Die soziale Zusammensetzung der Leipziger Studenten und ihr Verhältnis zu den Arbeitern um 1900


Hausarbeit (Hauptseminar), 2003

30 Seiten, Note: 1,3


Leseprobe

Gliederung

1. Einleitung

2. Soziale Zusammensetzung der Studenten
2.1 Frequenzwachstum
2.2 Fehlerquellen der Statistiken
2.3 Soziale Zusammensetzung der Studenten im Deutschen Reich
2.4 Soziale Zusammensetzung der Studenten in Leipzig

3. Student und Arbeiter
3.1 Universitätsgerichtsakten und ihre Aussagekraft zur sozialen Distanz
3.2 Arbeiterbildungskurse
3.3 Arbeiterfeindliche Universität oder Tendenz zur Öffnung?

4. Resümee

5. Bibliographie

1. Einleitung

Im Jahre 1914 schrieb H. F. Kitzing in einem Artikel: „...eine große und tiefe Kluft trennt den Studenten vom Arbeiter, die sich völlig teilnahmslos gegenüberstehen...“[1]. Der Autor charakterisierte damit das Verhältnis zweier wichtiger großer gesellschaftlicher Gruppen aus zeitgenössischer Sicht. Doch standen sich Arbeiter und Studenten wirklich so teilnahmslos gegenüber? Waren Arbeitersöhne an den Universitäten präsent? Oder gab es andere Kontakte und Schnittstellen? Welche Auswirkungen auf das Verhältnis hatten Arbeiterbildungs- und Volkshochschulkurse? Welchen Einfluss hatten die Sozialdemokratie und die bürgerliche Herkunft der Studenten? Das sind die Fragen, die mich in dieser Hausarbeit mit dem Titel „Die soziale Zusammensetzung der Leipziger Studenten und das Verhältnis zwischen Studenten und Arbeitern um 1900“ beschäftigen. Wie der Titel schon sagt, beinhaltet die Hausarbeit zwei miteinander verwobene Schwerpunkte, entsprechend werde ich in zwei Stufen vorgehen und zwei Untersuchungsansätze nutzen:

1. Der erste Ansatz betrifft die soziale Zusammensetzung der Studenten der Leipziger Universität zwischen 1859 und 1909[2]. Anhand des zeitgenössischem Statistikwerkes von Franz Eulenburg[3] wird die Sozialstruktur erarbeitet. Veränderungen und Entwicklungstendenzen im Betrachtungszeitraum werden herausgestellt und interpretiert.

Grundlage hierfür sind Arbeiten der sozialgeschichtlichen Sekundärliteratur u. a. von Konrad Jarausch[4], Hermann Mitgau[5] und Hans-Ulrich Wehler[6]. Diesem Teil ist eine grobe Übersicht der Frequenzentwicklung und der sozialen Zusammensetzung der Studentenschaft im Kaiserreich vorangestellt, außerdem mache ich auf die verschiedenen Fehlerquellen im Umgang mit statistischen Quellen zur Sozialstruktur aufmerksam.

Ein besonderes Augenmerk liegt bei den Leipziger Studenten, die aus Arbeiterkreisen stammten. Es soll die Frage beantwortet werden, ob und wie stark sie an der Universität präsent waren.

2. Beim zweiten Ansatz werde ich das Verhältnis zwischen Studenten und Arbeitern in Leipzig am Vorabend des Ersten Weltkrieges untersuchen. Anhand der Ergebnisse des ersten Teils und mehrerer Quellen des Universitäts- (Matrikel, Karten der Quästurkartei, Akten des Universitätsgerichts) sowie des Stadtarchivs (Akten, Protokolle) in Leipzig und der Sekundärliteratur werden Thesen entwickelt, wie groß die soziale Distanz zwischen Arbeitern und Studenten war und ob sich Entwicklungstendenzen erkennen lassen.

Zeitgenössischer Texte, wie den eingangs erwähnten Aufsatz von H. F. Kitzing, werde ich ebenfalls heranziehen. Als Leitfaden dient - schon aufgrund der Quellenlage - die Perspektive der Studenten, dennoch soll soweit möglich auch die Sichtweise der Arbeiter reflektiert werden.

