Die psychiatrischen Kliniken Schleswig-Hesterberg und Schleswig-Stadtfeld zur Zeit des Euthanasieprogramms des Nationalsozialismus


Hausarbeit (Hauptseminar), 2008

24 Seiten, Note: 2,3


Leseprobe

Inhalt

1. Einleitung

2. Die „Vernichtung lebensunwerten Lebens“ zur Zeit des Nationalsozialismus
2.1. Die Hintergründe des Euthanasieprogrammes
2.2. Die Kinder-„Euthanasie“
2.3. Die Erwachsenen-„Euthanasie“

3. Die Kinder- und Jugendpsychiatrie Schleswig Hesterberg
3.1. Der Hesterberg von 1933 bis 1942
3.2. Die Verlegung der Psychiatrie in die Einrichtung Schleswig Stadtfeld

4. Die Heil- und Pflegeanstalt Schleswig Stadtfeld
4.1. Das Stadtfeld von 1933 bis 1945
4.2. Die Kinderfachabteilung Schleswig
4.3. Die T-4 Transporte aus Schleswig

5. Fazit

6. Literaturverzeichnis
6.1. Quellen
6.2. Sekundärliteratur

1. Einleitung

„In einer Familie waren von 8 Kindern 5 idiotisch. Das kostet der Gemeinde für

ein Mädchen bis zum 22. Lebensjahr 18.125 M

einen Jungen bis zum 17. Lebensjahr 17.407 M

ein Mädchen bis zum 11. Lebensjahr 13.370 M

einen Jungen bis zum 7. Lebensjahr 2.595 M

einen Jungen bis zum 5. Lebensjahr 7.805 M

zusammen: 59.302 M

Das macht, wie schon des öfteren vorgerechnet worden ist, je Jahr und unterstützte Person durchschnittlich 900 – 1000 M. Welche erbgesunde Familie kann in wenigen Jahren für fünf ihrer Kinder fast 60.000 M aufwenden?

Solcher Aufwand für den zahlreichen belasteten Nachwuchs kranker Familien raubt den Begabten gesunder Familien die Mittel für ihr Fortkommen.“[1]

Dieser im Oktober 1933 in den Schleswiger Nachrichten erschienene Artikel unter der Überschrift „Der Hemmschuh“ war keineswegs eine Ausnahmeerscheinung zu Beginn der nationalsozialistischen Herrschaft in Deutschland. Bereits sechs Jahre vor dem eigentlichen Anlaufen der Euthanasiemorde im Jahre 1939 fanden propagandistische Texte ihren Weg in die Alltagsmedien der Bevölkerung. Doch nicht nur in Zeitungen und weiteren Massenmedien[2] wurde mittels typischer nationalsozialistischer Propaganda ein Bild gegen Kranke und Behinderte aufgebaut, sondern es wurde auch im Schulunterricht angewendet. So spiegelt sich vor allem in den Biologie- und Rassekundematerialien die Rassenideologie wieder, aber sogar im Mathematikunterricht wurde mit ähnlichen Aufgaben gearbeitet.[3] Diesen verschiedenen Propaganda-Ansätzen ist jedoch stets gemein, dass sie auf die hohen Kosten der Behandlung der behinderten und psychisch kranken Menschen anspielen. Ebenso werden am Schluss ähnlicher Aufrechnungen und Darstellungen immer positive Maßnahmen hervorgehoben, welche durch einen gleichen Kostenaufwand ermöglicht werden könnten, so z.B. Ehebeihilfen.

Diese Arbeit wird sich mit den Ereignissen um die Euthanasiemorde der Nationalsozialisten in den 30er und 40er Jahren des 20. Jahrhunderts beschäftigen. Hierbei soll im Speziellen die Geschichte der beiden Schleswiger psychiatrischen Einrichtungen, der Fachklinik für Psychiatrie, Neurologie und Rehabilitation Schleswig-Stadtfeld und der Kinder- und Jugendpsychiatrie und Heilpädagogik Schleswig-Hesterberg im besagten Zeitraum detaillierter betrachtet werden.[4]

