Kunst und Kirche

Betrachtungen zur Musik im Kirchenraum im Lichte der Philosophie Arthur Schopenhauers


Hausarbeit, 2009
19 Seiten, Note: 2,0

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Was ist Kunst?
2.1 Was ist – philosophisch betrachtet – Musik, und wie wirkt sie?

3. Was sind die grundlegenden Charakteristika der Liturgie?
3.1 Wie erscheint die Musik im Lichte der Liturgiekonstitution des Zweiten Vatikanischen Konzils?
3.2 Welche dezidierten Funktionen der Musik im Kirchenraum folgen aus der Liturgiekonstitution?

4. Welche Spannungen und Übereinstimmungen ergeben sich aus dem Wesen der Musik und den Musikauffassungen der Kirche?

5. Conclusio

Verzeichnis verwendeter Literatur

1. Einleitung

In der vorliegenden Hausarbeit soll das Verhältnis zwischen Kunst und Kirche untersucht werden. Der Begriff „Kunst“ kann jedoch sehr weit aufgefasst werden, in ihm finden sich Architektur, Dichtkunst, bildende Kunst, Musik und verschiedenste Chimären dieser Formen wieder; daher möchte ich mich auf die Musik konzentrieren. Der Grund dafür ist, dass die Musik gemeinhin, und selbst von so unterschiedlichen Philosophen wie Schopenhauer und Hegel, als die höchste aller Künste verstanden wird, und ihr auch seitens der Kirche explizit eine Sonderstellung eingeräumt wird. Diese Prämissen seien hier lediglich andeutungsweise eingeführt, im Laufe der Arbeit sollen ihre Bedeutung und ihr Sinn weiter entfaltet werden.

Die Ausarbeitung gliedert sich in insgesamt sechs Kapitel. Einführend soll zunächst geklärt werden, was Kunst charakterisiert, welche immanenten Eigenschaften ihr zugeschrieben werden können und welche Funktion sie dadurch hat. Als nächster Schritt sollen diese Merkmale der Kunst einerseits im Bezug auf die Musik konkretisiert werden, zum anderen soll geklärt werden, welche spezifischen – und in dieser Ausprägung nur ihr zu eigenen – Merkmale Musik hat und ob – und wenn ja inwiefern – sie deshalb als die höchste aller Künste bezeichnet werden kann.

Anschließend soll das Augenmerk auf die Kirche gerichtet werden; hier empfiehlt es sich zunächst, zu untersuchen, welche Aussagen die Kirche im Bezug auf Kunst – und speziell auf Musik – selbst getroffen hat. Von primärem Interesse ist dabei die Liturgiekonstitution des Zweiten Vatikanischen Konzils, in ihr wiederum besonders die Passagen, die sich explizit auf den „Gebrauch“, beziehungsweise die Form und Funktion von Kunst im kirchlichen Raum beziehen. Um dieses Verhältnis genauer betrachten zu können, sollen zunächst einige allgemeine Betrachtungen zu den Eigenschaften beziehungsweise den Charakteristika der Liturgie angestellt werden. Anschließend soll untersucht werden, wie die Musik im Lichte der Liturgiekonstitution des Zweiten Vatikanischen Konzils erscheint und welche Funktionen ihr dabei im Kirchenraum zugewiesen werden. Im Anschluss daran soll gezeigt werden, welche Ausprägungen von Musik im Kirchenraum dadurch möglich werden und welche praktischen Funktionen ihr teils zugewiesen werden.

Abschließend sollen die sich auftuenden Spannungen und Differenzen zwischen Musik als eigenständigem Subjekt – nicht nur als Kirchenmusik – einerseits und der Kirche als Institution und als Raum andererseits thematisiert werden. Welche Reibungs- und möglicherweise auch unvereinbaren Punkte dieser historisch gewachsenen und teilweise symbiotischen Verbindung tun sich da auf? Wo gibt es vereinbare Aspekte, wo gar einen beidseitigen inhaltlichen und erkenntnisgerichteten Gewinn?

2. Was ist Kunst?

Was ist Kunst? Dieses Problem beschäftigte bereits viele Generationen von Denkern, und jede von ihnen fand eigene Antworten auf diese zeitlose Frage. In dieser Arbeit sollen, anstatt ein wahlloses, beliebiges und unübersichtliches Panoptikum an Ideen und Gedankenfragmenten verschiedenster Denker auszubreiten, die Überlegungen Arthur Schopenhauers zur Kunst den roten Faden bilden, an dem entlang diskutiert und Erkenntnis erlangt werden soll.

