Glück oder Unglück?

Die Konstituierung von Indifferenz und Gleichgültigkeit anhand der Konfrontation mit Fremde in Albert Camus' "Der Fremde" und Roland Barthes' "Das Reich der Zeichen"


Hausarbeit, 2009

21 Seiten, Note: 2,7


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Der Fremde
2.1 Meursaults Dasein
2.2 Die Aspekte der Fremdheit in Meursaults Existenz
2.3 Gleichgültigkeit und Indifferenz bei Meursault
2.4 Gleichgültigkeit und Indifferenz bei den anderen Protagonisten
2.5 Mitmenschlichkeit und die Konfrontation mit dem Tod
2.6 Die Katharsis

3. Das Reich der Zeichen
3.1 Wie wird Fremde erzählt und welche Konsequenzen entstehen daraus?

4. Conclusio

Verzeichnis verwendeter Literatur:

1. Einleitung

Im Zentrum der vorliegenden Hausarbeit stehen das Phänomen der Gleichgültigkeit und der verwandte Begriff der Indifferenz. Beide Begriffe werden zu gegebener Zeit im Verlauf der Arbeit noch exakt definiert, hier seien sie lediglich einleitend eingeführt. Wodurch können beide evoziert werden, wie äußern sie sich, welche Folgen, Probleme und Reaktionen können sie hervorrufen? Dies sind die Fragen, auf die im Verlauf der Arbeit Antworten gesucht werden sollen. Das Problem der Gleichgültigkeit bzw. der Indifferenz – ob es sich um ein Problem handelt, muss sich allerdings erst noch zeigen – soll zudem explizit angesichts der Erfahrung von Fremde und der Konfrontation mit derselben untersucht werden. Welche reziproken Verhältnisse existieren zwischen den beiden Begriffen? Um sich diesen Fragen nähern zu können, wird zunächst unter genau diesen Gesichtspunkten eine detaillierte Analyse des Romans „Der Fremde“ von Albert Camus vorgenommen. Dieser detaillierten Analyse soll sich der Schwerpunkt der Arbeit widmen. Anschließend werde ich anhand des Textes „Reich der Zeichen“ von Roland Barthes noch eine gegenläufig konnotierte Darstellung bzw. Auffassung von Gleichgültigkeit skizzenhaft gegenüberstellen. Beide Texte eignen sich deshalb hervorragend für diese Untersuchung, da sie sich der Gleichgültigkeit, der Indifferenz und der Fremde auf zwei grundverschiedene Arten nähern.

Die Arbeit gliedert sich in insgesamt zehn Kapitel. Im ersten Kapitel wird zunächst eine knappe Zusammenfassung des Romans „Der Fremde“ gegeben, um sein stringentes Argumentationsgerüst aufzuzeigen und später detaillierter darauf eingehen zu können. Die inhaltliche Analyse des Romans beginnt mit der Erfassung der Hauptfigur – Meursault - und mit der Einführung des Themenkomplexes der Fremdheit im Bezug auf diese Figur. Der darauf folgende Abschnitt bildet den Kern der Analyse dieses ersten Textes, er behandelt zunächst die Gleichgültigkeit Meursaults und anschließend, im Vergleich dazu, die Gleichgültigkeit der anderen Protagonisten.

Die nächsten beiden Kapitel schließen die Analyse des Romans „Der Fremde“ ab, sie widmen sich der Konfrontation mit dem Tod und damit in letzter Konsequenz der Überwindung der Gleichgültigkeit und der Indifferenz.

Die folgenden beiden Kapitel sollen „Das Reich der Zeichen“ von Roland Barthes unter denselben Vorzeichen beleuchten: Wie wird Fremde erzählt, in welchem Verhältnis steht sie hier zur Gleichgültigkeit und zur Indifferenz und wie sind diese geartet?

Im Schlusskapitel sollen die Ergebnisse der Analysen schließlich zusammengeführt werden und somit das Phänomen der Gleichgültigkeit in all seiner Ambivalenz offen legen.

2. Der Fremde

Um die Diskussion und Argumentation im weiteren Verlauf der Arbeit klarer darzustellen und nachvollziehbarer zu gestalten, soll zunächst eine kurze faktische Zusammenfassung des Romans, der 1942 erschien, gegeben werden, um sein sehr stringent aufgebautes Argumentationsgerüst präziser aufzeigen und daraufhin detaillierter aufarbeiten zu können.

Der Roman gliedert sich in zwei Teile: Im ersten Teil wird das alltägliche Leben der Hauptfigur, Meursault, die als Ich-Erzähler auftritt, geschildert. Er ist ein junger Franzose, der in Algier lebt. Er hat einen Job als Angestellter eines Schiffsmaklers, den er ohne großen Ehrgeiz ausübt, sowie einige eher oberflächliche Freundschaften. Gleich zu Beginn des Romans erfährt er vom Tod seiner Mutter, die in einem Altenheim gelebt hatte. Er fährt dorthin, um an der Totenwache und dem Begräbnis teilzunehmen. Sein sachliches und emotionsloses Verhalten befremdet die Heimangestellten und die anwesende Trauergemeinde. Nach Algier zurückgekehrt schläft er sich aus, geht Schwimmen, trifft dabei eine ehemalige Kollegin, lädt sie ins Kino ein und verbringt schließlich die Nacht mit ihr.

Kurz darauf bittet Raymond, sein Nachbar und scheinbar ein Zuhälter, Meursault darum, für ihn einen Brief an eine frühere arabische Geliebte zu schreiben, um sich an ihr zu rächen. Meursault kommt diesem Wunsch relativ gedankenlos und desinteressiert nach. Seitdem werden er und Raymond allerdings von männlichen Angehörigen dieser Frau verfolgt.

