Theorie und Wirklichkeit

Ein analytischer Vergleich zwischen Friedrich Schlegels Romantheorie und seinem Prosawerk, anhand der Texte Brief über den Roman und Lucinde


Hausarbeit, 2009

21 Seiten, Note: 2,0


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung – Problemstellung und Zielsetzung

2. Literatur- und Quellenübersicht

3. Der Brief über den Roman und die Lucinde im historischen und literarischen Kontext

4. Schlegels Lucinde – Gestaltwerdung oder Scheitern an seinen eigenen Ansprüchen? Eine Analyse des Romans anhand Schlegels dichtungstheoretischer Kategorien im Brief über den Roman
4.1. Die Arabeske
4.2. Der Witz
4.3. Das Sentimentale
4.4. Die Lucinde als „romantisches Buch“
4.5. Die Lucinde als Friedrich Schlegels „Selbstbekenntnis, ... , der Ertrag seiner Erfahrung, die Quintessenz seiner Eigentümlichkeit“

5. Exkurs: Der Einfluss von Goethes Wilhelm Meisters Lehrjahre auf Friedrich Schlegels Romantheorie und die Lucinde

6. Zusammenfassung

Bibliographie

1. Einleitung – Problemstellung und Zielsetzung

Friedrich Schlegel war ohne Zweifel einer der bedeutendsten Literaturtheoretiker der Romantik. Rahel Levin charakterisierte ihn als „Kopf, in welchem Operationen geschehen“[1], sein Freund Friedrich Schleiermacher lobte seine „ausgebreiteten Kenntnisse“, seinen „originellen Geist, der hier wo es doch viel Geist und Talent gibt Alles sehr weit überragt.“[2]

Schlegel verfasste im Laufe seines Lebens unzählige literaturtheoretische Schriften, doch nur einen Roman: Die Lucinde.

Als Literaturtheoretiker widmete er sich auch der Gattung der Prosa und legte an diese Maßstäbe fest. Sein wichtigster Text zu diesem Thema ist der Brief über den Roman, welcher in das Gespräch über die Poesie eingebettet ist.

Die Entstehung des Romans Lucinde und des Athenäum -Beitrags Gespräch über die Poesie sind zeitlich eng verknüpft.

Aus dieser zeitlichen Verbindung entwickelte sich die Fragestellung der Hausarbeit: Ist die Lucinde die praktische Gestaltwerdung Schlegels Romantheorie, die sich im Brief wieder findet? Oder scheitert Friedrich Schlegel mit dem ersten Teil des geplanten Romanzyklus an seinen eigenen theoretischen Ansprüchen?

In der vorliegenden Arbeit soll versucht werden, Antworten auf diese Fragen zu finden.

Zunächst wird ein knappen Literatur- und Quellenüberblick gegeben; im Anschluss werden die zwei relevanten Texte in den literarischen und historischen Kontext eingeordnet.

Hauptaugenmerk der Arbeit gilt der Analyse der Lucinde hinsichtlich der dichtungstheoretischen Kategorien, die Schlegel im Brief als Ideale für ein Prosawerk festlegt.

Hierbei soll auf die Arabeske, den Witz und das Sentimentale eingegangen werden.

Schlegel definiert den Roman als romantisches Buch.[3] Punkt 4.4 erörtert, was Schlegel unter einem romantischen Buch versteht und inwieweit die Definition auf die Lucinde zutrifft.

Angesichts Schlegels Forderung im Brief, ein Roman solle ein Selbstbekenntnis seines Verfassers sein[4], wird im letzten Unterpunkt des 4. Kaptitels geprüft, ob und wenn ja, welche autobiografischen Elemente sich in der Lucinde finden.

Das 5. Kapitel hat Johann Wolfgang Goethes Bildungsroman Wilhelm Meisters Lehrjahre und dessen Einfluss auf Friedrich Schlegels Romantheorie und die Lucinde zum Gegenstand. Neben einschlägiger Sekundärliteratur soll sich hierbei auf Schlegels Rezension Über Goethes Meister bezogen werden, welcher in der Zeitschrift Athenäum 1798 erstmalig gedruckt wurde.

In der abschließenden Zusammenfassung werden die Ergebnisse kurz dargelegt.

2. Literatur- und Quellenübersicht

Friedrich Schlegels Gespräch über die Poesie, der darin enthaltende Brief über den Roman und die Lucinde sind der literaturwissenschaftlichen Forschung ein ausführlich behandeltes Thema. Eine große Anzahl an Sekundärliteratur zeugt davon.

Als schwieriger erwies es sich, Texte zu finden, die sich zugleich auf den Brief als auch auf die Lucinde beziehen und die Entstehung beider im Bezug auf den jeweilig anderen Text analysieren.