2. Die soziale Zusammensetzung der Studenten

2.1 Frequenzwachstum

Bei der Betrachtung der deutschen Hochschulentwicklung während des 19. Jahrhunderts fallen zwei mit einander verbundene Problemkomplexe ins Auge. Erstens, es gab ein erhebliches Frequenzwachstum der Studentenzahlen ab der zweiten Jahrhunderthälfte bis zum Vorabend des Ersten Weltkrieges. Zweitens, es kam zu Verschiebungen in der Struktur der studentischen Herkunft. Die Selbstrekrutierung des Bildungsbürgertums wurde zunächst durch Plutokratisierung und dann durch Verkleinbürgerlichung abgelöst. Der zweite Problemkomplex wird in einem späteren Kapitel ausführlicher behandelt.[7]

Im Folgenden soll die Frequenzentwicklung in ihren drei wichtigen Bereichen (Verlauf, Ursachsen, Folgen) kurz dargestellt werden, den sie bildet den Hintergrund für die Betrachtung der sozialen Zusammensetzung der Studenten. Im Anschluss wird die Frequenzentwicklung im Kaiserreich mit derjenigen der Leipziger Universität verglichen.

Trotz mancher Vorbehalte gegenüber der Zuverlässigkeit der preußischen Universitätsstatistik kann von einem erheblichen Wachstum der Studentenzahlen während des 19. Jahrhunderts ausgegangen werden. Konrad Jarausch beschreibt den Anstieg als „unerhörtes Frequenzwachstum, welches einzelne Institutionen und das höhere Erziehungssystem als Ganzes grundlegend veränderte“[8].

Wie verlief das Frequenzwachstum im Detail? Zu Beginn des 19. Jahrhunderts gab es einen Anstieg, der 1830 mit etwa 16000 Studenten[9] ein erstes Maximum erreichte. Danach fiel die Kurve wieder ab und stagnierte auf niedrigem Niveau (um die 12000 Studenten). Von 1859/60 an (etwa 11900) stieg die Frequenz langsam, nach 1870 schnell. 1889 erreicht sie ein neues Maximum und betrug zirka 29000. In der Folgezeit bis 1893/94 ging sie leicht (auf etwa 27000) zurück, um dann bis zum Ersten Weltkrieg steil auf über 60000 nach oben zu schnellen.[10] Karsten Bahnson geht sogar schon für das Wintersemester 1904/05 von 62000 Studenten aus. Verglichen mit dem anderen Statistikmaterial erscheint diese Zahl aber zu hoch angesetzt.[11]

Diese statistischen Angaben gewinnen an Gewicht, wenn man sie zum damaligen starken Bevölkerungswachstum ins Verhältnis setzt. Die relative Zunahme bezeichnet Jarausch als „imposant“, er errechnet einen Anstieg „von 38,6 bis 96,2 auf je 100000 [Einwohner] oder von 8,33 auf 21,77 auf je 10000 Männer“[12].

Jarausch sieht fünf wesentliche Ursachen für diese Entwicklung, die im folgenden ihrer Bedeutung nach von eins bis fünf aufgelistet sind:

1. Die Anzahl der Gymnasiasten und Abiturienten wuchs jeweils annähernd um 100 Prozent.
2. Die Öffnung der Universitäten für Realgymnasiasten und Oberschüler fiel spürbar ins Gewicht.
3. Die Öffnung der Universitäten für Frauen (1908) brachte einen weiteren Schub.
4. Der überragende internationale Ruf der deutschen Universitäten lockte zunehmend ausländische Studenten an.
5. Die Verlängerung der Durchschnittstudienzeit wirkte sich ebenfalls auf die Statistik aus.[13]

Zu den Ursachen muss noch ein ganzes Bündel von direkten und indirekten Wachstumsfaktoren gezählt werden, die hier nur in Stichworten aufgelistet werden können: Bevölkerungs- und Wirtschaftswachstum, Bürokratisierung, wachsendes Sozialprestige der Bildung, staatliche Kulturpolitik oder die Ausdifferenzierung der einzelnen Studienrichtungen und -gänge.[14] Den Ursachen gegenüber haben sich drei wesentliche Folgen herauskristallisiert:

