Der Fall 'Betty' von Anneliese Ude-Pestel. Psychotherapie bei Kindern

Eine Fall- und Therapieanalyse


Hausarbeit, 2007
19 Seiten, Note: 2,7

Leseprobe

Gliederung

1. Vorwort

2. Der Einfluss der Psychoanalyse auf die Pädagogik bzw. die Erziehungswissenschaft
2.1. Auffälligkeiten und Symptome
2.2. Die Familie und Bettys Umfeld
2.3. Elterngespräche
2.4. Therapiesitzungen mit Betty
2.5. Die Deutungen und Interpretationen der Psychologen und deren Stützung durch die Freudschen Theorien
2.6. Die Bedeutungen der Kinderzeichnungen

3. Zusammenfassung

4. Literaturverzeichnis

1. Vorwort

Diese Arbeit soll den Zusammenhang zwischen der Psychoanalyse (nach Freud) und der Erziehung klären. Hierbei soll zuerst der Einfluss der Psychoanalyse auf die Pädagogik und die Erziehungswissenschaft diskutiert werden. Diesbezüglich möchte ich kurz auf Einsatzgebiete und die veränderte pädagogische Situation verweisen.

Der Hauptteil der Arbeit befasst sich mit dem exemplarischen Fall der 6jährigen Betty (Name geändert). In diesem Zusammenhang arbeite ich mit dem als Buch veröffentlichten Protokoll einer Kinderpsychotherapie von Anneliese Ude-Pestel.

Zuerst möchte ich den Fall und das Verhalten des Kindes vor und während der fast 2jährigen Therapie darstellen. Des Weiteren will ich das familiäre, private und schulische Umfeld der Patientin umreißen, um im Folgenden die darauf abgestimmten Methoden und Schritte der Psychologin zu beleuchten. Hierfür sollen die Ergebnisse der Elterngespräche und der eigentlichen Sitzungen weitere Aufschlüsse liefern.

Nach dieser Fallvorstellung sollen die Interpretationen und Untersuchungsthesen der Therapeutin dargelegt werden, um deren Stimmigkeit und Herleitung an den Theorien von Sigmund Freud zu überprüfen. In diesem Sinne möchte ich die Problematik der kindlichen Entwicklungsstufen und Sexualität anführen.

Die letzte Auseinandersetzung befasst sich mit den Zeichnungen der Patienten, da sowohl die Anzahl, als auch die Motive eine besondere Verbildlichung des inneren Gefühlslebens und der Entwicklung von Betty sichtbar machen.

Zusammenfassend will ich die Arbeit und den Fall bewerten und einen resümierenden Blick auf die Arbeit mit Kindern werfen und die kindliche Psyche betrachten.

2. Der Einfluss der Psychoanalyse auf die Pädagogik bzw. die Erziehungswissenschaft

„Die pädagogische Anthropologie ist auf die Ergebnisse der Entwicklungspsychologie angewiesen.“[1] Diese Äußerung von Bittner scheint zutreffend, denn die Theorien von Sigmund Freud haben eine veränderte Sicht auf den Menschen und dessen Entwicklung hervorgerufen. Freud selbst befasste sich mit der Frage, welche Auswirkungen seine Ansichten auf das bestehende Umfeld und die Kultur hätten. Die Entdeckung der Psychoanalyse als neue Wissenschaft wurde von Freud als durchaus positiv gewertet und er betrachtete sie nicht nur als ein Heilverfahren für Psychosen und Neurosen. Seiner Meinung nach hätte die Psychoanalyse eine tiefergehende Bedeutung für beispielsweise die Sprachwissenschaft, die Philosophie, die Soziologie und die Pädagogik. Diese Auffassung begründet er mit der Tatsache, dass die Traumsprache und die Entdeckung des Traumes als Ausdruck des Unbewussten eine Möglichkeit der Verständigung seien. Zudem kann die Kenntnis über die Seelentätigkeit zu einer (philosophischen) Neubewertung des Unbewussten führen.[2] Für die Pädagogik und die Erziehungswissenschaft kamen die Annahme der infantilen Sexualität bei Kindern und die Existenz der erogenen Zonen hinzu, sodass der Betrachtungsschwerpunkt für Verhaltensstörungen und Seelenkonflikte, als auch das Hauptaugenmerk der Erziehung auf die frühe Kindheit gelegt wurden. Bittner fasst dieses Entwicklungsdenken wie folgt zusammen:

„Der Mensch schreitet voran auf dem Lebensweg, aber er kommt nie über sich hinaus, steht immer wieder am Anfang, immer wieder vor den gleichen Problemen. Wenn ein neues Lebensthema akut wird, sind die vergangenen Stadien damit nicht ausgelöscht. Sie bestehen fort und sind allenfalls überlagert.“[3]

Diese veränderten Annahmen führten zu der Notwendigkeit, dass der Erzieher seine Maßnahmen überdenken und sich mit dem kindlichen Seelenleben auseinandersetzen musste, denn die Erlebnisse und Konflikte der Kindheit prägen das spätere Verhalten und da die frühkindlichen Wünsche und Triebregungen auch beim Erwachsenen erhalten bleiben, stellte sich die Frage, welche Konsequenzen die erzieherischen Methoden auf das spätere Leben ausüben.