Als Primärliteratur diente Friedrich Schlegels Gespräch über die Poesie, Über Goethes Meister und die Lucinde. Die Quelle der beiden erstgenannten Texte war die Kritische Friedrich-Schlegel-Ausgabe von Hans Eichner. Das in der Lucinde -Ausgabe enthaltende Nachwort von Wolfgang Paulsen lieferte wichtige Ergänzungen zu dem Roman.

Die Monographien von Klaus Peter Friedrich Schlegel und von Ernst Behler Friedrich Schlegel in Selbstzeugnissen und Bilddokumenten dienten als Quellen über das Leben des Literaturtheoretikers. In Letzterem war insbesondere das Kapitel Die Epoche der Lucinde (1797-1799) von Interesse für die Hausarbeit.

Am bedeutendsten für den Hauptteil der Arbeit war das Werk Friedrich Schlegel und die Kunsttheorie seiner Zeit, herausgegeben von Helmut Schanze. Hierbei waren die Kapitel Neues vom Dichter der >Lucinde< von Josef Körner , Studien zu Friedrich Schlegels poetischen Begriffenvon Karl Konrad Polheim und Friedrich Schlegels Theorie des Romans von Helmut Schanze von Interesse.

Ebenso lieferte das in Manfred Engels Monographie Der Roman der Goethezeit enthaltende Kapitel Friedrich Schlegel, >Lucinde< (1799): „Wie in einer endlosen Reihe von Spiegeln“ (Frühromantische Potenzierung) eine grundlegende Informationsbasis für die Arbeit.

Für das 4. Kapitel der Arbeit erwies sich außerdem die Monographie von Cordula Braun Divergentes Bewusstsein: Romanprosa an der Wende zum 19. Jahrhundert und der darin enthaltende Abschnitt Friedrich Schlegels „Lucinde“: Prosa der Liebe als relevant.

Die grundlegendsten Informationen zu Schlegels dichtungstheoretischen Kategorie des Witzes lieferte Marina Foschi Alberts Friedrich Schlegels Theorie des Witzes und sein Roman Lucinde.

Eine Strukturanalyse der Lucinde und weitere kunsttheoretische Terminologien behandelt Hotz-Steinmeyer in ihrer Monographie Friedrich Schlegels „Lucinde“ als „neue Mythologie“.

Informationen zu Goethes Wilhelm Meisters Lehrjahre und dessen Einfluss insbesondere auf

Schlegels Romantheorie finden sich im Werk Goethe im Kontext, speziell in den Artikel Romantische Kritik der Vernunft: Friedrich Schlegels ‚Lucinde’ und Bonaventuras ‚Nachtwachen’

3. Der Brief über den Roman und die Lucinde im historischen und literarischen Kontext

Schlegel veröffentlichte seinen Roman Lucinde früher als das Gespräch der Poesie: im Herbst 1799, kurz vor seinem Umzug von Berlin nach Dresden.

Von November 1798 bis Mai 1799 hatte er an dem Roman gearbeitet, wobei dieser der erste Teil eines Romanzyklus darstellen sollte, den Schlegel aber niemals fortsetzte.[5]

Zeugnisse von Schlegels Ambitionen als Romanschriftsteller finden sich bereits 1794 in Briefen an seinen Bruder August Wilhelm.[6] In einem Notizheft aus dem Jahr 1798 wird deutlich, dass Schlegel in seinem Buch die tiefgehenden Erlebnisse mit Caroline Böhmer - spätere Frau von Bruder August Wilhelm Schlegel - im Sommer 1793, die, niederschreiben wollte.[7] An welcher Stelle der Lucinde Schlegel diese autobiografischen Erlebnisse einfließen lässt, darauf soll im fünften Unterpunkt des vierten Kapitels näher eingegangen werden.

Demnach waren es diese Erfahrungen, die Schlegel zum Schreiben bewegten; die Urform der Lucinde war Mitte 1794 zu Papier gebracht.[8]

Im Jahr 1797 trug sich Schlegel mit neuen Romanplänen der Lucinde. Josef Körner schreibt dazu:

Von Anbeginn aber steht im Vordergrund seines Planes ein ‚obszöner’ Roman, ‚eine Roman wie Faublas’; [...] An die Verwertung eigener Erlebnisse scheint er zunächst nicht gedacht zu haben, war vielmehr gemeint, seine Romane wie eine gelehrte Schrift auf Grund von Literatur auszuarbeiten;[9]

Ende Oktober 1798 wollte Schlegel seine Romanidee Wirklichkeit werden lassen und schrieb seinem Freund Novalis, dass er diesen Winter einen leichtfertigen Roman mit dem Titel Lucinde zu fertigen gedenke.[10]