Für Schopenhauer besteht etwas unabhängig von aller Relation existierende, etwas Wesentliches der Welt, etwas, was keinem Wechsel unterworfen ist. Er nennt es „den Willen“[1]. Dieser Wille objektiviert sich, nimmt Gestalt an, in den „Ideen“

Und nicht allein der Zeit, sondern auch dem Raum ist die Idee enthoben: denn nicht die mir vorschwebende räumliche Gestalt, sondern der Ausdruck, die reine Bedeutung derselben, ihr innerstes Wesen, das sich mir aufschließt und mich anspricht, ist eigentlich die Idee und kann ganz dasselbe sein, bei großem Unterschied der räumlichen Verhältnisse der Gestalt.“[2]

Die Kunst ist die Erkenntnisart, die diese ewigen Ideen betrachtet, erkennt, wiederholt und somit „das Wesentliche und Bleibende aller Erscheinungen der Welt“[3] destilliert. „Ihr einziger Ursprung ist die Erkenntnis der Ideen; ihr einziges Ziel Mitteilung dieser Erkenntnis.“[4] Das bedeutet, dass jede Kunst aller Epochen etwas zeitlos Gemeinsames hat, etwas, das sie jenseits des weltlichen Geschehens verbindet und auszeichnet. Dieses Gemeinsame ist für Schopenhauer, dass die Kunst überall am Ziel sei.[5] Das bedeutet, dass sie den Gegenstand der Betrachtung aus seiner zeitlichen und weltlichen Verankerung nimmt und isoliert betrachtet. Dieser einzelne Gegenstand wird dann vom verschwindend kleinen Teil der Welt zum Repräsentanten des Ganzen, durch das Verschwinden der zeitlichen Dimension wird der Gegenstand auf sein Wesentliches reduziert und gewinnt damit zugleich an Allgemeingültigkeit. Die Kunst ist für Schopenhauer die geniale Erkenntnisart, im Gegensatz zur Wissenschaft, der vernunftgesteuerten Betrachtungsart[6], und diese Erkenntnisart arbeitet daraufhin, das Problem des Daseins, die Frage, was das Leben sei, zu lösen. „Diese Frage beantwortet jedes echte und gelungene Kunstwerk, auf seine Weise, völlig richtig.“[7] Demnach gibt es unzählige, sich stetig vermehrende, Antworten auf diese zentrale Frage. Diese Antworten zeichnet seiner Meinung nach jedoch aus, dass sie stets lediglich ein flüchtiges Bild sind, nicht die bleibende Erkenntnis, was darin begründet liegt, dass sie „nur die naive und kindliche Sprache der Anschauung, nicht die abstrakte und ernste der Reflexion“[8] sprechen.

Kurzum halten die Künste – alle, außer der Musik, über die noch gesondert zu sprechen sein wird – dem Frager ein anschauliches Bild vor und sagen „Dies ist das Leben!“[9] Kunst wird dadurch zu einem rationalen und vernunftgesteuerten Medium der Sinngenerierung und Sinnmitteilung, einem Medium, das diesen Sinn jedoch stets nur in Fragmenten und Beispielen mitteilen kann, und dessen Schatz der Weisheit stets aufs Neue zutage gefördert werden und vom Betrachter erzeugt werden muss. Dies bedeutet, dass Kunst immer etwas sehr Subjektives ist, etwas, das bei jedem Betrachter eines Bildes oder einer Skulptur oder einem Leser eines Gedichts auf einen stets verschiedenen Resonanzboden fällt und somit nicht nur eine flüchtige Aussage, sondern auch eine stets in jedem Menschen verschiedene, trifft.

Dieses subjektive Element der Kunst begründet Schopenhauer zudem noch auf einer weiteren Ebene: Jedes Kunstwerk kann nur durch die Phantasie wirken, nicht alles darf den Sinnen dargeboten werden, der Geist muss vielmehr angeregt und auf den richtigen, besser wäre zu sagen einen richtigen, Weg der Erkenntnis geleitet werden.[10]

Die Phantasie spielt für Schopenhauer überhaupt eine zentrale Rolle bei der Bewertung von Kunst: Wachsfiguren, obwohl möglicherweise kunstvoll gearbeitet, spricht er den Status des Kunstwerks ab, da sie der Phantasie nichts übrig lassen, sondern alles – Farbe und Form – bereits fertig präsentieren.[11] Unter diesem Gesichtspunkt, und aus heutiger Sicht, ließe sich hier noch hinzufügen, dass die Photographie, wenn überhaupt, nur sehr eingeschränkt als Kunst gelten kann.

Grundsätzlich lässt sich konstatieren, dass Kunst aus Schopenhauers Sicht stets zur Erkenntnis der oben angeführten Ideen führen soll. In diesem Sinne ist Kunst als Medium der Mitteilung also legitim. Nicht legitim erscheint sie ihm jedoch, wenn sie lediglich zur Mitteilung eines bloßen, bestimmbaren, deutlich gedachten und daher zu erschöpfenden Begriffs genutzt wird.[12] Programmmusik, im Sinne der Beethovenschen Unterteilung von Programm- und absoluter Musik, darf demnach nicht als wahre Kunst gelten. Mit dieser Feststellung soll von den allgemeinen Betrachtungen zur Kunst, ihrer Funktion und den ihr immanenten Eigenschaften zur Musik übergeleitet werden.

