Über die Zukunft unserer Bildung

Anmerkungen zu Friedrich Nietzsches Bildungskritik


Hausarbeit, 2009

13 Seiten, Note: 15


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Kennzeichen des Bildungssystems des 19. Jahrhunderts

3. Nietzsches Bildungskritik
3.1 Der „Genius“
3.2 Die Kritik der gesellschaftlichen – politischen Dimension des Bildungswesens
3.3 Die Kritik der pädagogischen Dimension
3.4 Die Kritik des institutionalisierten Bildungswesens
3.4.1 Das Gymnasium
3.4.2 Die Universität
3.5 Die Kritik am Philologen

4. Schlussbemerkung

5. Literaturverzeichnis

1. Einleitung

Im Frühjahr des Jahres 1872 hielt Friedrich Nietzsche vor der Akademischen Gesellschaft in Basel eine Vortragsreihe mit dem Namen „Über die Zukunft unserer Bildungsanstalten“. In diesen sehr „wagnerisch“ geprägten Vorträgen kritisiert Nietzsche die Bildungsanstalten auf mehreren Ebenen, wobei er hierbei die deutsche Volksschule, die deutsche Realschule, das deutsche Gymnasium und die deutsche Universität im Terminus „Bildungsanstalt“ subsumiert.[1] Die bis heute zu den weniger erschlossenen Werken zählende Vortragsreihe gewinnt in der Zeit des Bologna Prozesses, des Abiturs nach 12 Jahren und der Frage nach der Zukunft unserer Bildung wieder an Bedeutung. Doch wo setzt Nietzsche seine Kritik an und was beinhaltet sie?

Es steht außer Frage, dass das Bildungssystem des 19. Jahrhunderts nicht mit dem unseren verglichen werden kann, sondern lediglich Ähnlichkeiten aufgezeigt werden können, welche von der Kritik Nietzsches einbezogen werden. So müssen zunächst einmal über die damaligen gesellschaftlichen und politischen Gegebenheiten Merkmale des Bildungssystems des 19. Jahrhunderts beschrieben werden. Anschließend wird der Bildungsbegriff Nietzsches genauer eingegrenzt, indem Nietzsches „Genius“ beschrieben wird.

Nun kann die eigentliche Kritik Nietzsches anhand zweier Dimensionen entwickelt werden, worauf hin dann konkret das Gymnasium, die Universität und die Lehrerausbildung aus Sicht Nietzsches unter die Lupe genommen wird. Die Ähnlichkeiten zu unserem Bildungssystem werden dann in der abschließenden Schlussbemerkung noch einmal ihre Aufmerksamkeit finden.

2. Kennzeichen des Bildungssystems des 19. Jahrhunderts

Das Deutschland des 19. Jahrhunderts ist gekennzeichnet durch die Industrialisierung und der damit einhergehenden Ablösung der feudalen, ständisch gegliederten Gesellschaftsstruktur hin zu einer industriekapitalistischen Klassen – und Staatsbürgergesellschaft. Von der sich durchsetzenden kapitalistischen Wirtschaft, deren Basis die industrielle Produktion ist, wird auch das Bildungswesen ergriffen, wodurch die Vernetzung von Schule und Wirtschaftssystem voranschreitet. Dabei zeigt sich eine Anpassung des Bildungssystems an die Bedingungen der industriellen Revolution, woraus folgt, dass die Bildung zunehmend als kommerzieller Faktor eingestuft wird.[2]

Zudem wurden die sozialen Strukturen und die Lebensbedingungen der Menschen im 19. Jahrhundert nachhaltig von dem damaligen Populationswachstum beeinflusst, welches eine Erhöhung der Bevölkerungsdichte besonders in den urbanen Gebieten zur Folge hatte. Aufgrund von steigenden Schülerzahlen mussten sich auch die Bildungspolitik und die Unterrichtsverwaltung neuen Herauforderungen stellen, was dazu führte, dass verschiedenste Schultypen, Institutionen des tertiären Bereichs und Fachhochschulen neu gegründet wurden. Vergleicht man Nietzsches Bildungskritik mit dem realgeschichtlichen Hintergrund, so lässt sich vermuten, dass sich der Ursprung von Nietzsches Kritik in der damaligen Bildungsexpansion wieder finden lässt.[3]

In der Gesellschaft wurden allerdings nicht nur die Überfüllung der Universitäten und das Überangebot an akademisch gebildeten jungen Männern diskutiert, sondern auch die Grundsatzdebatte nach der Verstaatlichung des Schulsystems fand ihren Anklang beim Volk. Im preußischen „Allgemeinen Landrecht “ von 1794 heißt es: „Schulen seien Veranstaltungen des Staates“.[4] So kann das darauf folgende 19. Jahrhundert als der Versuch beschrieben werden, diese Bestimmung in die Realität umzusetzen. Differenziert man jedoch in dem niederen und höheren Schulwesen, so können Anfang des Jahrhunderts jedoch Unterschiede ausgemacht werden. Da bis zum Ende des Kaiserreichs Konfessionsschulen in Preußen dominierten, gab es eine Grenze für das staatliche Handeln im Volksschulbereich. Dazu aber machte sich der staatliche Apparat auf dem Sektor der gehobenen Bildungseinrichtungen vielmehr bemerkbar, was bemerkenswert ist, da Nietzsche in den Baseler Vorträgen besonders das Gymnasium und die Universität aufgreift. Ein Blick auf die Curricula der damaligen Gymnasien zeigt, wie sehr sich die Gedanken des Staates im Bildungswesen niederschlugen. Somit war die Bildung immer auch ein politisch relevanter Faktor, welcher eine sozial-politische Schlüsselfunktion einnahm.[5]

Die hier angerissenen Aspekte über die Veränderung der sozial – und bildungspolitischen Landschaft ergeben den geschichtlichen Hintergrund, indem Nietzsches Bildungstheorie ihren Ort fand. Zudem entwickelte sich aufgrund dessen in Deutschland eine neue Bildungsidee, welche aus der neuen Literatur geboren wurde. „Gebildet kann sich nur der nennen, der die großen Werke der Literatur als Ausdruck der Erfahrungsgeschichte der Menschheit kennt, denn Literatur bietet den besten Zugang zum Verständnis der eigenen Kultur“.[6]

Doch was versteht Nietzsche unter dem Begriff Bildung?

