Der Segen der Bosheit - Negativdidaxe im Eulenspiegel


Hausarbeit (Hauptseminar), 2003

25 Seiten, Note: 1,0


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

Zur Einführung

1. Hermen Bote und sein Publikum

2. Didaktik durch eine negative Figur

3. Eulenspiegel als Repräsentant einer „verkehrten Welt“

4. Eulenspiegel als Gegenspieler einer „verkehrten Welt“

Verzeichnis der verwendeten Literatur

Der Segen der Bosheit – Negativdidaxe im Eulenspiegel

Zur Einführung

Fragt man nach der Lehrhaftigkeit eines literarischen Werkes, könnte die Stirn des Lesers sofort in Unmuts-Falten geraten: Grauenhafter Deutsch-Unterricht mag in Erinnerung geraten, in dem bis zum tiefsten schülerischen Unwillen jeder Gedichtstrophe, jeder Dramenzeile, jeder Kurzgeschichte die Intention des jeweiligen Autors ent(w)rungen werden sollte: „Was will uns der Autor damit sagen?“ gilt als eine bei Lehrern überaus beliebte, bei Schülern hingegen arg gefürchtete Frage.

Fragt man nach der Lehrhaftigkeit eines spätmittelalterlichen Schwankromans, der „Ein kurtzweilig Lesen von Dil Ulenspiegel“[1] überschrieben ist, könnte das unkundige Publikum hingegen ins Erstaunen geraten. Zeigt nicht der Titel des Textes „Kurzweil“ an, mithin das Gegenteil didaktischer Langeweile? Und: Ist nicht Till Eulenspiegel eine Type, die sich bestens zum Volkshelden eignet, ein überaus witziger Geselle, der zwar mitunter seine Mitmenschen narrt, sich doch aber ansonsten eher harmlos geriert?

Das fachkundigere Publikum wird vor allem die letzte Frage negieren: Denn im 1515 gedruckten Volksbuch ist Eulenspiegel noch nicht der spaßige Sonderling, der er durch spätere Literarisierungen werden sollte. Statt dessen zeigt er sich als ein boshafter Schalk, seine Streiche sind wenig harmlos. Auch ist er ein Narr, dessen Bosheit scheinbar nicht bestraft wird. Was will uns der Autor damit sagen?

Um dem Problem der Lehrhaftigkeit des Volksbuches um Till Eulenspiegel auf die Spur zu kommen, wird in der folgenden Arbeit schrittweise vorgegangen. Das erste Kapitel „Hermen Bote und sein Publikum“ nähert sich der Frage, wer mit diesem Stück Literatur wen lehren wollte. Der Braunschweiger Zollschreiber und Autor Hermen Bote[2] rückt in den Mittelpunkt des Interesses, bedeutsam erscheinende biographische Details sowie Grundtendenzen seiner Schriften werden reflektiert. Anschließend gerät das von Bote anvisierte Publikum in den Blick.

Im zweiten Kapitel „Didaktik durch eine negative Figur“ wird zunächst ein kurzer Nachweis erbracht, daß es sich bei der Eulenspiegel-Figur des Volksbuches tatsächlich um eine negative Figur handelt. Im Anschluß daran wird untersucht, wie Autor Hermen Bote trotz gegenteiliger Anzeige in der Vorrede auch in diesem Schwankroman didaktische Zwecke verfolgt. Dabei wird insbesondere auf die Möglichkeiten der Negativ-Didaxe verwiesen.

Der Segen der Bosheit wird in den abschließenden Kapiteln drei und vier hinterfragt. Dabei soll zunächst Eulenspiegel stärker als zuvor als der „Repräsentant einer ‚verkehrten Welt‘“ charakterisiert werden. Seine negativen Taten bringen ihm reiche Früchte. Auf welchen Wegen er dies erreicht, untersucht Kapitel drei.

Das finale Kapitel hingegen skizziert „Eulenspiegel als Gegenspieler einer ‚verkehrten Welt‘“. Seine Opfer werden näher untersucht. Eulenspiegels Streiche dokumentieren den zunehmenden Verfall der spätmittelalterlichen Gesellschaftsordnung, was anhand einiger Beispiele nachgewiesen werden soll. Abschließend versucht das Kapitel die eingangs gestellte Frage zu beantworten: Was wollte Hermen Bote uns, vor allem jedoch seinen Zeitgenossen mit dem Volksbuch von Till Eulenspiegel sagen?

