Carl von Ossietzky, der sich stets zur politischen Linken zählte und für Demokratisierung des Staates und vor allen Dingen der Gesellschaft plädierte, übte schon früh Generalkritik an der deutschen Mentalität. So attestiert er den Deutschen eine „militaristische Erziehung“, sowie einen „Autoritätsdusel“.
Ossietzkys Ansicht nach spielte diese Gegebenheit den rechtsradikalen und reaktionären Kräften in Deutschland massiv in die Hände, doch sowohl in der frühen Weimarer Republik, als auch in ihrer Spätphase habe noch die Chance bestanden, dass die politische Linke dieser Rückentwicklung zu antidemokratischen Gesinnungen und einer nichtdemokratischen Staatsform entgegenwirken könnte. Betrachtet man die Reichstagswahlen in der Weimarer Republik, so fällt auf, dass SPD und KPD zusammen genommen stets 30 bis 45% der Wählerstimmen auf sich vereinigen konnten. Daher stellt sich die berechtigte Frage, ob die beiden Parteien durch eine Politik, die auf Annäherung und Vereinigung der „brudermörderisch gespalten[en]“ Arbeiterschaft ausgerichtet worden wäre, die Machtergreifung hätten verhindern können.
Zunächst skizziert die vorliegende Arbeit Ossietzkys Kritik an der deutschen Gesellschaft, da jene kritisierten Gesinnungen und Eigenschaften den Handlungsspielraum der politisch linksorientierten Parteien deutlich einengten. Daraufhin werden die politischen Charakteristika der SPD und die der KPD sowohl zum Anfang der Weimarer Republik, als auch in ihrer Endphase, also von 1929-1933 skizziert und verglichen. Zudem sollen sie auf Grundlage von Ossietzkys Einschätzungen auf ihr politisches Wirken, sowie auf ihr politisches Miteinander und etwaige versäumte Chancen zur Annäherung hin untersucht werden.
Der nächste Abschnitt der Arbeit thematisiert Ossietzkys Appelle zum gemeinsamen Handeln der linksorientierten Bewegungen, fasst seine Thesen und Handlungsvorschläge zusammen und soll Antwort auf die Frage geben, welche Perspektiven zur Zusammenarbeit zwischen den beiden Arbeiterparteien hätten genutzt und auch tatsächlich realisiert werden können.
Eine Schlussbetrachtung soll dann die Tragweite der wechselseitigen Reaktionen von SPD und KPD aufzeigen und sie im Hinblick auf die deutsche Gesellschaft und die Möglichkeit, den Faschismus zu verhindern, bewerten.
Inhaltsverzeichnis
1. Einleitung
2. Carl von Ossietzkys Kritik
2.1 Die deutsche Gesellschaft
2.2 Die SPD
2.3 Die KPD
2.4 Vergleich von SPD und KPD
3. Ossietzkys Appelle zum gemeinsamen Handeln
4. Realisationsmöglichkeiten einer Volksfront
5. Schlussbetrachtung
6. Quellen
Zielsetzung & Themen der Arbeit
Die Arbeit untersucht das politische Wirken von SPD und KPD in der Weimarer Republik im Hinblick auf das Erstarken des Faschismus. Zentral ist dabei die Analyse, inwiefern eine engere Zusammenarbeit der zerstrittenen Arbeiterparteien unter Berücksichtigung der kritischen Appelle von Carl von Ossietzky die nationalsozialistische Machtübernahme hätte verhindern können.
- Kritik von Carl von Ossietzky an der deutschen Gesellschaft und den politischen Akteuren
- Politische Charakteristika und Strategien von SPD und KPD in der Früh- und Spätphase der Republik
- Analyse der gescheiterten Versuche einer linksorientierten Einheitsfront
- Die Rolle von Ideologie und Dogmatismus bei der Lähmung politischer Handlungsspielräume
- Bewertung von verpassten Chancen zur antifaschistischen Kooperation
Auszug aus dem Buch
2.1 Die deutsche Gesellschaft
Wesentlich für eine parlamentarische Demokratie sind die Wähler und so richtet Carl von Ossietzky seine Analyse und Kritik auch auf die deutsche Gesellschaft. Er erkennt in ihr eine lange reaktionär-militaristische Tradition, die nach der deutschen Revolution hätte beendet werden können und müssen: „Die Republik hätte sich zu einem neuen Geist bekennen müssen. Sie hat es versäumt, als es Zeit war. Sie hätte einen Strich machen müssen unters Vergangene – und sie zog einen dicken, weithin sichtbaren Bindestrich“4. Der durch Kriegserfahrungen evozierte Antimilitarismus wurde nicht in der Gesellschaft fundiert, sondern es wurden „alte Formationen mit ihren reaktionären Führern geschlossen“5 übernommen, so dass sich die alten militaristischen Gesinnungen wieder festsetzen konnten. Spöttisch kommentiert Ossietzky dies damit, dass es wohl das deutsche Schicksal sei, nicht über die geistigen Formen des Militärstaates hinauswachsen zu können6.
