Sowjetische Propagandafilme im Zweiten Weltkrieg


Seminararbeit, 2007
20 Seiten, Note: 2,3

Leseprobe

Gliederung

1. Einleitung

2. Ideologie und Propaganda
2.1. Propaganda
2.2. Ideologie
2.3. Agitprop
2.4. Ideologie und Propaganda im Film
2.5. Ideologie und sowjetischer Spielfilm

3. Der „Grosse Vaterländische Krieg“ im sowjetischen Spielfilm
3.1. Die Film – Entwicklung
3.2. Neue Situation – Alte Filme
3.3. Die Kriegsfilmmagazine 1941 –
3.4. Der sowjetische Kriegsfilm 1942 –
3.4.1. Exkurs: Frauenbilder auf der Leinwand
3.5. Heldengeschichten
3.6. Stalin als mythische Filmfigur

4. Eine kurze, kritische Literaturanalyse

5. Fazit

1. Einleitung

Die Überraschung über den deutschen Angriff im Juni 1941 im Rahmen des „Unternehmens Barbarossa“ war in der Sowjetunion zweifelsohne groß, vor allem die sowjetische Führung unter Stalin hatte nicht damit gerechnet, dass Adolf Hitler den seit 1939 bestehenden Nichtangriffspakt brechen würde. Der Angriff traf das sowjetische (Alltags -) Leben in allen erdenklichen Facetten, auch das Kultur- und Freizeitleben und damit das Medium Film waren stark betroffen.

Ziel dieser Seminararbeit soll es sein, zu zeigen, wie die sowjetische Führung unter Stalin, die als oberstes Entscheidungsorgan der Filmindustrie bis in kleinste Details hinein Drehbücher und Filme veränderte und manipulierte, den Krieg propagandistisch verklärte, benutzte und wie sich die agitatorische Ausdrucksform der Filme im Laufe der Kriegsjahre veränderte. In diesem Zusammenhang werden auch die beiden relevanten filmischen Formate der Zeit, die sogenannten Kriegsfilmmagazine und der abendfüllende Kriegspielfilm, dargestellt.

Zunächst werden am Beginn die Begrifflichkeiten „Ideologie“ und „Propaganda“ als wichtige theoretische Werkzeuge der sowjetischen Führung und damit verbunden der Filmschaffenden dargestellt, um eine konkrete Vorstellung vom unmittelbaren und mittelbaren Einfluss des kommunistisch – stalinistischen Weltbildes auf die cineastische Produktion zu bekommen.

Dann wird gezeigt, wie mit der anfänglichen Situation des Überfalls im Rahmen der „Kriegsfilmmagazine“ umgegangen wurde. Daran schließt sich die Beschreibung der Rezeption des Krieges in den sowjetischen Kriegspropagandafilmen an. In diesem Rahmen werden auch die Rolle von Frauenbildern im sowjetischen Film und dann die Inszenierung Stalins als mythische Filmfigur bzw. sein persönliches Eingreifen in Filmproduktionen behandelt. Zum Schluss wird eine kritische Analyse von zwei Texten der Forschungsliteratur im direkten Vergleich erstellt und ein ausführliches Fazit zur Arbeit gezogen.

Als Hauptliteratur für die vorliegende Arbeit werden die Dissertation von Lars Karl „’Von Helden und Menschen’ Der Zweite Weltkrieg im sowjetischen Spielfilm und dessen Rezeption in der DDR, 1945 – 1965“ aus dem Jahr 2002, von Peter Kenez das Buch „Cinema & Soviet Society 1917 – 1953“ von 1992 sowie die Artikel von Kenez „Black and White – The War on Film“ von 1995 und von Neja Zorkaja „Kino in Zeiten des Krieges“ aus dem Jahr 2005 verwendet.

2. Ideologie und Propaganda

2.1. Propaganda

Der Begriff ‚Propaganda’ unterlag im Laufe der Menschheitsgeschichte einem starken Wandel mit unterschiedlichen Bedeutungen. Der lateinische Begriff ‚ propagare ’ für ausdehnen oder fortpflanzen wurde z.B. schon früh ins Deutsche entlehnt: In der Botanik spricht man im Rückgriff auf das lateinische Wort bei der Pflanzenveredelung von ‚pfropfen’. Während man heute den Begriff eher negativ konotiert, war dieser zunächst also von neutraler bzw. positiv besetzter Natur.

