Einleitung
Jedes Individuum durchlebt, angefangen beim Säuglingsalter bis hin zum Sterbealter, verschiedene Phasen, die jeweils als Lebensabschnitte bezeichnet werden können. Das heißt, jedes Individuum gelangt notwendigerweise mit Fortschreiten seines Alters von einem Zustand in einen anderen, teilweise bewusst, teilweise unbewusst. Als Beispiel für einen unumgänglichen Wechsel von einer Lebensphase in die Nächste kann die Phase vom Kindsein zum Mann- oder Frausein angeführt werden. In unserer Gesellschaft bezeichnen wir diese „Übergangsphase“ als „Pubertät“. Übergänge können auch Gruppendynamiken entstehen lassen, das Individuum durchlebt diese Phase im Kollektiv. Diese Art von Übergängen ist insbesondere bei Initiationsriten afrikanischer Gesellschaften zu beobachten. Sie stehen im Gegensatz zu der bei uns allein durchlebten Übergangszeit der Pubertät.
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Anhand verschiedener Beispiele aus unterschiedlichen Kulturen verdeutlicht Turner, welche Bedeutung den Individuen während der Zeit im „Schwellenzustand“ sowohl von der Gesellschaft als auch von den (Mit)Initianten zugesprochen wird, welche Rechte und Pflichten sie haben und wie diese innerhalb ihrer Gruppe miteinander agieren. Weiterhin geht Turner der Frage auf den Grund, in wie weit die Form und Eigenschaften der Übergangsriten Einfluss auf die Erforschung von Kultur und Gesellschaft haben.
In der vorliegenden Arbeit werde ich zuerst Turners Verständnis der Begrifflichkeiten „Übergangritus“, „Schwellenphase“ bzw. „Schwellenzustand“ und „Communitas“ erläutern. Diese werden dann anhand des Beispiels des Franziskaner-Ordens Anwendung finden.
Inhaltsverzeichnis
Einleitung
Übergangsriten
Genneps Dreiphasenmodell der Übergangsriten
Der Schwellenzustand und Eigenschaften der Schwellenwesen
Communitas
Communitas und Sozialstruktur
Spontane, normative und ideologische Communitas
Der Franziskaner Orden – Ein Communitasmodell
Zielsetzung & Themen
Die vorliegende Arbeit setzt sich zum Ziel, Victor Turners Konzepte des Schwellenzustands und der Communitas theoretisch zu erläutern und diese anhand der historischen Entwicklung des Franziskanerordens kritisch zu hinterfragen.
- Grundlagen der Übergangsriten nach Arnold van Gennep
- Die liminale Phase (Schwellenzustand) und ihre soziokulturelle Bedeutung
- Differenzierung der Communitas in ihre verschiedenen Ausprägungsformen
- Das Spannungsfeld zwischen der Unmittelbarkeit der Communitas und einer starren Sozialstruktur
- Fallbeispiel: Franz von Assisi und die Transformation vom Ordensgründer zum normativen System
Auszug aus dem Buch
Der Schwellenzustand und Eigenschaften der Schwellenwesen
Der Neophyt im Schwellenzustand muß einer tabula rasa, einer leeren Tafel gleichen, auf die man das seinen neuen Status betreffende Wissen und die Weisheit der Gruppe schreibt. Die oft körperlichen Torturen und Demütigungen, denen Neophyten unterworfen sind, stellen teilweise die Zerstörung des früheren Status, teilweise Härtetest dar, die sie auf ihre neue Verantwortung vorbereiten und an einem spätere Missbrauch ihrer neuen Privilegien hindern soll.
Personen oder Gruppen, die sich im Schwellenzustand (Liminalität) befinden, fallen durch das Netz der Klassifikationen, die Eigenschaften dieser Personen sind unbestimmt. Sie sind „weder das eine noch das andere.“ Sie verfügen während dieser Übergangszeit über keinen Besitz, weltliche Kleidung oder Status. Nichts an ihnen lässt auf einen bestimmten Rang oder auf eine bestimmte Position innerhalb der Gesellschaft schließen.
