Als im Mai 1949, vier Jahre nach dem Ende des Zweiten Weltkrieges, aus den drei westlichen Besatzungszonen die Bundesrepublik Deutschland entstand, waren die Bedingungen für die Außenpolitik dieses Staates sehr schwierig und der Handlungsspielraum äußerst begrenzt. Doch auch unter den erschwerten Umständen der ersten Jahre mussten natürlich in der Bundesrepublik außenpolitische Ziele gesetzt sowie Strategien zu ihrer Verwirklichung entwickelt und umgesetzt werden. Bei diesen Aufgaben spielte Konrad Adenauer, erster Bundeskanzler und seit 1951 in einer Doppelfunktion auch erster Außenminister der BRD, eine zentrale Rolle.
Im Rahmen dieser Arbeit wird anhand verschiedener Ereignisse und Entwicklungen in den Jahren 1949 bis 1955 den Fragen nachgegangen, welche zentralen Ziele die bundesrepublikanische Außenpolitik in diesem Zeitraum bestimmten und auf welchem Wege sie erreicht werden konnten.
Es werden zunächst vor dem Hintergrund der Ausgangslage im Jahr 1949 die sich daraus entwickelnden außenpolitischen Zielsetzungen erläutert. Es folgt ein kurzer Überblick über wichtige 'Meilensteine' der Erweiterung bundesdeutscher Souveränität und damit auch des Handlungsspielraums der Außenpolitik, bevor auf den Weg, wie bestimmte Ziele erreicht wurden, näher eingegangen wird. Hierzu soll zum einen das Verhältnis zu Frankreich und seine besondere Bedeutung beleuchtet werden. Zum anderen werden die Entwicklungen um die Frage einer Einbindung der Bundesrepublik in ein westliches Verteidigungsbündnis skizziert, die über Verhandlungen zu einer Europäischen Verteidigungsgemeinschaft letztlich zur Aufnahme in die NATO im Rahmen der Pariser Verträge führten – ein Vertragswerk, das als Abschluss einer ersten Phase bundesdeutscher Außenpolitik angesehen werden kann, da hierdurch zentrale Ziele erreicht bzw. Entwicklungen abgeschlossen wurden und die BRD ein „festes Fundament erlangt [hatte], von dem aus sie ihre weitere Außen- und Sicherheitspolitik gestalten konnte“ . Abschließend soll eine Bewertung des Erfolges der Außenpolitik 1949-1955 vorgenommen werden.
Inhaltsverzeichnis
1 Einleitung
2 Die Ausgangssituation
3 Stationen auf dem Weg zur Souveränität
4 Das Verhältnis zu Frankreich und die EGKS
5 Die Frage nach einem deutschen Wehrbeitrag: EVG oder NATO?
5.1 Die Positionen der Alliierten
5.2 Innenpolitischer Widerstand
5.3 Verhandlungen zum EVG-Vertrag
5.4 Die Pariser Verträge
6 Schlussbetrachtung
Zielsetzung & Themen
Die vorliegende Arbeit untersucht die außenpolitischen Ziele und Strategien der jungen Bundesrepublik Deutschland im Zeitraum von 1949 bis 1955. Dabei wird insbesondere analysiert, wie unter schwierigen Rahmenbedingungen, wie dem Besatzungsstatut und dem aufkommenden Ost-West-Konflikt, Schritte zur Wiedererlangung der staatlichen Souveränität eingeleitet und durch die konsequente Westbindung erfolgreich umgesetzt wurden.
- Die Etablierung außenpolitischer Handlungsfähigkeit nach der Staatsgründung 1949.
- Die Bedeutung der deutsch-französischen Aussöhnung im Rahmen der EGKS.
- Die kontroversen Debatten um die Wiederbewaffnung und die EVG-Verhandlungen.
- Die schrittweise Revision des Besatzungsstatuts bis zum Abschluss der Pariser Verträge.
- Die Auswirkungen der Westintegration auf die deutsche Teilungsfrage.
Auszug aus dem Buch
Die Ausgangssituation
Am 23. Mai 1949 wurde durch die Verabschiedung des Grundgesetzes die Bundesrepublik Deutschland gegründet. Wenngleich im Artikel 146 festgelegt war, dass es sich hierbei lediglich um eine politische Ordnung für die Übergangszeit bis zur Wiedervereinigung handeln sollte, so war doch de facto ein neuer deutscher Staat geschaffen worden. Am 15. September desselben Jahres wurde Konrad Adenauer zum ersten Bundeskanzler der jungen Republik gewählt, 5 Tage später wurde er zusammen mit seinem Kabinett vereidigt.
