In der vorliegenden Arbeit wird das Verhältnis zwischen Kunst und Kirche untersucht werden. Das Augenmerk wird dabei vor allem auf die Musik gerichtet. Der Grund dafür ist, dass die Musik gemeinhin, und selbst von so unterschiedlichen Philosophen wie Schopenhauer und Hegel, als die höchste aller Künste verstanden wird, und ihr auch seitens der Kirche explizit eine Sonderstellung eingeräumt wird.
Die Ausarbeitung gliedert sich in insgesamt sechs Kapitel. Einführend soll zunächst geklärt werden, was Kunst charakterisiert, welche immanenten Eigenschaften ihr zugeschrieben werden können und welche Funktion sie dadurch hat. Als nächster Schritt sollen diese Merkmale der Kunst einerseits im Bezug auf die Musik konkretisiert werden, zum anderen soll geklärt werden, welche spezifischen – und in dieser Ausprägung nur ihr zu eigenen – Merkmale Musik hat und ob – und wenn ja inwiefern – sie deshalb als die höchste aller Künste bezeichnet werden kann.
Anschließend soll das Augenmerk auf die Kirche gerichtet werden; hier empfiehlt es sich zunächst, zu untersuchen, welche Aussagen die Kirche im Bezug auf Kunst – und speziell auf Musik – selbst getroffen hat. Von primärem Interesse ist dabei die Liturgiekonstitution des Zweiten Vatikanischen Konzils, in ihr wiederum besonders die Passagen, die sich explizit auf den „Gebrauch“, beziehungsweise die Form und Funktion von Kunst im kirchlichen Raum beziehen. Um dieses Verhältnis genauer betrachten zu können, sollen zunächst einige allgemeine Betrachtungen zu den Eigenschaften beziehungsweise den Charakteristika der Liturgie angestellt werden. Anschließend soll untersucht werden, wie die Musik im Lichte der Liturgiekonstitution des Zweiten Vatikanischen Konzils erscheint und welche Funktionen ihr dabei im Kirchenraum zugewiesen werden. Im Anschluss daran soll gezeigt werden, welche Ausprägungen von Musik im Kirchenraum dadurch möglich werden und welche praktischen Funktionen ihr teils zugewiesen werden.
Abschließend sollen die sich auftuenden Spannungen und Differenzen zwischen Musik als eigenständigem Subjekt – nicht nur als Kirchenmusik – einerseits und der Kirche als Institution und als Raum andererseits thematisiert werden. Welche Reibungs- und möglicherweise auch unvereinbaren Punkte dieser historisch gewachsenen und teilweise symbiotischen Verbindung tun sich da auf? Wo gibt es vereinbare Aspekte, wo gar einen beidseitigen inhaltlichen und erkenntnisgerichteten Gewinn?
Inhaltsverzeichnis
1. Einleitung
2. Was ist Kunst?
2.1 Was ist – philosophisch betrachtet – Musik, und wie wirkt sie?
3. Was sind die grundlegenden Charakteristika der Liturgie?
3.1 Wie erscheint die Musik im Lichte der Liturgiekonstitution des Zweiten Vatikanischen Konzils?
3.2 Welche dezidierten Funktionen der Musik im Kirchenraum folgen aus der Liturgiekonstitution?
4. Welche Spannungen und Übereinstimmungen ergeben sich aus dem Wesen der Musik und den Musikauffassungen der Kirche?
5. Conclusio
Zielsetzung und Themen
Die vorliegende Arbeit untersucht das Spannungsfeld zwischen dem philosophischen Verständnis von Musik als autonomer Kunstform und der kirchlichen Praxis, in der Musik primär eine dienende Funktion im Rahmen der Liturgie einnimmt. Im Zentrum steht die Frage, inwieweit die Instrumentalisierung der Musik durch die Kirche deren ästhetische Eigenständigkeit und Wirkungsmacht einschränkt.
- Philosophische Grundlegung der Kunst und Musik nach Arthur Schopenhauer
- Analyse der Musikauffassung in der Liturgiekonstitution des Zweiten Vatikanischen Konzils
- Untersuchung des Verhältnisses von Musik und Wort (Logogenese)
- Diskussion von praktischen Funktionen kirchlicher Musik (Verkündigung, Gemeindeaufbau, Seelsorge)
- Erörterung der Spannungen zwischen Kunstanspruch und kirchlicher Zweckgebundenheit
Auszug aus dem Buch
2.1 Was ist – philosophisch betrachtet – Musik, und wie wirkt sie?
Nachdem sich also herauskristallisiert hat, dass für die Kunst zwei Merkmale von zentraler Bedeutung sind, die Erkenntnis des Lebens und die Befeuerung der Phantasie, soll in diesem Abschnitt herausgearbeitet werden, wie sich diese Merkmale in der Musik verhalten und was dies für Konsequenzen mit sich bringt.
Um die Erkenntnis der Musik auch theologisch anzugehen, sollen hier die Schriften von Aurelius Augustinus hinzugezogen werden.
