Open Source Software aus Sicht der Rational Choice Theorie


Hausarbeit (Hauptseminar), 2008
15 Seiten, Note: 2,0
Anonym

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Was ist OSS und warum konnte sie entstehen ?

3. Der Rational Choice Ansatz der Ökonomik

4. OSS – Nutzen und Kosten

5. Fazit: OSS als gesellschaftliches Phänomen

6. Literaturverzeichnis

1. Einleitung

In Anbetracht des relativ beachtlichen Erfolgs der Open-Source-Bewegung in jüngster Zeit[1] – z.B. Linux als Betriebssystem und Mozilla/Firefox als Browser, um nur zwei der Bekanntesten zu nennen - lohnt ein Blick darauf, was Open Source Software (OSS) ausmacht, wenn man verstehen möchte, was das Besondere an diesem gesellschaftlichen Phänomen ist. So erscheint OSS aus (diachroner) ökonomischer Sichtweise als Anachronismus – eine Perspektive, die den meisten Ökonomen abgehen dürfte, da sie von einer Zeit vor dem (globalen) Schutz geistigen Eigentums nichts wissen – oder eben aus heutiger Sicht schlicht als Paradoxon. Beiden Positionen ist gemein, dass sie OSS als das Produkt von irrationalem, altruistischem Verhalten ansehen[2]: eine Erklärung, die seit Mancur Olsons „Die Logik des kollektiven Handelns“[3] dem geneigten Leser als ebenso obsolet erscheinen mag wie jenen Ökonomen die OSS-Bewegung als unverständlich.

Um nachzuvollziehen, warum OSS-Programmierer ihr geistiges Eigentum (den Quellcode) jedermann frei zugänglich machen und somit vollkommen Fremden bei der Lösung ihrer Probleme helfen, ist es sinnvoll, die dahinterliegenden Motive der OSS-Entwickler zu betrachten und dann erst, mit Hilfe ihrer Antworten, über die Rationalität ihres Handelns zu urteilen. Die vielleicht zunächst etwas profan wirkende Fragestellung dieser Arbeit lautet dementsprechend: Warum beteiligen sich Individuen an OSS? Und daraus abgeleitet: Warum existiert das gesellschaftliche Phänomen der OSS?

Doch bevor sich im Hauptteil dieser Arbeit mit den Fragen der individuellen Motivation auseinandergesetzt wird, ist es notwendig, ein Vorverständnis für OSS zu entwickeln, damit dem Leser bildlich gesprochen „Ross und Reiter“ bekannt sind. Hierzu gehört, einige Begrifflichkeiten zu klären, wie beispielsweise den Begriff der OSS selbst, sowie eine Theorie auszuwählen, die geeignet erscheint, die Ergebnisse des Hauptteils, also die individuellen Motivationen, näher zu beleuchten, um nicht in einer fragmentarischen Aufzählung von Kosten und Nutzen stecken zu bleiben. Falls sich OSS-Entwickler als rational handelnde Individuen erweisen sollten, muss im Fazit auch auf die Implikationen ihrer Wahl des geistigen Eigentumsschutzes für bestehende Schutzmechanismen (Copyright) eingegangen werden. Es wird also anhand von OSS als spezieller Bereich der Wissensökonomie exemplarisch die Frage beantwortet, ob Copyright in Anbetracht der veränderten technischen Möglichkeiten noch zeitgemäß ist.

2. Was ist OSS und warum konnte sie entstehen ?

Die wichtigste technologische Vorraussetzung für das Entstehen von OSS war die Entwicklung des Internets in der zweiten Hälfte des letzten Jahrhunderts. Es ermöglichte erstmals eine verzugsfreie globale Kommunikation von Softwareentwicklern, die durch die Vernetzung kooperative Programmierformen entwickeln konnten.[4] Mit seiner zunehmenden Verbreitung in den 90er Jahren wurde ein weiterer Schritt Richtung „Demokratisierung von Informationstechnologien“ möglich: Anwender und Konsumenten konnten sich zunehmend von proprietärer Software emanzipieren und selbst zu Entwicklern werden, einen entsprechenden Ehrgeiz und Leidensdruck vorrausgesetzt. D.h. die technologische Grundlage von OSS war und ist das Internet.