In dieser Arbeit geht es um eine Darstellung der Geschehnisse in den Schleswiger psychiatrischen Kliniken, allerdings nicht ohne einen kurzen Blick auf die Gesamtereignisse in Deutschland zu werfen, damit der Leser die Schleswiger Ereignisse besser in den Gesamtzusammenhang einordnen kann. Eine vollständige Wiedergabe der Geschehnisse rund um die verschiedenen Phasen des „NS-Euthanasieprogramms“ kann und soll diese Arbeit jedoch nicht leisten. Für einen ausführlichen und gelungenen Überblick sind u. a. die Werke von Ernst Klee[5] und Hans-Walter Schmuhl[6] zu nennen. Im Folgenden ist zu klären, in wie fern das Euthanasieprogramm in Schleswig übernommen und befolgt wurde? Hierbei soll zunächst auf die Geschehnisse in der Kinder- und Jugendpsychiatrie Schleswig-Hesterberg eingegangen werden, um dann nach einer Betrachtung der Vorgänge in der psychiatrischen Klinik Schleswig-Stadtfeld die gemeinsamen Ereignisse nach der Zusammenlegung der beiden Anstalten auf dem Gelände der Einrichtung Stadtfeld im Jahr 1942 zu untersuchen. Dabei ist zu analysieren, was mit den beiden Anstalten und deren Patienten in den 1940er Jahren passierte. Des Weiteren gilt es in den folgenden Kapiteln zu klären, welche Personen in Schleswig an diesen Entwicklungen beteiligt waren. Zudem liegt ein Schwerpunkt auf der eingerichteten „Kinderfachabteilung“ und ihrer Rolle im Euthanasieprogramm, bevor zum Abschluss der Arbeit die Patiententransporte aus Schleswig behandelt werden.

Die Quellen- und Literaturlage zur „Euthanasie“ im Nationalsozialismus in Schleswig ist als ausreichend zu betrachten. Vereinzelte Quellen lassen sich in den Quellensammlungen von Johannes Tuchel[7] aber auch des Städtischen Museums Schleswig[8] finden. Darüber hinaus werden in den Sekundären Schriften die erhaltenen Krankenakten und vorhandenes Briefmaterial eingehend in die Darstellungen einbezogen. Im Bereich der Sekundärliteratur sind besonders die Schriften Harald Jenners[9] als auch eine Veröffentlichung des Schleswig-Holsteinischen Landesarchivs[10] hervorzuheben.

2. Die „Vernichtung lebensunwerten Lebens“ zur Zeit des Nationalsozialismus

2.1. Die Hintergründe des Euthanasieprogrammes

Die Idee, kranke und behinderte Menschen zu töten, um sie von ihrem Leid zu „erlösen“, ist nicht auf die der Nationalsozialisten in den 1930er Jahren in Deutschland zurückzuführen. Nachdem Charles Darwin 1859 sein Buch „Die Entstehung der Arten durch natürliche Zuchtwahl oder Die Erhaltung der begünstigsten Rassen im Kampf ums Dasein“ veröffentlicht hat, kommt es in den darauf folgenden Jahren und Jahrzehnten wiederholt zu Übertragungen seiner Theorien auf den Menschen. Darwins Evolutionstheorien bilden die Grundlage, ein rassenideologisches Bild des Menschen zu erzeugen, in dem kein Platz für Kranke, Verbrecher und anderen ungewünschten Menschen besteht.[11] Bereits vor dem ersten Weltkrieg bilden sich in Deutschland „rassenideologische Gesellschaften“, die sich mit der Zusammensetzung der Gesellschaft beschäftigen und bereits damals eine „positive Bevölkerungspolitik“, d.h. Förderung von gesunden Menschen, fordern sowie Modelle zur Sterilisation von Personen entwickelten.[12]

Nach der Niederlage im ersten Weltkrieg versuchen Wissenschaftler zunehmend ein Bild eines patriotischen mit „Rassegefühl“ begleiteten Volkes zu zeigen. Zahlreiche Schriften erscheinen, die sich mit eugenischen und rassischen Motiven auseinandersetzen.[13] Hierbei spielt auch das Umgehen mit Kranken und Behinderten eine wesentliche Rolle. Neben den Sterilisationsgedanken entstehen vor allem auch Ideen zur „Euthanasie“[14]. Eine entscheidende Rolle bildet das Werk des Juristen Karl Binding und des Psychiaters Alfred Hoche unter dem Titel „Die Freigabe der Vernichtung lebensunwerten Lebens“[15]. Mit Bezug auf den ersten Weltkrieg und die desaströse wirtschaftliche Situation fordern sie die „Lebensverkürzung“ von Kranken und das Töten von geistig und körperlich Behinderten, um Kosten zu sparen. Es entstehen weitere Schriften ähnlichen Charakters.[16]

