwicklung innerhalb der Gesellschaft darstellt, beschäftigen sich u.a. Schriftspracherwerbsforscher mit der Beschreibung jener Bedingungen, die dem Erwerb von Lesen und Schreiben zugrunde liegen. In einem ersten Schritt wird versucht, dem kindlichen Entwicklungsstand vor dem Lesen- und Schreibenlernen Rechnung zu tragen, auf Probleme und Schwierigkeiten im Schriftspracherwerb aufmerksam zu machen und über die Bedingungen und Voraussetzungen zu informieren, die für einen erfolgreichen Schriftspracherwerb nötig oder förderlich sind. Danach soll ein kleiner Einblick in theoretische Modellvorstellungen über den Umgang des Kindes mit Schriftsprache vermittelt werden, um dann schließlich mögliche pädagogische Konsequenzen zu diskutieren.
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Inhaltsverzeichnis
1. Einleitung
2. Begriffsklärungen
2.1 ,,Lesen" als Teil des Schriftspracherwerbs
2.2 ,,Schreiben" als Teil des Schriftspracherwerbs
2.3 Zusammenhang von Schrift und Sprache
3. Die Situation des Kindes vor dem Schriftspracherwerb
3.1 Gegebenheiten des Kindes
3.1.1 Pädagogische Konsequenzen
3.2 Geistige Voraussetzungen für den Schriftspracherwerb
3.3 Die Bedeutung der Beziehung zwischen Bedürfnis, Motivation, Emotion und Tätigkeit für den Schriftspracherwerb
3.3.1 Pädagogische Konsequenzen
4. Modelle des Schriftspracherwerbs
4.1 Klaus B. Günther: Ein Stufenmodell der Entwicklung kindlicher Lese- und Schreibstrategie
4.1.1 Grundannahmen des Modells
4.1.2 Der Aufbau des Modells
4.1.3 Pädagogisch - didaktische Konsequenzen
4.2 Hartmut Günther: Phonographisches Lesen als Kernproblem der Dyslexie
4.2.1 Begriffsklärungen
4.2.1.1 Phonographisches Lesen
4.2.1.2 Dyslexie
4.2.1.3 Terminologie in der Strategiebezeichnung
4.2.2 Grundüberlegungen
4.2.3 Das Modell
4.2.3.1 Pädagogisch - didaktische Konsequenzen
5. Hans Brügelmann: Methoden des Schriftspracherwerbs
5.1 Ganzheitliche (analytische) oder einzelheitliche ( synthetische) Methode? - Ein Vergleich
5.1.1 Grundlagen der ganzheitlichen (analytischen) Methode
5.1.1.1 Methodische Schwächen
5.1.2 Grundlagen der einzelheitlichen (synthetischen) Methode
5.1.2.1 Methodische Schwächen
5.1.3 Zusammenfassende Beurteilung
5.1.4 Der Spracherfahrungsansatz - eine Alternative?
6. Schlußbetrachtungen
Zielsetzung & Themen
Die vorliegende Arbeit zielt darauf ab, die komplexen Bedingungen und Voraussetzungen eines erfolgreichen Schriftspracherwerbs bei Kindern zu untersuchen. Dabei werden die Rolle der kindlichen Entwicklung, die Bedeutung der emotionalen Verfassung sowie theoretische Modellvorstellungen und methodische Ansätze kritisch reflektiert, um daraus pädagogische Konsequenzen für die Förderung von Lese- und Schreibkompetenzen abzuleiten.
- Entwicklungsstand des Kindes vor Beginn des Schriftspracherwerbs
- Psychologische und emotionale Aspekte beim Lernen
- Analyse und Vergleich etablierter Erwerbsmodelle (Klaus B. Günther, Hartmut Günther)
- Vergleichende Betrachtung didaktischer Methoden (ganzheitlich vs. einzelheitlich)
- Pädagogische Empfehlungen für den Unterricht und die Förderung
Auszug aus dem Buch
4.1.2 Der Aufbau des Modells
Phase 0 als präliteral - symbolische Phase beinhaltet den Entwicklungsstand des Kindes, der es ihm erlaubt zu abstrahieren und dreidimensionale Bilder aus der Realität auf der zweidimensionalen Fläche eines Stück Papiers wiederzuerkennen. Diese rezeptiven Erfahrungen wirken anregend auf die Produktionstätigkeit des Kindes, die sich z.B. als mimische Gesten, Spielsymbolik oder grafisches Gestalten äußert, wobei insbesondere letzteres auf das spätere Schreiben vorbereitet22.
Der Übergang von Phase 0 zu Phase 1 erfolgt in einem qualitativen Sprung und in beiden Modalitäten gleichzeitig. Alle späteren Phasenwechsel werden unter der Führung einer der beiden Modalitäten eingeleitet23.
