Derrida oder Dekonstruktion & Terror


Magisterarbeit, 2009
89 Seiten, Note: 2,3

Leseprobe

1 Inhaltsverzeichnis

2 Stygischer Schleier

3 Jacques Derridas' Meta-Biografie, nur einmal verwenden und ausstreichen
3.1 Aller Anfang ist schwer – Jugendjahre
3.1.1 Sephardim
3.1.2 „Gast des Islam“ | islamische Gäste
3.1.3 Ein gelber Stern mit der Aufschrift „juif“
3.2 universitas
3.2.1 Transatlantische Hassliebeleien
3.2.1.1 Vive la France!
3.2.1.2 Derrida goes surfin' USA [how to become a superhero]
3.2.2 Humanitas
3.2.2.1 Attika, der Nabel der Welt und ganz Gallien. Ganz Gallien???
3.2.2.2 Der Nazarener
3.2.3 Unkollegiale kollegiale Rezeption
3.3 „ethical turn“
3.3.1 Ton der Grammatologie, Grammaton
3.3.2 Nach der „Wende“: Schriften ab den Neunzigern
3.3.3 Wird J. D. politischer mit zunehmenden Ph. D.s?
3.4 post mortem – Nachrufe

4 Dekonstruktion Dekonstruktivisten Dekonstruktionismus
4.1 Der tropische Raum
4.1.1 Die „différance“, die Spur & das Supplement
4.1.2 Kon-text-ualität, Polyvalenzen
4.1.3 Iteration, das „wieder“ und das „immer schon“
4.2 Kritik der Metaphysik
4.2.1 Non-Methodizität wird Antiepisteme
4.2.2 Abwesendsein: Dekonstruktion als Rest der „Schulen“
4.2.3 Universalpragmatismus vs. Singularität
4.3 Passagen
4.3.1 „Summa Theologiae“ – ursprünglich nichtursprüngliches Ursprungsdenken
4.3.2 Dekonstruktion macht dann doch Schule: CLS

5 Angewandtes Beispiel n+1: Textaufgabe Terror/ismus
5.1 Inventur der Aservaten, Bestandsaufnahme der Personalien
5.2 Die „Terror“, der Terror & der Terrorist
5.2.1 Terror an und für sich
5.2.2 „le terreur“, der Staat greift durch
5.2.2.1 Dantons Tod
5.2.2.2 Wir laden zur chymischen Hochzeit von „Peoplesmurder & Socialism“
5.2.2.3 Bananen, Republikaner & “Dole“-Kartons
5.2.3 Märtyrer, Mörder, Helden oder Freiheitskämpfer?
5.2.3.1 Erzdämon „Behemoth“
5.2.3.2 Freischärler und andere Partisanen
5.2.3.3 Guerilla & „urban guerilleroz“
5.3 Chronos revisited: revised edition, unreleased & revamped
5.3.1 In Illo Tempore...
5.3.2 Kochkurs für Anarchismus, „handle ingridients with care!“
5.3.3 Rote Armee fraktioniert und suppenfertig eingetütet
5.3.4 ein Jahr zu spät und doch besser nie: WTC ist Y2K
5.4 „Spielarten“ (wir meinen: ernstzunehmende Abarten)
5.4.1 fasces * „ein, zwei, viele Rutenbündel mit Beil“ Σ Totalitarismus
5.4.2 „Unidad Popular“
5.4.3 fundametal-religiös und fanatisch vigilant
5.4.4 Stamm, Nation, „cybertribalism“
5.4.5 LK Alchemie II: cilil 'ii! هJ! 'ii (Lā ilāha illā 'llāh(u))
5.5 Wo brennt es nicht?

6 Räuber & Gendarm – eine Über→Ich←Es-Koalition

7 Bibliographie

Stygischer Schleier

Ein Stück wird aufgeführt. Ein äußerst tragisches. Wir vergewissern uns nochmal, schauen genauer hin. Handelt es sich überhaupt um eine Theaterdarstellung? Leider nicht. Es zeitigt bisweilen alle Anzeichen davon, vor allem in den Momenten seiner übertriebenen Grausamkeit, der Farce und Burleske in der sich viele, wenn nicht alle der einschlägigen Protagonisten gebärden, doch dann wieder in der entfremdeten Nüchternheit mit der Schadenssummen, Opferzahlen und „geopolitische Implikationen“, Konsequenzen vorgetragen werden, wie man sie sonst nur von einem Intermezzo Brecht'scher Manier kommentiert haben will. Aber es wurde ja eben schon konstatiert, wir betrachten gar keine Bühne (höchstens vielleicht insofern Antonio uns allen unsere Rolle zuweist), was wir da sehen ist die blanke Schneide der Realität, „nackte“ Tatsachen, wie uns der Jargon weismachen will. Doch diese „Ereignisse“ (derer manche gar keine sind, andere permanente und darum wenig ereignishaft, oder um so mehr) sind nie so ungeschminkt und freilich ist das Problem offensichtlich weniger der Akt der Perzeption, gemeinhin des Sehens (doch auch Heideggers' Ohr könnte noch einen Part übernehmen), sondern vielmehr die Tat/en als ihr Bericht, denn eines ist immer schon mehr als eins, n+1, aber auch das wird sich noch als bestenfalls fragwürdig herausstellen. Schon hat uns die Verschiebung erfasst. Der Rest drängt dazu, hier noch das anzuwesen, dort noch zu fügen. Verfügen also, darüber, welche Bahn sich die Spur diesmal bricht. Wie? So wie man denkt, nach-denkt oder ganz anders ? Am besten womöglich in alle Richtungen ein wenig, zunächst das Garn dort aufnehmend, nicht das des Seemanns, dessen wir uns gerade auch erwehren wollen (aber geht das letztlich, sind wir nicht alle schon zu sehr verwickelt, umgarnt, verheddert, um nicht zu sagen: becirct? Ist der subjektive Ereignishorizont nicht je zu klein um Gewissheit zu erlangen?), hoffend, dass die Indizien sich fügen: Unfug? Vielleicht (ein vielsagendes vielleicht[1]), mitnichten, paradox, aporetisch, doch auch nicht mehr als die Grundlage, die chora, die Wüste in der Wüste, auf der zu erklimmen der Bau sich schicklich anhebt. Schicksal Babels, Elfenbeinturm oder „La Tour Eiffel“, letzterer bezeichnenderweise ein Rundfunksender, womit wir dem Thema (hyperbelartig? Asymptotisch? Dilettantischer, ja verzweifelter Versuch der „radikalen“, rhizomatischen Sprengung des Linearen, im Gerüst schon vielleicht ? Vielleicht.) erneut uns annähern. Fürchten müsste man sich eigentlich inzwischen von der Plattform zu winken. Oder doch nicht? Doch zunächst, senden nicht in Wahrheit (ein gefährlicher Begriff, voller Sprengkraft) alle drei der genannten Arten von himmel|s|türmenden (auch: ikonoklastischen) Meisterleistungen menschlicher Architektur, und zwar – Wahrheit? Sprachen, Wissen, Audiovisualität. Brisante Wörter, komplexe Verknüpfungen, Verwirrung, Daten über Datenströme. Wer kennt sich noch aus?

Die Medien? Vermutlich, oder besser vermeintlich, manche bezweifeln es. Doch warum sie zum Sündenbock machen? Wen dann? Etwa die Terroristen? Doch wer sind die eigentlich, was ist ihr „Eigentum“ (so umstritten auch geistige Urheberrechte nach wie vor sind), woran erkennt man sie, wie kann man sie ins Visier der Rasterfahndung zerren? Moslems, oder schlimmer noch, ganze Moscheen? Der Banknachbar aus der Oberprima, weil er Ramadan erst nachts isst? Purer Terror und sehr verdächtig, für unser westliches, teilweise kontinentaleuropäisches Empfinden, für Frankreichs „haute cuisine“ allemal. Ja, um Nationalklischees scheint es auch zu gehen. Fragen über Fragen. Bevor noch mehr aufkommen, ziehen wir den Vorhang, warten wir ab, wen wir auf dem Parkett antreffen (oder ist es vielmehr ein Gerichtssaal, und wir werden eine Reihe von Personen vorladen, Sachverständige, Augenzeugen, Anklageführer, Nebenkläger, Opfer, Richter, eine Jury, die denkbar besten Anwälte, alles was dazugehört; ein theatralischer Prozess also, eine Verhandlung in einem Stück? Und das wo doch immer echtes, durchaus konkretes und doch flüchtiges, unfassbares, ja gespenstisches Leid auf dem Spiel steht? Vielleicht ist das das Problem, dass es allzu vielen nurmehr ein Spiel ist, zu hoch gepokert, um allzu fatale Einsätze. Ein-sätze, ja. Militärische, geschriebene, angeordnete, fiskalische, einleitende und doch schon so endgültige) und was man uns zu erzählen hat, vielleicht kann man uns weiterhelfen, vielleicht.

