„Die Geschichte der Kultur ist eine Geschichte der kontingenten Interaktion ihrer [symbolischen] Formen“ und „für die Kulturphilosophie des 20. Jahrhunderts kommt Prometheus der Rang einer Leitmetapher zu“. Der Titan findet in zahlreichen Texten seinen Niederschlag und provoziert daher eine Vielfalt von Verbindungen, Deutungen und Diskussionsspielräumen anhand unterschiedlicher Mythentheorien. Ernst Cassirer entwickelte aufgrund seiner Forderung, dass „sich Philosophie nicht allein am Modell wissenschaftlicher Erkenntnis orientieren“ darf, wie das bei der kantischen Philosophie der Fall ist, eine Philosophie der
symbolischen Formen. Dem Problem des Mythos widmete er in dieser Untersuchung eines von drei Bänden. Der triviale Umstand, eine Mythentheorie auf einen Mythos anzuwenden, zeichnet sich nicht durch Innovation und Außergewöhnlichkeit aus.
Diese Untersuchung jedoch betritt einen anderen Weg der mythentheoretischen Analyse: Es wird der Versuch gestartet, Ernst Cassirers Philosophie der symbolischen Formen aus einem Mythos heraus zu rekonstruieren. Untersucht wird der Prometheusmythos des platonischen Dialogs Protagoras. Der Kontext des Gesamtwerkes und die Funktion des Mythos innerhalb des Dialogs finden dabei keine Berücksichtigung. Außerdem distanzier ich mich in Anlehnung an Cassirer von einer allegorischen Mythendeutung, da in dieser Analyse der Mythos als Mythos bestehen und philosophietheoretisch betrachtet werden soll.
Inhaltsverzeichnis
1. Einleitung
2. Der platonische Prometheusmythos
3. Versuch einer philosophietheoretischen Mythendeutung
3.1 „Am Anfang war der Mythos“
3.2 Prometheus: Wissenschaft & Technik
3.3 Religion & Sprache als Bindeglied
3.4 Zeus: Recht & Scham
4. Schluss
5. Bibliografie
Zielsetzung & Themen
Diese Arbeit verfolgt das Ziel, Ernst Cassirers Philosophie der symbolischen Formen durch eine Analyse des Prometheusmythos aus Platons Dialog Protagoras neu zu rekonstruieren, wobei der Mythos als eigenständige Form und nicht allegorisch betrachtet wird.
- Rekonstruktion der Philosophie symbolischer Formen anhand des Prometheusmythos
- Untersuchung von Prometheus als Kulturprämisse statt reinem Kulturbringer
- Analyse der Entstehung von Wissenschaft, Technik, Sprache und Religion
- Die Rolle von Scham und Recht als gesellschaftsbildende Symbole
Auszug aus dem Buch
3.2 Prometheus: Wissenschaft & Technik
Der von Platon konzipierte Prometheusmythos zeigt im Gegensatz zu anderen Mythen signifikante Unterschiede auf. Prometheus ist kein Schöpfer der Menschen, wohl aber soll er den Schöpfungsprozess fortführen. Das Verteilen der Eigenschaften, welches er zusammen mit seinem Bruder Epimetheus bewerkstelligen muss, lässt ihn zuerst als passive Figur erscheinen. Nachdem Epimetheus die Eigenschaften an die Menschen und Tiere verteilt hat, soll Prometheus das Werk besichtigen. Dieser wird aber erst handelnd aktiv, als er den Menschen „nackt, unbeschuhet, unbedeckt [und] unbewaffnet“ entdeckt. Der Name Prometheus bekommt besonders in diesem Mythos seine volle Berechtigung, was auch an der Ereignisreihenfolge zu erkennen ist. Epimetheus, welcher zuerst handelt und danach die Fehler und deren Konsequenzen bedenkt und Prometheus, welcher anhand dieser Konsequenzen aktiv wird und zu handeln beginnt. Der Diebstahl des Feuers und der „kunstreiche[n] Weisheit des Hephaistos und der Athene“ ist die erste Handlung, um den Menschen auf der Welt überlebensfähiger zu machen. Somit erhielt der Mensch die „zum Leben nötige Wissenschaft“ und damit eine neue symbolische Form. Zwei Details zeigen besondere Charakteristika dieser Form: Der Mensch hatte sie nicht, wie den Mythos, von Anfang an und er bekam sie mit Hilfe eines Diebstahls. Die symbolische Form der Wissenschaft hat sich erst im Laufe der Menschheitsgeschichte entwickelt und ermöglichte den Menschen so, sich in der Natur zu etablieren. Selbst zwischen den Wörtern Wissenschaft und Diebstahl existiert eine mittelbare semantische Verbindung. Die wissenschaftliche Erkenntnis wird gewissermaßen aus der Natur „entnommen“ und ist nicht seit der Geburt im Menschen verhaftet, im Gegensatz zu dem Mythos. Im Zuge des prometheischen
Zusammenfassung der Kapitel
1. Einleitung: Einführung in die Fragestellung, wie Cassirers Philosophie der symbolischen Formen aus dem Prometheusmythos rekonstruiert werden kann.
