In Anbetracht des relativ beachtlichen Erfolgs der Open-Source-Bewegung in jüngster Zeit – z.B. Linux als Betriebssystem und Mozilla/Firefox als Browser, um nur zwei der Bekanntesten zu nennen - lohnt ein Blick darauf, was Open Source Software (OSS) ausmacht, wenn man verstehen möchte, was das Besondere an diesem sozialen Phänomen ist. So erscheint OSS aus (diachroner) ökonomischer Sichtweise als Anachronismus – eine Perspektive, die den meisten Ökonomen abgehen dürfte, da sie von einer Zeit vor dem (globalen) Schutz geistigen Eigentums nichts wissen – oder eben aus heutiger Sicht schlicht als Paradoxon. Beiden Positionen ist gemein, dass sie OSS als das Produkt von irrationalem, altruistischem Verhalten ansehen : eine Erklärung, die seit Mancur Olsons „Die Logik des kollektiven Handelns“ dem geneigten Leser als ebenso obsolet erscheinen mag wie jenen Ökonomen die OSS-Bewegung als unverständlich.
Um nachzuvollziehen, warum OSS-Programmierer ihr geistiges Eigentum (den Quellcode) jedermann frei zugänglich machen und somit vollkommen Fremden bei der Lösung ihrer Probleme helfen, ist es sinnvoll, die dahinterliegenden Motive der OSS-Entwickler zu betrachten und dann erst, mit Hilfe ihrer Antworten, über die Rationalität ihres Handelns zu urteilen. Die vielleicht zunächst etwas profan wirkende Fragestellung dieser Arbeit lautet dementsprechend: Warum beteiligen sich Individuen an OSS? Und daraus abgeleitet: Warum existiert das gesellschaftliche Phänomen der OSS?
Doch bevor sich im Hauptteil dieser Arbeit mit den Fragen der individuellen Motivation auseinandergesetzt wird, ist es notwendig, ein Vorverständnis für OSS zu entwickeln, damit dem Leser bildlich gesprochen „Ross und Reiter“ bekannt sind. Hierzu gehört, einige Begrifflichkeiten zu klären, wie beispielsweise den Begriff der OSS selbst, sowie eine Theorie auszuwählen, die geeignet erscheint, die Ergebnisse des Hauptteils, also die individuellen Motivationen, näher zu beleuchten, um nicht in einer fragmentarischen Aufzählung von Kosten und Nutzen stecken zu bleiben. Falls sich OSS-Entwickler als rational handelnde Individuen erweisen sollten, muss im Fazit auch auf die Implikationen ihrer Wahl des geistigen Eigentumsschutzes für bestehende Schutzmechanismen (Copyright) eingegangen werden. Es wird also anhand von OSS als spezieller Bereich der Wissensökonomie exemplarisch die Frage beantwortet, ob Copyright in Anbetracht der veränderten technischen Möglichkeiten noch zeitgemäß ist.
Inhaltsverzeichnis
1. Einleitung
2. Was ist OSS und warum konnte sie entstehen ?
3. Der Rational Choice Ansatz der Ökonomik
4. OSS – Nutzen und Kosten
5. Fazit: OSS als gesellschaftliches Phänomen
6. Literaturverzeichnis
Zielsetzung und Themen der Arbeit
Die vorliegende Arbeit untersucht die Open-Source-Bewegung aus der theoretischen Perspektive der Rational Choice Theorie, um zu ergründen, warum Individuen ihre Zeit und ihr Wissen unentgeltlich für die Entwicklung freier Software investieren. Das primäre Ziel ist es, die individuellen Motivationsstrukturen der Programmierer aufzuzeigen und die Frage zu klären, ob die Partizipation an OSS-Projekten als rationales Handeln im Sinne des homo oeconomicus interpretiert werden kann, sowie welche Auswirkungen dies auf den zeitgemäßen Umgang mit geistigem Eigentum hat.
- Analyse individueller Motivationen für die Beteiligung an Open-Source-Projekten
- Anwendung der Rational Choice Theorie auf kollaborative Wissensproduktion
- Untersuchung der Nutzen- und Kostenfaktoren aus Sicht der Softwareentwickler
- Bewertung der ökonomischen Rationalität im Kontext von Open Source
- Diskussion der Implikationen für bestehende Copyright-Modelle und geistige Eigentumsrechte
Auszug aus dem Buch
4. OSS – Nutzen und Kosten
Fragt man OSS-Programmierer nach ihrer Motivation, so überrascht zunächst einmal die schiere Fülle der unterschiedlichen Antworten, die man erhält. Offenbar ist die Anreizstruktur von OSS prinzipiell offen für ganz unterschiedliche Motivationen, die fast nur das gemeinsame Ziel verbindet. Diese zu ordnen und ggf. einzelne Antwortcluster ausfindig zu machen, ist das Anliegen dieser Arbeit. Weiterhin sollen Kosten identifiziert werden, die eine Teilnahme erschweren oder verunmöglichen. Grundlage der aggregierten Zahlen ist ein Fragenkatalog der mittels Internet an eine große Zahl von Entwicklern übermittelt wurde und nach Abzug aller Abweichungen die Antworten von 684 Entwicklern aus 287 unterschiedlichen OSS-Projekten repräsentiert. Der Nutzen von OSS aus Entwicklersicht zeigt sich im Rahmen der Rational Choice Theorie am deutlichsten in den am häufigsten genannten Motiven für eine Beteiligung an eben solchen Projekten. Wie in Punkt 2 schon angedeutet, kommen hierbei sowohl extrinsische wie auch intrinsische Motive zum Tragen.