Jacques Derridas' Meta-Biographie, nur einmal verwenden und ausstreichen

Unversehens blicken wir auf Algier, genauer: auf El Biar. Dinge müssen immer irgendwo anheben. So gewagt dieser Übergang auf Anhieb erscheinen mag, er wird sich noch als zentraler erweisen, als augenfällig betrachtet ersichtlich. In der Tat ist Hannah Arendts' Wort der „Natalität“ dafür vorläufig (in gewisser Weise aber immer auch endgültig, schon wieder) gar kein schlechter Ausgangspunkt. Jacques Derrida erspäht also das Licht der Welt (bzw. deren Dunkel), plötzlich, immer schon, geronnene Zeit. Wie also anfangen, wo doch dieser selbst Bücher schreibt, die immer nur Einleitungen zu Büchern bleiben, Fragmente von Fragmenten, wenige neue Seiten im „Großen Buch“, oder gar nur die erschöpfend ausführliche Anmerkung zu anderen Büchern, deren stetes Verharren in ihrem provisorischen, skizzenhaften, immer nur anfänglich bleibenden Charakter wir soeben entlarvt haben. Doch gibt es das denn je, einen richtigen Beginn? Stattdessen eine Proto-logie vielleicht, Logik der Prototypen? Diese Frage soll uns erst später beschäftigen. Natürlich kann man zunächst invozieren, wie man es immer tut. Name, Geburtsort und Datum[2], alles hat seine formale Richtigkeit, archivier- und ad acta ablegbar, verwaltbar. Folgen wir diesem Aufruf also, wie es die Konvention verlangt.

Aller Anfang ist schwer - Jugendjahre

Geboren am 15. Juli 1930, als Teil einer Familie assimilierter sephardischer Juden, vereinigt der spätere Philosoph von Weltruhm früh schon zwei entscheidende Wesenszüge, die Kraft der Sozialisation niemals unterschätzend, vielmehr gleich zwei ganze Kulturräume auf sich, die sich auch in seiner Person reflektieren, wir werden es sehen, „das Volk Gottes“ im Exil, Diaspora, mehr oder minder angepasst, inmitten des Maghrebin.

Was schon wieder zwei neue Verweisungen, „Supplemente“ gleichsam, heranzieht, die ebenso aufgegriffen werden wollen. Zum einen, es klang bereits an, der „Status“ dieses Teils Nordafrikas als französische Kolonie, eine weitere, genuin andersartige und differente „Ordnungssphäre“ menschlichen Zusammenlebens, und, nicht zu vergessen, mit allen mittlerweile zur Genüge bekannten Problematiken eines hegemonialen Imperialismus behaftet, zum anderen und in gewisser Weise damit verwoben, die Attribuierung durch so manchen Kommentar als „ der Marane“, was mehr auf den dritten religiösen Aspekt dieser Spektralanalyse verweist, das Christentum als jüngste Ausprägung des Monotheismus. Doch damit einher gehen bereits eine ganze Reihe neuer, aber auch jahrhunderte-, wenn nicht bald jahrtausendealter Schwierigkeiten.

Am frappantesten; wie kann eine bereits ursprünglich (doch wie ursprünglich?) „zwangsorientalisierte“ Abstammungslinie Judäas, die quasi schon einen ersten vorprogrammierten, genetischen Konflikt in der Existenz- und Identitätsfindung von Derrida anzusiedeln scheint, dann auch gleichzeitig, oder auch nur subsequent, dasselbe Verhältnis gegenüber der Religion des „Nazareners“ behaupten? Ist das nicht etwas zuviel des Guten? Und viel schlimmer noch, um die Sache übermäßig zu verkomplizieren, kommt durch des Autors späteren Werdegang noch mindestens eine, wenn auch nicht so ausgeprägte Fraktur mehr und zwar innerhalb, hinzu, namentlich die divergierenden Bibelauslegungen und alles darauf Basierende zwischen dem Römisch-Katholischen (gegebenenfalls Orthodoxen, wir müssen diesen Punkt noch an gegebener Stelle vertiefen) und den „White Anglo-Saxon Protestants“.

Eines Tito würdig: Drei Religionen, drei Nationen, fünf kulturelle Einflüsse, deren letzter allerdings diese Inklusion beileibe nicht verdient. Denn auch eine bestimmte Unart „Heiden“ (ohne damit jenen „normalen Ungläubigen“ auf den Schlips treten zu wollen, die keinerlei mit derartigen bodenlosen Schandtaten in Verbindung zu bringen sind; die Zuweisung dieses Begriffes ist in etwa so klar und propagandistisch, wie die des „Terroristen“ selbst, „essentially contested concepts, wie man mit Gallie evtl. sagen könnte und was hoffentlich noch ein wenig deutlicher im weiteren Verlauf werden wird) reden noch ein Wörtchen mit. Und zwar jene, die im Stechschritt unterm pervertierten Fruchtbarkeitssymbol mordeten und man kann wohl von Glück sagen, dass Rommel an eben jener Lokalität der Sand ins Getriebe geriet, während seine Panzertruppen in der Wüste stecken blieben. Rollen wir die Stränge nach und nach auf, sprengen wir die Handlungsketten.

Sephardim

Möglicherweise nämlich prädestiniert bzw. qualifiziert Derrida diese Koinzidenz mehr als vergleichbare „scholars“, sich diesem heiklen, vorurteilsbeladenen und von vielen Seiten Hass entgegenschwappendem Themenkomplex „objektiver“ zu nähern als die „Konkurrenz“, was auch immer das wieder meinen mag, es gilt dies im folgenden zu überprüfen. Aber wenn man schon so ansetzt, festlegt und schon am Kategorien bilden ist, bereits im Begriff war die „richtige“ Schublade zu öffnen, nur um frustriert zu realisieren, dass keine sofort so ganz angemessen sein möchte, muss man dann nicht ein zweites Mal überlegen, akribischer nachforschen. Doch wo anfangen? Wir haben es ja bereits gehört, Sephardim, aha, das lässt sich nachprüfen, Juden also, mehr oder minder islamisiert (wie weit? Kann man das messen, empirisch gar? Geht es dabei um eine Geisteshaltung, Riten, Lebensumstände oder um was sonst?), von der iberischen Halbinsel „reemigriert“. Reemigriert. Ein sperriges Wort. Bedeutet das, dass es darauf ankommt und was eigentlich, von wo man aufbricht und wo man hinwill, oder vielmehr wo man zur Zeit ist (muss man es in eben jenem Augenblick nicht bereits wieder ausstreichen, weiterziehen?) und wie weit muss man zurückgehen, wo fängt man an? Ist es nicht außerdem schon zum Wesensbestandteil des Judentums geworden, nie da zu sein, wo man sein möchte? Generationen in der Wüste, immer auf der Suche nach dem „Gelobten Land“, pilgernd nach Zion, man wird es wohl wissen wenn man dort ist. Doch Moment, ein Anachronismus überholt uns, längst schon sind wenigstens die Falken dort angekommen. Aber welche Bewandtnis kann es damit haben, auf ein frühkoloniales Spanien zu verweisen, welches im übrigen auch sehr „italienisch“ gewesen sein muss? Man sieht schon, wir müssen noch etwas nachhaken. Denn andererseits war er dem NS-Regime bzw. den Vichy-Kollaborateuren „semitisch genug“, um Derrida im Alter von 11 Jahren an seinem ersten Tag auf der weiterführenden Schule aus dem Lycée Ben Aknoun zu entfernen.

