Einleitung
Eine Verkündigung des Evangeliums kann ohne Inkulturation nicht stattfinden. In Medellín wurde festgestellt, dass der Glaube den Menschen immer nur eingehüllt in eine kulturbedingte Sprache erreicht. Um herauszuarbeiten ob die Theologie der Befreiung eine gänzlich neue Theologie darstellt oder nur eine neue Art theologisch zu arbeiten, ist es nötig die geschichtlichen Umstände, die zu ihrer Entstehung führten, genauer zu beleuchten. Lateinamerika steht seit seiner Entdeckung 1492 unter dem Einfluss fremder Mächte. Das Christentum, welches sich dort in einen neuen Kulturraum integrierte, muss sich in der Konsequenz mit neuen Ansätzen und Entwicklungen, die rückwirkend sind, auseinander setzen. Um die Denkarten der Befreiungstheologie nachvollziehen zu können scheint es unabdingbar zu sein, ihre Entstehung in einen größeren weltgeschichtlichen Kontext zu setzen, da sie sich seit dem Beginn der Missionierung in einem Entwicklungsprozess befindet. Was sind die Ziele der Theologie der Befreiung und wie werden diese von der institutionalisierten Kirche geprägt? Könnte sie tatsächlich eine neue Kirchenspaltung hervorrufen?
Mit der Darstellung eines konkreten Konflikts zwischen Rom und einem Befreiungstheologen sollen einige Elemente der Beziehung zweier Kulturräume und rückwirkende Aspekte, in religiöser Hinsicht, deutlich werden. Wie erfolgt diese Auseinandersetzung? Wie verteidigt sich
die konservative katholische Kirche gegen neue Strömungen, wie die Theologie der Befreiung?
Leonardo Boff, der die Frage aufwirft inwiefern das institutionalisierte System der katholischen
Kirche zu rechtfertigen ist und ob in neuen Kulturräumen nicht auch neue Strukturen von Nöten
sind damit die Botschaft das gesamte Leben erfassen kann, wie das apostolische Schreiben
„Evangelii nuntiandi“1 besagt.
Eine neue Lesart des Wort Gottes in Lateinamerika resultiert auch daraus, dass das Wort an sich
immer einen Bezug zu Zeit und Raum hat. Doch warum erfolgt der Übergang von einem
statischen Ordnungsverständniss zum dynamischen Evolutionsprozess? Die Fähigkeit des
Menschen zu handeln führt zu Veränderungen, doch die sich daraus ergebende „befreiende
Praxis“ in Lateinamerika, birgt auch Gefahren mit sich. Eine politische Ausnutzung des
Glaubens bzw. eine Politisierung des Evangeliums scheint durch die Praxisorientiertheit der
Befreiungstheologie möglich zu sein.
[...]
Inhaltsverzeichnis
Einleitung
1. Entstehungsgeschichte der Theologie der Befreiung
1.1 Historischer Hintergrund
1.2 Grundlagen der Theologie der Befreiung
1.3 Erneuerung der katholischen Kirche als Grundlage für die Entstehung der Befreiungstheologie
2. Der Fall des Leonardo Boff
2.1 Biographisches zu Leonardo Boff
2.2 Eine streitbare Ekklesiologie – Die Auseinandersetzung mit Rom
2.3 Konsequenzen und Reaktionen
3. Schlussbetrachtungen
Zielsetzung & Themen
Die vorliegende Arbeit untersucht die Entstehungsgeschichte der Befreiungstheologie in Lateinamerika sowie die Spannungen zwischen ihren Vertretern und der institutionellen katholischen Kirche, exemplarisch dargestellt am Fall des Theologen Leonardo Boff.