Schopenhauer argumentiert, dass die Musik abseits aller anderen Künste stehe: „Wir erkennen in ihr nicht die Nachbildung, Wiederholung irgend einer Idee der Wesen in der Welt: dennoch ist sie eine so große und überaus herrliche Kunst, wirkt so mächtig auf das Innerste des Menschen, wird dort so ganz und so tief von ihm verstanden, als eine ganz allgemeine Sprache, deren Deutlichkeit sogar die der anschaulichen Welt selbst übertrifft;“
Wie sich bereits zuvor gezeigt hat, ist der Sinn und Zweck von Kunst die Erkenntnis der Ideen durch die Darstellung einzelner Dinge. „Sie alle objektivieren also den Willen nur mittelbar, nämlich mittelst der Ideen.“ Für Schopenhauer ist die Welt selbst nichts weiter als die Erscheinung all dieser Ideen in ihrer Vielzahl, was also bedeutet, dass alle darstellende Kunst stets an diese Welt der Ideen gebunden ist. Die Musik hingegen, und hier liegt ihre Einzigartigkeit begründet, übergeht diese Ideen, ist von der erscheinenden Welt gänzlich unabhängig, könnte sozusagen auch ohne die Welt existieren.
„Die Musik ist also keineswegs, gleich den anderen Künsten, das Abbild der Ideen; sondern Abbild des Willens selbst. [...] deshalb eben ist die Wirkung der Musik so sehr viel mächtiger und eindringlicher , als die der anderen Künste: denn diese reden nur vom Schatten, sie aber vom Wesen.“
Zusammenfassung der Kapitel
1. Einleitung: Die Arbeit führt in die Fragestellung ein, wie das Verhältnis zwischen Musik als autonomer Kunst und der Kirche als Institution theoretisch und praktisch zu bewerten ist.
2. Was ist Kunst?: Auf Basis der Philosophie Arthur Schopenhauers wird Kunst als Erkenntnisart definiert, die das Wesen der Welt hinter den Erscheinungen freilegt.
2.1 Was ist – philosophisch betrachtet – Musik, und wie wirkt sie?: Dieses Kapitel arbeitet die Sonderstellung der Musik heraus, die im Gegensatz zu anderen Künsten direkt den "Willen" manifestiert und nicht nur Ideen abbildet.
3. Was sind die grundlegenden Charakteristika der Liturgie?: Es wird das theologische Selbstverständnis der Liturgie als Werk der Erlösung und Ort der Offenbarung des Mysteriums Christi beleuchtet.
3.1 Wie erscheint die Musik im Lichte der Liturgiekonstitution des Zweiten Vatikanischen Konzils?: Die Untersuchung zeigt, dass die Kirche der Musik eine dienende Rolle zuschreibt, wobei sie untrennbar mit dem Gotteswort verbunden sein muss.
3.2 Welche dezidierten Funktionen der Musik im Kirchenraum folgen aus der Liturgiekonstitution?: Hier werden die praktischen Rollen der Musik als Mittel zur Gebetsvertiefung, zur Förderung der Einmütigkeit und zur feierlichen Umrahmung der Riten analysiert.
4. Welche Spannungen und Übereinstimmungen ergeben sich aus dem Wesen der Musik und den Musikauffassungen der Kirche?: Das Kapitel diskutiert den Konflikt zwischen dem autonomen ästhetischen Anspruch der Musik und den kirchlichen Anforderungen an Zweckdienlichkeit und Verkündigung.
5. Conclusio: Abschließend wird festgehalten, dass eine ästhetisch anspruchsvolle Musik im kirchlichen Rahmen stets in einem spannungsreichen Dilemma steht, da sie sich den kirchlichen Vorgaben unterordnen muss.
Schlüsselwörter
Musik, Kunst, Kirche, Liturgie, Schopenhauer, Zweites Vatikanisches Konzil, Ästhetik, Wille, Gottesdienst, Verkündigung, Kirchenmusik, Instrumentalisierung, Autonomie, Symbiose, Mysterium.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit untersucht das grundlegende Spannungsverhältnis zwischen Musik als einer autonomen Kunstform und deren Verwendung im kirchlichen Kontext.
Was sind die zentralen Themenfelder?
Zu den zentralen Themen gehören die philosophische Musiktheorie nach Schopenhauer, die kirchliche Liturgiekonstitution sowie die funktionale Rolle der Musik innerhalb der Kirche.
Was ist das primäre Ziel der Untersuchung?
Das Ziel ist es, den Konflikt zwischen dem hohen ästhetischen Anspruch der Musik und ihrer von der Kirche geforderten Zweckgebundenheit im Gottesdienst aufzuzeigen und zu analysieren.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Es handelt sich um eine systematische philosophisch-theologische Analyse, die primär die Theorien Arthur Schopenhauers auf die Verlautbarungen des Zweiten Vatikanischen Konzils anwendet.
Was wird im Hauptteil behandelt?
Der Hauptteil analysiert, wie die Kirche die Musik als "dienendes" Mittel instrumentalisiert und welche Auswirkungen dies auf den ästhetischen Gehalt und die Wahrnehmung der Musik hat.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Wesentliche Begriffe sind Kunst, Musik, Liturgie, Schopenhauer, Instrumentalisierung, Verkündigung und ästhetische Autonomie.
Warum wird der gregorianische Choral als Beispiel herangezogen?
Der Choral dient als Beispiel für eine Form, in der Musik zwar zur Verkündigung beiträgt, aus Schopenhauers Sicht jedoch ästhetisch defizitär bleibt, sobald sie vom biblischen Wort abhängig gemacht wird.
Welche Rolle spielt die "Logogenese" in der Argumentation der Kirche?
Die Kirche betrachtet Musik als ein "logogenes" Element, das dem Wort untergeordnet ist und ausschließlich der Ausdeutung und Verdeutlichung der göttlichen Botschaft dienen soll.
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- Alkimos Sartoros (Author), 2009, Kunst und Kirche, Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/136833