Betrachten wir das zweitnaheliegendste, Algerien als Teil des Maghreb, wenn nicht gar als dessen Inbegriff, ohne freilich die „Flügelstaaten“ diskriminieren zu wollen. Laut seiner eigenen Aussage befand sich Derrida in gewisser Weise zwischen diesen beiden Welten, nämlich der jüdischen und der moslemischen, ohne zu einer von ihnen je einen richtigen Zugang zu finden, ihr gänzlich anzugehören, von den „Kolonialherren“ ganz zu Schweigen. Doch in der Tat könnten wir versuchen, ob es nicht doch Reste gibt, mit anderen Worten „Spuren“ sozusagen, die ihn Zeit seines Lebens begleiten, sich in den Ansichten offenbarend und folglich doch sicher auch im Denken nachweisbar. Deuten wir zwei dieser „traces“ an, um sie bei Gelegenheit weiter zu lesen, ihnen nachzuschleichen: zum einen die durchaus spürbare Zugehörigkeit, wo nicht Freundschaft zu namhaften „juifs“ wie Emmanuel Lévinas bei gleichzeitiger ständig erfolgter kritischer Auseinandersetzung mit Gedankengut, welches gemeinhin dem Nazitum sympathisierend zugeschlagen wird, also das eines Schmitt oder Heidegger, oder dem, was man als Vorläufer auffasst, also insbesondere Nietzsche, vielleicht sogar schon Hegel[3]. Auch die Tragödie um die langjährige Freundschaft mit Paul de Man gehört in dieses „Kräftefeld“ (ein kraftlose Kraft, deren Schwäche, man kann nur hoffen: immerdar eine mahnende Abschreckung ihrer Einmaligkeit bleiben wird) und zeitigte groteske Resultate. Das Thema Freundschaft wiederum liefert uns den Schlüssel zu einer ganzen Reihe familiärer Sinnräume, von der notorischen Gastfreundschaft des sogenannten Orients, über das Migrationsrecht bis hin zur oft beschworenen Brüderlichkeit, oder sollten wir nicht besser und vor allem politisch korrekter mittlerweile sagen: Geschwisterlichkeit? Es lassen sich hier durchaus Pfade herleiten, welche uns, so wir nicht aufpassen, mit Leichtigkeit zu weiteren Orten tragen werden, die aus den selben Quellen entspringen und auf ähnliche Bezüge dieser Topologie verweisen. Dennoch, eine schärfere Profilierung ist zunächst erforderlich, verweilen wir noch kurz beim Judentum.

Mit Derridas Ähnlichkeiten zu Lévinas Erkenntnissen wird ein traditionsreicher Diskurs herangezogen, der vom Obskuren, ein Vorwurf, den er sich des öfteren gefallen lassen musste, bis hin zum Apokryphen reicht. Seien es am einen Ende die böswilligen Gerüchte um Protokolle von Weisen, von jüdisch-kapitalistischer Weltverschwörung, in dem die rezenteren terroristischen Anschläge im Licht von „Geheimbundkriegen“ erscheinen (und nur weil wir sie heute Nachrichtendienste nennen, hindert uns das nicht daran, sie in diese Historie miteinzubetten), wo die Rede ist von „novus ordo seclorum“, seien es am jenseitigen der Kanon realer Heiliger Schriften, d. h. der Talmud. Welches Maß das Judentum als Ganzes nun genau in Derridas Denken anheischig macht, darüber ist eine explizite Exeges gar nicht zu leisten, vielmehr gilt es aber sich die Beschaffenheit des „semantischen Feldes“ darum insgesamt in Erinnerung zu rufen.

Wo von dem Sproß Jakobs[4], den Abkömmlingen Israels und Judäa die Rede ist, muss auch die Shoa ihre gebührende Beachtung finden und sei es nur um festzustellen, von welcherart Grauen einem die Worte fehlen müssen. Nichtsdestotrotz muss man es versuchen, denn das Andenken zu verwahren, die Toten im Geiste zu bewahren, das ist eines von Derridas Hauptanliegen und dürfte mit Sicherheit in diesem beispiel- und vergleichslosen Genozid eine starke Fundierung finden.

Doch die immer wieder angestrebte und unzulässige Komparativität darf nicht hinwegtäuschen über das Opfer all der anderen Namenlosen, darf uns nicht abhalten uns weiter zu bemühen, das gnadenlos malmende Rad der Geschichte aufzuhalten und auch derer zu gedenken. Liebeskind verbildlicht nicht zufällig den Holocaust in Form von „voids“, Leerstellen dessen, was gewesen hätte sein müssen. Jedoch es nutzt nicht das Geschehene in seiner Unausweichlichkeit in Frage zu stellen, wo doch das Sein diesem, nicht jenem Weg gefolgt ist. Wir werden später erneut auf die Brüche in der Fügung, auf das anwesend Zerstörte, auf das Unwiederbringliche eingehen. Die Dekonstruktion ist nichts anderes als die Karte dieser Annihilationen des durch den Menschen für dieses Sein verlustig Gegangenen[5]. Wir müssen die Trauer ihrer Arbeit überlassen, so man überhaupt davon sprechen darf, dass sie die Verkapselung des Verdrängten durchdringen konnte oder nur könne.

„Circumfessions“, eines der gegenwärtigsten Gemeinschaftsprojekte Derridas mit einem seiner „Schüler“ scheint abschließend in diesen Kontext initiiert werden zu müssen. Doch was will uns dieser Titel, dieses Kunstwort, dieser Neologismus mitteilen? Mehrdeutig wie gehabt assoziieren wir zunächst „confessions“ - Bekenntnisse, gar Beichten, jedenfalls Offenbarendes, Persönliches - und zwar gleich solche, in denen eine die andere zu umgreifen scheint. Doch dann steckt da evtl. auch das Hinterhältige, Listige mit drinnen, das „circumvent“. Oder meint es gar ein „circumscribe“, in dem ein Teil einen anderen umschreibt, oder in Reziprozität? Und dann noch, last not least, die Beschneidung. Wohnen wir einer Initiation bei? Doch wenn wir Derrida glauben schenken wollen (auch die Gabe, das Geben werden uns noch beschäftigen; ein Entäußern?), so ist es sein mutmaßlicher Adept, der besser über ihn, die Dekonstruktion und all das Bescheid weiß, denn er selbst, womit er sich laut ihm dazu genötigt sah, immer auszuweichen (das „circumvent“[6]!), der Verschiebung Vorschub zu leisten (und damit das Verschobene schon a priori zurechtzurücken?).

Wie dem auch sei, offensichtlich ist es Derrida inzwischen gelungen außer Reichweite zu fliehen, man möge dem Autor verzeihen den Tod ganz pietätlos mit Humor anzugehen. Denn auch dieser war ein unglaublich wichtiges Thema in seinem Denken, man müsse eben den Tod geben und nicht zuletzt im Judentum spielt der eine große Rolle. Das Netz der Terme scheint sich zu verdichten, wenn wir nun fixieren, das der Tod, die Freundschaft, der polemos als Streit und Kampf mit der Brüderlichkeit einhergehen, dies jedenfalls bislang zur Genüge taten. Wenn wir nun noch festhalten, das dabei das, was Freudianer als „Kastrationsangst“ bezeichnen würden, in signifikantem Zusammenhang zu dem steht, wovon Derrida in kritischen Tönen eines „androgallo-fraterno-Zentrismus“ spricht, ist diese Nomenklatur „komplett“, so wenig auch eine Behauptung der Abgeschlossenheit, wir hörten es bereits, je gerechtfertigt zu sein beanspruchen können dürfte; vergessen sollte man auch nicht den Logo- und für viele Interpreten dessen psychoanalytischen Widerpart, den Phallozentrismus.

