Révolution tranquille - Stille Revolution in Quebec

Identitätswandel im frankophonen Kanada


Hausarbeit, 2005

21 Seiten, Note: 1,0


Leseprobe

Gliederung

1. Einleitung

2. Die Zeit vor der Stillen Revolution
2.1 La Grande Noirceur
2.2 Zur Situation der Frankokanadier in Quebec

3. Modernisierungen in Quebec
3.1 Ende der Ära Duplessis
3.2 Säkulare Maßnahmen in der Provinz

4. Auswirkungen der Stillen Revolution
4.1 Umwertung aller Werte – Quebec im Identitätswandel
4.2 Nationalismus in Quebec
4.3 Französische Sprache als Identitätsmerkmal und Säule des Nationalismus
4.4 Das „Quebec-Problem“

5. Zusammenfassung

6. Bibliographie

1. Einleitung

Die Geschichte der kanadischen Provinz Quebec hat einen komplexen Hintergrund, der bis heute nachwirkt. Quebec ist geprägt durch die französische und britische Herrschaft, Kultur und Sprache der einstigen Kolonialmächte sind wichtige Bestandteile des modernen Lebens in der Provinz. Heute ist Kanada sprachlich und kulturell nicht vereint. Quebec ist die frankophone Ausnahme innerhalb der restlichen englischen Provinzen.

Als die Franzosen unter Jacques Cartier im Jahre 1534 das Gebiet um Saint Lorent auf den Namen „Neufrankreich“ tauften, fanden sie bereits dort lebende Einheimische vor. Zwar war das Leben zwischen den Ureinwohnern und weißen Kolonisten nicht gänzlich konfliktfrei, doch konnte Quebec – was soviel wie „wo der Fluss enger wird“ heißt (Algonkin-Indianer) – relativ sicher von der französischen Armee kontrolliert werden und blieb ein Gebiet unter der Krone Frankreichs. Britische Truppen eroberten das Gebiet um 1759 und konnten es mit dem Frieden von Paris 1763 endgültig für sich beanspruchen. Französische Siedler, die in La Nouvelle France eine neue Heimat gefunden hatten, bekamen plötzlich andere Herren, denen sie misstrauten. Die britische Herrschaft über Quebec bedeutete ebenfalls die Unterdrückung der Frankokanadier über Jahrhunderte hinweg, da diese aufgrund ihrer kulturellen und sprachlichen Herkunft aus dem Handel und aus der Politik[1] ausgegrenzt wurden. Französisch, die Muttersprache der Frankophonen, stellte sich als Hindernis für ihre gesellschaftliche Integration dar. Sie zogen sich zurück, etwa in Bereiche der Landwirtschaft, und übten später freie Berufe wie Handwerker oder Ärzte aus, konnten sich jedoch keinen Platz in der von Anglophonen geführten Wirtschaftselite sichern.

Die Abgeschiedenheit der Frankokanadier wurde durch den Konservatismus der katholischen Kirche unterstützt, die nach den Jahren der britischen Eroberung – neben der Sprache und der Landwirtschaft – zum Symbol der frankophonen Identität wurde. Die Isolation der Frankokanadier führte dazu, dass diese nicht selbst die Entwicklungen ihrer Provinz in die Hand nehmen konnten und trotz ihrer demographischen Überlegenheit von der anglophonen Herrschaft im Bereich Wirtschaft und Gesellschaft dominiert waren. Die vom Klerus beeinflussten Institutionen und ein veraltetes Gesellschaftsmodell waren verantwortliche Gründe für eine rückständige Entwicklung Quebecs, dessen wirtschaftliche Aktivität eben beinahe ausschließlich von der Landwirtschaft bestimmt wurde. Diese Situation konnte erst in den 60er Jahren des zwanzigsten Jahrhundert im Zuge der „Stillen Revolution“ (Französisch - „Révolution tranquille“) überwunden werden.

In dieser Phase fanden in Quebec grundlegende Reformen statt, die den gesamten Staat veränderten. Säkularisierungsprozesse, die alle Bereiche der Gesellschaft von Politik, Wirtschaft bis zum Bildungs-, Sozial- und Wohlfahrtswesen betrafen, modernisierten das überkommene Gesellschaftsmodell zunächst und trugen schließlich dazu bei, Frankokanadier in die politische und wirtschaftliche Entfaltung ihrer Provinz zu integrieren.

