Diese Arbeit beschäftigt sich mit dem literarischen Motiv des Kleidertauschs, dem sogenannten "Cross-dressing", in den beiden mittelhochdeutschen Verserzählungen "Beringer" und "Ritter Alexander". Es soll hinterfragt werden, was in der jeweiligen Verserzählung mit dem "Cross-dressing" verhandelt wird, indem dessen Funktionen innerhalb der Texte herausgearbeitet werden.
Dafür werden sie zunächst hinsichtlich ihrer Struktur und ihres Inhalts analysiert, ehe die textimmanente Darstellung der Protagonisten, also des Ritters und der sich verkleidenden Ehefrau in den Blick genommen wird. Anschließend gilt herauszustellen, auf welche Weise das "Cross-dressing" im jeweiligen Text inszeniert und legitimiert sowie textintern bewertet wird.
Inhaltsverzeichnis
1. Einleitung
2. Beringer
2.1. Struktur und Inhalt
2.2. Darstellung des Ritters
2.3. Darstellung der Frau
2.4. Inszenierung und Legitimation des Cross-dressings
2.5. Funktionen des Cross-dressings
3. Ritter Alexander
3.1. Struktur und Inhalt
3.2. Darstellung des Ritters
3.3. Darstellung der Frau
3.4. Inszenierung und Legitimation des Cross-dressings
3.5. Funktionen des Cross-dressings
4. Fazit und Ausblick
Zielsetzung & Themen
Die vorliegende Arbeit untersucht das Motiv des Kleidertauschs (Cross-dressing) in den mittelhochdeutschen Verserzählungen "Beringer" und "Ritter Alexander", um aufzuzeigen, welche Funktionen dieses Motiv innerhalb der Texte erfüllt und wie es zur Ordnungswiederherstellung sowie der Bestätigung gesellschaftlicher Geschlechterhierarchien beiträgt.
- Analyse von Cross-dressing als Mittel zur sozialen Ordnungsstiftung.
- Untersuchung der gender-spezifischen Rollenverteilung in mittelhochdeutschen Mären.
- Kontrastierung der Darstellung von Ritter und Ehefrau in beiden untersuchten Texten.
- Reflexion über die Bewertung von Ehebruch und ritterlicher Ehre im Mittelalter.
- Deutung des Cross-dressings als temporäre Maßnahme ohne destruktive Absicht gegen die Geschlechterordnung.
Auszug aus dem Buch
2.4. Inszenierung und Legitimation des Cross-dressings
Das weibliche Cross-dressing im Beringer wird durch das simple Anlegen eines Harnischs inszeniert, ansonsten nimmt die Frau keine Veränderungen an sich vor, was auch nicht notwendig erscheint, da ihre Verkleidung von den ihr begegnenden Personen (Ritter Beringer und seinem Knecht) nicht infrage gestellt wird. Die Übernahme männlicher Kleidung genügt, um als Mann wahrgenommen zu werden, sie muss sich offenbar auch nicht verstellen, ihre Stimme verändern oder eine andere Mimik erlernen. Betont wird allerdings, dass sie keine Hose trägt, denn – kein bruch gurtel sy nit zwang –. Dieser Umstand wird textintern auf die dadurch entstehende, größere Mobilität bezogen, markiert aber zudem, dass sie sich auch in ihrer Verkleidung ferner als Frau definiert, da die Hose im Mittelalter als männliches Kleidungsstück galt. Zudem bleibt das weibliche Geschlecht der maskierten Frau dauerhaft präsent, da ihr weiterhin das weibliche Personalpronomen zugeschrieben wird. Man kann also definitiv sagen, dass das Cross-dressing in diesem Fall keine Identitätskrise bei der Protagonistin auslöst, sondern ihre Verkleidung zweckmäßiger Natur ist.
Ihre weibliche Identität wird sogar überspitzt, geradezu betont, wenn sie im Akt der Buße ihr weibliches Geschlechtsteil zeigt, was gewissermaßen ein komisches Moment hervorruft. Zudem spielt auch der Name, den sie sich in ihrer Gestalt als Ritter gibt, auf die weibliche Anatomie an, da die lange ars krynne sowohl ein Symbol der Kastration darstellt, aber eben auch als Vulva zu übersetzen ist. Es wird also insgesamt textimmanent großer Wert darauf gelegt, das Geschlecht für den Rezipienten transparent zu lassen. Nur Ritter Beringer selbst bleibt über den gesamten Handlungsverlauf hinweg unwissend.
Zusammenfassung der Kapitel
1. Einleitung: Diese Einleitung führt in das Motiv des Cross-dressings in den mittelhochdeutschen Verserzählungen "Beringer" und "Ritter Alexander" ein und definiert die methodische Forschungsabsicht.
2. Beringer: Dieses Kapitel analysiert die Struktur der Erzählung sowie die Rollen von Ritter und Ehefrau, wobei der Fokus auf dem Ordnungsverstoß durch den Ritter und der Rache der Ehefrau mittels Cross-dressing liegt.
2.1. Struktur und Inhalt: Das Kapitel erläutert den Handlungsverlauf des "Beringer", der sich dem Themenkreis der „Bestrafung“ bzw. „Überlistung des Mannes“ zuordnen lässt.
2.2. Darstellung des Ritters: Die Analyse zeigt eine negative Charakterisierung Beringers auf, dessen ritterliches Gebaren lediglich ein Schein ist, was zu ehelicher und sozialer Störung führt.
2.3. Darstellung der Frau: Hier wird die aktive Rolle der namenlosen Ehefrau beleuchtet, die durch ihr kluges Handeln ihr Mann zur Umkehr bewegt, ohne ihre eigene geschlechtliche Identität aufzugeben.