„Gast des Islam“ | islamische Gäste

Zurück dorthin, wo sich Wüste und Meer treffen. Das Maghreb wird uns ein ganzes Bündel anderer Anhaltspunkte liefern, die uns den Zugang zu Derrida, seinem Denken und dem Phänomen des Terrorismus erleichtern werden. Könnte man nicht allein schon der „realen Topographie“, der Geographie etwas an Relevanz abgewinnen? Man könnte vielleicht so ansetzen: dort, wo sich Leben und Tod treffen. Tote Ideologien, tote Schriften, sterbende Religionen? Oder vielmehr dessen Kampf der Einflüsse untereinander, der das Meer erzeugt, das „mehr“ erzeugt? Bittere, salzige Tränen für die unzähligen Gefallenen in diesen Schlachten, man denke allein an die geschätzten Zehntausenden der inneralgerischen Verwerfungen und das noch in den Neunzigern, die eigenartigerweise an uns weitgehend vorbeizogen, ein erster Hinweis auf tendenziöse Informationsmittler, doch dazu später noch mehr. Auch sind es nicht nur die Juden, für die die Wüste ein zentrales Motiv bildet, in einer Ära, in der der Globus als Ganzes zunehmend „nomadisiert“[7]. Doch wofür steht dieser Part Nordafrikas noch, außer, dass er Geburtsstätte Derridas' und Grab zahlloser Menschen in einem der übelsten Konflikte jüngerer Vergangenheit für sich beanspruchen kann? Wir müssen weiter ausholen und tiefer graben um uns weiteren Wurzeln der hier zur Debatte stehenden Gewalt anzunähern. Gehen wir zunächst einen Schritt zurück zu und nach Frankreich, dann zwei, dann viele.

Die immer noch herrschenden Zustände vor Ort lassen sich in der Tat u. a. auf das typische postkoloniale Machtvakuum zurückführen, welches zudem gerade für viele Staaten Afrikas zu verbuchen ist. Doch dieses „horror vacui“ der „Zöglinge“ (die „Brüderlichkeit“ zwischen Horror und Terror muss uns auch noch interessieren; sie gleichen sich in vier von sechs Buchstaben, also 66%, quasi nur die „Vorsilbe“ weist in unterschiedliche Richtungen einer gerade noch hörbaren Differenz) ist längst schon im Land der selbsternannten „Zieheltern“ angekommen. Trotzdem Ghettobildung durch Migrantenpopulationen kein Novum ist, sollten wir keine falschen Illusionen gegenüber der besonderen Verfahrenheit, Explosivität und Dramatik der Situation in den „banlieus“ hegen, deren Betonblöcke an Haftanstalten erinnern (wahrscheinlich vielfach sogar schlechter umsorgt sind, wir verweisen auf den Film „L'haine“) und sowohl im krassen Kontrast zum sonst bisweilen überaesthetisierten Frankreich stehen, als auch de facto fast schon als exterritoriale Räume zu denken sind, die von der Staatlichkeit zumeist nur noch von höchgerüsteten, knüppelnden Hundertschaften in Momenten der „Eskalation“ (was auch immer das dort noch heißen mag) temporär vereinnahmt werden, und selbst dann auch nur unter Zuhilfenahme urbaner Artillerie, also Wasserwerfern oder Räumungsfahrzeugen, versteht sich. Da eine ausgedehnte Nachrichtensperre in Form einer generellen (und wenn nur freiwilligen Selbst-) Pressezensur allerdings permanent in Kraft ist, bleibt die moderne Welt allerdings immer noch desöfteren an der Grenze zur Fiktion und der Bevölkerung schleierhaft durch Antipoden aller Art. Wie auch immer, das suburbane, also subkulturelle Milieu Pariser Satellitenstädte würde sich wie viele andere Orte westlicher Metropolen hervorragend als Brutstätte dessen eignen, was wir zunächst noch unbesehen und lapidar als „terroristisch“ bezeichnen wollen, denn bekanntlich muss man so radikal sein wie seine Umwelt und extreme Umstände erfordern extreme Maßnahmen. Lassen wir das vorläufig so stehen und verlassen wir den „Bereich ohne außen“ hin zu dem Innen, welches noch im Populären als das Außenpolitische bezeichnet wird; auch haben wir das Rad der Zeit einen Schritt zurückgedreht.

Genauer gesagt geht es um eine Epoche die sozusagen diachron durch einen gewissen Geschichtsabschnitt schneidet und um die Erläuterung nicht unnötig zu verkomplizieren beschränkt ist auf die wahrhaft globale Ausprägung des Imperialismus, denn unterworfene Völker gab es zu allen Zeiten. Es ist quasi von einem Prozess die Rede, der zwar gelegentlich als abgeschlossen und überwunden ausgestrichen wird, in Wirklichkeit aber an diversen Stellen des Erdballs in durchaus unfertigen Stadien und Phasen verharrt, hingegen lediglich eine Ebenenverschiebung zum Ökonomischen durchgemacht hat. Eine Bandbreite tut sich hier auf in der „Algerien“ seit längerem als Synonym für eine bestimmte Form internationaler Solidarität benutzt wird, wenn sich diese Metapher auch etwas reduktionistisch in der mehr trotzkistischen Fortführung des Kampfes, einer dezidiert gewalttätig bleibenden Interpretation seiner marxistisch-leninistischen Vorväter also, zur Klassifikation eines weltumspannenden Phänomens Aufständischer, Guerilleros und bürgerkriegsähnlicher Zustände ausnimmt. Von einem weniger pazifistischen Blickwinkel aus betrachtet, ist die Auflehnung gegen „dependencia“ jedoch zweifellos legitim, wenn auch ein Vorgehen contra „machismo“ und Lethalpädogik, gegebenenfalls rassisch motivierter Herrengelüste, nicht unbedingt mit der Legalität der Mittel hausieren gehen sollte. Doch verquerer noch ist, das die aktuelle Lage in Derridas „Vaterland“ durch Fraktionen zerrissen ist, die wir gerne pauschal als „den Feind“ in einen Topf werfen. Doch man muss noch weiter zurück.

Ist es denn wahr, dass wir letztlich in der jüngeren Konzentration der Anschläge und Attentate um eine bestimmte (und eigentlich beinahe marginale) Spielart des fundamentalistisch-fanatischen Islam eine kontinuierliche Linie mit den Kreuzzügen zu erblicken haben, als neueste Manifestation eines uralten Streits? Wenigstens eine sehr demagogische politische Rhetorik wählt diesen Weg, welche nicht davor zurückschreckt religiöse Urängste zu instrumentalisieren und die Scheu vor dem Heiligen zu einem abscheulichen Gemetzel um Reliquien zu entstellen, die immer schon Macht versprachen, das WTC, das Pentagon, aber auch die Erdölfelder und die orientalischen Obstgärten, in denen der Eroberung der „grünen Zone“ Baghdads ein mindestens vergleichbarer, wenn nicht vernichtender Propagandasieg anhängt. Hat man dann nicht bei den „haschischim“ anzufangen, den „getreuen“ Assassinen (eine Qualität, die man keinem noch so loyalen Meuchelmörder ohne Vorbehalte zuschreiben darf) um Hassan i Sabbah[8], dem „Alten vom Berge“ und in Leuten wie Mohammed Atta und seinen Spießgesellen die Fortsetzung dieser altehrwürdigen, eher mehr als fragwürdig-verdammenswerten, Tradition zu erblicken? Aber worin erkennen wir dann die Templer wieder, die, so will es uns wenigstens der historische Roman weismachen, sich keineswegs zu Schade waren für die ein oder andere ad-hoc-Allianz mit den Derwischen, Sufis und ihren Anverwandten, in den intriganten Kabalen nicht nur um den Brennpunkt der Monotheismen, Jerusalem, die alte und neue Heilige Stadt. Und brennt nicht ein Teil Jeru-salems schon vom Namen her? So wie die Greuel der Kirche noch weit über Saladins Zeit hinausreichen, kann man den postmodern mordenden Auftragskillern, die ihre Dolche zeitgemäß gegen zivile Passagierflugzeuge eintauschten (Teppichmesser waren allen Anzeichen nach sogar noch, man verzeihe den Zynismus, um der sentimentalen Nostalgie willen vorhanden; die Idee ist an sich schon so lächerlich in der Ära der nuklearen Lichtblitze), vielleicht nur die Kidon-Todesschwadronen des Mossad entgegenhalten. Während dabei früher noch die Templer im Zeichen Christi, wenn auch ein symmetrisches Kreuz, zu schlachten vorgaben, trug (und trägt) der Kommunismus, eine große Kraft, die wir bisher noch gar nicht in Rechnung gestellt haben, sowie dessen Erzfeind der Kapitalismus, inzwischen gleichermaßen unverhohlen den Stern als nur stilistisch verhülltes Pentagramm auf seinem Tötungsequipment offen zur Schau. Apokalypsen der Apokalypse.

