„Der Findling ist die Geschichte des grundlos Bösen. Die Bosheit ihres Helden ist nicht motiviert […], sie ist einfach da, als pure sich selber lebende malizia.“ Mit diesen Worten definiert Günter Blöcker die Grenzen seines differentialanalytischen Horizontes zur Erklärung des scheinbar merkwürdigen Verhaltens von Nicolo und reiht sich somit nahtlos in eine große Gruppe von Interpreten ein, die im Protagonisten von Kleists Novelle „Der Findling“ jenen „,schurkische(n) Adoptivsohn’, jene Inkarnation des absoluten Bösen“ gesehen haben. Aber kann man es bei dieser vereinfachenden Schwarz-Weiß-Malerei bewenden lassen, oder sind die Figurenkonstruktionen und –konstellationen in Kleists Werk doch vielschichtiger und komplexer, als sie auf den ersten Blick scheinen? Denn nicht nur das Verhalten Nicolos mutet seltsam an, auch sein Ziehvater Antonio Piachi beispielsweise weist konträre Handlungsweisen auf. So regt sich anfangs beim Anblick des ohnmächtig zusammenbrechenden Knaben „des guten Alten Mitleid“ , während sich derselbe gegen Ende der Novelle als „monströser, unersättlicher Mörder“ erweist. Es stellt sich somit die Frage nach Kleists Art der Figurenkonstruktion und –konstellation. Schließlich bleibt auch zu klären, ob Kleists Novelle überhaupt nach gängigen Normen und Wertmaßstäben fassbar ist, da sie „von ihrem Ende her […] und mit ihr alle zentralen Figuren, Vorgänge und Aussagen, einschließlich der auktorialen Wertungen in ein moralisches Zwielicht“ geraten. An geeigneten Stellen wird daher auch ein Bezug zur Problematik einer moralischen Auffassung von Kleists Werk hergestellt. Vorrangig jedoch werden in dieser Ausarbeitung die wichtigsten Merkmale der Figurenkonstruktion und –konstellation erörtert, zu denen das Ersatz- und Stellvertreterwesen, die Dreieckskonstellationen sowie die Gleichsetzung der Figuren mit Energiespeichern zählen. Abschließend wird geklärt, inwiefern sie einer sinnvollen moralischen oder psychologischen Auslegung entgegenwirken.
Inhaltsverzeichnis
1 Einleitung
2 Nicolo – Die Verkörperung des Bösen?
3 Das Ersatz- Stellvertreterwesen
4 Dreieckskonstellation
5 Figuren als Energiespeicher
Fazit
Bibliographie
Zielsetzung und thematische Schwerpunkte
Die vorliegende Arbeit untersucht die Figurenkonstellationen und die Charakterkonstruktion in Heinrich von Kleists Novelle „Der Findling“, um zu hinterfragen, ob diese durch moralische Kategorien von Gut und Böse oder durch alternative, soziologische und naturwissenschaftliche Bezugsrahmen interpretierbar sind.
- Analyse der problematischen Identität des Protagonisten Nicolo als „Findling“.
- Untersuchung des Ersatz- und Stellvertreterwesens innerhalb der familiären Struktur.
- Dekonstruktion der klassischen Dreiecksbeziehungen in Kleists Erzählung.
- Betrachtung der Figuren als „Energiespeicher“ und elektrische Körper nach naturwissenschaftlichem Dichtungsprinzip.
- Hinterfragung der Anwendbarkeit moralischer Auslegungsmodelle auf das Werk.
Auszug aus dem Buch
3 Das Ersatz- Stellvertreterwesen
Analog zur logogriphischen Vertauschbarkeit der Namen Nicolo und Colino sind auch Kleists Rollenzuweisungen nicht exklusiv an jeweils eine Figur gebunden. Vielmehr sind fast alle Figuren Stellvertreter oder gar Ersatz für andere. Dabei ist der Findling Nicolo als „Mensch ohne Herkunft und Heimat, ohne Identität“ der geborene Lückenbüßer. Dementsprechend muss er gleich mehrere Personen ersetzen: Paolo, den Kommis, den Ehemann Constanzes, Colino, Piachi. Doch damit passt er eigentlich nur zu gut in diese seltsame Familie, in der nicht nur kein Platz mehr mit der originalen Person besetzt sind, sondern sie sogar alle Stellvertreter von Toten sind.