1. Die Universitäten entwickelten sich zu modernen Massenuniversität.
2. Viele Hochschulabsolventen fanden schon in den 1880er Jahren keine Staatsanstellung mehr, wodurch Schlagworte des „Akademikerüberschusses“ und des „Gelehrtenproletariats“ (Bismarck) entstanden und woraus zeitweise eine Abschreckungspolitik gegen den potentiellen Akademikernachwuchs von Reichskanzler Bismarck und Kultusminister Gossler resultierte.
3. Der Anteil der Akademiker (ebenso wie der Anteil der Unternehmer) vergrößerte sich schneller als die Bevölkerungszahl, wodurch sich der gesamte Stellenwert des Bildungsbürgertums als Schicht erhöhte. Dieses wachsende Sozialprestige muss zugleich auch als Ursache in Betracht genommen werden (siehe oben).[15]

Nachdem diese gesamtgesellschaftlichen Entwicklungen kurz vorgestellt wurden, wende ich mich nun der Frequenzentwicklung der Leipziger Universität zu. Als Grundlage hierfür dient das zeitgenössische Statistikwerk von Franz Eulenburg.

Bis auf ein paar kleinere Abweichungen gleicht die von Eulenburg berechnete Frequenzkurve für Leipzig der Kurve des gesamten Reiches, allerdings eilt sie zeitlich ein wenig voraus, wie ein Vergleich der folgenden Zahlen mit denen oben zeigt.

Die Leipziger Kurve verzeichnet nach 1830 eine Stagnation bei 800 bis 1000 Studenten. Vom Minimum 1856 (mit 782 Studierenden[16]) setzt eine Aufwärtsbewegung ein. Zunächst noch sehr langsam, ab 1868 nimmt die Kurve einen steilen Aufwärtsverlauf. 1871 wird der Aufwärtstrend der Studentenzahlen zwar abgebremst, aber nicht gestoppt, so dass 1887 ein vorläufiges Maximum von 3400 Studenten erreicht wird. Es folgt ein leichter Rückgang mit dem Minimum bei 2764 Studenten (im Sommer-Semester 1894). Von nun an steigt die Kurve kontinuierlich bis auf etwa 4400 Studenten 1908.[17]

Insgesamt kann man nicht von einer bedeutenden Abweichung der Frequenzkurven sprechen, folglich scheinen für Leipzig gleiche oder zumindest ähnliche Ursachen für die Frequenzentwicklung wie für das Reich existiert zu haben.

Das Vorauseilen Leipzigs Universität in den 1860ern und 1870ern begründet Eulenburg mit dem starken Zustrom fremder (ausländischer) Elemente, Sachsen allein hätte diesen Aufschwung allein nicht herbeiführen können.[18] Diese Monokausale Erklärung greift meiner Ansicht nach zu kurz. Immerhin zählte die Leipziger Alma Mater zu den drei größten und bedeutensten Universitäten (neben Berlin und München) im Reich. Damit ist es sehr wahrscheinlich, dass sie bei der Frequenz eine Vorreiterrolle übernahm. Hinzu kommt der kaum beschreibbare Boom der Stadtentwicklung. Die Einwohnerzahl vergrößerte sich von etwa 107000 im Jahre der Reichsgründung auf 625000 kurz vor dem Ersten Weltkrieg.[19] Die Dimension der Veränderung, die sich wohl am besten mit dem Attribut „beängstigend“ bezeichnen lässt, hat mit Sicherheit eine stimulierende Auswirkung auf das Frequenzwachstum gehabt.

2.2 Fehlerquellen der Statistiken

In diesem Abschnitt geht es darum, wie Historiker statistische Daten zu unserem Thema, der sozialen Zusammensetzung der Studenten, gewinnen und mit welchen wesentlichen Fehlerquellen wir rechnen müssen.