Ziel dieser Arbeit ist es, die Entstehungshistorie sowie den Verlauf und die Maßnahmen der „Stillen Revolution“ zu beschreiben und dabei wichtige Ergebnisse für die Quebecer Gesellschaft in den Bereichen der Politik, Wirtschaft und Gesellschaft herauszuarbeiten. Dabei soll auch auf die Rolle der katholischen Kirche eingegangen werden, die das politische und soziale Geschehen Quebecs stets mit beeinflusst hat.

Infolge des Modernisierungsprozess und der dadurch bedingten Verbesserung des Lebensstandards konnten die Frankokanadier sich aus der anglophonen Dominanz emanzipieren und erfuhren dabei in ihrem Identitätsbewusstsein einen neuen Wandel. Diese Arbeit möchte versuchen, die Aufwertung der frankophonen Identität und die Wiederbelebung (eines neuen) Nationalgefühls[2] zu skizzieren und aufzeigen, wie diese Regeneration sich auf die linguistische Regelung in der Provinz auswirkte, welche die heute gültige Verwendung des Französischen erklärt. Die Französische Sprache, lange diskriminiert, wurde nicht nur ein Teil der frankophonen Identität, sondern auch zum Grundpfeiler der nationalistischen Ideologie, welche zu den Referenden um die Unabhängigkeitsfrage geführt haben.

Am Ende diese Arbeit gilt es zu beantworten, inwiefern die Stille Revolution die problematische politische Landschaft Quebecs beeinflusst hat und in wieweit die Provinz in die Verfassungskrise der kanadischen Konföderation bis heute verstrickt ist.

2. Die Zeit vor der Stillen Revolution

2.1 La Grande Noirceur

Die Ära Duplessis ist von Historikern später oft als eine dunkle Periode – La Grande Noiceur – in der Geschichte Quebecs bezeichnet worden[3]. Tatsächlich stellte das Regime von Maurice Duplessis, welches von 1936 bis 1940 und von 1944 bis 1959 regierte, einen Inbegriff der Rückständigkeit und Stagnation in der Entwicklung Quebecs dar. Die konservative Partei Union National war bekannt für ihre antiquierte Staatsführung, zu dem wurde sie von der katholischen Kirche stark beeinflusst.

Kritisiert wurde die Regierung besonders wegen ihrer mangelhaften sozialen und demokratischen Institutionen sowie aufgrund des ausgeprägten Patronagesystems in der Provinz. Innerhalb der Partei konzentrierte sich das Machtmonopol um die Person Duplessis, der es zu folgen galt[4]. Dies zeigte sich besonders deutlich darin, als dass die Regierung durch entsprechende Verordnungen eigenmächtig demokratische Elemente hemmen konnte. So schaffte Duplessis mit dem Gesetz von 1948 einen neuen Code du travail, um die Streikrechte und den Einfluss der Gewerkschaften einzugrenzen. Die außenpolitischen Beziehungen mit anderen Provinzen und Ottawa waren durch einen Nationalismus gekennzeichnet, der die Einheit Kanadas jedoch nicht bedrohte, sondern nur die Rechte der Frankokanadier im Rahmen des Constitutional Act von 1867 verteidigte, wobei er sich auf Sprache und Glaube berief.

Fernerhin war Duplessis` Politik durch einen Liberalismus gekennzeichnet, der den Staat von seiner Rolle als wichtigster Akteur in den Bereichen von Wirtschaft und Gesellschaft entband. Die gesetzlichen Interventionen betrafen lediglich die Agrarwirtschaft, die als wirtschaftliche Hauptaktivität und zum Überleben der Frankophonen als unabdingbar angesehen wurde. Im Zuge dessen kreierte Duplessisis 1936 Le Crédit Agricole, später 1956 L´Office des Marchés Agricoles und erweiterte die ländliche Elektrifizierung.

Demgegenüber stellte er die wirtschaftliche Entwicklung der belle province anderen Kräften frei. Während anglo-amerikanische Konzerne und Investoren von der laisser-faire- Politik sowie dem geringen Lohnstand in Quebec profitierten und in der Provinz einen stabilen Standort sahen, lehnte die Regierung jegliche Unterstützung der kapitalschwachen frankokanadischen Unternehmen ab. So blieb die Wirtschaftsentwicklung Quebecs in anglo - kanadischen Händen, obwohl die frankophone Bevölkerung in der Mehrheit war.