Zusammenfassung der Kapitel
Einleitung: Die Einleitung führt in das Thema der rituellen Übergänge ein und verortet die Arbeit im Kontext von Victor Turners Ritualtheorie.
Übergangsriten: Dieses Kapitel definiert Übergangsriten als begleitende Phänomene von Zustands- oder Positionswechseln im Leben eines Individuums.
Genneps Dreiphasenmodell der Übergangsriten: Es wird die Aufteilung der Riten in Trennungs-, Schwellen- und Angliederungsphase erläutert.
Der Schwellenzustand und Eigenschaften der Schwellenwesen: Hier werden die liminalen Merkmale wie Statuslosigkeit, Demut und die Reduktion auf eine tabula rasa beschrieben.
Communitas: Der Begriff wird als ein Gegenpol zur strukturierten Gesellschaft definiert, der durch besondere soziale Verbundenheit charakterisiert ist.
Communitas und Sozialstruktur: Dieses Kapitel beleuchtet den Gegensatz zwischen dem institutionellen Sozialgefüge und der unstrukturierten, egalitären Gemeinschaft.
Spontane, normative und ideologische Communitas: Es wird eine Typologie entwickelt, um die verschiedenen Entwicklungsstadien einer Communitas zu unterscheiden.
Der Franziskaner Orden – Ein Communitasmodell: Anhand der Entstehungsgeschichte des Franziskanerordens wird der Übergang von einer existentiellen zu einer normativen Communitas untersucht.
Schlüsselwörter
Religionsethnologie, Victor Turner, Übergangsriten, Schwellenzustand, Liminalität, Communitas, Sozialstruktur, Franz von Assisi, Franziskanerorden, Neophyt, Initiationsriten, Arnold van Gennep, Soziologie, Gemeinschaft, Ritus
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit behandelt die ethnologische Ritualtheorie von Victor Turner, insbesondere dessen Analyse von Übergangsphasen im Leben von Individuen und Gruppen.
Was sind die zentralen Themenfelder?
Im Zentrum stehen die Konzepte des "Schwellenzustands" (Liminalität) und der "Communitas" sowie deren Abgrenzung zur strukturierten Gesellschaft.
Was ist das primäre Ziel der Untersuchung?
Ziel ist es, Turners theoretische Konstrukte verständlich darzulegen und deren Anwendbarkeit anhand des historischen Beispiels des Franziskanerordens zu prüfen.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Die Autorin nutzt eine theoretische Analyse der Literatur von Victor Turner und wendet diese deduktiv auf das Fallbeispiel des Franziskanerordens an.
Was wird im Hauptteil schwerpunktmäßig behandelt?
Der Hauptteil gliedert sich in eine terminologische Definition der rituellen Phasen und eine Untersuchung der drei Formen der Communitas (spontan, normativ, ideologisch).
Welche Schlagworte charakterisieren die Arbeit?
Die wichtigsten Schlagworte sind Liminalität, Communitas, Sozialstruktur, Übergangsriten und der Franziskanerorden.
Warum wird der Begriff "Communitas" bevorzugt?
Turner bevorzugt den Begriff, um die spezifische, oft egalitäre und unstrukturierte Dynamik innerhalb einer Schwellenphase vom allgemein geläufigen Begriff der "Gemeinschaft" abzugrenzen.
Wie lässt sich der Übergang im Franziskanerorden beschreiben?
Der Orden wandelte sich von einer kleinen Bruderschaft in einer existenziellen Communitas-Phase hin zu einem institutionell stärker strukturierten normativen System.
- Quote paper
- Angela Beyer (Author), 2006, Schwellenzustand und Communitas - Grundgedanken der Kapitel 3 und 4 aus Turners Werk: Das Ritual. Struktur und Antistruktur, Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/136234