1. Hermen Bote und sein Publikum

Das Volksbuch „Ein kurtzweilig Lesen von Dil Ulenspiegel“ wird seit einiger Zeit - ungeachtet der Tatsache, daß sich in seiner Vorrede ein anonymer Autor „ich, N.“ (S. 7) zu Worte meldet - „[w]eitgehend unbestritten [...] mit einem weitgefaßten Autorenbegriff“[3] dem Braunschweiger Bürger Hermen Bote zugeschrieben. Obwohl „Zeugnisse und Dokumente, die uns etwas von Botes Biographie verraten, [...] rar“[4] sind, scheint doch klar, daß er in den sechziger Jahren des 15. Jahrhunderts in Braunschweig geboren wurde, sein Vater dort Ratsherr war und auch Hermen Bote seine Aufgabe in der Bürgerschaft fand: als Zollschreiber. Erstmals urkundlich erwähnt im Jahre 1488, zeugt diese Erwähnung gleich von einem Rückschlag: Bote wurde während eines Handwerker-Aufruhrs aus seinem Amt gejagt, in das er später zurückkehren konnte. Bote gilt als Verfasser einiger Fachbücher, in denen „seine umfangreichen Kenntnisse und sein Beurteilungsvermögen auf Gebieten wie Ökonomie, Finanzwesen, Steuerverwaltung, Kommunalverwaltung und Heraldik“[5] zutage treten. Bote zeigt sich dort „als entschiedener Parteigänger des Patriziats“[6], was ihn zum Gegner von Gilden und Handwerkern machte. In seinen Schriften – „mindestens zwei Weltchroniken, ein Ständebuch, eine Sprichwortsammlung und andere Texte“[7] - „beschwört er immer wieder das städtische Rechtsideal vom befriedeten Gemeinwesen“[8], das er gerade während der Aufstände in seiner Heimatstadt gefährdet sah. Baeumer führt dazu aus: „Von Aufständen erwartet er [Bote, V.T.] keine Besserung. Er geißelt zwar Haß und Eigennutz der mächtigen Ratsfamilien und tritt für die Belange des kleinen Mannes ein. Aber wenn die Handwerker sich empören, nennt er sie Hunde, Esel und Säue. Dieselbe antirevolutionäre sowie Ordnung und Bürgergut bewahrende Haltung liegt auch dem Volksbuch vom Dyl Vlenspiegel zugrunde“[9]. Bollenbeck resümiert schließlich, daß für den Autor Bote eine „Kritik an Zwietracht, Habsucht und soziale [sic!] Anmaßung“ kennzeichnend sei, die „aus den beiden dominierenden Leitgedanken der ständischen Statik und des ‚gemeynen guths‘, d.h. der Verantwortung gegenüber den Angelegenheiten der Allgemeinheit“ lebe[10]:

So betont der Autor zum einen die Korporation, das harmonische Miteinander in der jeweiligen Gruppe und die Verantwortlichkeit ihr gegenüber in festen Verhaltensstandards. Zum Anderen, und hier dient der feste soziale Ort als vermittelnder Knotenpunkt zwischen beiden Momenten, insistiert er auf der ständischen Hierarchie, auf ein starres Oben und Unten. [...] Offenbar sensibilisieren gerade alte Vorstellungen unseren Autor für die Kritik an neuen, krisenhaft empfundenen Erscheinungen.[11]

Bote muß also als ein Autor gelten, der mit seinen Schriften ins städtische Leben seiner Zeit eingreifen wollte. In Krisen- und Umbruchzeiten sollten sie moralisch-didaktisch auf ihr Publikum einwirken und zum Bestand der erprobten und lange Zeit relative Sicherheit bietenden Ständegesellschaft beitragen.

Vor allem ein Umstand zeigt dabei an, daß Bote es bei der Verbreitung seiner Botschaften – und im Besonderen bei der Gestaltung des „Eulenspiegel“ – auf Breitenwirksamkeit angelegt hatte: die Übersetzung (oder auch die Originalfassung, das kann in diesem Zusammenhang als weitgehend irrelevant gelten) des „Eulenspiegel“-Textes ins Hochdeutsche, obwohl doch der Autor eindeutig dem niederdeutschen Sprachraum zugehörig ist. Bollenbeck erkennt darin die Ausnutzung einer „Tendenz von einer ständisch umgrenzten Publikumsgruppe zu einem nationalen einheitlichen Literaturpublikum“[12]. Der Eulenspiegel ist durch seine Ausnutzung des Hochdeutschen zum Volksbuch bestimmt, an „jederman“ (Vorrede, S. 7) adressiert, da das Hochdeutsche stärkere Verbreitung hatte, und auch im niederdeutschen Raum vom anvisierten Publikum weitgehend verstanden werden konnte (umgekehrt wäre dies wohl weniger der Fall gewesen).