Am Strand kommt es zu einer Schlägerei zwischen den beiden Gruppen und als diese abgeklungen ist, kehrt Meursault an den Strand zurück und erschießt einen der Araber.

Im zweiten Teil des Romans beschreibt Meursault seine Eindrücke nach seiner Verhaftung und während des anschließenden Mordprozesses gegen ihn. Er hat es vorgezogen sich keinen Anwalt zu nehmen, so dass ihm ein Pflichtverteidiger zur Seite gestellt wird. Während des Prozesses betreffen die Fragen, die ihm gestellt werden, weniger den Hergang des Mordes, als vielmehr seine Reaktionen auf den Tod seiner Mutter. Am Ende des Prozesses wird Meursault dazu verurteilt, auf einem öffentlichen Platz hingerichtet zu werden. Im letzten Kapitel des Romans wird Meursault in seiner Zelle das Todesurteil vollständig bewusst. Mental durchlebt er die einzigen beiden für ihn noch bestehenden Möglichkeiten: Begnadigung oder Sterben. Schließlich arrangiert er sich mit letzterer.

2.1 Meursaults Dasein

Camus zeichnet die Figur des Meursault zunächst als einen gewöhnlichen Durchschnittsmenschen. Er trägt keinerlei Züge eines Intellektuellen oder eines andersartig außergewöhnlichen Menschen, was mit ihm passiert, kann also theoretisch mit fast jedem Menschen geschehen. Fünf Tage in der Woche geht er zuverlässig, aber ohne großen Antrieb und völlig ehrgeizlos seinem monotonen und im gesamten Roman von ihm selbst kaum detaillierter oder akzentuierter beschriebenen Bürojob nach. Seine Schilderungen beschränken sich meist auf Aussagen wie „Ich habe die ganze Woche fleißig gearbeitet.“[1] Allein dieses Erzählverhalten zeigt, dass ihm an Erfolg, beruflicher Anerkennung und einer aktiven Ausgestaltung und Verwirklichung seiner Persönlichkeit wenig gelegen ist. Von seinem Umfeld erntet er dafür neben der Rezeption als „ordentlichem, freundlichem und höflichem Menschen“[2] auch Kritik von Leuten, denen ihr Status im Leben nicht gleichgültig ist, wie beispielsweise seinem Chef:

„Er hat ein unzufriedenes Gesicht gemacht, [...] ich hätte keinen Ehrgeiz, und das wäre im Geschäftsleben katastrophal. Ich bin dann wieder an meine Arbeit gegangen. Es wäre mir lieber gewesen, ihm keinen Anlaß zur Unzufriedenheit zu geben, aber ich sah keinen Grund, mein Leben zu ändern.“[3]

In dem Bedauern, seinem Chef Grund zur Unzufriedenheit gegeben zu haben, drückt sich die oberflächliche, stumpfe und etwas passive Lebensbejahung aus, die Meursaults Verhalten prägt. Er will sich nicht bewusst und absichtsvoll gegen sein Umfeld und seine Mitmenschen stellen. Diese Haltung wird durch seine Wochenendgestaltung deutlicher: Er ergreift Glücksmöglichkeiten, geht gewöhnlichen Vergnügungen wie Kino- und Schwimmbadbesuchen nach und genießt diese auf einer sinn- und triebhaften Ebene. Auch Schönheiten der Natur und Berührungen seiner Geliebten empfindet er außergewöhnlich intensiv. Überhaupt ist die sinnliche Aufgeschlossenheit und Empfindsamkeit ein markantes Merkmal Meursaults, dass sich auch in seinen genauen Schilderungen und Wahrnehmungen widerspiegelt. Wichtige wie unwichtige Ereignisse erscheinen in seinen Schilderungen gleichwertig nebeneinander gereiht und werden oftmals von Sinnes- oder Natureindrücken überlagert und geprägt – so auch bei der Beerdigung seiner Mutter:

[...]


[1] Albert Camus: Der Fremde. Reinbek. 1994. S.43

[2] Margot Fleischer: Zwei Absurde: Camus’ Caligula und Der Fremde. Eine Interpretation. Würzburg. 1998.S. 64

[3] Albert Camus: S.52

Ende der Leseprobe aus 21 Seiten

Details

Titel
Glück oder Unglück?
Untertitel
Die Konstituierung von Indifferenz und Gleichgültigkeit anhand der Konfrontation mit Fremde in Albert Camus' "Der Fremde" und Roland Barthes' "Das Reich der Zeichen"
Hochschule
Eberhard-Karls-Universität Tübingen  (Neuphilologische Fakultät - Deutsches Seminar)
Veranstaltung
Literatur und Ethnologie (Hauptseminar)
Note
2,7
Autor
Jahr
2009
Seiten
21
Katalognummer
V136849
ISBN (eBook)
9783640450299
ISBN (Buch)
9783640450565
Dateigröße
452 KB
Sprache
Deutsch
Anmerkungen
Analysiert die Verwandtschaft zwischen dem Begriff der Indifferenz in Camus existenzialistischem Roman "Der Fremde" und der Bedeutungslosigkeit bzw. Gleichgültigkeit in Roland Barthes' Japanbuch "Das Reich der Zeichen"
Schlagworte
Barthes, Camus, Fremde, Gleichgültigkeit, Indifferenz, Reich der Zeichen, Bedeutungslosigkeit, Semiotik
Arbeit zitieren
Alkimos Sartoros (Autor), 2009, Glück oder Unglück? , München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/136849

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