Über den Ursprung der symbolischen Formen

Der platonische Prometheusmythos und die Philosophie der symbolischen Formen von Ernst Cassirer


Hausarbeit, 2009

12 Seiten, Note: 1,3


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Der platonische Prometheusmythos

3. Versuch einer philosophietheoretischen Mythendeutung
3.1 „Am Anfang war der Mythos“
3.2 Prometheus: Wissenschaft & Technik
3.3 Religion & Sprache als Bindeglied
3.4 Zeus: Recht & Scham

4. Schluss

5. Bibliografie

1. Einleitung

„Die Geschichte der Kultur ist eine Geschichte der kontingenten Interaktion ihrer [symbolischen] Formen“[1] und „für die Kulturphilosophie des 20. Jahrhunderts kommt Prometheus der Rang einer Leitmetapher zu“[2]. Der Titan findet in zahlreichen Texten seinen Niederschlag und provoziert daher eine Vielfalt von Verbindungen, Deutungen und Diskussionsspielräumen anhand unterschiedlicher Mythentheorien. Ernst Cassirer entwickelte aufgrund seiner Forderung, dass „sich Philosophie nicht allein am Modell wissenschaftlicher Erkenntnis orientieren“[3] darf, wie das bei der kantischen Philosophie der Fall ist, eine Philosophie der symbolischen Formen. Dem Problem des Mythos widmete er in dieser Untersuchung eines von drei Bänden. Der triviale Umstand, eine Mythentheorie auf einen Mythos anzuwenden, zeichnet sich nicht durch Innovation und Außergewöhnlichkeit aus. Diese Untersuchung jedoch betritt einen anderen Weg der mythentheoretischen Analyse: Es wird der Versuch gestartet, Ernst Cassirers Philosophie der symbolischen Formen aus einem Mythos heraus zu rekonstruieren. Untersucht wird der Prometheusmythos des platonischen Dialogs Protagoras. Der Kontext des Gesamtwerkes und die Funktion des Mythos innerhalb des Dialogs finden dabei keine Berücksichtigung. Außerdem distanzier ich mich in Anlehnung an Cassirer von einer allegorischen Mythendeutung, da in dieser Analyse der Mythos als Mythos bestehen und philosophietheoretisch betrachtet werden soll.

2. Der platonische Prometheusmythos

Philosophie und Erkenntnis können nicht einzig allein aus dem wissenschaftlichen Denken schöpfen, dass würde jedenfalls ihr eigenes Wesen eingrenzen. Die Annahme Kants eines „Ding an sich“ und der damit einhergehenden Scheidung von Erkenntnisrelationen und der Wirklichkeit deutet Cassirer als unsinnig[4]. Selbst der allegorischen Mythendeutung laufen Platon und Cassirer zuwider: Der Mythos ist eine eigene Welt des Wissens und eine „notwendige Funktion des Weltbegreifens“[5]. Im Folgenden soll der platonische Prometheusmythos anhand Cassirers Theorie methodisch untersucht und als eigenständiger Mythos kategorisiert werden.

Prometheus trägt nicht wie in anderen Mythen den Rang des Schöpfers der Menschen. Nichtsdestotrotz lässt sich feststellen, dass es sich um einen Schöpfungsmythos handelt. Der Begriff der Schöpfung impliziert das Merkmal des Werdens – somit wird Cassirers These bestätigt, dass der Mythos „diejenige Begriffssprache ist, in der allein sich die Welt des Werdens aussprechen lässt“[6]. Der Ursprung des Menschen ist selbst mit einer wissenschaftlichen Betrachtung nur schwer zu vergegenwärtigen. Der Mythos hat in diesem Punkt den Vorteil, dass er zwischen Denkwirklichkeiten und Denkmöglichkeiten die Grenzen verschwimmen lässt, um somit eine schwer vorstellbare Weltanschauung immanenter zu machen. Das Nachdenken über das Absolute wird durch das mythische Denken vereinfacht. Dies ist auch durch die Absolutheit des Mythos als symbolische Form gegeben: Als in sich geschlossenes Konstrukt besitzt diese nicht nur eine eigene Zeit- und Raumvorstellung, sondern auch eine eigene Kausalität, eigene Theogonien und Kosmogonien[7]. Dabei ist hervorzuheben, dass jedes Symbol, im besonderen Maße aber der Mythos, nicht anhand anderen Symbolen gemessen werden soll. Die Eigenständigkeit des Mythos darf nicht durch eine allegorische Mythendeutung unterwandert werden. Daher wird in dieser Analyse keine Aufhebung der Geschlossenheit und Wirkungskraft erzielt, sondern eine philosophietheoretische Untersuchung innerhalb dieser symbolischen Form.