Schlegel hatte erst kurz zuvor an seinem Werk zu schreiben begonnen, als in der zweiten Dezemberhälfte 1798 Dorothea Veit von ihrem Gatten geschieden wurde, mit der Schlegel im Sommer 1797 eine außereheliche Liebesbeziehung begonnen hatte.[11]

Josef Körner schreibt zu dieser bedeutenden Wendung in Schlegels Leben:

Wohl aber scheint jenes Ereignis eine Änderung des Planes bewirkt zu haben. Der reine Dichtungsroman wich zurück vor dem Erlebnisroman, die symbolische „Lucinde“ macht dem naturalistischen Porträt Dorotheens Platz, anstelle metaphysischer Spekulationen tritt das ethische Interesse in den Vordergrund, das naturphilosophische Mysterium verwandelt sich in ein Liebesevangelium.[12]

Hans Eichner widerspricht der Hypothese Körners’, Schlegel habe mit der Lucinde einen naturphilosophischen Roman geplant und sei aufgrund eigene Erfahrungen zum Erlebnisroman umgeschwenkt[13]. Sie sei nicht stichhaltig genug: „Wenn Schlegels Roman als uneinheitlich erscheint, so liegt das nicht am Plan, sondern an der Ausführung. ... Die Dichtung verdankt ihren Gehalt der Entstehung einer neuen Moral, als deren auserwählten Verkünder er sich erblickte“[14]

Ebendiese neue Moral (insbesondere im Geschlechterverhältnis auf das im Punkt 4.3 näher eingegangen werden soll) löste bei der Veröffentlichung des Romans einen großen Skandal aus. Selbst Freunde Schlegels zeigten sich befremdet: „Caroline und Novalis missbilligten, ..., dass Dorothea in der LUCINDE gleichsam öffentlich an den Pranger gestellt wurde. Novalis fand ‚das Ganze und das Einzelne noch nicht leicht und einfach und rein vom Schulstaub genug’ und prophezeite wenig Gutes von der Aufnahme“[15]

Einzig Friedrich Schleiermacher erkannte die neue Moral, die in der Lucinde steckt, und hob sie hervor. Hans Eichner schreibt dazu: „[Schleiermacher] hat die ethischen Grundgedanken des Romans herausgearbeitet und überprüft, seine Schönheiten ans Licht gestellt und sich der Form des Werkes gerecht zu werden bemüht.“[16]

Schleiermachers Verteidigung zum Trotz - auch Jahrzehnte später stand die Rezeption der Lucinde unter keinem guten Stern. Wilhelm Dilthey beispielsweise schreibt in seiner 1870 veröffentlichten Schleiermacher-Biografie: „Ich beabsichtige nicht zu beweisen, dass der Roman Friedrich Schlegels sowohl unsittlich als dichterisch formlos und verwerflich ist. Diese Einsicht bedarf keiner Begründung mehr.“[17]

[...]


[1] Behler: Friedrich Schlegel in Selbstzeugnissen und Bilddokumenten, 1966,

[2] ebd. S. 164

[3] KA II, 1962, S. 335

[4] KA II, 1962, S. 337

[5] vgl. Klaus: Friedrich Schlegel, 1978, S. 41

[6] vgl. Körner: Neues vom Dichter, 1921, S. 9

[7] vgl. ebd . S. 9f.

[8] vgl. ebd. S.10

[9] Körner: Neues vom Dichter, 1921, S. 12

[10] vgl. ebd., S. 13

[11] vgl. Behler: Friedrich Schlegel in Selbstzeugnissen und Bilddokumenten, 1966, S. 62

[12] Körner: Neues vom Dichter, 1921, S. 14f.

[13] vgl. Eichner: Einleitung. I. Lucinde, In: KA V, 1962, S. XX

[14] vgl. Eichner: Einleitung, In: KA V, 1962, S. XX

[15] Eichner: Einleitung, In: KA V, 1962, S. XLVII

[16] ebd., S. XLVI

[17] Dilthey: Leben Schleiermachers, S. 530

Ende der Leseprobe aus 21 Seiten

Details

Titel
Theorie und Wirklichkeit
Untertitel
Ein analytischer Vergleich zwischen Friedrich Schlegels Romantheorie und seinem Prosawerk, anhand der Texte Brief über den Roman und Lucinde
Hochschule
Technische Universität Dresden
Note
2,0
Autor
Jahr
2009
Seiten
21
Katalognummer
V136604
ISBN (eBook)
9783640448661
ISBN (Buch)
9783640448357
Dateigröße
471 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Theorie, Wirklichkeit, Vergleich, Friedrich, Schlegels, Romantheorie, Prosawerk, Texte, Brief, Roman, Lucinde
Arbeit zitieren
Jana Richter (Autor), 2009, Theorie und Wirklichkeit, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/136604

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