Wenn das Augenmerk auf Frauen im Lehrberuf gelegt wird, bedeutet das, dass die Kategorie Geschlecht in Erörterungen Einzug gehalten hat, die außerhalb des eigentlich biologisch-wissenschaftlichen Rahmens stattfinden, weil sie gesellschaftliche Topoi diskutieren. Geschlecht als solches gestaltet sich recht facettenreich je nach Diskussionsrichtung. Im Zusammenhang mit dem Lehrberuf geschieht aber auch immer eine – bewusste oder unbewusste – Wertung, welche weder positiv für die Frauen noch für deren Arbeit ausfällt.
Nahezu überall in Politik und Medien kursieren Fragen, die unter dem Deckmantel der Fachkundigkeit problematisieren, ob Erziehung „Weibersache“ wird oder gar schon ist, und so die Arbeit von Frauen degradieren.
Was verbindet man mit Feminisierung des Lehrberufs also? Warum ist das Hervorheben des Geschlechts für einen Beruf und im Alltag scheinbar relevant? Teil I dieser Arbeit wird allgemeine Arbeitsdefinitionen für die „Feminisierung“ sowie „Geschlecht“ formulieren. Um diese Elemente und die folgende Diskussion des Leitthemas fundieren zu können, schließt sich außerdem eine Einordnung der Sozialisationsbegrifflichkeit an, die für die Instanz der Schule und geschlechtliche Ausprägung präzisiert werden soll.
Was genau bedeuten jedoch Forderungen nach mehr Männern im Schulsystem und warum wird die so genannte Feminisierung angeklagt, verurteilt und hinzurichten versucht?
Der Beantwortung dieser Fragen und vieler, die sich innerhalb meiner Darlegung ergeben werden, soll sich die vorliegende Arbeit annehmen. Dabei wird zum einen eruiert, inwiefern und ob tatsächlich ein Zuviel an Lehrerinnen existiert. Hierfür wird ein sozialgeschichtlicher Abriss über Frauen im Lehrberuf Grundlage des Teils II sein, der der unterstellten Übernahme des Berufsfeldes durch Frauen historisch begegnet und die Feminisierung so auch aktuell zu verorten weiß. Auf dieser Basis gestaltet sich die anschließende konkrete Erörterung der ‚Verweiblichung’ der Schule. Dazu werden Datensätze aus Sachsen zur Illustration verwendet sowie in Beziehung zu deutschlandweiten gesetzt.
Den anderen thematische Schwerpunkt bildet der Umgang mit Geschlecht in der pädagogischen Praxis, der im Teil III aufbereitet wird: Bildung ist nur dann wirklich eine erfolgreiche, wenn sie nicht einengt und für niemanden Chancen verbaut oder Möglichkeiten offen lässt. Deswegen soll am Ende der Ausarbeitung ein Konzept für den Umgang mit Geschlecht in pädagogischer Praxis beschrieben werden.
Inhaltsverzeichnis
1. Einleitung
Teil I – Theoretische Grundlagen
2. Zum Begriff „Feminisierung“
3. Arbeitsdefinition zur Kategorie ‚Geschlecht’
4. Sozialisation
4.1 Allgemeine Arbeitsdefinition
4.2 Schulische Sozialisation
4.3 Geschlechtsspezifische Sozialisation
Teil II – Feminisierung
5. Sozialgeschichtlicher Abriss: Frauen im Lehrberuf
5.1 Frauen im Lehrberuf ab dem 19. Jahrhundert
5.1.1 Veränderungen der sozialen und familialen Position der Frau
5.1.2 Lehrerinnen im Spannungsfeld von Vorurteilen
5.1.3 Stand, Ausbildung und Arbeitsmarkt der Lehrerinnen
5.1.4 Lehrerinnenzölibat
5.2 Frauen im Lehrberuf zur Zeit der Weimarer Republik
5.3 Frauen im Lehrberuf zur Zeit des Nationalsozialismus
5.4 Frauen im Lehrberuf in der Nachkriegszeit bis in die 1950er Jahre
5.5 Frauen im Lehrberuf seit den 1960er Jahren
6. Feminisierung
6.1 Feminisierung – Geschichtliche Verortung
6.2 Feminisierung ab der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts
6.2.1 Vorbemerkungen
6.2.2 Berufswahlmotivation von Frauen für den Lehrberuf
6.3 Feminisierung – aktuell diskutiert
6.3.1 Horizontale Verteilung
Beschäftigungsart
Schultyp
Schulfächer
6.3.2 Vertikale Verteilung
6.4 Zusammenfassung
Teil III – Geschlecht in pädagogischer Praxis
7. „Geschlecht“ in pädagogischer Praxis
7.1 Schulstruktur Koedukation – Gewinnerinnen und Verlierer?
7.2 Geschlechtsdifferenzen als problematische Grundlage der Pädagogik
7.3 Heimlicher Lehrplan: Geschlechtsstereotype und Unterricht
8. Geschlechtersensibler und –gerechter Unterricht
9. Abschließende Erörterung
Zielsetzung & Themen
Die Arbeit untersucht kritisch die Debatte um die sogenannte „Feminisierung“ des Lehrberufs, hinterfragt die zugrunde liegenden gesellschaftlichen Stereotype über Geschlechterrollen und entwickelt auf dieser Basis Ansätze für eine geschlechtersensible pädagogische Praxis.