Begonnen wird mit den Motiven, die auf eine (indirekte) Belohnung abzielen, d.h. auf einen „ökonomischen bzw. extrinsischen Nutzen“: Da eine direkte finanzielle Entlohnung bei OSS-Entwicklern die absolute Ausnahme ist, die nur auf zwei Prozent der Befragten zutrifft, steht bei mehr als 58 Prozent der Befragten an erster Stelle der Wunsch nach einer bestimmten Softwareanwendung und die Möglichkeit sich mit OSS diesen Wunsch alleine oder im Verbund zu erfüllen. Interessant ist, dass OSS hier häufig die Versäumnisse von Closed Source Software (CSS) zu beheben scheint, denn mehr als die Hälfte der Befragten, die OSS für eine bestimmte Anwendung entwickeln, brauchen diese für ihre reguläre Arbeit.
Zusammenfassung der Kapitel
1. Einleitung: Die Einleitung beleuchtet den Erfolg von Open Source Software als gesellschaftliches Phänomen und führt in die zentrale Forschungsfrage ein, ob OSS-Entwickler als rational handelnde Individuen betrachtet werden können.
2. Was ist OSS und warum konnte sie entstehen ?: Dieses Kapitel definiert OSS, erläutert die Rolle des Internets als technologische Grundlage und beschreibt die Bedeutung von Lizenzmodellen wie dem Copyleft.
3. Der Rational Choice Ansatz der Ökonomik: Es werden die theoretischen Grundlagen des methodologischen Individualismus und des Nutzenmaximierers (homo oeconomicus) dargelegt, die als analytischer Rahmen für die Untersuchung von OSS dienen.
4. OSS – Nutzen und Kosten: Hier erfolgt eine detaillierte Analyse der empirischen Motivationsstrukturen, unterteilt in extrinsische und intrinsische Anreize sowie die Identifizierung von Barrieren und Kostenfaktoren.
5. Fazit: OSS als gesellschaftliches Phänomen: Das Fazit fasst die Ergebnisse zusammen und diskutiert, inwiefern OSS als funktionierendes neues Modell geistigen Eigentums eine Herausforderung für traditionelle Copyright-Konzepte darstellt.
6. Literaturverzeichnis: Verzeichnis der in der Arbeit zitierten Quellen und verwendeten wissenschaftlichen Publikationen.
Schlüsselwörter
Open Source Software, Rational Choice Theorie, homo oeconomicus, geistiges Eigentum, Copyright, Motivation, Wissensökonomie, methodologischer Individualismus, extrinsische Anreize, intrinsische Motivation, Copyleft, Softwareentwicklung, kollektives Handeln, Netzökonomie, Partizipation.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in der Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit analysiert die Open-Source-Bewegung aus einer politikwissenschaftlich-ökonomischen Perspektive, insbesondere unter der Anwendung der Rational Choice Theorie.
Was sind die zentralen Themenfelder der Arbeit?
Zentrale Themen sind die Anreizstrukturen für Softwareentwickler, das Zusammenspiel von individuellen Nutzenkalkülen und kollektiven Projekterfolgen sowie die Frage nach der Zukunft des geistigen Eigentums.
Was ist das primäre Ziel oder die Forschungsfrage?
Die Forschungsfrage lautet, warum sich Individuen trotz fehlender direkter monetärer Entlohnung aktiv an der Entwicklung von Open Source Software beteiligen und ob dieses Verhalten ökonomisch rational erklärbar ist.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Die Autorin verwendet die Rational Choice Theorie als methodisches Werkzeug, um menschliches Verhalten im Kontext kollektiver Handlungen und individueller Kosten-Nutzen-Abwägungen zu deuten.
Was wird im Hauptteil behandelt?
Im Hauptteil werden nach einer theoretischen Einbettung vor allem empirische Daten zu Motivationen (extrinsisch vs. intrinsisch) und die identifizierten Kostenfaktoren der OSS-Teilnahme analysiert.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Die zentralen Begriffe umfassen Rational Choice, Open Source Software, geistiges Eigentum, Anreizstrukturen und Wissensökonomie.
Ist die Teilnahme an einem Open-Source-Projekt für einen Programmierer immer rational?
Nach der Argumentation der Arbeit handelt das Individuum rational, wenn es nach Abwägung aller Vor- und Nachteile, einschließlich nicht-monetärer Vorteile wie Reputationsgewinn oder persönlicher Weiterentwicklung, den eigenen Nutzen maximiert.
Welche Rolle spielt das Copyright in dieser Untersuchung?
Das Copyright dient als Kontrastpunkt, wobei die Arbeit untersucht, ob durch die neuen technischen Möglichkeiten der OSS-Modelle eine Veränderung oder Neuinterpretation bestehender Eigentumsrechte notwendig oder sinnvoll erscheint.
- Quote paper
- Anonym (Author), 2008, Open Source Software aus Sicht der Rational Choice Theorie, Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/136245