Somit entsteht in den 1920er Jahren eine weitere Form des Rassismus. Es wird nicht nach Gleichheit, Lebensrecht und Würde beurteilt, sondern es wird neben dem bereits existierenden Antisemitismus zunehmend zwischen scheinbar biologischen Kriterien in „höherwertige“ und „minderwertige“ Menschen eingeteilt. Also richtet sich die in allen Schichten des Volkes entstandene rassistische Ideologie nicht nur nach außen (z.B. gegen Juden, Sinti und Roma), sondern ebenfalls nach innen (z. B. gegen Behinderte, Kranke).[17]

Nachdem Hitler am 30. Januar 1933 Reichskanzler geworden ist, kommt es bereits wenige Monate später am 14. Juli zur Verkündung des „Gesetzes zur Verhütung erbkranken Nachwuchses“. Hierbei kommt es bis zum Ende des zweiten Weltkrieges zu mehr als 500.000 Zwangssterilisationen an körperlich und geistig Behinderten sowie an Häftlingen und Bettlern.[18]

2.2. Die Kinder-„Euthanasie“

Zwar gab es schon in den Jahren vor 1939 Fälle von Euthanasie in den Anstalten, die hauptsächlich auf die stark reduzierte Lebensmittelversorgung und mangelhafte Betreuung zurückzuführen ist,[19] trotzdem gilt als Anfangspunkt des Euthanasieprogramms der „Fall Knauer“. In einer Leipziger Familie wird ein schwerbehindertes Kind geboren und dessen Eltern bringen es zum Universitätsprofessor Werner Catel, einem späteren Angehörigen der Prüfungskommission zur Euthanasie. Nach Catels Meinung wird das Kind schwerstbehindert bleiben. Daraufhin wendet sich der Vater an die Kanzlei des Führers (KdF) mit der Bitte dem Kind den „Gnadentod“ geben zu dürfen. Nachdem Hitlers Begleitarzt Dr. Karl Brandt bei einem Besuch der Klinik das Einverständnis Hitlers überbracht hat, wird das Kind von seinen Leiden „erlöst“.[20]

Binnen weniger Wochen kommt es zur Bildung des „Reichsausschuss zur wissenschaftlichen Erfassung von erb- und anlagebedingten schweren Leiden“ unter der Leitung von Dr. Brandt, dem Augenarzt Helmut Unger, Kinderarzt Dr. Ernst Wetzler, Dr. Hans Heinze, später Leiter der ersten „Kinderfachabteilung“ in Brandenburg Görden, sowie Prof. Catel. Ziel ist die Erfassung behinderter und kranker Kinder[21] bis zu einem Alter von drei Jahren. Im August 1939 ergeht ein Erlass von der KdF zur Erfassung dieser Kinder und es werden Meldebögen an alle Heil- und Pflegeanstalten versandt, die von den behandelnden Ärzten, Krankenschwestern aber auch Hebammen ausgefüllt werden müssen.[22] Diese Meldebögen sind an das Gesundheitsamt zu übersenden und werden dort von einem Amtsarzt überprüft und an den „Reichsausschuss“ übermittelt.[23]

[...]


[1] Schleswiger Nachrichten vom 26.10.1933. Zitiert nach: Städtisches Museum Schleswig (Hg.): Spuren. Schleswig 1920-1945. Von der Demokratie zur Diktatur. Schleswig 1987. S.98.

[2] Ein Beispiel der Propaganda für das „Euthanasieprogramm gibt auch: Hachmeister, Sylke: Kinopropaganda gegen Kranke. Die Instrumentalisierung des Spielfilms „Ich klage an“ für das nationalsozialistische „Euthanasieprogramm“. Baden-Baden 1992. Des Weiteren lassen sich in allen Werken zur Euthanasie im Nationalsozialismus unterschiedlichste Darstellungen zur Propaganda finden.

[3] Vgl.: Dörner, Adolf (Hg.): Mathematik im Dienste der nationalpolitischen Erziehung mit Anwendungsbeispielen aus Volkswissenschaft, Geländekunde und Naturwissenschaft. Frankfurt am Main 1935. S. 42.

[4] Da es im Laufe der Jahre bei beiden psychiatrischen Anstalten zu zahlreichen Namensänderungen gekommen ist, die Anstalten selbst dabei aber im Kern unverändert blieben, werden in vorliegender Arbeit die Bezeichnungen Schleswig-Hesterberg und Schleswig-Stadtfeld verwendet.

[5] Siehe: Klee, Ernst: „Euthanasie“ im NS-Staat. Die „Vernichtung lebensunwerten Lebens“. Frankfurt am Main 1985. Sowie Ders.: Was sie taten – Was sie wurden. Ärzte, Juristen und andere Beteiligte am Kranken – oder Judenmord. Frankfurt am Main 1986.