Doch mit der Dummheit der wenigen Einzelnen und dem wider die Erwartung Laufendem, dem Kontraintuitiven, ist immer zu kalkulieren. In diesem Sinne können dann auch ganze Bevölkerungen im Stich gelassen werden, die Kolonialmacht ist also weder homogen noch in sich geschlossen, mit dem Resultat, dass am Schluss im Gezänk um Algier sogar Franzosen gegen Franzosen putschten und ein Exodus in die „Heimat“ vonstatten ging, in der man die transmediterranen „frères“ (und Schwestern!) freilich nicht gleichberechtigt aufnahm, was, so könnte man spekulieren unter anderem wohl auf einen typischen, aber nach wie vor übersteigerten Nationalismus zurückzuführen sein könnte, der eine xenophobe Haltung gegenüber „hybriden Franzosen“ nicht überraschend wirken ließ. Und wirklich, unlängst gewannen die radikaleren „patriotischen“ Kräfte um Le Pen als Teil eines europaängstlichen Sentiments erneut bedenklichen, wenn nicht besorgniserregenden Aufschwung, wie Derrida selbst mehrmals einräumt.

Ein gelber Stern mit der Aufschrift „juif“

Zurück zu den Nazis also, denn welche Abhandlung über den Terror könnte Vollständigkeit beanspruchen, ohne den traurigen Gipfel menschenverursachter Abartigkeit, ohne der sogennanten „arische Herrenrasse“ das Attribut der Menschlichkeit unterstellen zu wollen. Denn wenn der Terror - und wir verbleiben vorerst bei dessen abstraktem Konzept, versuchen uns dem Begriff in einer ersten diffusen Erfassung anzunähren - wenn er also bis dato dem Menschen nicht schon in Fleisch und Blut seines Handelns übergegangen gewesen wäre, so hätte ihn das NS-Regime bestimmt „erfunden“. Obendrein sind die verabscheuenswürdigsten, nihilistischsten und lebensverachtensten Facetten, die uns spontan einfallen wie Euthanasie, Vernichtungslager, Laborversuche und Vergasung gerade darum so bedrückend, würgreizend und hassverursachend, weil sie das im „Menschen“ ans Licht bringen, was wir normalerweise der Seelenruhe und Gewissensbisse zuliebe ins finsterste Mittelalter und die Folterkeller der Inquisition verbannt sehen wollen.

Doch weit gefehlt, man kann die gedachte Linie leider problemlos in die heutige Zeit, wahrscheinlich gar in die unmittelbare „Nachbarschaft“ verlängern, denken wir nur paradigmatisch an Abu Graihb, an Guantánamo Bay (ein vielsagender Name, denken wir ihn uns auch vor dem Essensgebot) und Entführungsflüge der Nachrichtendienste, die überall auf der Welt ihren Ausgangspunkt nehmen können, von den zahllosen Vorkommnissen gar nicht zu reden, von denen wir eigentlich um den Preis unserer „sheepishness“ gar nicht reden können dürfen wollen. Doch was ist das schon, diese ganz „speziellen Verhörmethoden“ neben der Aussicht auf die Rolle als Held und Retter vieler Unschuldiger, neben Dachau und Auschwitz, wo wir die Messlatte noch irgend realisierbarer wörterloser Monstrosität schon so viel höher gehängt haben. So wie Arbeiten nahe dem Hungertod und der Seuchengefahr frei macht (nämlich frei von einem verbreiteten Modus der Existenz; doch auch das Leben muss man heute noch vielen aberkennen, die mehr biomechanischer Systembestandteil geworden sind, was immerhin alles seine „rechte Ordung“ hat), dient auch das nur dem höheren Wohle der Spezies, deren ganze, also vereinzelt noch anzutreffende „wahre“ Größe, Ironie der Geschichte, eben auf jenen beruht, welchen immer schon im Voraus die Berechtigung auf den Status der Zugehörigkeit entzogen wurde. Apropos Stand und Teilnahme: so wenig Derrida auch direkt von „übleren“ Machenschaften der „Braunen“ betroffen war (wie gehabt verbietet sich auch hier eine streng ökonomische Bilanzierung des Leids und des Leidens) und „lediglich“ auf eine „Judenschule“ wechseln musste, die er im übrigen nur sporadisch besuchte und dann ein Jahr lang gar nicht bis dem Raum suchenden Volk der Riegel vorgeschoben wurde, dürfte ihn diese erzwungene Identifikation mit „seinem Volk“ doch näher an dieses, sein Denken, sein Schicksal und seine unermessliche Verfolgung gebunden haben, als es sonst der Fall gewesen wäre. Doch andererseits, ohne überschminken zu wollen, wo der Fäulnis auch kein beschönigen hilft; welches Volk kann schon von sich behaupten, nie mit Waffengewalt Expansionsbestrebungen vorantreibend (im wahrsten Sinne, den Gegner vor sich her nämlich) nachgegangen zu sein.

Wir haben also, mit dem Abschluss von „Jacquis“[9] relevanten, soll heißen uns bekannten, offensichtlichsten Umgebungsvariablen, zugleich eine vage Vorstellung davon entwickelt was Terror in einer ganz allgemeinen Form meinen könnte und dürfen mit Fug und Recht behaupten, eine der, wenn nicht die wichtigste Grundkonstante als Motivation einer universal und überzeitlich betrachteten Menschheit insgesamt ausgemacht zu haben. Bevor wir uns diesem Begriff aber dekonstruktivistischer und wie naiv angenommen im Sinne Derridas und dann noch spezifisch politikwissenschaftlicher zuwenden, gilt es noch zwei weitere, etwas spätere Ursprünge zu skizzieren und schemenhaft (dem „spectre“ gemäß vielleicht insofern, als es ausnahmslos darum geht den „Geist“ in zentralen Aspekten sichtbar, verstehbar zu machen und womöglich sogar zu spüren, obwohl ja „Spür-“, also beinahe Spur-losigkeit und mittenlose Flüchtigkeit definitiv, per definitionem also, abwesend, quasi spukhaft „anwesen“, sich wesenhaft abzuzeichnen beginnen, ohne gemeinsamen Fluchtpunkt oder Möglichkeit der kohärenten Subsummierung mithin) aufzuschlüsseln. Das mag auch eine erste provisorische Heuristik qua Dekonstruktion sein, von der man nur ahnen kann (auch die Ahnen, das Erbe und die Dominanz der „geistigen Väter“ berücksichtigend, Domänen die in „bestandssichernden“ Qualitäten „dem genuin Männlichen unterworfen“ wurden), wie sie als Nucleolus bei Derrida ausgesehen haben könnte.

universitas

Transatlantische Hassliebeleien

Vive la France!

Nun zieht es Derrida nach Frankreich, wo er eine kometenhafte akademische Laufbahn antritt, die allerdings anfangs noch recht unspektakulär daherkommt, vermasselt er doch die Aufnahmeprüfung zur École Normale Supérieur und besteht auch danach eine Reihe von Examina nicht, bezeichnenderweise auch in Philosophie. Doch es geht uns ja ohnehin kaum um das Biographische, denn spätestens mit dem Eintritt in das intellektuelle Milieu seiner Zeit verschwindet er zunächst in einem scheinbar hoffnungslos durch Koryphäen überdeterminierten Raum, nur um dann, peu à peu, im Gespann des weiteren Freundeskreises neueren französischen Denkens seine durchaus zentral gewordene Lokalisation im Kontext einzunehmen.