„Um den Strukturwandel der Studentenschaft in seiner vollen Komplexität zu verstehen, müssen alle in der Matrikel fassbaren Merkmale herangezogen werden, da sich die verschiedenen Soziallagen in typischen Attributen spiegeln“[20], Jarausch verweist mit diesen Worten auf die Matrikel als wichtigste Quellenart. Mitgau fasst die Quellenlage präziser, das Urmaterial bildeten in Preußen seit 1886 die sogenannten „Zähl- oder Personalkarten“, die eine Feststellung des Bestandes erlaubten. Vor 1886 gäben die Matrikel, das heißt die verzeichneten Einschreibungen, Auskunft über den Zugang der Studenten je Semester oder je Jahr.[21] Obwohl sie explizit für Preußen formuliert wurde, ist die diese Differenzierung bemerkenswert, denn auch in Leipzig existiert neben den Matrikeln eine weitere sehr aussagekräftige Quelle: Die Quästurkartei der Universität.

Die Quästur war eine Universitätsbehörde, bei der sich die Studenten einschrieben, die persönliche Unterlagen aufbewahrte und für verschiedene finanzielle Angelegenheiten (Studiengebühren, Hörergelder, Unterstützung bei finanziellen Problemen) zuständig war.

Die Leipziger Quästurkartei bietet dem Historiker verschiede soziale und demografische Daten, die Jarausch (Zitat oben) als fassbare Merkmale bezeichnet hat: Namen, Geburtsort, Staatsangehörigkeit, Geburtstag, Art des Reifezeugnisses, Datum der Einschreibung, Studienrichtung, Wohnort, Stand des Vaters, Religion, früher besuchte Universitäten, Urlaub, Strafen des Universitätsgerichts, Daten und Zeugnis des Abganges sind verzeichnet. Als Beispiel dafür sei auf die Quästurkarteikarte von Robert May verwiesen, der im zweiten Teil der Hausarbeit ein wichtige Rolle spielt. Für ihn liefert die Quästur folgende Angaben:

Name: May, Walther; Geburtsort: Marburg; Staatsangehörigkeit: Großherzogtum Hessen; Geburtstag: 12. Juni 1868; Reifezeugnis: Realschule; Inskribiert am 26. April 1880; Studium: Naturwissenschaften; Wohnungen: u.a. in Connewitz; zuletzt in der Eisenbahnstraße 40 bei Müller; Stand des Vaters: Hauptmann in Kassel, Kreuz heißt vermutlich verstorben; Religion: evangelisch; Abgegangen: am 11. März 1891 vom Universitäts-Gericht für immer relegiert.[22] Auf diese Daten und ihre möglichen Hintergründe wird später noch eingegangen. Zunächst will ich weiter mit der Beschreibung der Fehlerquellen fortfahren.

In den Matrikeln sind die demographischen und sozialen Daten ebenfalls verzeichnet, wobei sie vermutlich von Universität zu Universität leicht differieren beziehungsweise im Laufe der Zeit kleinere Veränderungen erfahren haben. Die Vergleichbarkeit einzelner Studien ist folglich für die ein Elementarproblem. Erst nach dem Ersten Weltkrieg gibt es eine einheitliche Reichsstatistik, vordem haben die Hochschulländer einzeln Erhebungen durchführen und auswerten lassen. „So lässt sich weder Urmaterial noch Auswertung überall und im einzelnen vergleichen“[23].

Mitgau hat sich die Mühe gemacht, „Zahlenmaterial umständlich für den Vergleich zu errechnen“[24].. Von zusätzlichen Verzerrungen, die zwangläufig durch die Rechnungen entstehen, ist auszugehen.. Da eine eigene Matrikel-Auswertung und Berechnung den Rahmen der Hausarbeit sprengen würde, werde ich mit dem vorhandenen Material arbeiten müssen. Deshalb sollten wir im Bewusstsein behalten, dass meine Folgerungen auf dem vagen Grund der Statistiken und ihrer Auswertungen basieren. Die erste Fehlerquelle ist somit lokalisiert.