Die Aneignung der eigentlichen Schriftsprache in Phase 1 beginnt mit dem Lesen. Leseanfänger schließen von auffälligen Wortmerkmalen auf das ganze Wort und orientieren sich dabei z.B. an auffälligen Buchstaben, an Buchstabenpositionen oder an Wortlängen. So entstehen Fehlerquellen, die z.B. einzelne, auffällige Buchstaben zum Anlaß nehmen, auf ein falsches, weil bekanntes, Wort zu schließen. Wenn Kinder beginnen, Schrift selbst zu produzieren, fallen ihnen die Unzulänglichkeiten der logographemischen Strategie auf und die Entwicklung einer neuen Vorgehensweise wird notwendig24.
Zusammenfassung der Kapitel
1. Einleitung: Die Einleitung beleuchtet die aktuelle Problematik mangelnder Lese- und Schreibkompetenzen und skizziert den Aufbau der Untersuchung zur Erfassung der Bedingungen des Schriftspracherwerbs.
2. Begriffsklärungen: Dieses Kapitel definiert Lesen und Schreiben als komplexe Tätigkeiten und erörtert den grundlegenden Zusammenhang zwischen Schrift und Sprache.
3. Die Situation des Kindes vor dem Schriftspracherwerb: Hier werden die Voraussetzungen des Kindes, inklusive geistiger Fähigkeiten und emotionaler Aspekte, sowie deren pädagogische Relevanz analysiert.
4. Modelle des Schriftspracherwerbs: Das Kapitel stellt die entwicklungspsychologischen Modelle von Klaus B. Günther und Hartmut Günther gegenüber und diskutiert deren didaktische Implikationen.
5. Hans Brügelmann: Methoden des Schriftspracherwerbs: Es folgt ein Vergleich zwischen ganzheitlichen und einzelheitlichen Ansätzen sowie eine Vorstellung des Spracherfahrungsansatzes.
6. Schlußbetrachtungen: Das Fazit fasst die theoretischen Erkenntnisse zusammen und betont die Notwendigkeit individueller Lernwege und einer genauen Beobachtung der Kinder im Unterricht.
Schlüsselwörter
Schriftspracherwerb, Leseentwicklung, Schreibstrategie, Pädagogische Konsequenzen, Ganzheitsmethode, Einzelheitliche Methode, Phonographisches Lesen, Dyslexie, Spracherfahrungsansatz, Kognitionsentwicklung, Lernvoraussetzungen, Schriftsprache, Alphabetisierung
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in der Arbeit grundlegend?
Die Arbeit untersucht die theoretischen Grundlagen und Bedingungen, unter denen Kinder Schriftsprache erwerben, sowie die Herausforderungen, die dieser Prozess mit sich bringt.
Was sind die zentralen Themenfelder?
Die Themenfelder umfassen die kindlichen Voraussetzungen, psychologische Faktoren wie Motivation und Emotion sowie verschiedene theoretische Modelle und Lehrmethoden der Schriftspracherwerbsforschung.
Was ist das primäre Ziel der Arbeit?
Das Ziel ist es, ein Verständnis für die komplexen Prozesse beim Lesen- und Schreibenlernen zu schaffen, um daraus fundierte Ansätze für pädagogische Fördermaßnahmen abzuleiten.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Die Autorin nutzt eine Literaturanalyse, um die Ansätze verschiedener Forscher wie Klaus B. Günther, Hartmut Günther und Hans Brügelmann zu sichten und miteinander zu vergleichen.
Was wird im Hauptteil behandelt?
Der Hauptteil gliedert sich in eine Analyse der kindlichen Ausgangssituation, die Vorstellung bedeutender Erwerbsmodelle sowie eine kritische Bewertung der verschiedenen didaktischen Lehrmethoden.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Wichtige Begriffe sind unter anderem Schriftspracherwerb, Leseentwicklung, Schreibstrategien, Dyslexie sowie die verschiedenen didaktischen Konzepte wie der Spracherfahrungsansatz.
Welche Rolle spielt die emotionale Lage beim Erlernen der Schriftsprache?
Emotionen haben laut der Arbeit eine Schlüsselfunktion; positive Emotionen und Motivation sind entscheidend für eine stabile Lernentwicklung, während negative Emotionen die Auseinandersetzung mit Lernanforderungen hemmen.
Warum übt Hartmut Günther Kritik an der Verwendung von Pseudowörtern bei Untersuchungen?
Er argumentiert, dass die Fähigkeit, Pseudowörter zu lesen, nicht zwingend den phonographischen Prozess widerspiegelt, sondern stark davon abhängt, wie viele "Nachbarn" (ähnlich klingende Wörter) ein Pseudowort in der Sprache hat.
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- Andrea Hoesch (Author), 1999, Grundlagen des Schriftspracherwerbs, Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/1360