In concreto ist es nicht nur der Anbeginn einer noch zu schildernden Annahme eines genuin akademischen Habitus, sondern vielmehr die persönliche Bekanntschaft mit Foucault, einem seiner ersten Mentoren und vielen anderen Studiengefährten, die es mit ihm zu Rang und Namen von Weltruhm schaffen sollen. Vielleicht ist auch in diesem merkwürdigen und geschichtlich vergleichsweise einzigartigen Faktum, dem höchstens der Vergleich mit der Weimarer Szene, oder womöglich noch einem zeitlich recht genau bestimmten Rom oder Athen standhält, ein weiterer Grund dafür zu finden, dass ausgerechnet im Aufbegehren um „'68“ und ihren widersprüchlichen Tendenzen um „commune“ einerseits, Identitätsfindung und Selbstverwirklichung andererseits, die rezentesten Strömungen aus der lingua franca Konzepte wie den „Tod des Autors“[10] entwickeln können, in denen „der Andere“ immer auch schon prominent ist, sei es Barthes, Levinas, Althusser, Bourdieu, Deleuze, Merleau-Ponty, Levi-Strauss, Saussure, Blanchot, Bataille, Nancy, Lyotard und all die anderen denen noch Respekt zu zollen wäre. Als letzte Agglomeration einer natürlichen Genetik, die wie gesagt die bestenfalls im „Dt. Idealismus“ gefundene Parallele nicht zu scheuen braucht und quasi das Artifizielle der anbrechenden Epoche in einer finalen sich aufbäumenden Agonie vorwegnehmend, hat man freilich den optimalen Nährboden für das entwurzelnde und rein virtuell werdende Projekt einer Dekonstruktion vorliegen, die die Topik der „Heimat“ nurmehr ihrer relationalen Ortlosigkeit unterstellen wird und nurmehr die inhärente Logik der sinnhaften Verknüpfungen als zeitlichen Horizont anerkennt. Das allerdings ist dann erst vollbinarisierte „Techno Age“ in der Links zum Hyperlink wird.

Derrida goes surfin' USA [how to become a superhero]

Denn Derrida zieht es dann in die USA, man mag es kaum glauben. Sei es um der wohlgehüteten Feindschaft willen (doch was bedeutet das im Angesicht der eigenen Definition über den politischen Feind?), oder der Vorurteile die noch den PC zum „ordinateur“ machen, Derrida wagt es selbst aus diesem Rahmen zu fallen. Schlimmer noch, er wagt es an einer Stelle sogar sich in etwa als „derart amerikanisiert“ zu bezeichnen, als Hommage gleichsam noch an die alten wegbrechenden Gewissheiten und Rivalitäten, die auch schon dem Sog der puren Bedeutungslosigkeit zum Opfer fallen. Und wirklich, Derrida ereilte das Schicksal aller - damit nämlich, dass man auch ihn zu einem mehr oder minder erfolgreich vermarktbaren „merchandising“-Produkt[11] machte oder immerhin sich alle Mühe gab, dies machen zu wollen und sei es nur um später im sicheren Abstand der Erwiderungslosigkeit (nach seinem Ableben also) mit dem Finger auf seine beinahe anrüchige Erfolglosigkeit deuten zu können, dem unterschwelligen Vorwurf und der Fassungslosigkeit Luft machend, dass man ihm ja lange genug im Lande (vor Ort sozusagen sogar, im überhaupt einzigen Fleckchen Erde, das diese Attribuierung wahrhaft verdient hat) Zeit gegeben hätte um den „american way of life“ zumindest soweit oberflächlich zu internalisieren, ihn sich doch wenigstens in einer kapitalistisch rentablen Kampagne niederschlagen zu sehen. Großzügigerweise also jovial-gönnerhaft wie immer, drängt man Derrida diese Möglichkeit dann sogar noch insofern auf, dass man schon fast von mindestens latentem, subtilem Zwang sprechen muss, denn wer lässt sich allen Ernstes schon gerne beim Frühstück filmen um das dann auf Kinoleinwand zu bannen? Ja, Heidegger traut seinem Ohr kaum noch, man hat aber richtig gehört, Jacques Derrida, Kinostar a. D., mitsamt veritablem Starlett in Form seiner Frau. Aber man muss es den „Amis“ nachsehen, wie alles, denn Derrida das war einfach zuviel für sie, es gibt andere Hinweise darauf, wie werden noch über sie stolpern.

Auch ist es wohl etwas verständlich, in einer Zeit in der „french fries“ „freedom fries“ heißen müssen (evtl. ohne im politischen Führungsstab der Fastfoodindustrie realisiert zu haben, welche Reverenz man den „kleinen Kartoffelstäbchen“ damit erweist, indem man ihnen auch hier wieder ins Fettnäpfchen der Fritteuse tretend die Freiheit schenkt wie dem Rest der Welt? Doch wie verhält sich dazu die ursprünglichere Gabe, die Freiheitsstatue? Und was muss man sich über die demokratische Qualität gleichberechtigter Ruralität in seinen Pommes denken? Nicht zu vergessen der Eiffelturm gegenüber dem lediglich feminin-phallischen auf Liberty Island, ein Konflikt also der auch eine Gegenrichtung aufzuweisen scheint), den „Staatsfeind Nr. 1“ als der er sich in „Schurken“ entpuppt haben wird, interviewisch so zu malträtieren, dass einem das böse Wort „Tortur“ auf der Zunge liegt, man übt Neo-McCarthyismus ja seit längerem in der „Schweinebucht“, und man den absehbaren filmischen Verriss streng dekonstruktiv schon antizipierend im „movie“ einbaut. Kein Wunder also, wenn es Derrida vage hält, die filmische Dokumentation treffe es eigentlich eher nicht. Aber wir zäumen das Pferd von hinten auf, wir müssen anders anfangen, ganz anders.

Derrida besitzt, oder muss man sagen - sic transit in gloria mundi - besaß, sage und schreibe geringstenfalls[12] sieben Ehrendoktorwürden. Das ist Kapitalismus in Reinstform. Warum ihn also verstecken? Ganz im Gegenteil, dass man in Abrede stellen darf, was die Wahrheit nur allzu gut trifft und vice versa himmelhochloben kann, was jeglicher Qualität, Substanz, etc. zu entbehren scheint, ist ja genau „pursuit of happiness“, der amerikanische Traum. Wohl ist Derrida auch deswegen umstritten, weil er einer Gesellschaft den Spiegel vorhält, die sich zwar u. U. weiter über ihre traditionsbewusste Rustikalität erhoben hat, als der angebliche „counterpart“ hier, in der aber nichtsdestoweniger der Milliardär nicht einmal seine Teller waschen kann, während die drei New Yorker „bums“, ihres Zeichens Industrieruinenpenner im vollen Schwange Yeats zitieren und mit der gewünschten Information erst herausrücken, als man ihnen mit Wordsworth droht, oder umgekehrt erst Wordsworth und dann Yeats. Und diese Art Mensch, der wir diesen Status nurmehr zögerlich zugestehen wollen, weil sie zu wenige Statussymbole zur wahren Befähigung des Tragens dieser Bezeichnung erworben haben (Menschsein ist Glücklichsein, Glücklichsein ist Bausparen, sportliches, aber nirgends fahrbares, weil tiefergelegtes Autofahren usw.), erfrieren in den Straßen Paris' gleichermaßen.

Es könnte jetzt allerdings der Eindruck entstanden sein, Derrida hätte mit den Vereinigten Staaten nichts zu schaffen, außer Negatives, was so durchaus falsch wäre. Sowohl eine treue Anhängerschaft „nativer us-citizens“ (wenn auch nicht vom Schlage Kanes), wie ein langjähriger Aufenthalt an zahlreichen Universitäten von der East- bis zur Westcoast, als auch ein eigenes Derrida-Archiv in Kalifornien lassen sich spielend nachweisen, obwohl letzteres wohl in seinen Augen zumindest schon wieder teilweise ins Gegenteil abdriften müsste, doch dazu später noch mehr.

Humanitas

Attika, der Nabel der Welt und ganz Gallien. Ganz Gallien???

Nachdem wir nun die großen Etappen in seinem curriculum vitae skizzenhaft herausgearbeitet haben, wenden wir uns nun noch zwei Größen zu, die nicht ganz so speziell derridaisch sind, aber doch sehr prägend gewesen sein müssten. Zum einen der kurz angesprochene universitäre Gestus. Denn man könnte darüberhinaus den Eindruck gewonnen haben, Derrida hätte es nicht so mit dem Vormodernen, versteht man doch einen provokanten Neologismus wie „Dekonstruktion“ vom ersten Anklang her als Teil einer wie auch immer gearteten Avantgarde, dem Künstlerischen, Literarischen näherstehend als jedwedem praktischen Bezug und als essentieller Vertreter des französisch Schöngeistigen ohnehin hochabstrakt. Das schlägt sich ja bereits in den Termen nieder, die man von metakritischer Seite diesem Denken mehr aus verzweifelter Verlegenheit und in Ermangelung griffigerer Wörter, denn aus stilsicherem Etikettieren anheftet.