2.4. Inszenierung und Legitimation des Cross-dressings: Das Kapitel untersucht, wie durch das einfache Anlegen der Rüstung Cross-dressing als rein pragmatisches und zweckmäßiges Mittel zur Mobilität und Überführung inszeniert wird.
2.5. Funktionen des Cross-dressings: Hier wird dargelegt, dass das Motiv des Kleidertauschs primär der Ordnungswiederherstellung dient, ohne dabei die geltende Geschlechterhierarchie infrage zu stellen.
3. Ritter Alexander: Dieses Kapitel vergleicht "Ritter Alexander" mit "Beringer", fokussiert auf das doppelte Cross-dressing und die Behandlung von Ehebruch.
3.1. Struktur und Inhalt: Der Handlungsaufbau der Reimpaarerzählung um den vorbildlichen Ritter Alexander und seine Frau wird hier strukturiert dargestellt.
3.2. Darstellung des Ritters: Im Gegensatz zum "Beringer" wird Alexander als positiver, aventiure-orientierter Ritter gezeigt, dessen Ehebruch als Widerspruch innerhalb des ritterlichen Wertsystems reflektiert wird.
3.3. Darstellung der Frau: Die Ehefrau wird als idealtypisch-loyal dargestellt, die durch ihr Handeln zur "Komplizin" ihres Gatten wird und die Moral der Geschichte repräsentiert.
3.4. Inszenierung und Legitimation des Cross-dressings: Das Kapitel beschreibt die doppelte Form des Cross-dressings als Reaktion auf den Ehebruch und als Mittel zur Rettung des Ehemannes.
3.5. Funktionen des Cross-dressings: Abschließend wird gezeigt, wie das Motiv dazu dient, die mittelalterliche Geschlechterordnung zu festigen und Machtverhältnisse zugunsten des Mannes zu bestätigen.
4. Fazit und Ausblick: Die Arbeit fasst zusammen, dass in beiden Mären das Cross-dressing weniger der Emanzipation dient, als vielmehr der Stabilisierung bestehender gesellschaftlicher Verhältnisse.
Schlüsselwörter
Cross-dressing, Kleidertausch, mittelhochdeutsche Verserzählung, Beringer, Ritter Alexander, Geschlechterordnung, Rollenkonflikt, Ehebruch, ritterliche Tugend, Märe, Gender-Trouble, Ordnungsstörung, Literaturanalyse, Mittelalter, Geschlechterhierarchie
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit untersucht das Motiv des Cross-dressings in den zwei mittelalterlichen Verserzählungen "Beringer" und "Ritter Alexander" und fragt nach dessen Funktion in den jeweiligen Texten.
Welches sind die zentralen Themenfelder?
Zentral sind die Aspekte der Geschlechterrollen, die Konstruktion ritterlicher Ehre, der Umgang mit Ehebruch und die soziale Ordnung innerhalb des mittelalterlichen Wertesystems.
Was ist das primäre Ziel der Untersuchung?
Das Ziel ist es, herauszufinden, ob Cross-dressing als Subversion der Geschlechterhierarchie fungiert oder ob es – wie die Untersuchung nahelegt – dazu dient, diese zu festigen und bekannte Ordnungsstrukturen wiederherzustellen.
Welche wissenschaftliche Methode kommt zum Einsatz?
Die Arbeit basiert auf einer literaturwissenschaftlichen Analyse, die den Textbestand (Inkunabeln/Drucke) mit zeichentheoretischen und kulturwissenschaftlichen Ansätzen zur Geschlechterforschung (Gender Studies) verknüpft.
Was wird im Hauptteil behandelt?
Der Hauptteil analysiert jeweils die Struktur, das Personal (Ritter und Frauenfigur), die Inszenierung des Cross-dressings sowie dessen Funktion in den beiden genannten Erzählungen.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Kernbegriffe sind Cross-dressing, Mittelalter, Märendichtung, Geschlechterordnung, Ritterideal, Ehe, soziale Kontrolle und literarische Funktion.
Warum wird im "Beringer" das Cross-dressing als komisch wahrgenommen?
Die Komik entsteht durch den Wissensvorsprung der Leser sowie durch die unkonventionelle "Unterwerfung" des Ritters durch die maskierte Ehefrau, was die Ambivalenz ritterlicher Männlichkeit bloßstellt.
Wie unterscheidet sich "Ritter Alexander" vom "Beringer" in Bezug auf die Frauenrolle?
Während die Frau im "Beringer" eher ambivalent und teils komisch gezeichnet ist, fungiert die Ehefrau in "Ritter Alexander" als ein durchweg idealisiertes Vorbild loyalen Verhaltens, das sogar den Ehebruch des Mannes aktiv legitimiert.
Ist das Cross-dressing eine tatsächliche Grenzüberschreitung?
Nein, die Arbeit kommt zu dem Schluss, dass die Figuren in den Verkleidungen keine Identitätskrise durchleben; vielmehr dient der Tausch nur als pragmatisches Mittel, um in einer hierarchischen Ordnung das männliche Ziel zu erreichen.
Was bedeutet die "männliche Lenkung" der Frau?
Dies bezieht sich auf die Beobachtung, dass die Frauen trotz ihrer zeitweisen Dominanz im Cross-dressing stets im Sinne ihrer Ehemänner handeln und ihre Macht niemals destruktiv gegenüber der herrschenden Ordnung einsetzen.
- Arbeit zitieren
- M. Schuster (Autor:in), 2019, Formen und Funktionen des Cross-dressings im "Beringer" und im "Ritter Alexander", München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/1365519