Formal lehnt sich der „Eulenspiegel“-Text – wie ein Großteil der mittelalterlichen Schwankliteratur – an den höfischen Ritterroman an. Der Schwankheld Eulenspiegel erlebt eine Reihe von „Aventiuren“. Inhaltlich jedoch „vollzieht sich mit der Betonung von ‚list‘ und ‚wisheit‘ statt Kampfkraft und Ethos eine Umwertung auf spezifisch bürgerliche Tugenden“[13]. Dies verweist darauf, daß der „Eulenspiegel“ eher auf ein städtisches denn ein höfisches Publikum abzielte. Die Illustration der meisten Geschichten erlaubt zudem auch den weniger Gebildeten einen Zugang, zusätzlich wendet sich Bote ausdrücklich nicht nur an Leser, sondern ebenfalls an die „Zuhörenden“ (Vorrede, S. 7) – für den Eulenspiegel sah er also zweifelsohne ein großes Publikum vor.

Bote wünschte sich – darauf verweist die Vorrede -, sein Publikum mit dem „Eulenspiegel“ angenehm zu unterhalten. Jedoch sollte aus dem oben angeführten hervorgehen, daß sich der Braunschweiger in seinen Schriften zumeist nicht auf den hedonistischen Aspekt der Lektüre beschränkte, sondern diese zur Verbreitung von Zeit- oder Ständekritik nutzen wollte. Im Folgenden soll untersucht werden, inwieweit „Ein kurtzweilig Lesen von Dil Ulenspiegel“ als Beispiel der Schwankliteratur diesem Aspekt gerecht werden kann.

2. Didaktik durch eine negative Figur

Der Narr galt im Zeitverständnis des ausgehenden Mittelalters als ein arglistiger, böser und hinterhältiger Mensch, er war in eine Außenseiterrolle verwiesen. Moser zeichnet den mittelalterlichen Narren im allgemeinen als „eine Bedrohung für die mittelalterliche Weltordnung“[14]. In dieses Bild fügt sich auch Till Eulenspiegel im Volksbuch. Dieser Narr kann schwerlich als eine positive Figur bezeichnet werden. Wunderlich sieht in der Ausgestaltung Eulenspiegels bei Bote den „Inbegriff des gottlosen und bösartigen Gesellschaftsschädlings“[15]. Auch Bollenbeck erkennt in diesem Narren eine negativ angelegte Figur, die bewußt vom Positiv-Helden des „ritterlichen Aventiure-Romans“[16] abgesetzt wurde: „Für Bote ist Eulenspiegel noch kein harmloser Spaßmacher oder Weltweiser“, statt dessen wolle dieser „einen arglistigen Menschen vorstellen“[17]. Schüppert sieht im Narren gar „eine menschliche Figur, die von Teufelsstricken umgarnt, am Teufelsseil geführt und in seinem Netz gefangen ist.“[18]

Eulenspiegel erscheint im Volksbuch tatsächlich mit den negativ besetzten Attributen des Narren: In Historie 31 wird ihm „Boßheit“ (S. 92) zugeschrieben, er verdient sein Geld „[m]it Listen“ (H. 33, S. 98), ist „[m]it durchtriebener Schalkheit [...]geweihet“ (H. 34, S. 101), tut „grossen Schaden“ (H. 46, S. 134). In Historie 21 wird auf sein „val Pferd“ (S. 63) verwiesen, darüber hinaus wird Eulenspiegel im gesamten Buch von verschiedensten Personen unzählige Male als „Schalk“ oder „Schalksnarr“ gescholten.

Von frühester Kindheit an gerät der Bauernsohn Eulenspiegel in Konflikt mit seinen Mitmenschen („die ander Historie) und damit in die Außenseiterrolle. Der Ärger zieht sich bis in die eigene Familie: Seine Mutter mag Eulenspiegels Seiltänzerei nicht dulden (H. 3) und „strafft ihn, daz er kein Hantwerck wolt lernen“ (H. 5, S. 19). In Historie neun schließlich wird er in die Welt hinaus getragen, durch die er fortan auf immerwährender Wanderschaft zieht. Dabei erhält er Kontakt mit den unterschiedlichsten gesellschaftlichen Kreisen: mit Bauern, Handwerkern, geistlichen und weltlichen Herren. Die Streiche, die Eulenspiegel seinen Mitmenschen spielt, führen häufig zu einem ökonomischen Schaden für die Opfer, zumindest aber sind Spott und Schadenfreude über die Geschädigten oder Zwietracht die Folge. Häufig genug mit Schimpf oder Stock des Hauses verwiesen, ist Eulenspiegel ein negativer Protagonist.