Er fand seine erste Erwähnung unter Papst Gregor XV. im Jahr 1622, der eine den Jesuiten unterstehende Glaubenskongregation mit dem Namen ‚ Sancta Congregatio De Propaganda Fide ’, also eine ‚Heilige Gesellschaft zur Verbreitung des Glaubens“ schuf, um den katholischen Glauben in die sog. ‚Neue Welt’ zu tragen und auch um die katholische Kirche in Europa gegenüber dem Protestantismus zu stärken[1].

Im 18. und 19. Jahrhundert erlebte die Propaganda eine zunehmend politische Akzentuierung und wurde z.B. während der Französischen Revolution 1789 als Kampfbegriff verwendet. Anfang des 20. Jahrhundert schließlich richteten Parteien, politische Vereine, Gewerkschaften und Organisationen Propagandastellen ein, die neue Strategien und Taktiken für den politischen Kampf entwickeln sollten[2].

Spätestens mit der nationalsozialistischen Propaganda – untrennbar mit dem Namen des „Reichsministers für Volksaufklärung und Propaganda“ Joseph Goebbels verbunden – erhielt der Begriff speziell in Deutschland die negative Konotation, die er auch heute noch vielfach insgesamt besitzt. Dennoch scheint es angebracht zu sein, hier eine wissenschaftlich - neutrale Definition des Propagandabegriffes zu zitieren, um sich dem Begriff wertfrei nähern zu können und die Bedeutung des Begriffes vor allem im Zusammenhang mit dem Thema dieser Arbeit in allen seinen Dimensionen zu erfassen: Propaganda „[ist] in der Politik die systematische, oft eifernde Werbung für ein bestimmtes politisches Anliegen, insbesondere die auf Verbreitung einer politischen Auffassung, Meinung oder Ideologie gerichteten eifernden Bestrebungen“[3]. Das Historische Wörterbuch der Rhetorik definiert den Begriff folgendermaßen: „Der moderne Begriff der Propaganda bezeichnet den gezielten Versuch von Personen oder Institutionen, einen bestimmten Adressatenkreis durch Informationslenkung für eigennützige Zwecke zu gewinnen und diese Zwecke zugleich zu verschleiern“[4] .

Übereinstimmend mit vielen weiteren Definitionen[5] lassen sich als Charaktermerkmale der modernen Propaganda seit der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts die Attribute Manipulation, Beschönigung und Wahrheitsverschleierung herausstellen.

2.2. Ideologie

Beim Begriff Ideologie handelt es sich um eine relativ uneinheitlich verwendete und in den Wissenschaften vielfältig definierte Bezeichnung.

Die Ideologie kann allgemein als Bezeichnung für politische Ideengebäude unter besonderer Berücksichtigung ihres Ursprungs, ihrer Struktur, Wahrhaftigkeit oder Fehlerhaftigkeit und ihres Zusammenhangs mit den politisch - gesellschaftlichen Verhältnissen betrachtet werden. Einerseits wird sie als neutral beschreibendes Instrument in der Wissenschaft verwendet, andererseits als politischer Kampfbegriff. Dieser wird vor allem in der Ideologiekritik und im Marxismus (Marx selbst bezeichnete die Ideologie als ‚notwendige Selbsttäuschung’) gebraucht[6] , aber gerade in heutiger Zeit auch zur Diffamierung des politischen oder gesellschaftlichen Gegners eingesetzt, dem eine unveränderliche, auf feststehenden Grundannahmen beruhende Weltsicht vorgehalten wird. Vielfach wurde auch auf den totalitären Charakter der Ideologie gerade der des Nationalsozialismus unter Adolf Hitler und der des Stalinismus hingewiesen[7] .

Lars Karl definierte Ideologie einerseits als Sprachphänomen andererseits auch als auch ein Herrschaftsmechanismus, „der dazu dient, eine weitgehende Generalisierung von Werten vorzunehmen, die universell gültig sein sollen und die alles sich nicht Einfügende ausgrenzen“[8].