3. Nietzsches Bildungskritik

Beim Studium der „Baseler Vorträge“ fällt auf, dass der Bildungsbegriff Nietzsches sehr vielschichtig ist und nicht vom Horizont der metaphysischen Dimension getrennt betrachtet werden kann. Es kann also nicht die Aufgabe dieser Abhandlung sein, den Bildungsbegriff Nietzsches in all seiner Vielschichtigkeit darzulegen. Vielmehr werden Punkte skizziert, welche uns dem Verständnis des Bildungsbegriffs Nietzsches näher bringen. So kann der Zusammenhang zwischen metaphysischer Naturteleologie und Bildung anhand eines der nachgelassenen Fragmente Nietzsches umrissen werden: „Absicht der Natur zur Vollkommenheit zu kommen. Der Genius ist insofern zeitlos. Das Ziel ist immer erreicht. Das Ziel der Bildung ist die Unterstützung der Natur für diese zeitlose Vollkommenheit […] Aufgabe der Bildung: den Genius zu vollenden, seine Bahnen zu ebnen, sein Wirken möglich zu machen durch Ehrfurcht, ihn ausfindig zu machen“.[7]

Hier wird deutlich, dass für Nietzsche die Aufgabe der Bildung darin besteht, den Genius, dessen Kenzeichen die zeitlose Vollkommenheit ist, zu formen und zu vollenden. Um Nietzsches Bildungskritik zu entfalten ist zunächst einmal die Klärung des Terminus „Genius“ aus der Sicht Nietzsches erforderlich. Anschließend kann dann, differenziert in gesellschaftlicher – politischer und pädagogischer Dimension, die Kritik Nietzsches dargelegt werden, woraufhin die eigentlichen „Bildungsanstalten“, das Gymnasium und die Universität, aus Sicht Nietzsches diskutiert werden.

3.1 Der „Genius“

Für Nietzsche liegt das Wesen des „Genius“ in dem in Erscheinung treten des Metaphysischen, wobei sich Nietzsche hier an den Geniebegriff Schopenhauers und Kants anlehnt. Die wesentliche Bestimmung des Genies ist hier, dass er zum Repräsentanten einer Gattung wird, in ihm kulminieren alle „eigentümlichen Kräfte“ eines Volkes und er wird zu einem „gleichnisartigen“ Wesen.[8] Er stellt die Vollkommenheit der Bildung des Menschen dar, da der Mensch in ihm diejenige Steigerung seiner Existenz verwirklicht, welche zum Vordringen zu dem wirklichen „Wesen der Dinge“ notwendig ist. Weil die Wissenschaft des 19. Jahrhunderts von einer kausalen Denkweise beherrscht wird und sie immer auf ein rationales Ziel hingerichtet ist, sei es kapitalistischer oder erkenntnistheoretischer Art, kann der Mensch durch sie seine Existenz nicht auf eine neue Ebene heben, nie zum „Genius “ werden. „dass nämlich alle Wissenschaft im eigentlichen Sinne, worunter ich die systematische Erkenntnis am Leitfaden des Satzes vom Grunde verstehe, nie ein letztes Ziel erreichen, noch eine völlig genügende Erklärung geben kann; weil sie das innerste Wesen der Welt nie betrifft nie über die Vorstellung hinaus kann, vielmehr im Grunde nichts weiter, als das Verhältnis einer Vorstellung zur anderen lehrt“.[9]

[...]


[1] Nietzsche, F., Über die Zukunft unserer Bildungsanstalten, KSA 1, S.644.

[2] Hoyer, F., Nietzsche und die Pädagogik: Werk, Biografie und Rezeption, S. 305.

[3] Schmidt – Millard, T., Die Aporie der Bildungstheorie des „Genius“ und ihre Überwindung in den „Unzeitgemäßen Betrachtungen“, S. 41.

[4] Hoyer, F., Nietzsche und die Pädagogik: Werk, Biografie und Rezeption, S. 306.

[5] Hoyer, F., Nietzsche und die Pädagogik: Werk, Biografie und Rezeption, S. 307

[6] Schwanitz, D., Bildung, S.273.

[7] Nietzsche, F, Nachgelassene Fragmente 1869-1874, KSA 7, S. 413.

[8] Schmidt – Millard, T., Die Aporie der Bildungstheorie des „Genius“ und ihre Überwindung in den „Unzeitgemäßen Betrachtungen“, S. 117.

[9] Nietzsche, F, Nachgelassene Fragmente 1869-1874, KSA 7, S. 254.

Ende der Leseprobe aus 13 Seiten

Details

Titel
Über die Zukunft unserer Bildung
Untertitel
Anmerkungen zu Friedrich Nietzsches Bildungskritik
Hochschule
Universität des Saarlandes  (katholische Theologie)
Note
15
Autor
Jahr
2009
Seiten
13
Katalognummer
V136664
ISBN (eBook)
9783640448678
ISBN (Buch)
9783640448364
Dateigröße
406 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Zukunft, Bildung, Anmerkungen, Friedrich, Nietzsches, Bildungskritik
Arbeit zitieren
Christian Arenz (Autor:in), 2009, Über die Zukunft unserer Bildung, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/136664

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