Der Politologe Udo Kempf nennt als maßgebliche Punkte der politischen Praxis der Duplessis – Regierung:

„[d]ie religiösen Werte, die Verteidigung der Provinzautonomie gegenüber Ottawa, eine stabile, auf den Respekt vor dem Gesetz und Autorität gestützte staatliche Ordnung und ein uneingeschränktes Bekenntnis zum privaten Unternehmertum.“[5]

Unterstützt wurde diese Politik von der katholischen Kirche, die in Quebec tiefe Wurzeln hat. Bereits nach dem Vertrag von Paris 1763 wurde die Kirche zu eine natürlichen Autorität, als die zurückgelassenen Siedler in Quebec vom Mutterland isoliert wurden und sie sich demzufolge vor allem ihrer Sprache und Religion – Französisch und Katholizismus – zuwandten. Besonders nach der Niederlage der Patriote - Bewegung wuchs das Ansehen des Letzteren, da seine Rolle als vertraute Institution noch mehr gefestigt wurde, indem er nationale und religiöse Interessen verband und dadurch die frankophone Identität beschützte. Politisch versuchte die Kirche in allen Bereichen Einfluss zu nehmen und lehnte progressive Ideen sowie eine Erweiterung des Parteiensystem und Gewerkschaften ab, um ihre ideologische Vorherrschaft zu erhalten. Nach dem Britisch North America Act im Jahre 1867, konnte die Kirche sich Verwaltungs- und Entscheidungskompetenzen über das frankophone Gesundheitssystem und Wohlfahrtswesen sichern, deren Ausgestaltung sie bis zur Stillen Revolution lenkte. Da die Kirche auch Verantwortungen über das Erziehungssystem und die universitäre Ausbildung innehatte, konzentrierten sich frankophone Universitäten bis zum Anfang des Zwanzigsten Jahrhunderts auf Fächer wie Recht, Medizin und Theologie, was zu einem Bildungswesen führte, das sich stark auf den Klerikalismus richtete. In dieser Hinsicht orientierten sich Moral- und Wertevorstellungen der frankophonen Mehrheit immer noch an der Kirche, die beständig für viele einen Zufluchtsort vor der anglophonen Dominanz darstellte und die sich gleichzeitig gegen Veränderungen wehrte, um ihre Vormachtstellung in sozialen Fragen zu verteidigen.

Angesichts des reformfeindlichen Politikstils der Regierung Duplessis konnte die Provinz kaum an jenem sozialen Wandel teilnehmen, der andere Regionen Kanadas schon längst erfasst hatte. Denn während die anglophonen Provinzen von der bereits im 19. Jh. einsetzenden Industrialisierung profitierten, setzte diese in Quebec erst in den 20er und 30er Jahren allmählich ein[6], nicht zuletzt nach der Weltwirtschaftskrise und im Zusammenhang mit jenem dem Zweiten Weltkrieg dienendem Produktionszuwachs.

Mit der Industrialisierung wuchs die Urbanisation in Quebec beständig an, zum Beispiel wurde bis zu ca. 70% der Provinzbevölkerung im Jahre 1960[7] im Raum Montreal registriert. Dies ist deshalb bemerkenswert, wenn sogleich bedacht wird, dass 1871 der Anteil der ländlichen Bevölkerung noch 77% betrug.[8] Dennoch war Quebec im Vergleich zum Rest der Konföderation keine moderne Industriegesellschaft; diese war geführt von einer konservativen Regierung, die sich stark auf der katholischen Kirche sowie der Agrarwirtschaft stützte und deren Situation sich negativ auf den frankokanadischen Bevölkerungsteil auswirkte.

2.2 Zur Situation der Frankokanadier in Quebec

Die Situation der Frankokanadier in den Jahren vor der Stillen Revolution war durch zwei Hauptkriterien gekennzeichnet: die Dominanz der Anglokanadier und damit ebenso der englischen Sprache in fast allen Bereichen der Gesellschaft. Diese beiden Punkte, erkennbar vor allem in der Privatwirtschaft, aber auch im öffentlichen Leben, sorgten für ein tiefgreifendes Minderwertigkeitsgefühl bei den Frankokanadiern.