Zusammenfassung der Kapitel
1 Einleitung: Einführung in die Problematik der Interpretation von Nicolo als absolut böse Figur und Vorstellung der zentralen Analysemethoden.
2 Nicolo – Die Verkörperung des Bösen?: Kritische Auseinandersetzung mit der gängigen Schwarz-Weiß-Interpretation des Protagonisten unter Berücksichtigung soziologischer Aspekte.
3 Das Ersatz- Stellvertreterwesen: Untersuchung der austauschbaren Rollenverteilung der Charaktere, die als Lückenbüßer oder Ersatz für verstorbene Personen fungieren.
4 Dreieckskonstellation: Analyse der innovativen, vier- bis sechsfach verschachtelten Beziehungsgeflechte, die die klassische Dreiecksgeschichte ersetzen.
5 Figuren als Energiespeicher: Darstellung der Figuren als elektrische Körper, deren Verhalten naturgesetzlich durch Spannung und Entladung statt durch Moral bestimmt wird.
Fazit: Zusammenführende Betrachtung, dass Kleists Werk durch die gewählten Konstruktionen eine moralische Auslegung erschwert und einen Verfremdungseffekt erzielt.
Bibliographie: Auflistung der verwendeten Primär- und Sekundärliteratur zur Unterstützung der wissenschaftlichen Argumentation.
Schlüsselwörter
Heinrich von Kleist, Der Findling, Figurenkonstellation, Ersatzwesen, Stellvertreter, Dreieckskonstellation, Nicolo, Antonio Piachi, Elvire, Energiespeicher, elektrische Körper, Moral, Naturwissenschaft, Erzähltheorie, Novelle.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit untersucht die komplexe Konstruktion und Konstellation der Figuren in Heinrich von Kleists Novelle „Der Findling“.
Was sind die zentralen Themenfelder der Untersuchung?
Im Fokus stehen das Ersatz- und Stellvertreterwesen, die Dynamik von Dreieckskonstellationen sowie die Theorie, dass Kleist seine Figuren wie elektrische Energiespeicher gestaltet.
Was ist das primäre Ziel der Forschungsarbeit?
Das Ziel ist zu klären, ob das Verhalten der Figuren in „Der Findling“ moralisch oder psychologisch interpretierbar ist oder ob ein anderer, naturwissenschaftlich orientierter Bezugsrahmen vorliegt.
Welche wissenschaftliche Methode verwendet die Autorin?
Die Arbeit nutzt eine literaturwissenschaftliche Analyse, die unter anderem Konzepte der Erzähltheorie und naturwissenschaftliche Deutungsmodelle (wie die Theorie von Herminio Schmidt) integriert.
Was wird im Hauptteil behandelt?
Der Hauptteil analysiert die Funktionsweise der Figuren im Kontext ihrer sozialen Ersetzbarkeit, der komplexen Beziehungsgeflechte und der naturgesetzlichen Triebhaftigkeit.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Wichtige Begriffe sind unter anderem „Figurenkonstellation“, „Energiespeicher“, „Ersatzwesen“, „Moral“ und „Heinrich von Kleist“.
Warum wird die Figur Nicolo nicht als rein „böse“ eingestuft?
Laut der Untersuchung ist Nicolo nicht als psychologisches Subjekt mit einem bösen Charakter zu verstehen, sondern als funktionale Figur, deren Verhalten durch äußere Umstände und das familiäre Umfeld gesteuert wird.
Welche Rolle spielt das „Rückstoßventil“ bei der Katastrophe?
Das „Rückstoßventil“ bezeichnet die von Kleist erzeugte Kommunikationsverweigerung, die dazu führt, dass sich der aufgebaute Druck im Erzählsystem nicht abbauen kann und zwangsläufig in einer Katastrophe endet.
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- Jennifer Ellermann (Autor), 2009, Besonderheiten der Figurenkonstruktion und –konstellation in Kleists Novelle 'Der Findling', Múnich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/136337