Die Rede ist hier von „post-“. Poststrukturalistisch, postmodern, definitiv etwas oder jemandem (vielen) nachgelagert, von dem oder denen man meint, man würde es/sie noch kennen. Bindestrichpolitik, Opakheit und schwammige Formulierungen ist aber nicht unbedingt das, was sich mit Kenntnissen, die als profund zu bezeichnen noch untertrieben sein dürfte verträgt. Freilich beherrscht Derrida den „herkömmlichen“ scholastischen Duktus aus dem effeff und man muss ihm schon aus reiner Humanität die Ehre erweisen, um ihn zumindest um des Anstandes willen ein Stück weit gegen eine teilweise ungerechte Rezeption zu verteidigen. Sicher, das Konzept der Dekonstruktion deren flüchtige Wesenszüge hier und da undurchsichtig erscheinen, nur um im selben Moment nebelhaft zu verwehen, mag zu einem Gutteil alle Kennzeichen einer Pionierhaftigkeit, einer Explorativität mit ungewissem Ausgang aufweisen, morschem Fortbewegungsmittel und toten Verhältnissen im Heimathafen geschuldet sein; trotzdem musste es dort zuerst eine Werft geben. Die Rede ist zum Beispiel von einer Mäeutik, der man einige Ähnlichkeiten zur Dekonstruktion nachsagt, aber auch von einer Dialektik die auf den Fundamenten einer Metaphysik zwischen Platon und Aristoteles aufbaut. Das ist ganz einfach Handwerkszeug, welches Derrida auch nicht „wesentlich“ ungeschickter als andere handhabt. Man denke an das ganze Theoriegebäude welches der Phänomenologie zugrundeliegt und man kann von ihm „klassische Bildung“ lernen, im kategorial-schematischen Kräftefeld zwischen „ousia“, „nomos“, „nus“, „numen“ und „hyle“. A forteriori, die Ontologie, Onto-Theologie und Transzendentalphilosophie ist ganz banale Voraussetzung der in der peinlichen Abwesenheit besserer Begriffe sogenannten Dekonstruktion.

Diese Metalinguistik wäre aber buchstäblich nichts und leer, also reinst wesenhaft ohne ihre historische Kollision mit dem was wir heute Humanität nennen. Nicht zufällig und an legionären Exempeln belegbar greift der Vorwurf des Neonihilistischen deutlich zu kurz. Wenn auch die „realpragmatische“ Fortführung des attischen Denkens im Normalfall durch Phalanxen und Praetorianer aufimperialisiert wurde und sich nur durch die Eloquenz der Waffen vom Barbarischen (muss man sagen germanischen? Gallischen? Und nicht umsonst ist der „Krieg gegen Frankreich“, wie anachronistisch auch immer und Übersetzungsfehler durch die Zeit zur Kenntnis nehmend beinahe das „schöne gallische“ in bewusster Abgrenzung, nämlich der der Kohorten, Rotten und Stämme auf dem Schlachtfeld, zum indoarischen zu halten, einfach um der Absurdität und belliziösen Similarität, ja Gleichheit auf dem Schlachtfeld jenseits aller kulturwaffenvortechnisch augeschlachteten vermeintlichen Unterschiede) distinguierte. Und immer noch wird die Menschenfreundlichkeit mit dem Katapult durchgesetzt.

Der „Geist Roms“ freilich wie wir ihn schätzen ist ein anderer. Und wahrhaftig, man glaubt zu erkennen, wie die erkenntnistheoretische Nacktheit im späteren Humanismus als positive Erblast des „orbis latinum“ ihre teleologisches Garment findet. Das ist relevant für Derrida, bei ihm, auch für sein Verständnis, aber vor allem für ihn selbst. So ist er ein Meister der Prolegomena, der Epitaphen, der Nachrufe. Auch sein Stil ist in diesem Sinne „humanistisch“, aber nicht dem Humanismus, der Tradition oder akademischen Anpassung, sondern der Freundschaft zuliebe. Was uns zum letzten Signifikant des Signifikanten bringt, dem Christentum, denn das ist alles was wir haben, wo es uns am Signifikat gebricht.

Der Nazarener

Denn die Leerstelle des Christentums ist Christus. Beileibe nicht weil man Gott, das Göttliche, die Gottheit in die Nähe des En Soph rücken müsste, denn worüber man nicht sprechen kann, muss man bekanntlich schweigen. Nein, vielmehr weil es dem Menschen sowohl am reinen Menschsein fehlt, wie es für die Inkarnation Gottes belanglos sein dürfte welche Nähen und Distanzen, Exklusionen und Beweise wir als besser dressierte Exemplare im deregulierten Menschenzoo als Kunststück darzubieten uns genötigt sehen, obwohl wir auch das nicht mit felsenfester Überzeugung von uns behaupten können. Denn das System leidet am Verlust der Mitte.

Es geht also um eine neue alte Demut, der wir mehr schlecht als recht Herr werden, als eine, wenn auch praktisch kardinale Säule, als Facette der unbestimmten Abwesenheit des Zentrums. Derrida, Dekonstruktion braucht das aber vorgeblich nicht. So wie Jesus Jude war, der Jude, INRI, König der Juden wie die Spötter, „Römer“, schärfste Verfechter des nun christlich geprägten Humanismus sagen würden und um die Widersprüchlichkeit zu mehren ist es mehr als bezeichnend im Sinne von

signifikant, dass ausgerechnet die Mörder Gottes sein Vermächtnis um die Welt trugen, mit Blut versteht sich. So also ist Gott vielleicht das heikelste, aber nicht das schlechteste Beispiel, das Fülle, für viele für alle noch zu nennenden „Ebenbürtigen“ - wenngleich das freilich aus christlicher Sicht an Sakrileg bzw. Blasphemie grenzt und grenzwertig ist Dekonstruktion allemal - reine Perfektion sich erst durch ihr Verlustiggehen manifestiert, wenn dabei meist auch das Perfekte verlorengeht, vergangen ist, „perfekt“ wird. In dezidiert globaler und gleichberechtigter Perspektive angedacht ist demnach weder Buddha Buddhist, noch Muhammad Moslem, sowie alle Religionsstifter und Propheten, Chefideologen und selbsterwählte Erlöser sich durch die Abwesenheit ihrer selbst hervortun. Damit ist die Tür für eine „quasi-nihilistische“ Theologie des Atheistischen geöffnet, die vor allem im „Messianismus ohne Messias“ ihr Potential zu erkennen glaubt.

Die Rückführung des Selbst auf sich und den Anderen anstelle des Ideals war damit immer schon absolut, so schmerzhaft auch die Überwindung des Eigenen in der radikalen Rückführung auf sich ohne die Vermittlung der heilstheologischen Projektion auf Anhieb erschienen mag. Die Frage nach der Relation zu Gott hätte also immer schon mit der Vergöttlichung des Anderen gegenüber mir selbst als Anderem beantwortet werden müssen. Die Geschichte der Menschheit spricht bei aller geübten Frömmigkeit leider Gottes eine anderen Sprache. Wenn sich aber das Heil erst durch den Tod des Heils offenbaren kann, welche Konsequenzen sind dann für eine Dekonstruktion zu ziehen, die sich als neues Denken weitgehend offenbleibender Facon auch als christlich inspiriert verstanden wissen muss, unabhängig davon dass Derrida auch zuweilen „der Marane“ ist, also allein schon um der breiteren kulturellen Durchtränkung des „Westens“ durch das Christentum? Es scheint zunächst einmal der Versuch zu sein Religion als Inbegriff von menschlicher Lebensführung ohne raumspezifische Partikularismen zu sondieren, ohne dabei überkommene Verschuldungen aus den Augen zu verlieren. Um es auf den Punkt zu bringen: Derrida spricht auch von Liebe, nahezu ein Novum im werturteilsfreien Wissenschaftsbetrieb nach dem Geist des Protestantismus[13] und um so zerstörerischer im laizistisch überformten Katholizismus Frankreichs. Wir müssen dazu auch sagen, was uns das Christentum aufgrund seiner kulturellen Nähe einfacher macht als andere Beispiele, dass wir Derrida und sein Denken erst lange nach seinem Tod vollends verstehen können werden, wenn überhaupt, wo wir doch mit allen großen Persönlichkeiten so unsere Schwierigkeiten haben und sicherlich, die Geschichte lehrt es uns, diese auch lange, wo nicht Zeit ihres Lebens, mit sich selbst. Dem Vorwurf, der sich in der Supplementarität angebahnt hat, man möge doch nicht jeden x-beliebigen mit Gott auf eine Stufe stellen, oder es auch nur wagen jemanden in seiner entfernteren Nähe auch nur vergleichsweise anzudeuten, entgegnen wir mit den Worten: „was ihr dem Geringsten meiner Brüder getan habt...“, ohne wiederum Derrida dadurch einer wie auch immer gearteten Geringfügigkeit bezichtigen zu wollen.