2.3. Agitprop

Agitprop war zunächst die Kurzform von ‚ Otdel agitatsii i propagandy ’ (Abteilung für Agitation und Propaganda) der frühen Sowjetunion und stand später für eine Propagandasonderform sowjetischer Ausprägung, die die Gesamtheit der Vermittlung kommunistischer Politik leninistischer Ausprägung bezeichnete. Lenin selbst definierte den Unterschied zwischen Propaganda und Ideologie folgendermaßen: „Unter Propaganda würden wir die revolutionäre Beleuchtung der gesamten gegenwärtigen Gesellschaftsordnung oder ihrer Teilerscheinungen verstehen, unabhängig davon, ob das in einer Form geschieht, die dem einzelnen oder der breiten Masse zugänglich ist. Unter Agitation im strengen Sinne des Wortes würden wir verstehen: den Appell an die Massen zu bestimmten konkreten Aktionen, die Förderung der unmittelbaren revolutionären Einmischung des Proletariats in das öffentliche Leben“[9]. Der Unterschied liegt im aktionistischen, spontanen Aufbegehren der ‚Volksmassen’ durch Agitation, während die Propaganda laut Lenins Definition die gesamtgesellschaftliche Situation und das damit verbundene Handeln ihr gegenüber verdeutlicht.

2.4. Ideologie und Propaganda im Film

Anders als die Lenin’sche Definition bezeichnet Karl die Propaganda selbst als aktionistisch. Er sieht sie als die Offensivstrategie der Ideologie, der es immer durch auf ein Ziel gerichteten Aktionismus etwas zu erreichen gelte, und zwar das, was im Sinne der Propagandisten wünschenswert erscheint[10] . Allerdings erscheint diese Definition doch ein wenig zu kurz zu greifen und kreist insofern um sich selbst, als dass die den Begriff ‚Propaganda’ als etwas erklärt, was Propagandisten tun. Demnach könnte man einen Begriff wie ‚Nationalsozialismus’ als die Ideologie der Nationalsozialisten zu definieren, ohne den eigentlichen Wortsinn genauer zu erläutern.

Deswegen erscheint es ratsam, sich im Rahmen dieser Seminararbeit an die in Punkt 2.1. beschriebene Definition aus Manfred G. Schmidts „Wörterbuch zur Politik“ zu halten, da sich die dortige Attributierung der Propaganda als ‚eifernd’ auch auf den sowjetischen Kriegsspielfilm zuordnen lässt.

Der Vorteil des propagandistischen Films gegenüber anderen Propagandaformen und – medien liegt in der Struktur des Filmes an sich. Das Ideologiehafte des Films lässt sich erstens festmachen an der Abbildung nur eines Teils der Wirklichkeit, um den „Anschluss“ an die tatsächliche Wirklichkeit nicht zu verlieren, zweitens an der passiven Wahrnehmung seitens des Publikums, drittens an der temporären und lokalen Trennung von Filmproduktion und – rezeption sowie viertens an der ästhetischen Darstellung von Handlungen im Film an sich, die eine rationale Urteilsfindung zusätzlich erschwert[11] . Diese genannten Faktoren macht sich die Propaganda zunutze, um propagandistische Topoi zu transportieren. Ein Wesensmerkmal des Propagandafilms ist die größtmögliche Enthaltung und Vermeidung offener politischer Aussagen, sodass ein bisweilen winziger Aspekt ausreicht, um einen ansonsten apolitisch angelegten Film ideologisch – propagandistisch aufzuheizen (z.B. in einer Musicalkomödie taucht unvermittelt für wenige Sekunden ein Hakenkreuz oder eine Fahne mit Hammer und Sichel auf).

In diesem Zusammenhang sei die Definition des Propagandafilms seitens der beiden schwedischen Filmwissenschaftler Folke Isaksson und Leif Fuhrhammer erwähnt, die verschiedene Prinzipien, die für einen propagandistischen Film gelten müssen, beschrieben haben[12]. Zu diesen gehören:

Die Ästhetisierung politischer Prozesse[13],

der Führerkult[14],

die Feindbilderzeugung[15] und

die Suggerierung eines permanenten gesellschaftlichen Ausnahmezustands mit dem Ziel der Empörung des Publikums über die gerade gesehene tat-sächliche oder vermeintliche Ungerechtigkeit[16] .