- Historische und sozioökonomische Rahmenbedingungen in Lateinamerika
- Theologische Grundlagen und methodische Ansätze der Befreiungstheologie
- Die Rolle der Basisgemeinden als kirchliche Erneuerungsbewegung
- Der Konflikt zwischen Befreiungstheologie und dem Vatikan
- Biographische und kirchenrechtliche Aspekte im Fall Leonardo Boff
Auszug aus dem Buch
1.1 Historischer Hintergrund
Lateinamerika ist ein Kontinent, den man als äußerst vielfältig beschreiben muss. Dabei kann man jedoch von einer Gemeinsamkeit ausgehen., denn die soziale und ökonomische Kluft vergrößert sich in allen Ländern dieser Region. Deshalb sieht sich Lateinamerika ständig mit Problemen konfrontiert. Dazu gehören Hunger, Bevölkerungswachstum, steigende Arbeitslosigkeit und eine Ungleichheit bezüglich der Bildungschancen. Die Benachteiligung für Produkte durch die Zollschranken der Industrieländer aber auch die internationalen Konzerne, die das Problem der Unterentwicklung fördern sowie die ständige Einflussnahme der Industrienationen sind die Basis für eine Theorie, die sich nach dem Scheitern der „Allianz für den Fortschritt“ etablierte. Die Dependenztheorie berücksichtigt wirtschaftliche, politische und kulturelle Faktoren, welche zu Abhängigkeiten führen. Sie kommt in jedem Fall zu der Überzeugung, dass die Entwicklung eines Landes von der wirtschaftlichen Expansion anderer Länder abhängig ist. Demnach ist Unterentwicklung von außen verursacht. Das bedeutet auch, dass die lange Vorherrschaft der Industrienationen den Prozess, der dazu führte, geprägt hat. Beispiele für diesen politischen Aspekt finden sich unter anderem, in den zahlreichen Interventionen auf dem lateinamerikanischen Kontinent von Seiten der USA zwischen 1798 und 1969.
Zusammenfassung der Kapitel
Einleitung: Es wird die Notwendigkeit einer Kontextualisierung der Befreiungstheologie sowie die Fragestellung nach ihrem Verhältnis zur institutionellen Kirche und möglichen kulturellen Konflikten dargelegt.
1. Entstehungsgeschichte der Theologie der Befreiung: Das Kapitel beleuchtet den sozioökonomischen Hintergrund der Dependenztheorie sowie die methodischen und theologischen Ursprünge der Befreiungsbewegung.
2. Der Fall des Leonardo Boff: Hier wird der konkrete Konflikt zwischen Leonardo Boff und der römischen Glaubenskongregation aufgrund seiner ekklesiologischen Thesen analysiert.
3. Schlussbetrachtungen: Das Fazit fasst die Relevanz des Konflikts für die Dynamik der Kirche zusammen und betont den bleibenden Einfluss der Befreiungstheologie trotz kirchenbehördlicher Restriktionen.
Schlüsselwörter
Befreiungstheologie, Lateinamerika, Leonardo Boff, Ekklesiologie, Katholische Kirche, Basisgemeinden, Dependenztheorie, Rom, Kirchenstruktur, Soziale Gerechtigkeit, Evangelisierung, Glaube, Praxis, Unterentwicklung, Machtverteilung.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit analysiert die historische Entstehung der Befreiungstheologie in Lateinamerika und untersucht die Spannungen mit der römisch-katholischen Amtskirche.
Was sind die zentralen Themenfelder?
Die zentralen Themen sind der sozioökonomische Kontext Lateinamerikas, die biblische Fundierung der Befreiungstheologie und die kirchenpolitische Auseinandersetzung mit Rom.
Was ist das primäre Ziel der Untersuchung?
Das Ziel ist es, die Entwicklung der Befreiungstheologie zu beleuchten und den Konflikt am Beispiel von Leonardo Boff wissenschaftlich aufzuarbeiten.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Die Autorin wählt einen historisch-analytischen Ansatz unter Einbeziehung theologischer und soziopolitischer Quellen.
Was wird im Hauptteil behandelt?
Der Hauptteil behandelt die historische Herleitung, die theoretischen Grundlagen der Befreiungstheologie sowie die biographischen Etappen und den „Fall“ des Theologen Leonardo Boff.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Befreiungstheologie, Lateinamerika, Leonardo Boff, Ekklesiologie, Basisgemeinden und kirchliche Erneuerung.
Welche Rolle spielt Leonardo Boff in der Befreiungstheologie?
Boff gilt als ein Hauptvertreter, dessen ekklesiologische Schriften eine Konfrontation mit der Glaubenskongregation auslösten, da er eine vom Volk her gedachte Kirche forderte.
Wie reagierte der Vatikan auf die Befreiungstheologie?
Der Vatikan reagierte mit Skepsis gegenüber marxistischen Elementen und belegte Befreiungstheologen wie Boff teilweise mit Lehrverboten, betonte jedoch später in weiteren Dokumenten auch positive Aspekte der Basisgemeinden.
Was war der Auslöser für den Konflikt um Boff?
Der Auslöser war die Publikation seines Buches „Kirche: Charisma und Macht“, in der er institutionelle Strukturen der katholischen Kirche kritisch hinterfragte.
Welche Bedeutung haben die Basisgemeinden in diesem Kontext?
Die Basisgemeinden werden als Modell der „Kirche der Armen“ verstanden, die soziale und religiöse Befreiung direkt im Leben der Menschen verknüpfen wollen.
- Quote paper
- Nadja Weigel (Author), 2009, Theologie der Befreiung, Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/136715