Schon im 19. Jh. dominierte die Bevölkerung britischer Herkunft die hierarchische Sozialstruktur Quebecs.[9] Sie besetzte den größten Teil des Verwaltungspersonals und dies änderte sich bis Mitte des 20. Jahrhunderts wenig. Wie eingangs schon genannt, lag die bestimmende Gewalt im Wirtschaftsbereich bei anglophonen bzw. amerikanischen Unternehmen; dies hatte schlicht zur Folge, dass wichtige Positionen überhaupt nicht von Frankokanadiern besetzt waren und diese ihr Lebensunterhalt mittels freier Berufe wie Handwerker oder Ärzte verdienen mussten und so isoliert von der ökonomischen Entwicklung waren. Ein defizitäres Bildungssystem – jenes Gebiet, in welchem die Kirche verantwortlich zeichnete – und mangelnde Abschlüsse sowie eine geringe Verschulungsquote erschwerten den Eintritt in die wirtschaftliche Elite. Auch fehlende Englischkenntnisse[10] trugen maßgeblich zu der benachteiligenden Lage der frankophonen Quebecer bei. Da der privatwirtschaftliche Sektor der Provinz von internationalen und anglo-amerikanischen Unternehmen geführt wurde, bevorzugten diese bei Einstellung und Beschäftigung natürlich Arbeiter, die Englisch sprachen. Die anteilig weit höhere Population der Frankophonen änderte nichts an der Dominanz des Englischen als Verkehrssprache in Handels- und Industriewesen, das demzufolge unentbehrlich für den beruflichen und sozialen Aufstieg der Masse der Menschen verwehrt blieb.

Hinzu kam die Besetzung durch Anglophone ebenso von „moderneren“ Wirtschaftszweigen wie Elektronik oder Bankwesen, während die frankokanadischen Arbeiter vorwiegend in den weniger lukrativen Gebieten wie Textil- und Lederverarbeitung oder der Nahrungsmittelproduktion vertreten waren. Im Vergleich zu den britischstämmigen Kanadiern war das Einkommensniveau der Frankokanadier wesentlich niedriger, die Einkommensdisparitäten betrugen 1961 bis zu 20%[11], im Montrealer Raum bis zu 51%[12].

[...]


[1] Positionen in der Administration und im Staatdienst erlangte man durch die Ernennungen in London durch das dortige Colonial Office, das natürlich Anglophone und Mitglieder des britischen Adels vorzog.

[2] Erstmalige nationale Bestrebungen wurden durch die Patriote -Bewegung im 19. Jh. angeführt.

[3] Dickinson, John A./Young, Brian. 1993. S. 263.

[4] Tessier, Yves. 1994. S. 216.

[5] Kempf, Udo. 1994. S. 14ff.

[6] Vgl. Tessier, Yves. 1994. S. 199.

[7] Kempf, Udo. 1994. S. 27.

[8] Erst 1921 stellte die urbane Bevölkerung mit 50% zum ersten Mal in der Geschichte von Französisch – Kanada eine Relevanz dar.

[9] Vgl. Kempf, Udo. 1994. S.9ff.

[10] Noch 1994 sprachen 70,3% aller Frankoquebecer kein Englisch (Angabe nach Kempf, Udo. 1994.)

[11] Vgl. Tabelle zum Einkommen der ethnischen Gruppen in den kanadischen Provinzen in: Couturier, Jacques Paul. S. 323.

[12] Kempf, Udo. 1994. S.13.

Ende der Leseprobe aus 21 Seiten

Details

Titel
Révolution tranquille - Stille Revolution in Quebec
Untertitel
Identitätswandel im frankophonen Kanada
Hochschule
Technische Universität Dresden
Note
1,0
Autor
Jahr
2005
Seiten
21
Katalognummer
V136874
ISBN (eBook)
9783640453641
ISBN (Buch)
9783640453450
Dateigröße
463 KB
Sprache
Deutsch
Anmerkungen
Schlagworte
Révolution, Stille, Revolution, Quebec, Identitätswandel, Kanada
Arbeit zitieren
Alice Rücknagel (Autor), 2005, Révolution tranquille - Stille Revolution in Quebec , München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/136874

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