In der vorliegenden Arbeit werden die romantischen Elemente im Liedwerk Gustav Mahlers herausgearbeitet, der Romantiker Mahler gefunden, und zugleich sein individuelles, dualistisch zwischen widerlicher Zivilisationswelt und verklärter Naturwelt verankertes, Romantikverständnis aufgezeigt. Welche Idee liegt ihm zugrunde und wie äußert es sich? Und – angesichts der Tatsache, dass zu Mahlers Zeit um die Jahrhundertwende des 19. und 20. Jahrhunderts mehrere Strömungen in der Musik widerstritten und die romantische Epoche weitgehend im Ausklingen begriffen war – was macht Mahlers musikalisch verarbeitetes Romantikverständnis einzigartig und bemerkenswert? Dies sind die Leitfragen, an denen sich diese Arbeit orientiert. In diesem Zusammenhang soll zudem eine zentrale These aufgestellt und überprüft werden:
Mahlers Romantikverständnis und dessen Verarbeitung sind einmalig, er stützt sich zwar auf schon Dagewesenes, drückt es aber in einer einzigartigen musikalischen Klarheit aus und gewinnt ihm dadurch neue Facetten ab.
Da sich Mahlers Schaffen über einige Jahrzehnte erstreckt und zudem inhaltlich oft disparat und kontrastierend gestaltet ist, soll diese These, diese dominante Facette mahlerschen Schaffens, speziell anhand seiner Wunderhorn-Lieder, einem Zyklus, der in seinem Liedschaffen, sowohl vom Umfang als auch vom inhaltlichen Gewicht eine zentrale Rolle einnimmt, untersucht werden. Dabei sind besonders die beiden zuletzt entstandenen Lieder, Revelge und Tamboursgsell, sowie Wo die schönen Trompeten blasen von besonderem Interesse, da sie den mahlerschen Dualismus, der sein Romantikverständnis prägt, besonders artifiziell ausarbeiten. Hinzu kommt, dass in diesen drei Soldatenliedern das Grundprinzip mahlerscher Musik komprimiert und doch umfassend wie fast nirgends sonst in seinem Werk enthalten ist, weshalb sie für die Untersuchung prägnanter Charakteristika, sprich seinem Romantikverständnis, besonders fruchtbar sind.
Inhaltsverzeichnis
1. Einleitung
2. Was ist Romantik?
2.1 Wie sieht Mahlers Romantikverständnis aus?
3. Die Entstehungsgeschichte von Wo die schönen Trompeten blasen, Revelge und Der Tamboursg’sell
3.1 Wie versteht Mahler die Textvorlage Des Knaben Wunderhorn und wie geht er damit um?
3.2 Wo die schönen Trompeten blasen
3.3 Revelge
3.4 Der Tamboursg’sell
4. Conclusio
Zielsetzung & Themen
Die vorliegende Arbeit untersucht die romantischen Elemente im Liedschaffen von Gustav Mahler, insbesondere anhand ausgewählter Lieder aus dem Zyklus "Des Knaben Wunderhorn". Ziel ist es, Mahlers individuelles, dualistisches Romantikverständnis herauszuarbeiten und zu zeigen, wie er die Zerrissenheit zwischen Zivilisationswelt und Naturwelt in seinen Kompositionen verarbeitet und aktualisiert.
- Romantikverständnis bei Gustav Mahler
- Dualismus zwischen Zivilisations- und Naturwelt
- Analyse der Soldatenlieder aus "Des Knaben Wunderhorn"
- Umgang mit Textvorlagen und musikalische Ausdrucksformen
- Die Funktion des "Hässlichen" und der Ambivalenz in Mahlers Musik
Auszug aus dem Buch
3.2 Wo die schönen Trompeten blasen
Wo die schönen Trompeten blasen komponierte Mahler, wie bereits erwähnt, als erstes der drei zu besprechenden Lieder. Thematisch lässt es sich, wie auch die anderen beiden, als Soldaten- bzw. Kriegslied einordnen; als Lied über die Absurdität des Krieges. Insgesamt sechs der 24 Wunderhornlieder lassen sich diesem soldatischen Bereich zuordnen.
In Wo die schönen Trompeten blasen hat Mahler die Texte zweier Wunderhorn-Gedichte, „Bildchen“ und „Unbeschreibliche Freude“, miteinander kombiniert.
Inhaltlich wird eine Szene zwischen zwei Verlobten beschrieben. Ein Soldat verlangt bei seiner Geliebten nachts ins Haus eingelassen zu werden, um ihr mitzuteilen, dass er in den Krieg ziehen wird.
In diesem Lied lässt sich sehr deutlich Mahlers Verständnis des romantischen Zwei-Welten-Modells erkennen: Textlich steht eindeutig eine soldatische Welt im Vordergrund, eine soldatische Welt, die nicht von Lagerfeuerromantik, sondern von der Aussicht auf den Tod geprägt ist: Der Titel beschreibt eindeutig einen militärischen Ort, einen Ort, an dem Trompeten – Instrumente, die sich eindeutig einer militärischen Sphäre zuordnen lassen – blasen. Die letzte Strophe, in der der Soldat zu seiner Geliebten spricht, greift diesen Titel auf und macht ihn damit gleichsam zur Grundaussage des Liedes:
Ich zieh in Krieg auf grüne Haid,
die grüne Haide, die ist so weit.
Allwo die schönen Trompeten blasen,
da ist mein Haus, mein Haus von grünem Rasen.