[6] Siehe: Schmuhl, Hans-Walter. Rassenhygiene, Nationalsozialismus, Euthanasie. Von der Verhütung zur Vernichtung „lebensunwerten Lebens“, 1890-1945. Göttingen 1987.

[7] Siehe: Tuchel, Johannes (Hg.): „Kein Recht auf Leben“. Beiträge und Dokumente zur Entrechtung und Vernichtung „lebensunwerten Lebens“ im Nationalsozialismus. Berlin 1984.

[8] Siehe: Städtisches Museum Schleswig (Hg.): Spuren. Schleswig 1920-1945. Von der Demokratie zur Diktatur. Schleswig 1987.

[9] Siehe: Jenner, Harald: Die Geschichte einer psychiatrischen Klinik. Schleswig-Stadtfeld. Schleswig 1995. Sowie: Ders.: 100 Jahre Krankenhaus Schleswig. Neumünster 1990.

[10] Siehe: Landesarchiv Schleswig-Holstein (Hg.): Der Hesterberg. 125 Jahre Kinder- und Jugendpsychiatrie und Heilpädagogik in Schleswig. Schleswig 1997.

[11] Darwin selbst hat seine Theorie, dass der schlecht Angepasste durch eine natürliche Selektion in der Natur ausstirbt, nur auf die Natur der Pflanzen und Tiere und niemals auf den Menschen bezogen.

Vgl. Klee 1985. S. 15f.

[12] Vgl. Schmuhl 1987. S. 90f.

[13] Vgl. Bästlein, Klaus: Die „Kinderfachabteilung“ Schleswig 1941 bis 1945. In: Schleswig-Holsteinisches Ärzteblatt. Heft 6 (1991) Köln 1991. S. 20.

[14] „Euthanasie“ bedeutet dem griechischem Ursprung nach „guter Tod“. Erst seit dem 20. Jahrhundert wird der Begriff der „Euthanasie“ verstanden als ein Erlösen von einem Leiden. Hierbei ist dennoch weder die analog verwendete Sterbehilfe noch die „Vernichtung lebensunwerten Lebens“ gemeint.

[15] Binding, Karl und Hoche, Alfred: Die Freigabe der Vernichtung lebensunwerten Lebens. Ihr Maß und ihre Form. Leipzig 1920.

[16] Vgl. Klee 1985. S. 19f.

[17] Vgl. Bästlein 1991. S. 23.

[18] Vgl. Klee 1985. S. 36f.

[19] Vgl. Klee 1985. S. 46f.

[20] Vgl. Benzenhöfer, Udo: „Kinderfachabteilungen“ und „NS-Kindereuthanasie“. Wetzlar 2000. S. 8f.

[21] Als meldepflichtig galten Kinder, die u. a. folgende Erkrankungen hatten: Idiotie, Mongolismus, Missbildungen jeder Art, Lähmungen; etc.

[22] Vgl. Klee 1985. S. 78f.

[23] Vgl. Misgajski, Susanna: Geschichte der Kinder- und Jugendpsychiatrie in Schleswig bis 1945. In: Der Hesterberg. 125 Jahre Kinder- und Jugendpsychiatrie und Heilpädagogik in Schleswig. Eine Ausstellung zum Jubiläum der Klinik für Kinder- und Jugendpsychiatrie und Psychotherapie sowie des Heilpädagogikums in Schleswig. Landesarchiv Schleswig-Holstein 19. März bis 5. Juni 1997. Schleswig 1997. S. 42f.

Ende der Leseprobe aus 24 Seiten

Details

Titel
Die psychiatrischen Kliniken Schleswig-Hesterberg und Schleswig-Stadtfeld zur Zeit des Euthanasieprogramms des Nationalsozialismus
Hochschule
Christian-Albrechts-Universität Kiel  (Historisches Seminar)
Veranstaltung
„Auschwitz“ in Geschichte und Gegenwart
Note
2,3
Autor
Jahr
2008
Seiten
24
Katalognummer
V136182
ISBN (eBook)
9783640444151
ISBN (Buch)
9783640444458
Dateigröße
542 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Kliniken, Schleswig-Hesterberg, Schleswig-Stadtfeld, Zeit, Euthanasieprogramms, Nationalsozialismus
Arbeit zitieren
Maik Ruhnau (Autor), 2008, Die psychiatrischen Kliniken Schleswig-Hesterberg und Schleswig-Stadtfeld zur Zeit des Euthanasieprogramms des Nationalsozialismus, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/136182

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