Durch Freuds Ausführungen finden Begriffe wie Regression, Fixierung und ödipale Phase Einklang in den Erziehungs- und Verhaltensalltag. Seit Freud kann man die psychoanalytischen Annahmen in verschiedenen Anwendungsgebieten entdecken. Seine Kenntnisse sammelte Freud aus den Untersuchungen mit Erwachsenen. Seither haben sich viele Psychoanalytiker auf die Kinderpsychologie und Kinderpsychotherapie spezialisiert. Diese (Zu-)Wendung begründet Melanie Klein folgendermaßen:

„Kinderanalysen, vor allem die frühkindlichen im Alter zwischen drei und sechs Jahren, zeigen besonders deutlich, wie früh der Kampf zwischen dem einer Kultur angepaßten und dem primitiven Anteil einer Persönlichkeit beginnt.“[4]

Dieser Kampf führt zu verschiedenen Konflikten, welche manche Kinder nicht erfolgreich bewältigen können, sodass sich psychische Krankheiten herausbilden. Darüber hinaus versucht das Kind durch Zeichnungen und Spielsituationen seinen Ängsten, Leiden und allgemein seinen (Trieb-)Regungen Ausdruck zu verleihen. Auf die Notwendigkeit der geschulten Beobachtung, des Wissens über psychoanalytische Methoden und Symbole und den Nutzen des kindlichen Spiels verweist Klein in ihrer Arbeit zum Ödipuskomplex.

„Beobachten wir von unserem psychoanalytischen Standpunkt aus das Spiel des Kindes und verringern wir durch eine spezielle Technik seine Hemmung, dann können wir diese Phantasien und Vorstellungen herausbringen, können wir die Erfahrungen herausfinden, die das Kind hatte, können all seine Triebregungen erkennen und seine reaktiven kritisierenden Fähigkeiten. Diese Technik ist nicht leicht; sie erfordert eine starke Identifizierung mit den Phantasien des Kindes und eine besondere Haltung dem Kind gegenüber, aber sie ist äußerst produktiv. Diese Technik führt uns in die Tiefen des Unbewußten, die sogar für den Analytiker von Erwachsenen überraschend sind.“[5]

„Wir dürfen diese Triebregungen nicht mit ethnischen Normen belegen; wir müssen ihre Existenz als gegeben hinnehmen, ohne jede Kritik, und müssen dem Kind helfen, damit fertig zu werden, wobei wir gleichzeitig sein Leiden mildern, seine Fähigkeiten und sein seelisches Gleichgewicht stärken und letztlich eine Aufgabe von großer sozialer Bedeutung erfüllen.“[6]

Daraus wird ersichtlich welche besondere Bedeutung die Psychoanalyse für die Erziehung und den Umgang mit Kindern innehat.

„Das psychoanalytische Entwicklungsmodell kann dem Erzieher helfen, seinen Blick für die Reichhaltigkeit und Variabilität menschlicher Entwicklungsverläufe und Erziehungsschicksale zu schärfen.“[7]

Folglich wird das Verhältnis zwischen Erwachsenem bzw. dem Erzieher und dem Kind in ein besonderes Licht gerückt. Seitens des Erwachsenen erfolgen eine Horizonterweitung und ein weiterer Zugang zum Verständnis des Kindes. Allerdings werden ebenso Probleme ersichtlich. Trotz der vielseitigen Beschäftigung mit der Psychoanalyse fehlen „Patentrezepte“ für die Erziehung. Die Erzieherrolle halten Lehrer, als auch Eltern inne, so dass nach dem Einfluss der Psychoanalyse auf die Lehrerausbildung gefragt werden sollte. Generell kommt der Schule als Erziehungs- und Lernanstalt eine besondere Bedeutung zu, da das Kind hier mit Autoritätskonflikten zu kämpfen hat, die Schule zur Triebkontrolle „nötigt“ und aufgrund der Benotung Gefühle der Bestrafung oder Belohnung hervorgerufen werden. Auf das jedoch größte Problem, mit dem der Erzieher nach psychoanalytischer Annahme zu kämpfen hat, verweist Fürstenau durch ein Zitat von Sigfried Bernfeld; in Anlehnung an das Problem, dass selbst der Erwachsene mit inneren Konflikten zu kämpfen hat. „So steht der Erzieher vor zwei Kindern: dem zu erziehenden vor ihm und dem verdrängten in ihm.“[8]

Diese Problematik greift auch Horst E. Richter in seinem Buch auf, indem er sich mit der Frage auseinandersetzt welche Konsequenzen die affektiven Strebungen und Ängste der Eltern für die kindliche Rolle und für das kindliche Verhalten hätten? Hierbei ist er der Ansicht, dass Freud die affektive Rolle der Eltern außer Acht gelassen hätte und bezüglich der Verhaltensentwicklung von Einzelerlebnissen (Verführung, Beobachtung des elterlichen Beischlafes …) ausging.[9] Diese einseitige Betrachtung verwirft Richter, aufgrund der These, dass