Zusammenfassung der Kapitel
1. Einleitung: Diese Einleitung führt in die zentrale Forschungsfrage ein, wie Mahlers individuelles Romantikverständnis – geprägt durch einen Dualismus zwischen Zivilisations- und Naturwelt – in seinem Werk zum Ausdruck kommt.
2. Was ist Romantik?: Hier wird der epochenunabhängige Ideengehalt des Romantikbegriffs erläutert, wobei insbesondere das Zwei-Welten-Modell und Mahlers schriftlich fixiertes Verständnis von Zivilisations- und Naturwelt beleuchtet werden.
2.1 Wie sieht Mahlers Romantikverständnis aus?: Dieses Unterkapitel konkretisiert Mahlers Position durch seine Briefe und sein Verständnis von Musik als erlebte Widerspiegelung eines zerrissenen Daseins.
3. Die Entstehungsgeschichte von Wo die schönen Trompeten blasen, Revelge und Der Tamboursg’sell: Dieser Abschnitt bietet einen Überblick über den Entstehungskontext der drei Soldatenlieder und Mahlers spezifischen Umgang mit den Vorlagen aus "Des Knaben Wunderhorn".
3.1 Wie versteht Mahler die Textvorlage Des Knaben Wunderhorn und wie geht er damit um?: Es wird dargelegt, warum Mahler "Des Knaben Wunderhorn" als Quelle für sein Liedschaffen bevorzugte und wie er sich berechtigt fühlte, die volkstümlichen Texte musikalisch zu transformieren.
3.2 Wo die schönen Trompeten blasen: Die Analyse zeigt die Ambivalenz des Liedes auf, in dem die soldatische Welt und die Welt der Liebenden untrennbar miteinander verwoben sind.
3.3 Revelge: Dieses Kapitel behandelt das Lied als Schreckensvision des sinnlosen Krieges, in dem das Element des Marsches das Individuum vereinnahmt und vernichtet.
3.4 Der Tamboursg’sell: Die Analyse verdeutlicht das nach innen gewendete Leid in diesem inneren Monolog, in dem Mahler den Weltenkonflikt ohne Auflösung musikalisch artikuliert.
4. Conclusio: Das Fazit fasst zusammen, dass Mahler die Romantik nicht nur rezipiert, sondern durch die Akzeptanz menschlicher Zerrissenheit zu einer neuen, expressiven musikalischen Wahrheit führt.
Schlüsselwörter
Gustav Mahler, Romantik, Des Knaben Wunderhorn, Soldatenlieder, Dualismus, Zivilisationswelt, Naturwelt, Zwei-Welten-Modell, Musikalische Analyse, Revelge, Wo die schönen Trompeten blasen, Der Tamboursg’sell, Liedschaffen, Existenzialismus, Musikwissenschaft.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser Arbeit grundsätzlich?
Die Hausarbeit untersucht die romantischen Elemente im Liedwerk Gustav Mahlers und ergründet, wie der Komponist sein eigenes Verständnis der Romantik, das auf einem Dualismus zwischen Zivilisations- und Naturwelt basiert, in seine Musik integriert.
Was sind die zentralen Themenfelder der Arbeit?
Im Zentrum stehen Mahlers Romantikverständnis, der Umgang mit der Textsammlung "Des Knaben Wunderhorn", das Konzept des Zwei-Welten-Modells sowie die musikalische Darstellung von Existenzkonflikten.
Was ist das primäre Ziel der Forschungsfrage?
Die Arbeit möchte aufzeigen, was Mahlers musikalisch verarbeitetes Romantikverständnis einzigartig macht und wie er den Widerstreit zwischen einer "schönen" Gegenwelt und der "hässlichen" Realität in seinen Liedern verarbeitet.
Welche wissenschaftliche Methode wird in dieser Arbeit verwendet?
Die Arbeit stützt sich auf eine musikwissenschaftliche Analyse der Orchesterfassungen ausgewählter Lieder, eingebettet in einen theoretischen Rahmen zur Romantik und zur Entstehungsgeschichte der Werke.
Was wird im Hauptteil der Arbeit behandelt?
Der Hauptteil analysiert die drei Soldatenlieder "Wo die schönen Trompeten blasen", "Revelge" und "Der Tamboursg’sell" im Hinblick auf ihren Textgehalt, ihre musikalische Struktur und die Art und Weise, wie sie das romantische Weltenmodell widerspiegeln.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren diese Arbeit?
Zu den prägenden Begriffen zählen neben dem Komponistennamen Gustav Mahler insbesondere Romantik, Wunderhorn-Lieder, Soldatenexistenz, Dualismus, sowie die spezifische Analyse von "Revelge" und das musikalische "Zwei-Welten-Modell".
Wie unterscheidet sich "Revelge" von den anderen beiden Liedern?
Während in "Wo die schönen Trompeten blasen" noch eine schöne Gegenwelt existiert, dominiert in "Revelge" die militärische Sphäre und das Element des Marsches als Sinnbild für die schreckliche, unausweichliche Vernichtung des Individuums.
Warum wird "Der Tamboursg’sell" als ein nach innen gewendeter Monolog beschrieben?
Im Gegensatz zu den Dialogen oder Erzählereinschüben in den anderen Liedern ist der "Tamboursg’sell" ein reiner Selbstausdruck des Protagonisten kurz vor seiner Hinrichtung, der sein Leid nicht nach außen schreit, sondern es als unausweichliche Naturgewalt akzeptiert.
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- Alkimos Sartoros (Author), 2009, Gustav Mahler und die Romantik , Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/136839