Ich fasse zusammen, welche Informationen aus den Matrikeln und Quästurkarteien für die Analyse der akademischen Sozialstruktur eine Rolle spielen: Durchschnittsalter der Immatrikulierten, geographische Herkunft, Religionsbekenntnis, Vorbildung, Wohnort, geschlechtliche Zusammensetzung und nicht zuletzt der Beruf des Vaters und damit die soziale Herkunft.

In dieser Hausarbeit werde ich mich ausschließlich auf das in meinen Augen zum Thema aussagekräftigste Kriterium, den Beruf des Vaters, konzentrieren. Jarausch hat treffend erkannt: „Das wichtigste, aber zugleich am schwersten zu interpretierende Merkmal der Studenten ist der Beruf des Vaters“[25] .

Warum die Interpretation schwierig ist, verdeutlicht schon Eulenburg: „Bezüglich der Frage des Standes des Vaters und damit der sozialen Abstammung sind wir auf die Angaben angewiesen, die die Studierenden selbst bei der Immatrikulation angeben. Erfahrungsgemäß sind solche Angaben nicht präzis, indem der Begriff ‚Kaufmann’ oder ‚Gutsbesitzer’ mannigfache Deutungen über die eigentliche soziale Lebensstellung zulässt“[26].

Drei Fehlerquellen sind den Angaben der Studenten zu eigen:

1. Die Fragestellung ist nicht genau abgegrenzt. Sie erlaubt in der Auswertung viele Deutungen, die unterschiedliche, kaum vergleichbare Antworten nach sich ziehen. Dazu gehören: Beruf oder Erwerb des Vater, sozialer Status innerhalb der Gesellschaftsordnung, Abhängigkeitsform im Produktionsprozess oder die Einkommens- und Vermögenslage. Der „selbstständige Kaufmann“ zum Beispiel umfasst mindestens zwei verschiedene soziale Stellungen, den Großhändler und den kleinen Ladenbesitzer. Diese Variationsmöglichkeiten führen zu Verzerrungen.

2. Hinzu kommt, dass die Konkurrenz verschiedener ideologischer, historischer und soziologischer Schichtungsschemata, die teilweise zu widersprechenden Aussagen führen, als weitere Hürde angesehen werden muss. Obwohl Jarausch die Aufstellung einer allgemeinen Schichtungstheorie zu vermeiden sucht, verweist er auf die Notwendigkeit der Erstellung eigener Schichtungsbegriffe die mehreren Anforderungen genügen müssen:

- Sie müssen von den Kategorie zeitgenössischer Sozialstatistiker ausgehen.
- Sie müssen von den Berufshierarchien auf die Gesellschaftsschichten hindeuten.
- Die Gesellschaftsschichten müssen dem Selbstverständnis der Akteure entsprechen.
- Durch Korrelationen mit anderen Variablen müssen sich für eine Gesellschaftsschicht typische Attributshäufung ergeben.[27]

Ich werde mich in dieser Hausarbeit an den Schichtungsmodellen von Jarausch[28] und Eulenburg[29] orientieren (siehe nächste Kapitel), sie erscheinen mir als sinnvoll.

3. Die Angaben der Studenten wurden nicht auf ihre Zuverlässigkeit überprüft. Studenten könnten theoretisch Falschangaben gemacht haben. Dieser Verdacht gilt vor allem den Studenten aus den unteren Schichten, die sich und ihre Eltern durch eine euphemistische Berufsangabe aufwerten konnten. So hätte ein Sohn aus dem Vaterberuf des ländlichen Gastwirtes einen Hotelier machen können, während der kleine Landwirt zum Gutsbesitzer aufgewertet werden konnte.[30] Auch für die Leipziger Quästurkartei gilt diese Problematik, zum Beispiel erfahren wir über Hans Wendland, der zu einem späteren Punkt in der Hausarbeit erwähnt wird, dass sein Vater „Gutsbes.“[31] war, nicht mehr und nicht weniger.