Während sich demokratische und pazifistische Ideen und die Bezwingung des inneren Militaristen im Volk durchsetzen müssten, um ein stabiles, gemeinschaftliches und freies System zu etablieren, fülle nur der Militarismus die „ideelle Leere im deutschen Korpus“7. Zudem herrsche in der Gesellschaft das politische Credo: Die Republik ist schlecht8.
Unter diesen Voraussetzungen scheint klar, dass der politische Handlungsspielraum der Linksparteien sehr klein ausfallen müsse, während die politische Rechte fruchtbaren Boden vorfände. Auch wenn Ossietzky letzteres darin bestätigt sieht, dass reaktionäre und kriegsverantwortliche Kräfte „von dem ‚Dolchstoß in den Rücken’ faseln und mit dem Phantasiebild eines Revanchekrieges Hörer und Gläubige finden“9, so war die Gesellschaft in den Anfangsjahren der Republik noch nicht endgültig auf die rechte Bahn geraten.
Zusammenfassung der Kapitel
1. Einleitung: Die Einleitung führt in die Generalkritik von Carl von Ossietzky ein und formuliert die zentrale Fragestellung, ob ein Zusammenschluss der SPD und KPD die Machtergreifung der Nationalsozialisten hätte verhindern können.
2. Carl von Ossietzkys Kritik: Dieses Kapitel analysiert Ossietzkys Sicht auf die deutsche Gesellschaft, die SPD und die KPD, wobei er insbesondere die ideologische Starrheit und verpasste Chancen zur Annäherung beleuchtet.
3. Ossietzkys Appelle zum gemeinsamen Handeln: Hier werden die wiederholten Versuche Ossietzkys zusammengefasst, eine rote Einheitsfront gegen den aufkommenden Rechtsradikalismus zu propagieren.
4. Realisationsmöglichkeiten einer Volksfront: Dieses Kapitel untersucht konkrete Versuche zur Schaffung einer Einheitsfront im Jahr 1932 und erläutert das Scheitern dieser Bemühungen an der Unnachgiebigkeit der Parteiführungen.
5. Schlussbetrachtung: Die Schlussbetrachtung bewertet das gegenseitige Blockieren von SPD und KPD und relativiert die Kritik an der mangelnden Umsetzbarkeit einer antifaschistischen Kooperation.
6. Quellen: Auflistung der verwendeten Primär- und Sekundärliteratur.
Schlüsselwörter
Weimarer Republik, SPD, KPD, Carl von Ossietzky, Antifaschismus, Faschismus, Arbeiterbewegung, Einheitsfront, Parlamentarismus, Ideologie, Sozialfaschismus, Reichstagswahl, Politische Linke, Historische Analyse, Demokratie
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit untersucht das Verhältnis und die politische Strategie der SPD und KPD während der Weimarer Republik und analysiert, inwieweit deren Zerstrittenheit den Aufstieg des Faschismus begünstigte.
Was sind die zentralen Themenfelder?
Im Mittelpunkt stehen die gegenseitige Blockade der Arbeiterparteien, die Rolle des Antikommunismus bei der SPD, die stalinistische Bindung der KPD sowie der Einfluss der deutschen Mentalität auf die politische Entwicklung.
Was ist das primäre Ziel der Arbeit?
Das Ziel ist zu ergründen, ob eine geeinte politische Linke durch ein gemeinsames Vorgehen gegen die antidemokratischen Bestrebungen von rechts die Zerstörung der Weimarer Demokratie hätte abwenden können.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Es handelt sich um eine historische Analyse, die sich primär auf die zeitgenössischen Schriften von Carl von Ossietzky stützt und diese mit fachwissenschaftlicher Sekundärliteratur zur Ära der Weimarer Republik abgleicht.
Was wird im Hauptteil behandelt?
Der Hauptteil umfasst eine detaillierte Kritik an den politischen Parteien, einen Vergleich ihrer Ausrichtungen, die Analyse von Ossietzkys Appellen zur Zusammenarbeit sowie eine Untersuchung der konkreten Versuche zur Bildung einer Volksfront.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Die Arbeit lässt sich durch Begriffe wie Einheitsfront, Arbeiterbewegung, Sozialfaschismus, politische Spaltung und den Zusammenbruch der Weimarer Republik charakterisieren.
Warum war laut Ossietzky eine Annäherung der Linken so schwierig?
Laut Ossietzky war die Spaltung durch verkrustete Ideologien, eine sture Parteidisziplin und eine fehlende Bereitschaft der Parteispitzen bedingt, den notwendigen Kompromiss für ein übergeordnetes demokratisches Ziel zu suchen.
Wie bewertet der Autor den Einfluss der Parteibasen im Vergleich zu den Parteiführungen?
Der Autor argumentiert, dass in den Parteibasen durchaus ein Wunsch nach gemeinsamen antifaschistischem Handeln vorhanden war, dieser jedoch durch die unflexible und von Dogmen geprägte Politik der Parteiführungen unterdrückt wurde.
- Quote paper
- Robert Pilgrim (Author), 2008, Vergleich der Politik von SPD und KPD in der Früh- und Schlussphase der Weimarer Republik im Hinblick auf das Erstarken des Faschismus, Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/136705