- Historische Analyse der Lehrerinnentätigkeit und der Entwicklung von Frauenbildern im Bildungssystem.
- Kritische Auseinandersetzung mit der Begrifflichkeit „Feminisierung“ und deren Abwertung weiblicher Berufsfelder.
- Untersuchung der horizontalen und vertikalen Verteilung von Frauen im Lehrberuf anhand statistischer Daten.
- Analyse des Einflusses des „heimlichen Lehrplans“ auf die Geschlechtersozialisation von Schülern und Schülerinnen.
- Entwicklung eines Konzepts für einen geschlechtersensiblen und -gerechten Unterricht.
Auszug aus dem Buch
1. Einleitung
Wenn das Augenmerk auf Frauen im Lehrberuf gelegt wird, bedeutet das, dass die Kategorie Geschlecht in Erörterungen Einzug gehalten hat, die außerhalb des eigentlich biologisch wissenschaftlichen Rahmens stattfinden, weil sie gesellschaftliche Topoi diskutieren. Geschlecht als solches gestaltet sich recht facettenreich, es liegt „in all [seinen; J.W.] biologischen und sozialen Aspekten […] quer zu den Disziplinen des Wissenschaftssystems und ist zugleich ein Stachel im Fleisch jeder einzelnen Disziplin und in jeder auch disziplinspezifisch auszuprägen“. Dass dabei unweigerlich eine Mischung der Ansätze je nach Diskussionsrichtung entsteht, ist vielleicht noch nachvollziehbar, doch geschieht beim Aufgreifen von Frauen im pädagogischen Berufsfeld auch immer eine – bewusste oder unbewusste – Wertung, welche weder positiv für die Frauen noch für deren Arbeit ausfällt. Diskussionen, die nahezu dreist danach fragen, ob Erziehung „Weibersache“ wird oder gar schon ist, kursieren in mannigfacher Ausführung in Medien und Politik und problematisieren unter dem Deckmantel der Fachkundigkeit die Arbeit von Frauen im Feld der Pädagogik.
Was verbindet man mit einer Feminisierung des Lehrberufs also? Warum ist das Hervorheben des Geschlechts für einen Beruf scheinbar relevant? Und aus welchem Grund wird so häufig die Unabänderbarkeit festgefahrener, geschlechtlicher Muster geglaubt und gelebt? Die Tendenz der Geschlechter, sich immer weiter anzunähern oder besser: eine individuelle Ausprägung anzustreben, welche sich inzwischen auf nahezu allen Ebenen des Alltags nachweisen lässt, wird offenbar ignoriert. Dieser Entwicklung beipflichtend ergeben Studien, dass eine solche, androgyn anmutende Lebensweise physische wie psychische Gesundheit fördert. Entgegengesetzt zu realen Entwicklungen und offenkundigen Vorteilen, bleiben also Menschen in ihrem stereotypen Denken verhaftet und geben so immer wieder diese Vorstellungen weiter. Problematisch ist dies für mich, weil nicht nur eine Überorientierung, sondern auch eine wesentliche Einschränkung in der individuellen Entwicklung von Kindern auf diese Weise vonstatten geht, denn die vorgefertigten Bilder, wie Frauen und wie Männer und demzufolge auch das sich entwickelnde Kind zu sein haben, entsprechen häufig und verständlicherweise nicht den Vorstellungen der Einzelnen. Als Erziehungsmaxime bietet sich schon deswegen die Zweigeschlechtigkeit nicht an.
Zusammenfassung der Kapitel
1. Einleitung: Die Einleitung legt das Fundament für die Auseinandersetzung mit der Feminisierung des Lehrberufs und hinterfragt die damit verbundenen, oft stereotypen gesellschaftlichen Diskursmuster.
2. Zum Begriff „Feminisierung“: Dieses Kapitel dekonstruiert den negativ konnotierten Begriff „Feminisierung“ und hinterfragt seine Anwendung im bildungswissenschaftlichen Kontext sowie die Abwertung weiblicher Arbeit.