2. Der platonische Prometheusmythos: Theoretische Einordnung des Mythos als eigenständige symbolische Form und Welt des Werdens.
3. Versuch einer philosophietheoretischen Mythendeutung: Anwendung der Symboltheorie auf den spezifischen Mythos.
3.1 „Am Anfang war der Mythos“: Darstellung des Mythos als primäre symbolische Form und Ausgangspunkt weiterer kultureller Entwicklungen.
3.2 Prometheus: Wissenschaft & Technik: Analyse der Einführung von Technik und Wissen als Mittel zur Etablierung des Menschen in der Natur.
3.3 Religion & Sprache als Bindeglied: Untersuchung der Entstehung geistiger Kategorien und des menschlichen Selbstbewusstseins durch Sprache und Religion.
3.4 Zeus: Recht & Scham: Erläuterung der Bedeutung von Recht und Scham als unabdingbare Voraussetzungen für eine organisierte Gesellschaft.
4. Schluss: Zusammenfassung der Kernerkenntnis, dass der Mensch als soziologisches und kulturelles Wesen im Zentrum der Betrachtung steht.
5. Bibliografie: Auflistung der verwendeten Primär- und Sekundärliteratur.
Schlüsselwörter
Ernst Cassirer, Prometheusmythos, Platon, Protagoras, Philosophie der symbolischen Formen, Mythendeutung, Kulturphilosophie, Technik, Wissenschaft, Sprache, Religion, Recht, Scham, Schöpfung, Welt des Werdens
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit untersucht den platonischen Prometheusmythos mit dem Ziel, daraus eine philosophietheoretische Mythendeutung im Sinne von Ernst Cassirer zu entwickeln.
Welche zentralen Themenfelder werden bearbeitet?
Die Arbeit fokussiert sich auf die Entwicklung menschlicher Kultur durch verschiedene symbolische Formen wie Wissenschaft, Technik, Sprache, Religion und Recht.
Was ist das primäre Ziel oder die Forschungsfrage?
Das Ziel ist die Rekonstruktion von Cassirers Philosophie der symbolischen Formen durch eine gezielte Analyse des Prometheusmythos, wobei der Mythos als in sich geschlossenes Konstrukt behandelt wird.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Die Autorin nutzt eine philosophietheoretische Analyse und distanziert sich ausdrücklich von einer allegorischen Deutung, um den Mythos in seiner ursprünglichen Funktion zu betrachten.
Was wird im Hauptteil behandelt?
Der Hauptteil analysiert schrittweise die verschiedenen Phasen der Kulturentwicklung: vom Mythos als Ur-Form über Technik und Wissenschaft bis hin zu Sprache, Religion und gesellschaftlichen Ordnungsprinzipien wie Recht und Scham.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Zu den zentralen Begriffen zählen symbolische Formen, Prometheusmythos, Cassirer, Kulturphilosophie, Wissenschaft, Technik und gesellschaftliche Organisation.
Wie unterscheidet sich diese Deutung des Prometheusmythos von anderen?
Die Arbeit interpretiert Prometheus nicht als Schöpfer, sondern als notwendige Kulturprämisse, und verzichtet darauf, den Mythos allegorisch aufzulösen, um seine spezifische Wirkungskraft als symbolische Form zu erhalten.
Welche Rolle spielt die Figur des Zeus in dieser Untersuchung?
Zeus wird als Akteur dargestellt, der durch die Einführung von Recht und Scham die notwendigen Voraussetzungen für ein friedliches Zusammenleben in einer Gesellschaft schafft.
Warum wird Technik in der Arbeit als "Diebstahl" assoziiert?
Die Arbeit stellt eine semantische Verbindung zwischen Wissenschaft und Diebstahl her, da wissenschaftliche Erkenntnisse aus der Natur "entnommen" werden und nicht von Geburt an im Menschen verankert sind.
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- Sebastian Nentwich (Author), 2009, Über den Ursprung der symbolischen Formen, Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/136173