Auf diesem gesellschaftlichen Hintergrund entwickelte sich der Begriff „Open Source“ (OS) als ein Sammelbegriff für Software, die unter einer von der „Open Source Initiative“ (OSI) anerkannten Lizenz steht. Die OSI beurteilt die insgesamt etwa 200 unterschiedlichen OS-Lizenzen nach den Kriterien der OS-Definition. Das Gemeinsame aller unter OSI verfügbaren Lizenzen ist ihre Quelloffenheit als Voraussetzung für die Verarbeitung und Weiter-verbreitung von OSS. Die Hauptcharakteristika der Open Source Definition der OSI – und damit von OSS generell - sind daher: Der Quelltext, i.e. die Software, liegt in einer für den Menschen lesbaren und verständlichen Form vor, d.h. nicht nur als reiner (unleserlicher, kompillierter) Binärcode, sondern in der Form einer höheren, für den Entwickler verständlichen, Programmiersprache. Weiterhin darf OSS per Definition beliebig kopiert, verbreitet und genutzt werden und dies fast gänzlich ohne Nutzungsbeschränkungen (siehe Copyleft) oder Zahlungsverpflichtungen. Zuletzt ist OSS dadurch charakterisiert, dass es jedermann offen steht, sie zu verändern und sie in veränderter Form weiterzugeben. Auch diese Weitergabe bleibt lizenzfrei.[5] Unterschiede zwischen OS-Lizenzen ergeben sich fast ausschließlich aus der mehr oder weniger strikten Handhabung des von Richard Stallmann in Anlehnung an das Copyright geprägten Begriffs „Copyleft“. Dieser besagt in der strengen Variante, dass sämtliche Änderungen und Weiterentwicklungen einer OSS nur unter der gleichen Lizenz erfolgen dürfen. Daneben gibt es jedoch auch OS-Lizenzen, die Copyleft weniger restriktiv interpretieren und solche, die ganz darauf verzichten.[6]

Innerhalb dieses Rahmens wird der Begriff der OSS dem der Free/Libre Software vorgezogen, weil bei OSS „vor allem pragmatische Aspekte wie Nützlichkeit, Funktionalität, Zuverlässigkeit und Effizienz von Software“[7] im Vordergrund stehen. Der ideologische Aspekt von Free/Libre Software hingegen ist nicht vereinbar mit dem in dieser Arbeit verwendeten Rational Choice Ansatz, welcher keine Ismen kennt. Da sich die Lizenzen dieser Software inhaltlich sowieso kaum unterscheiden, werden sie im Folgenden synonym verwendet.

3. Der Rational Choice Ansatz der Ökonomik

Zur Erklärung kollektiven Verhaltens wird in der Neuen Politischen Ökonomie meist auf Theorien des Methodologischen Individualismus zurückgegriffen, welche Makro-Phänomene auf individuelles Verhalten zurückführen. Die Brücke zwischen diesen beiden Untersuchungsebenen bildet das zugrundeliegende Akteursmodell des Nutzenmaximierers (homo oeconomicus), des Individuums, das sich eben genau in diesem Sinne rational verhält.

Mit der Festlegung des Akteursmodells ist die Wahl des Ansatzes (innerhalb des Methodologischen Individualismus) getroffen. Es erscheint sinnvoll, zur Untersuchung der OSS- Bewegung den Rational Choice Ansatz der Ökonomik, also „die Methode zur Analyse menschlichen Verhaltens“[8] zu verwenden, die zudem eine lange Tradition in der Untersuchung der Bereitstellung von öffentlichen Gütern und Eigentumsrechten hat. Mit diesem Ansatz gehen einige Grundannahmen einher, die im Folgenden kurz skizziert werden, oder wenn sie bereits genannt wurden, weiterer Ausführungen bedürfen.

Am Anfang steht die Annahme, dass ökonomische Tatsachen auf individuelle Handlungen zurückgeführt werden können. Das hier zu erklärende Makro-Phänomen ist die Existenz bzw. das Entstehen von OSS aus der ökonomischen Situation des Individuums heraus. Durch die Begrenztheit dieser Arbeit kommen als Akteure nur sich aktiv in die OSS-Bewegung einbringende Programmierer, über die bereits aggregierte Datensätze vorliegen, in Betracht. Hier gilt das Credo Wiesenthals: „Auf die Thematisierung von Entscheidungen kann sicherlich verzichtet werden, wenn man Handlungspfade oder institutionelle Gleichgewichte identifiziert hat, die dass kollektive Handeln (...) festschreiben und Handlungsalternativen gar nicht wahrgenommen werden.“[9] Daher werden die marktwirtschaftlichen Anreizstrukturen der künstlichen Güterverknappung, die proprietärer Software zugrunde liegen, beim Leser vorausgesetzt und im Folgenden nur noch erwähnt, insofern sie zur Beschreibung der sozialen Situation der Akteure oder zur Kontrastierung mit der OSS dienen. Weiterhin können mit diesem eingeschränkten Akteursfeld keine Aussagen über OSS aus (reiner) Nutzersicht getroffen werden. Auch wird auf die relativ geringe Anzahl namenhafter Firmen, die die Kommerzialisierung von OSS als Businessmodell vorantreiben (u.a. Sun, IBM, RedHat) nicht weiter eingegangen, da hier nur das Produkt OS ist, die zugrundeliegende Anreizstruktur für Entwickler aber eine rein monetäre Form aufweist.[10] Vereinfacht ausgedrückt ist der unbezahlte, sich freiwillig in der Grauzone zwischen Arbeit und Freizeit einbringende Akteur Untersuchungsgegenstand dieser Arbeit, denn „almost two-thirds of FLOSS [Free/Libre/Open Source Software, Anm. d. A.] software is still written by individuals.“[11]