2.1 Was ist – philosophisch betrachtet – Musik, und wie wirkt sie?

Nachdem sich also herauskristallisiert hat, dass für die Kunst zwei Merkmale von zentraler Bedeutung sind, die Erkenntnis des Lebens und die Befeuerung der Phantasie, soll in diesem Abschnitt herausgearbeitet werden, wie sich diese Merkmale in der Musik verhalten und was dies für Konsequenzen mit sich bringt.

Um die Erkenntnis der Musik auch theologisch anzugehen, sollen hier die Schriften von Aurelius Augustinus hinzugezogen werden.

Schopenhauer argumentiert, dass die Musik abseits aller anderen Künste stehe:

„Wir erkennen in ihr nicht die Nachbildung, Wiederholung irgend einer Idee der Wesen in der Welt: dennoch ist sie eine so große und überaus herrliche Kunst, wirkt so mächtig auf das Innerste des Menschen, wird dort so ganz und so tief von ihm verstanden, als eine ganz allgemeine Sprache, deren Deutlichkeit sogar die der anschaulichen Welt selbst übertrifft;“

Wie sich bereits zuvor gezeigt hat, ist der Sinn und Zweck von Kunst die Erkenntnis der Ideen durch die Darstellung einzelner Dinge. „Sie alle objektivieren also den Willen nur mittelbar, nämlich mittelst der Ideen.“[13] Für Schopenhauer ist die Welt selbst nichts weiter als die Erscheinung all dieser Ideen in ihrer Vielzahl[14], was also bedeutet, dass alle darstellende Kunst stets an diese Welt der Ideen gebunden ist. Die Musik hingegen, und hier liegt ihre Einzigartigkeit begründet, übergeht diese Ideen, ist von der erscheinenden Welt gänzlich unabhängig, könnte sozusagen auch ohne die Welt existieren.

„Die Musik ist also keineswegs, gleich den anderen Künsten, das Abbild der Ideen; sondern Abbild des Willens selbst. [...] deshalb eben ist die Wirkung der Musik so sehr viel mächtiger und eindringlicher , als die der anderen Künste: denn diese reden nur vom Schatten, sie aber vom Wesen.“[15]

An diesem Punkt, an dem Musik zugestanden wird, dass sie losgelöst von der Welt existieren könnte und dass sie die Manifestation dessen, was Schopenhauer den Willen nennt, sei, findet sich ein für den weiteren Fortgang dieser Arbeit überaus bedeutsamer Schnittpunkt mit den aus der christlichen Glaubenswelt hervorgegangenen Gedanken Aurelius Augustinus’ zur Musik: Der neuzeitliche Herausgeber seiner Schriften, Carl Johann Perl, deutet diese Überlegungen abschließend folgendermaßen:

[...]


[1] Schopenhauer, Arthur: Schriften über Musik. In: Stabnow, Karl (Hrsg.): Arthur Schopenhauer. Schriften über Musik. S.37

[2] Schopenhauer: S.88

[3] Schopenhauer S.37

[4] Ebd. S.37

[5] Vgl. Ebd. S.37

[6] Vgl. Ebd. S.38

[7] Ebd.S.90

[8] Ebd. S.90

[9] Vgl. Ebd. S.90

[10] Vgl. Ebd. S.92

[11] Vgl. Ebd. S.92/93

[12] Vgl. Ebd. S.94

[13] Vgl. Ebd. S.112

[14] Vgl. Ebd. S.112

[15] Ebd. S.113

Ende der Leseprobe aus 19 Seiten

Details

Titel
Kunst und Kirche
Untertitel
Betrachtungen zur Musik im Kirchenraum im Lichte der Philosophie Arthur Schopenhauers
Hochschule
Eberhard-Karls-Universität Tübingen  (Institut für Musikwissenschaft)
Veranstaltung
Der der römischen Liturgie eigene Gesang (Hauptseminar)
Note
2,0
Autor
Jahr
2009
Seiten
19
Katalognummer
V136833
ISBN (eBook)
9783640453122
ISBN (Buch)
9783640452828
Dateigröße
432 KB
Sprache
Deutsch
Anmerkungen
Betrachtet und analysiert die Probleme von Musik im Kirchenraum (Choral, geistliches Lied, etc) aus der Perspektive der Schopenhauerschen Kunst- und Musikphilosophie.
Schlagworte
Kunst, Musik, Kirche, Philosophie, Schopenhauer, Gregorianischer Choral, Liturgie, Verhältnis
Arbeit zitieren
Alkimos Sartoros (Autor), 2009, Kunst und Kirche, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/136833

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