Besonderheiten der Figurenkonstruktion und –konstellation in Kleists Novelle 'Der Findling'


Seminararbeit, 2009

12 Seiten


Leseprobe

Gliederung

1 Einleitung

2 Nicolo – Die Verkörperung des Bösen?

3 Das Ersatz- Stellvertreterwesen

4 Dreieckskonstellation

5 Figuren als Energiespeicher

Fazit

Bibliographie

1 Einleitung

„Der Findling ist die Geschichte des grundlos Bösen. Die Bosheit ihres Helden ist nicht motiviert […], sie ist einfach da, als pure sich selber lebende malizia.“[1] Mit diesen Worten definiert Günter Blöcker die Grenzen seines differentialanalytischen Horizontes zur Erklärung des scheinbar merkwürdigen Verhaltens von Nicolo und reiht sich somit nahtlos in eine große Gruppe von Interpreten ein, die im Protagonisten von Kleists Novelle „Der Findling“ jenen „,schurkische(n) Adoptivsohn’, jene Inkarnation des absoluten Bösen“[2] gesehen haben. Aber kann man es bei dieser vereinfachenden Schwarz-Weiß-Malerei bewenden lassen, oder sind die Figurenkonstruk-tionen und –konstellationen in Kleists Werk doch vielschichtiger und komplexer, als sie auf den ersten Blick scheinen? Denn nicht nur das Verhalten Nicolos mutet seltsam an, auch sein Ziehvater Antonio Piachi beispielsweise weist konträre Handlungsweisen auf. So regt sich anfangs beim Anblick des ohnmächtig zusammenbrechenden Knaben „des guten Alten Mitleid“[3], während sich derselbe gegen Ende der Novelle als „monströser, unersättlicher Mörder“[4] erweist. Es stellt sich somit die Frage nach Kleists Art der Figurenkonstruktion und –konstellation. Schließlich bleibt auch zu klären, ob Kleists Novelle überhaupt nach gängigen Normen und Wertmaßstäben fassbar ist, da sie „von ihrem Ende her […] und mit ihr alle zentralen Figuren, Vorgänge und Aussagen, einschließlich der auktorialen Wertungen in ein moralisches Zwielicht“[5] geraten. An geeigneten Stellen wird daher auch ein Bezug zur Problematik einer moralischen Auffassung von Kleists Werk hergestellt.

Vorrangig jedoch werden in dieser Ausarbeitung die wichtigsten Merkmale der Figurenkonstruktion und –konstellation erörtert, zu denen das Ersatz- und Stellvertreterwesen, die Dreieckskonstellationen sowie die Gleichsetzung der Figuren mit Energiespeichern zählen. Abschließend wird geklärt, inwiefern sie einer sinnvollen moralischen oder psychologischen Auslegung entgegenwirken.

2 Nicolo – Die Verkörperung des Bösen?

Vergleicht man die Handlungsweisen Nicolos mit denen seiner neuen Familienmitglieder erscheint sein Vorgehen auf den ersten Blick nach gängigen Gesellschaftsregeln nicht plausibel. So dürfte man eigentlich annehmen, dass Nicolo allen Grund haben sollte, seinem Retter dankbar zu sein, der ihn trotz dessen Schuld an dem Tod seines leiblichen Sohnes Paolo zusammen mit seiner zweiten Frau, Elvire, adoptiert und bei sich aufnimmt.

Er hat eine solide Schulbildung erhalten und ist anstelle eines Kommis bald in das Handelsgeschäft aufgenommen worden; seine Eltern haben ihn mit einer liebenswür-digen Genueserin […] vermählt, mit einer glänzenden Ausstattung versehen und ihnen einen beträchtlichen Teil ihres schönen und weitläufigen Wohnhauses’ eingeräumt. […] Mit seinem sechzigsten Lebensjahr überläßt ihm Piachi das ganze Vermögen und zieht sich mit seiner Frau in den ,Ruhestand’ zurück.[6]

Danken tut es ihnen Nicolo scheinbar mit der Annahme verwerflicher Leidenschaften wie der Bigotterie und dem Hang zum weiblichen Geschlecht sowie durch den „Umgang mit den Mönchen des Karmeliterklosters, die dem jungen Mann, wegen des beträchtlichen Vermögens das ihm einst, aus der Hinterlassenschaft des Alten, zufallen sollte, mit großer Gunst zugetan waren.“[7] Ferner heckt er beim Zusammenspiel von „Beschämung, Wollust und Rache“ einen „satanischen Plan“ gegen Elvire aus, da er fühlte, „daß Elvirens reiner Seele nur durch einen Betrug beizukommen sei.“[8] Aufgrund dieses nach gängigen Normen und Werten aufgelösten Ursache-Wirkung-Prinzips beschreibt Josef Kunz Nicolo als „die Erscheinung des Bösen in einer fast gnostischen Konsequenz, d.h. ohne daß das Böse als Charakterproblem und als Folge einer verfehlten Lebensentscheidung gestaltet und verständlich gemacht wird.“[9] Doch diese Auffassung birgt gleich mehrere Probleme: Zum Einen handelt es sich bei Der Findling um „keine, charakteriologische’ Novelle. Alle Züge Nicolos sind rein funktionell, d.h., es gibt nur solche, die dazu beitragen, die Handlung ablaufen zu lassen.“[10] Zum anderen deute der Satz „was er wolle? antwortete der Knabe in seiner Unschuld“[11]

Nach Horn darauf hin, dass Nicolo nicht von Grund aus böse sein kann, sondern seine scheinbare „Bösartigkeit“ zumindest einen Anstoß in seinem späteren Leben im Hause Piachi haben müsse.[12] Günter Oesterle allerdings sieht in Nicolos „Nüsseknacken“[13],[14], das im Volksglauben mit dem Teuflischen und der Erotik konnotiert wurde, sowie in seiner Verhaltensänderung nach seiner Aufnahme[15] einen Beweis für eine grundlegende Disposition Nicolos zum späteren „Übel“.[16] Ferner setzt die verfehlte Lebensentscheidung eine Wahlmöglichkeit und –fähigkeit der untersuchten Figur voraus, und somit auch etwas psychologisch analysierbares „Inneres“, eine Seele.