3. Versuch einer philosophietheoretischen Mythendeutung

„Vom Ursprung der Tiere und Menschen“[8] – So betitelte Bernhard Kytzler in seiner Sammlung platonischer Mythen und Gleichnisse den Prometheusmythos aus dem platonischen Protagorasdialog. Wird aber Cassirers Symboltheorie aus diesem Mythos rekonstruiert, so könnte er für diese Analyse programmatisch folgende Betitelung erfahren: „Vom Ursprung der symbolischen Formen“. Dieser Ursprung wird bei Cassirer folgendermaßen beschrieben:

„In der symbolischen Funktion des Bewußtseins, wie sie sich in der Sprache, in der Kunst, im Mythos betätigt, heben sich zuerst aus dem Strom des Bewußtseins bestimmte gleichbleibende Grundgestalten teils begrifflicher, teils rein anschaulicher Natur heraus; an die Stelle des verfließenden Inhalts tritt die in sich geschlossene und in sich beharrende Einheit der Form.“[9]

Betrachtet man diesen Erklärungsansatz, erkennt man bereits die mythologische Struktur dieser Philosophie. Einfach formuliert bedeutet dies: Um den Ursprung der symbolischen Formen zu erläutern, bedarf es bereits selbst eines mythologischen Denkvorgangs. Was mit wissenschaftlichen Maßstäben an der Stelle nur als wahrscheinlich gelten kann, dass kann im Mythos als wahrheitsgemäß gelten. Eine Beschreibung des Ursprungs der symbolischen Formen wird nun anhand des platonischen Prometheusmythos rekonstruiert.

3.1 „Am Anfang war der Mythos“

„Es offenbart sich hierin ein Gesetz, das für alle symbolische Formen in gleicher Weise gilt und das ihre Entwicklung wesentlich bestimmt. Sie alle treten nicht sogleich als gesonderte, für sich seiende und für sich erkennbare Gestaltungen hervor, sondern sie lösen sich erst ganz allmählich von dem gemeinsamen Mutterboden des Mythos los.“[10]

Der Mythos ist gewissermaßen die erste an sich existierende symbolische Form, welche die späteren hervorbringt. Trotzdem sollte sie nicht als zu überwindende Vorstufe gesehen werden, sondern als mythologischer Unterbau.

[...]


[1] Enno Rudolph: Ernst Cassirer im Kontext. Kulturphilosophie zwischen Metaphysik und Historismus, Tübingen: J.C.B. Mohr, 2003, S. 80 (Hinzufügung S.N.)

[2] Günter Peters: Prometheus und die „Tragödie der Kultur“ Goethe – Simmel – Cassirer. in: Cassirer und Goethe, hgg. von Barbara Naumann und Birgit Recki, Berlin: Akademie Verlag, 2002, S. 115

[3] Heinz Paetzold: Die Realität der symbolischen Formen. Die Kulturphilosophie Ernst Cassirers im Kontext, Darmstadt: Wissenschaftliche Buchgesellschaft, 1994, S. 1

[4] vgl. Heinz Paetzold: Die Realität der symbolischen Formen. Die Kulturphilosophie Ernst Cassirers im Kontext, Darmstadt: Wissenschaftliche Buchgesellschaft, 1994, S. 2

[5] Ernst Cassirer: Philosophie der symbolischen Formen. Zweiter Teil: Das mythische Denken, 9., unveränderte Auflage, Darmstadt: Wissenschaftliche Buchgesellschaft, 1994 S. 5

[6] ebd. S. 5

[7] vgl. Ernst Cassirer: Philosophie der symbolischen Formen. Erster Teil: Die Sprache, 10., unveränderte Auflage, Darmstadt: Wissenschaftliche Buchgesellschaft, 1994, S. 31

[8] PRO S. 13

[9] Ernst Cassirer: Philosophie der symbolischen Formen. Erster Teil: Die Sprache, 10., unveränderte Auflage, Darmstadt: Wissenschaftliche Buchgesellschaft, 1994, S. 22

[10] Ernst Cassirer: Sprache und Mythos. – Ein Beitrag zum Problem der Götternamen, in: Cassirer, Ernst: Wesen und Wirkung des Symbolbegriffs, 8., unveränderte Auflage, Darmstadt: Wissenschaftliche Buchgesellschaft, 1994, S. 112 (Hervorhebung S.N.)

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Details

Titel
Über den Ursprung der symbolischen Formen
Untertitel
Der platonische Prometheusmythos und die Philosophie der symbolischen Formen von Ernst Cassirer
Hochschule
Universität Erfurt
Veranstaltung
Mythos Prometheus
Note
1,3
Autor
Jahr
2009
Seiten
12
Katalognummer
V136173
ISBN (eBook)
9783640440962
ISBN (Buch)
9783640440818
Dateigröße
416 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Mythos, Prometheus, Cassirer, Platon, symbolische Formen
Arbeit zitieren
Sebastian Nentwich (Autor), 2009, Über den Ursprung der symbolischen Formen, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/136173

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