Die nächste Grundannahme ist, dass die o.g. individuelle Handlung „aktive Teilnahme an mindestens einem OSS Projekt“ auf einer Entscheidung beruht, die rational getroffen wurde (rationale Wahlen). Eine Wahl gilt dann als rational, wenn sie nach den jeweils effektiv gegebenen Handlungsalternativen unter Berücksichtigung aller damit verbundenen Vor- und Nachteile den Präferenzen des abwägenden Individuums am meisten entspricht, d.h. seinen zu erwartenden Nutzen maximiert und/oder die erwarteten Kosten minimiert.[12] Hierbei ist die Idee, soziale Interaktionen, d.h. Handlungen, an denen mehr als ein Individuum beteiligt sind, im Allgemeinen als Tauschvorgänge zu interpretieren, zentral. Damit ist jedoch nicht gesagt, dass Anreize immer nur monetärer Art sein müssen: „sie können auch in sozialer Anerkennung bestehen, oder darin, vor sich selbst bestehen zu können.“[13] Diese scheinbare Aufweichung des Modells homo oeconomicus[14] stellt aus heuristischer Sicht kein Problem dar, solange das Verhalten aus allgemein menschlichen Zielen bzw. Bedürfnissen erklärbar bleibt.[15] Diese Entscheidung ist sogar notwendig, um starke intrinsische „Anreize“, wie sie z.B. in den Ergebnissen einer Studie zum Open Source Marketing[16] identifiziert wurden, mit erfassen zu können.

Weiterhin wird im Rahmen dieser Arbeit davon ausgegangen, dass die Entscheidungstheorie im weiteren Sinne (strategische Wahl / Spieltheorie) ein erfolgversprechender Weg ist, um den Abwägungsprozess und die damit verknüpften Präferenzen der Akteure umfassend zu beschreiben. Damit wird behauptet, dass die Entscheidung an einem OSS-Projekt teilzunehmen durch die Entscheidungen anderer Akteure beeinflusst werden kann und auch die eigene Wahl andere Akteure potentiell direkt beeinflusst. Die Umwelt ist damit kein fester Parameter im Handlungskalkül, da die Akteure ihre Teilnahmeentscheidungen möglicher-weise aus strategischen Gründen fällen.

[...]


[1] Vgl. Ghosh 2006: 11.

[2] Vgl. Golden 2005: 11.

[3] Olson 1968.

[4] Vgl. Dannehl 2008: 9.

[5] Für den vollständigen Wortlaut der Definition, siehe: http://www.opensource.org/docs/definition.php

(Version 1.9 am 01.10.08).

[6] Vgl. http://www.heise.de/open/Open-Source-Lizenzen--/artikel/75786 (01.10.08).

[7] Tepe / Hepp 2008: 174.

[8] Kunz / Druwe 1994: 9.

[9] Wiesenthal 1997: 68.

[10] Vgl. Bärwollf 2008: 75.

[11] Ghosh et al. 2006 : 9.

[12] Vgl. Zimmerling 1994: 16.

[13] Suchanek 1993: 12.

[14] homo socio-oeconomicus wäre hier der korrekte Begriff wie ihn S. Lindenberg (1990) geprägt hat.

[15] Vgl. Suchanek 1993: 13.

[16] Wiedmann et al. 2008: 106.

Ende der Leseprobe aus 15 Seiten

Details

Titel
Open Source Software aus Sicht der Rational Choice Theorie
Hochschule
Johannes Gutenberg-Universität Mainz
Note
2,0
Jahr
2008
Seiten
15
Katalognummer
V136245
ISBN (eBook)
9783640434039
Dateigröße
464 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Open, Source, Software, Sicht, Rational, Choice, Theorie
Arbeit zitieren
Anonym, 2008, Open Source Software aus Sicht der Rational Choice Theorie, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/136245

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