Doch wie sah der außenpolitische Handlungsspielraum dieser ersten deutschen Bundesregierung aus? Am 21. September, nur einen Tag nach ihrer Bildung, trat das Besatzungsstatut der drei Westmächte in Kraft. Es war bereits im Mai beschlossen worden und bedeutete eine weitgehende Souveränitätsbeschränkung. Eine eigenständige deutsche Außenpolitik gab es zunächst nicht, die BRD hatte weder einen Außenminister noch ein Auswärtiges Amt. Die Beziehungen zu anderen Staaten unterlagen in wesentlichem Maße der alliierten Kontrolle und wichtige außenpolitische Entscheidungen bedurften der Zustimmung der Alliierten Hohen Kommission. Ein wesentliches Ziel der Bundesregierung war daher in den folgenden Jahren die Ausweitung des eigenen Handlungsspielraums und damit eine schrittweise Wiedererlangung der Souveränität.
Zusammenfassung der Kapitel
1 Einleitung: Diese Einleitung skizziert den schwierigen Rahmen der frühen bundesdeutschen Außenpolitik und definiert die zentrale Forschungsfrage nach den Zielen und Wegen zur Souveränität zwischen 1949 und 1955.
2 Die Ausgangssituation: Das Kapitel beschreibt den Kontext der Staatsgründung unter dem Besatzungsstatut und den Wunsch Adenauers, durch schrittweise Erweiterung der Befugnisse den Handlungsspielraum der jungen Republik zu vergrößern.
3 Stationen auf dem Weg zur Souveränität: Hier werden die wichtigsten Etappen der Souveränitätsgewinnung aufgezeigt, beginnend mit dem Petersberger Abkommen bis hin zur Ratifizierung des Deutschlandvertrags.
4 Das Verhältnis zu Frankreich und die EGKS: Das Kapitel analysiert die strategische Bedeutung der Aussöhnung mit Frankreich und die Rolle der Montanunion bei der Integration Deutschlands in den Westen.
5 Die Frage nach einem deutschen Wehrbeitrag: EVG oder NATO?: Es wird der komplexe Prozess der Wiederbewaffnungsdebatte und die damit verknüpfte Suche nach einer Einbindung der BRD in Verteidigungsstrukturen beleuchtet.
6 Schlussbetrachtung: Das Fazit bewertet Adenauers Strategie der konsequenten Westbindung als erfolgreich für die Erlangung der Souveränität, stellt jedoch gleichzeitig die damit verbundene Vertiefung der deutschen Teilung fest.
Schlüsselwörter
Außenpolitik, Bundesrepublik Deutschland, Konrad Adenauer, Souveränität, Westbindung, Besatzungsstatut, EGKS, Wiederbewaffnung, EVG, Pariser Verträge, NATO, Deutschlandvertrag, Frankreich, Kalter Krieg, deutsche Teilung.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit behandelt die Entwicklung der bundesdeutschen Außenpolitik in den Jahren 1949 bis 1955 und untersucht, wie der junge Staat unter alliierten Beschränkungen seinen Handlungsspielraum erweiterte.
Was sind die zentralen Themenfelder?
Zu den zentralen Feldern gehören die Souveränitätsbeschränkungen, die Beziehungen zu Frankreich, der Aufbau einer Verteidigungsfähigkeit und die strategische Integration in das westliche Bündnissystem.
Was ist das primäre Ziel der Untersuchung?
Das Ziel ist es, die zentralen außenpolitischen Ziele Adenauers zu identifizieren und die Wege aufzuzeigen, durch die die Bundesrepublik ihre Souveränität und Sicherheit erlangen konnte.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Die Arbeit basiert auf einer ereignisgeschichtlichen und entwicklungsgeschichtlichen Analyse, gestützt auf fachspezifische Literatur und primäre Regierungsdokumente der Zeit.
Was wird im Hauptteil behandelt?
Der Hauptteil analysiert die Ausgangslage, die Stationen zur Souveränität, die Bedeutung der EGKS sowie den komplexen Weg von der EVG bis zum NATO-Beitritt.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Begriffe wie Westbindung, Souveränität, Besatzungsstatut, Adenauer-Ära und deutsche Teilung stehen im Zentrum der Arbeit.
Wie reagierte die SPD auf Adenauers Politik?
Die SPD war in der Frage der Remilitarisierung und Westbindung in Opposition, da sie pazifistische Überzeugungen vertrat und eine mögliche Ratifizierung aus Sorge um die Wiedervereinigung zu verhindern suchte.
Warum war das Scheitern der EVG 1954 ein bedeutender Moment?
Das Scheitern führte zwar zu einer kurzfristigen politisch-rechtlichen Unsicherheit, zwang jedoch dazu, die Einbindung Deutschlands neu zu bewerten, was schließlich den Weg zur NATO ebnete.
Welche Rolle spielte die Stalin-Note für Adenauers Strategie?
Adenauer stufte die Stalin-Note als ein nicht ernst gemeintes Störmanöver ein, um die in Planung befindliche Westintegration der Bundesrepublik zu hintertreiben, und lehnte das Angebot strikt ab.
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- Ulrike Busch (Author), 2007, Ziele und Wege bundesdeutscher Außenpolitik 1949-1955, Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/136133