Unkollegiale kollegiale Rezeption

Doch andererseits: man müsse ja den Tod geben. Tod des Selbst, Tod des Ruhms, Tod der Vergleichbarkeit, Tod der Ungleichheit. Leben durch den Tod, nach dem Leben? Im Ruhm, der so richtig erst mit dem Tod beginnt? Tod im Leben also. Doch was wenn der Tod mit dem Ruhm des Unrühmlichen anhebt, oder der Ruhm den Tod überholt und schon im Leben entspringt? Das war es was man zumindest von Seiten einer analytischen Philosophie zu verhindern gewusst haben wollte. Es geht hier selbstverständlich nicht darum, einen Einspruch W.V. Quines und einiger anderer gegen die Verleihung des Dr. h. c. durch die Cambridge University zu diffamieren, in Frage zu stellen, zuzustimmen, oder sich jeglicher Stellungnahme zu enthalten (und überhaupt, was hätte einer mehr oder weniger für eine Rolle gespielt), stattdessen allerdings kann man das Paradigmatische dieses Vorfalls festhalten für eine Rezeption Derridas die wie bereits erwähnt keineswegs durchweg akklamativ ausgefallen ist. Vor allem in diesem speziellen Zusammenhang waren den altehrwürdigen Repräsentanten der Philosophie seine Gedankengänge dann wohl doch eine Spur zu unorthodox und das jedoch ironischerweise von deren jüngster Disziplin, die selbst gerade mal so seit wenigen Jahren Fuß zu fassen in der Lage gewesen war. Wie dem auch sei, die Protestnote wurde durch die bestehenden Mehrheitsverhältnisse niedergeschmettert, Derrida kam zu seinem (möglicherweise Übermaß an) Recht. Ganz anderes dagegen vor allem in einschlägigen Künstlerzirkeln und in der Komparatistitk in denen Derrida von Anfang an sehr gute Resonanzen bekommen zu haben scheint. Und tatsächlich, Derrida lässt sich auch in diesem Zusammenhang rezipieren, filmisch erneut und früher schon, in Zusammenarbeit mit Godard. Es wäre aber vermutlich zulässig, ihn zunächst einmal eher als Randgänger, ja als Außenseiter vielleicht zu betrachten, getreu dem Denken der Differenz, welches sich schließlich per definitionem auf der Grenze bewegen muss.

„ethical turn“

Ton der Grammatologie, Grammaton

In punkto publikumswirksamer Breitenwirkung hat man noch eine andere Wegmarke zu passieren. Mehrfach ist die Rede von einem „ethical turn“, also einer politischen Wende innerhalb seiner Schriften, die zeitlich auch passenderweise mit dem Ende des Ost-West-Konflikts zusammenfallen soll. Dieses „soll“ ist aber kein beliebiges, denn eine plötzliche Veränderung in den Werken ist in Wahrheit eher eine zur Debatte stehende Feststellung.

[...]


[1] z. B. Derrida, Politik der Freundschaft, loc. cit., S. 51-79

[2] Zum Datum, vgl. Derrida, Schibboleth, loc. cit., passim

[3] Denken wir vor allem an das Kapitel B. IV. A. der „Phänomenologie“ mit der Überschrift „Selbständigkeit und Unselbständigkeit des Selbstbewußtseins; Herrschaft und Knechtschaft.“ in Hegel, loc. cit., S. 153-164

[4] Es ist im übrigen immer noch in gewisser Weise der Kampf mit Esau ums Erstgeburtsrecht, dem Naturrecht steht der Vorwurf des Mammon gegenüber. Umso mehr ein Boomerang, dass dessen Stammlinie nun auch im Namen des Geistes Zünder betätigt.

[5] Dazu zum Beispiel Derridas Interview in „Ghost Dance“, loc. cit.

[6] Und dabei vernachlässigt man andere, durchaus ebenso sinnvolle Ansätze, die einen Hinweis auf die potentiell gewollte Vielschichtigkeit geben: circumlocution, um etwas weitläufig herumschreiben, circumnavigate, etwas umsegeln (Derridas Wissen?), circumflex, welch Zufall, ein rein französisches Zeichen, circumspect, das Vorsichtige, das deliberative Abwägen und endlich sind dies alles selbst circumstances, die uns sein Denken aufschlüsseln helfen, um der circumference willen, dem Abrunden. So zumindest die vokabulare Nachbarschaft um „circum-“. Oxford, loc. cit. S. 192 f.

[7] Wir konnten dabei einer Einladung Muammars in sein „Beduinenzelt“ folgen, sind aber nachher doch skeptisch geblieben, was die „endgültige theoretische Lösung des Problems des Regierungsinstruments“ angeht, die Al Qaddafi, loc. cit., S. 8 ankündigt, weil wir es mit „Endlösungen“ generell nicht so haben. Nichtsdestotrotz fand seine Position als von uns erkorener Verteidigungsführer des Islam gebührende Berücksichtigung und entbehrt keineswegs der Weisheit, insbesondere nicht der prächtigen bildlichen Gleichnisse, auch können wir „Hobbynomaden“ von einem echten noch dazulernen. Vgl. dazu auch Hardt & Negri, loc. cit., vor allem S. 222-230

[8] Darf man diesen Namen „dadaistisch“ deuten, was uns zu einem weiteren Paradox führt? Babynahrung drängt sich auch auf, mehr über ihn als die bloße Erwähnung in der Fachliteratur finden wir im durchaus „starken Tobak“ Ecos, loc. cit., und Shea & Wilson, loc. cit.

[9] Man entschuldige, sein Bruder nennt ihn so, in dem gleichnamigen Film, loc. cit.

[10] Wobei Derrida es weniger als die Irrelevanz des Autors selbst auffasst, sondern mehr als dessen Unverantwortlichkeit für das Geschriebene, als Schnittstelle der jeweiligen Anderen. Wobei man durch die Übernahme sich doch in Verantwortung setzt, letztlich aber auch nur eine Verschiebung die sich irgendwo verläuft.

[11] Wie „markotom“ seinen ehemaligen Lehrer für Altgriechisch zitiert: Derrida, Philosoph und Popstar. http://www.youtube.com/watch?v=kK-o5KEqmAM, aufgerufen am 30.1.2009

[12] Laut dem brauchbaren, wenn auch nicht hundertprozentig verlässlichen Wikipedia, aber was ist das schon, wo wir noch auf die Wahrheitsillusion des Verschriftlichten zurückkommen müssen, im Web mehr denn anderswo.

[13] Weber, loc. cit., S. 77-226 & S. 358-394

Ende der Leseprobe aus 89 Seiten

Details

Titel
Derrida oder Dekonstruktion & Terror
Hochschule
Ludwig-Maximilians-Universität München  (Geschwister-Scholl-Institut)
Note
2,3
Autor
Jahr
2009
Seiten
89
Katalognummer
V136168
ISBN (eBook)
9783640436408
ISBN (Buch)
9783640436637
Dateigröße
1050 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Derrida, Dekonstruktion, Terror, Terrorismus, Differenz, differance, Al Quaida, Bin Laden, Schurkenstaat
Arbeit zitieren
Oliver Köller (Autor), 2009, Derrida oder Dekonstruktion & Terror, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/136168

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