Wie gravierend die Ungenauigkeit der Angaben zum Vaterberuf ist, kann kaum geklärt werden. Trotz dieser angedeuteten Vielzahl der Mängel des statistischen Datenmaterials gehe ich mit Mitgaus Einschätzung konform: „Bei all diesen Einschränkungen bleibt aber genug an Anhaltspunkten, die Zusammenfassung und Gegenüberstellung lohnen und ein soziales Bild mit einiger wissenschaftlicher Zuverlässigkeit ergeben“[32] .

[...]


[1] Kitzing 1914, S. 6.

[2] Die Rahmendaten habe ich nach dem vorhandenen Statistikmaterial festgelegt.

[3] Eulenburg 1909.

[4] Jarausch 1980, ders. 1984, ders. 1991.

[5] Mitgau 1970.

[6] Wehler 1995.

[7] Vgl. Jarausch 1980, S. 119.

[8] Jarausch 1991, S. 314.

[9] Die Zahlen habe ich auf Hunderter gerundet. Sie verlieren dadurch nicht ihre Aussagekraft.

[10] Vgl. Jarausch 1980 S. 122 ff.; vgl. Jarausch 1991, S. 314 f.; vgl. Titze 1987, S. 27 ff.

[11] Vgl. Bahnson 1975, S. 225.

[12] Jarausch 1980, S. 123.

[13] Vgl. Jarausch 1980, S. 124 f.

[14] Vgl. Ebd., S. 124 f.; Vgl. Ders. 1991, S. 316 ff.

[15] Vgl. Ders. 1980 S. 124.

[16] An dieser Stelle verbietet sich eine Rundung.

[17] Vgl. Eulenburg 1909, S. 15 ff.

[18] Vgl. Eulenburg 1909, S. 19.

[19] Vgl. Oehme / Staude 1990, S. 180.

[20] Jarausch 1980, S. 132.

[21] Vgl. Mitgau 1970, S. 240.

[22] Vgl. Quästurkarteikarte (QKK) des Universitätsarchivs Leipzig (UAL): May, Walther, id. 137915, age 134.

[23] Mitgau 1970, S. 241.

[24] Ebd.

[25] Jarausch 1980, S. 133.

[26] Eulenburg 1909, S. 65.

[27] Vgl. Jarausch 1980, S. 134.

[28] Insb. Schaubild 3 ebd., S. 135.

[29] Vgl. Eulenburg 1909, S. 65 ff.

[30] Vgl. Mitgau 1970, S. 240 f.

[31] Vgl. QKK, UAL: Wendland, Hans, id. 64349, age 132.

[32] Mitgau, S. 241.

Ende der Leseprobe aus 30 Seiten

Details

Titel
Die soziale Zusammensetzung der Leipziger Studenten und ihr Verhältnis zu den Arbeitern um 1900
Hochschule
Universität Leipzig  (Historisches Seminar)
Veranstaltung
Universität und Stadt Leipzig am Vorabend des Ersten Weltkrieges
Note
1,3
Autor
Jahr
2003
Seiten
30
Katalognummer
V13639
ISBN (eBook)
9783638192439
ISBN (Buch)
9783638826709
Dateigröße
529 KB
Sprache
Deutsch
Anmerkungen
Die Arbeit hat einen doppelten Schwerpunkt: Zunächst wird anhand zeitgenössischer Statistiken die soziale Zusammensetzung der Studentenschaft zwischen 1870 und 1914 im Deutschen Reich und in Leipzig analysiert. Danach wird an Quellenmaterial des Universitäts- und der Stadtarchivs in Leipzig das Verhältnis zwischen Studenten und Arbeitern untersucht. Der Fall eines Studenten, der nach Engagement in der Arbeiterszene von der Universität verwiesen wurde, spielt dabei eine besondere Rolle.
Schlagworte
Zusammensetzung, Leipziger, Studenten, Verhältnis, Arbeitern, Universität, Stadt, Leipzig, Vorabend, Ersten, Weltkrieges
Arbeit zitieren
Lars-Marten Nagel (Autor), 2003, Die soziale Zusammensetzung der Leipziger Studenten und ihr Verhältnis zu den Arbeitern um 1900, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/13639

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