In der Vorrede verweist der dort anonym bleibende Bote auf die Entstehungsgeschichte seines Buches: Freunde hätten ihn gebeten, die kursierenden Eulenspiegel-Geschichten zusammenzufassen und verweist dabei etwa auf „Fabulen des Pfaff Amis und des Pfaffen von dem Kalenberg“ (S. 8). Zur Intention sagt er: „Nun allein umb ein frölich Gemüt zu machen in schweren Zeiten, und die Lesenden und Zuhörenden mögen gute kurtzweilige Fröden und Schwänck daruß fabulleren“ (S. 7). Eindeutig legt der Autor den Lesern und Hörern seines Buches damit eine Rezeptionsmöglichkeit nahe, die hauptsächlich auf den Spaßfaktor – die delectatio - an der Lektüre abzielt. „Wiederdriß“ (S. 7) möchte er vermeiden.

[...]


[1] Alle Eulenspiegel-Zitate erfolgen nach: Lindow, Wolfgang (Hrsg.): Ein kurtzweilig Lesen von Dil Ulenspiegel. Nach dem Druck von 1515. Mit 87 Holzschnitten. Bibliographisch ergänzte Ausgabe 2001. Stuttgart: Reclam (1966/2001). Um die Zahl der Fußnoten nicht zu hoch zu treiben, erfolgt der Beleg im fortlaufenden Text durch Hinweis auf Historie und – bei direkten Zitaten – auf die Seite.

[2] In der Schreibweise des Autorennamens folge ich: Wunderlich, Werner: Till Eulenspiegel. München: Fink (1984).

[3] Wunderlich (s. FN 2), S. 12. Anm.: Der biographische Überblick folgt weitestgehend Wunderlich, S. 19-32.

[4] Ebenda, S. 19.

[5] Ebenda, S. 20.

[6] Ebenda, S. 21.

[7] Bollenbeck, Georg: Till Eulenspiegel. Der dauerhafte Schwankheld. Zum Verhältnis von Produktions- und Rezeptionsgeschichte. Stuttgart: Metzler (1985), S. 36.

[8] Wunderlich (s. FN 2), S. 31.

[9] Baeumer, Max L.: Die sozialen Verhältnisse und der sozialkritische Charakter der Volksliteratur im braunschweigischen Raum zur Zeit des Dyl Vlenspiegel. In: Eulenspiegel-Jahrbuch 25 / hrsg. vom Freundeskreis Till Eulenspiegels e.V. Frankfurt am Main, Bern, New York: Lang (1985), S. 33-47. Hier: S. 38.

[10] Vgl. Bollenbeck (s. FN 7), S. 42.

[11] Ebenda.

[12] Ebenda, S. 48.

[13] Ebenda, S. 49.

[14] Moser, Dietz Rüdiger: Fastnacht-Fasching-Karneval. Das Fest der „Verkehrten Welt“. Graz, Wien, Köln: Edition Kaleidoskop (1986), S. 87.

[15] Wunderlich (s. FN 2), S. 28.

[16] Vgl. Bollenbeck (FN 7), S. 49.

[17] Ebenda, S. 52f.

[18] Schüppert, Helga: Eulenspiegel als Teufelsfigur. In: Eulenspiegel-Jahrbuch 29 / hrsg. vom Freundeskreis Till Eulenspiegels e.V. Frankfurt am Main, Bern, New York, Paris: Lang (1989), S. 9-26. Hier:

S. 23.

Ende der Leseprobe aus 25 Seiten

Details

Titel
Der Segen der Bosheit - Negativdidaxe im Eulenspiegel
Hochschule
Technische Universität Chemnitz  (Fachgebiet Germanistik, Philosophische Fakultät)
Veranstaltung
Till Eulenspiegel
Note
1,0
Autor
Jahr
2003
Seiten
25
Katalognummer
V13655
ISBN (eBook)
9783638192545
ISBN (Buch)
9783638723251
Dateigröße
545 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Segen, Bosheit, Negativdidaxe, Eulenspiegel, Till, Eulenspiegel
Arbeit zitieren
Volker Tzschucke (Autor), 2003, Der Segen der Bosheit - Negativdidaxe im Eulenspiegel, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/13655

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