„Je mehr Eltern unter dem Druck eigener ungelöster Konflikte leiden, um so eher pflegen sie – wenn auch unbewußt – danach zu streben, dem Kind eine Rolle vorzuschreiben, die vorzugsweise ihrer eigenen Konfliktentlastung dient.“[10]

Folglich setzt er sich dafür ein, dass der affektiven Eltern-Kind-Beziehung ein höherer Stellenwert zugeschrieben wird, denn gerade die Eltern sind für die Über-Ich-Bildung und die dementsprechende Identifikation entscheidend.[11]

Neben diesem Forschungsschwerpunkt, gewannen Ansätze wie die (psychoanalytische) Bedeutung von Milieaueinflüssen, die Zwillingsforschung, die Familiensoziologie, die Kulturforschung und die Untersuchung von „Anstaltskindern“ zunehmend an Bedeutung.[12] Weiterhin werden auch die Bedeutungen von Kinderzeichnungen und Märchen untersucht, sodass sich das Feld im Bezug auf die Kinderpsychologie enorm erweitert hat.

Es stellt sich abschließend die Frage, wie die Leistung der Psychoanalyse und deren Einfluss zusammengefasst werden kann? Es wurde ersichtlich, dass durch die psychoanalytischen Theorien den frühen Kinderjahren besondere Beachtung geschenkt wurde und dass sich dementsprechend die Forschung spezialisiert hat, sodass die Psychoanalyse einerseits als Informationsquelle und andererseits als Behandlungsmethode zu verstehen ist. Allerdings werden die Einzeltherapien von Kindern mit Milieubetrachtungen und Familiensitzungen bzw. Elterngesprächen kombiniert, um genauere und evtl. korrigierte Informationen aus dem Umfeld des Patienten zu erhalten. Weiterhin steht die Frage im Mittelpunkt, welche Folgen die Kindheit für das Erwachsenenalter hat? Hierbei könnte man, laut Fürstenau, das psychoanalytische Material in zwei Richtungen auslegen: einerseits nach der Frage, wie die äußeren Faktoren, aufgrund der inneren Bedingungen verarbeitet werden und andererseits, welche inneren Bedingungen durch die äußeren Faktoren begünstigt werden.[13]

Die Psychoanalyse ist für die Pädagogik bzw. Erziehungswissenschaft insofern ein Gewinn, dass dem Unterdrückten / Vergessenen Beachtung geschenkt wird. Darüber hinaus „… kann [sie] nicht nur die künftige Entwicklung des Kindes feststellen, sondern sie kann sie auch verändern und in bessere Bahnen lenken.“[14] Allerdings darf nicht vergessen werden, dass es hierfür keine allgemeingültigen Methoden gibt, sondern diese an das jeweilige Individuum bzw. Kind gebunden sind.

[...]


[1] In: Bittner, Günther: Psychoanalyse und soziale Erziehung. München. 1972 .S. 24.

[2] Vgl. hierzu „Das Interesse an der Psychoanalyse“ (1913) in: Schmidt-Hellerau, Cornelia (Hrsg.): Sigmund Freud. Das Lesebuch. Schriften aus vier Jahrzehnten. Frankfurt am Main. 2006. S.215-246.

[3] In: Bittner 1972. S. 29.

[4] In: Klein, Melanie: Frühstadien des Ödipuskomplexes. Frühe Schriften 1928-1945. S. 22.

[5] In: Ebd. S. 27.

[6] In: Ebd. S. 30.

[7] In: Bittner 1972. S. 39.

[8] In: Fürstenau, Peter: Zur Theorie psychoanalytischer Praxis. Stuttgart. 1992. S. 189.

[9] In: Richter, Horst E.: Eltern, Kind, Neurose. Psychoanalyse der kindlichen Rolle. Reinbek bei Hamburg. 1969. S. 30.

[10] In: Ebd. S.16.

[11] In: Ebd. S. 24.

[12] Vgl. hierzu das Kapitel „Neuere Anschauungen“ in: Ebd. S. 33-68.

[13] Vgl. hierzu Fürstenau 1992. S. 186f.

[14] In: Klein S. 42.

Ende der Leseprobe aus 19 Seiten

Details

Titel
Der Fall 'Betty' von Anneliese Ude-Pestel. Psychotherapie bei Kindern
Untertitel
Eine Fall- und Therapieanalyse
Hochschule
Universität Potsdam  (Institut für Erziehungswissenschaft)
Veranstaltung
Psychoanalyse und Erziehung
Note
2,7
Autor
Jahr
2007
Seiten
19
Katalognummer
V136819
ISBN (eBook)
9783640452521
ISBN (Buch)
9783640452781
Dateigröße
428 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Freud, Tiefenpsychologie, Betty
Arbeit zitieren
Marlen Berg (Autor), 2007, Der Fall 'Betty' von Anneliese Ude-Pestel. Psychotherapie bei Kindern, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/136819

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