3. Arbeitsdefinition zur Kategorie ‚Geschlecht’: Hier wird Geschlecht als kulturelle, soziale und persönliche Konstruktion definiert, um die Grundlage für die weiteren Analysen zu schaffen.
4. Sozialisation: Es erfolgt eine theoretische Einbettung der Sozialisation als fortlaufender Prozess, unterteilt in allgemeine Definition, Schule als Einflussfaktor und geschlechtsspezifische Aspekte.
5. Sozialgeschichtlicher Abriss: Frauen im Lehrberuf: Dieses Kapitel beleuchtet historisch die Entwicklung von der Lehrtätigkeit durch Frauen ab dem Mittelalter bis in die 1960er Jahre und zeigt den steten Kampf gegen Diskriminierung auf.
6. Feminisierung: Eine Analyse der aktuellen Situation und der statistischen Verteilungen von Lehrkräften, die das Narrativ der „Feminisierung“ differenziert und kritisch hinterfragt.
7. „Geschlecht“ in pädagogischer Praxis: Untersuchung des Umgangs mit Geschlecht im Schulalltag, der Koedukation und der Wirkung des „heimlichen Lehrplans“.
8. Geschlechtersensibler und –gerechter Unterricht: Entwicklung eines pädagogischen Ansatzes, der individuelle Lebenskonzepte fördert, anstatt in starren Geschlechterstereotypen zu verharren.
9. Abschließende Erörterung: Zusammenfassendes Fazit, das die Notwendigkeit eines Wandels betont und den Fokus weg von Geschlechterdifferenzen hin zur individuellen Entfaltung lenkt.
Schlüsselwörter
Feminisierung, Lehrberuf, Geschlechtersozialisation, pädagogische Praxis, Geschlechterrolle, Stereotype, Koedukation, Schulalltag, Berufsbiografie, Gender, Bildungsgerechtigkeit, Diskriminierung, Lehrerinnenzölibat, pädagogische Professionalität, Schulentwicklung.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit analysiert kritisch den Diskurs um die „Feminisierung“ des Lehrberufs, stellt historische und aktuelle Zusammenhänge dar und hinterfragt die einseitige Zuschreibung weiblicher und männlicher Rollen im pädagogischen Kontext.
Was sind die zentralen Themenfelder der Untersuchung?
Zentrale Themen sind die Sozialgeschichte der Lehrerinnen, die Analyse von Geschlechterstereotypen in der Schule, die Bedeutung der Koedukation sowie die kritische Reflexion des „heimlichen Lehrplans“.
Was ist das primäre Ziel der Arbeit?
Ziel ist es, die negative Konnotation des Begriffs „Feminisierung“ zu entlarven, die tatsächliche Verteilungssituation an Schulen differenziert darzustellen und praxeologische Ansätze für einen geschlechtersensiblen Unterricht zu formulieren.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Die Autorin nutzt eine sozialgeschichtliche Analyse sowie eine soziologische Auseinandersetzung mit Sozialisationstheorien und wertet empirische Statistiken zur Lehrerverteilung in Deutschland und Sachsen aus.
Was wird im Hauptteil behandelt?
Der Hauptteil gliedert sich in eine historische Analyse der Frauenrolle im Lehrberuf, eine quantitative Untersuchung der horizontalen und vertikalen Lehrerverteilung und eine pädagogische Erörterung von Geschlecht in der Unterrichtspraxis.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit am besten?
Wichtige Begriffe sind Feminisierung, Lehrberuf, Geschlechtersozialisation, Stereotype, Koedukation, pädagogische Professionalität und Bildungsgerechtigkeit.
Warum wird speziell das Beispiel Sachsen in der Analyse verwendet?
Sachsen dient als Beispiel, da es als neues Bundesland eine spezifische Struktur in der Besetzung von Schulleitungspositionen aufweist, die das sonst übliche Übergewicht von Männern in diesen Ämtern in Frage stellt.
Welche Schlussfolgerung zieht die Autorin bezüglich des „heimlichen Lehrplans“?
Sie schlussfolgert, dass der „heimliche Lehrplan“ durch unbewusste Erwartungen und Interaktionen maßgeblich zur Manifestierung von Geschlechterstereotypen beiträgt und somit den angestrebten Bildungszielen für beide Geschlechter entgegenwirkt.
Wie bewertet die Autorin das Konzept der Koedukation?
Sie erkennt zwar das emanzipatorische Engagement hinter der Koedukation an, stellt jedoch fest, dass diese die Trennung der Jungen- und Mädchenwelten nicht aufgehoben hat und ein sensiblerer Umgang mit Gender notwendig ist.
- Quote paper
- Jessica Wildenauer (Author), 2009, Die Feminisierung des Lehrberufs - Praxeologische Gedanken einer Lehramtsstudentin, Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/136247