Bei Kleist aber […] gibt es einen solchen Bereich nicht, die Struktur des Inneren ist vielmehr durchwegs eine Funktion äußerer Umstände. Bewegungen, Veränderungen, Beziehungen sind überhaupt nur einsichtig auf dem Hintergrund eines Systems von Bezugspunkten.[17]

Daher muss man die Novelle Peter Horn zufolge nicht einer psychologischen, sondern vielmehr einer soziologischen Analyse unterziehen, was er u.a. an dem Titel der Novelle festmacht: Denn an der Wahl von „Der Findling“ und nicht etwa von „Nicolo“ wird deutlich, dass es nicht um den ,Charakter’ oder die ,Seele’ des Protagonisten geht, sondern vielmehr um seine gesellschaftliche Funktion als Findling. „Der Ausdruck Findling ist bereits Sinnbild einer entwurzelten, asozialen Existenz, Auflösung und Zersetzung gehen von ihr aus.“[18] Mit dem Wort „entwurzelt“ wird bereits auf ein wesentliches Charakteristikum von Kleists Novelle hingewiesen, nämlich auf das „Doppelgängermotiv“ (Horn) bzw. das „Ersatz- und Stellvertreterwesen“ (Schröder), das im Folgenden behandelt wird. Bis hierin bleibt festzuhalten, dass die Figur Nicolo keine Verkörperung des Bösen darstellt, da seine Kon-struktion nicht psychoanalytisch entschlüsselbar ist und sein Verhalten nicht losgelöst von den Handlungen und Einwirkungen seines Umfeldes betrachtet

werden darf.

[...]


[1] Günter Blöcker: Heinrich von Kleist oder das absolute Ich. Berlin: Argon 1960. S. 134.

[2] Jürgen Schröder: Kleists Novelle „Der Findling“. Ein Plädoyer für Nicolo. In: Anton Philipp Knittel / Inka Kording (Hgg.): Heinrich von Kleist. Neue Wege der Forschung. Darmstadt: Wissenschaftliche Buchgesellschaft 2003. S. 41.

[3] Heinrich von Kleist: Der Findling. In: Helmut Sembdner (Hg.): Kleist Erzählungen. Bd. 4. München: Dtv 19725. S. 182.

[4] Schröder: Plädoyer. S. 42.

[5] Ebd.

[6] Schröder: Plädoyer. S. 41.

[7] Sembdner: Findling. S. 184.

[8] Ebd. S. 194.

[9] Josef Kunz: Heinrich von Kleists Novelle „Der Findling“. Eine Interpretation. In: Fest-schrift für Ludwig Wolff. Neumünster: Wachholtz 1962. S. 341.

[10] Göttler, Fritz: Handlungssysteme in Heinrich von Kleists Der Findling. Diskussion und Anwendung narrativer Kategorien und Analyseverfahren. Europäische Hoschulschriften, Reihe I: Deutsche Sprache und Literatur, Bd. 584. Frankfurt a. M./Bern: Peter Lang 1983. S. 28.

[11] Sembdner: Findling. S. 182.

[12] Vgl. Peter Horn: Heinrich von Kleists Erzählungen. Eine Einführung. Königstein/Ts.: Scriptor 1978. S. 170.

[13] Vgl. Sembdner: Findling. S. 183.

[14] Nüsse sind ein allgemeines Symbol für Fruchtbarkeit. Etymologisch wurde das lateinische ,nux’ zudem von ,nocere’ (schaden) abgeleitet.

Vgl. Günter Oesterle: Der Findling. Redlichkeit versus Vorstellung – oder zwei Arten, böse zu werden. In: Walter Hinderer (Hrsg): Kleists Erzählungen. Stuttgart: Reclam 1998. S. 166f.

[15] Vorher: wild gestikulierend; nachher: wortkarg und steif.

[16] Vgl. Oesterle: Findling. S. 166f.

[17] Horn: Einführung. S. 169.

[18] Elmar Hoffmeister: Täuschung und Wirklichkeit bei Heinrich von Kleist. Bonn: Bouvier 1968. S. 20.

Ende der Leseprobe aus 12 Seiten

Details

Titel
Besonderheiten der Figurenkonstruktion und –konstellation in Kleists Novelle 'Der Findling'
Hochschule
Westfälische Wilhelms-Universität Münster  (Germanistisches Institut)
Veranstaltung
Seminar: Erzähltheorie
Autor
Jahr
2009
Seiten
12
Katalognummer
V136337
ISBN (eBook)
9783640445684
ISBN (Buch)
9783640445387
Dateigröße
424 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Besonderheiten, Figurenkonstruktion, Kleists, Novelle, Findling
Arbeit zitieren
Jennifer Ellermann (Autor), 2009, Besonderheiten der Figurenkonstruktion und –konstellation in Kleists Novelle 'Der Findling', München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/136337

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