[...]


[1] Schwendinger, Christian: Was ist Propaganda? (http://www.rheton.sbg.ac.at/rhetonneu/index.php?option=com_content&task=view&id=81&Itemid=26 [30.01.08]), im folgenden: Schwendiger, Propaganda

[2] Schwendiger, Propaganda

[3] Schmidt, Manfred G.: Wörterbuch zur Politik, Stuttgart 2004, Art. Propaganda

[4] Historisches Wörterbuch der Rhetorik, Darmstadt 2005, Art. Propaganda

[5] vgl. z.B. desweiteren: Bussemer, Thymian: Propaganda: Konzepte und Theorien, Wiesbaden 2005; Jowett, Garth; O'Donnell, Victoria (Hg.): Propaganda and Persuasion, Thousand Oaks 2006 oder Kolmer, Lothar: Die Kunst der Manipulation, Salzburg 2006

[6] Schmidt, Manfred G.: Wörterbuch zur Politik, Stuttgart 2004, Art. Ideologie

[7] vgl. z.B. Popper, Karl: Die Offene Gesellschaft und ihre Feinde, Stuttgart 1992

[8] Karl, Lars: „Von Helden und Menschen...“ Der Zweite Weltkrieg im sowjetischen Spielfilm und dessen Rezeption in der DDR, 1945-1965, Tübingen 2002, S. 48, im folgenden: Karl, Helden und Menschen

[9] Lenin, Wladimir: Was tun?, Paderborn 2007, Kap. 3b)

[10] Karl, Menschen und Helden, S. 49 - 50

[11] Karl, Menschen und Helden, S. 48

[12] Isakkson, Folke; Fuhrhammer, Leif: Politik und Film, Ravensburg 1974

[13] Filmbeispiel „Der Fall von Berlin“: Alle Mitglieder des Politbüros lauschen ehrfürchtig den weisen und nicht zu hinterfragenden Anweisungen Stalins

[14] Filmbeispiel „Der Fall von Berlin“: Stalin schwebt nach dem Sieg über Berlin mit dem Flugzeug ein, alle Völker der Erde (inklusive Amerikaner und Briten) erweisen dem siegreichen Feldherren ihre Ehre

[15] Filmbeispiel „Der Fall von Berlin“: ‚Karikaturen von SS – Offizieren’ (L. Karl) schwadronieren über ‚deutsche Ordnung’ und stammeln (wohlgemerkt deutsche) Worte wie ‚Hitler, Hitler!’ oder ‚Sieg, groß, Ordnung, Führer!’; russisches, blondes Kind wird als erstes von den mit einem Fahnenreigen einfallenden Deutschen aufgehängt; wahnsinniger Hitler im Verbund mit Italien, Japan und dem Vatikan etc.

[16] Filmbeispiel „1984“ als antipropagandistischer Film: die tägliche sog. „Zwei – Minuten – Hass – Sendung“ mit formalistischer und obligatorischer Empörung der Arbeiter über den angeblichen Kopf der Widerstandsbewegung, die neben dem immer andauernden Krieg ursächlich für die Restriktionen des Alltags verantwortlich gemacht wird

Ende der Leseprobe aus 20 Seiten

Details

Titel
Sowjetische Propagandafilme im Zweiten Weltkrieg
Hochschule
Ruhr-Universität Bochum  (Historisches Instiut)
Veranstaltung
Der Große Vaterländische Krieg
Note
2,3
Autor
Jahr
2007
Seiten
20
Katalognummer
V136513
ISBN (eBook)
9783640449637
ISBN (Buch)
9783640449873
Dateigröße
501 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Sowjetunion, Stalin, Zweiter Weltkrieg, Film, Propaganda
Arbeit zitieren
Tobias Hekermann (Autor), 2007, Sowjetische Propagandafilme im Zweiten Weltkrieg, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/136513

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