Vorliegende Arbeit nähert sich zuerst dem Begriff Familie unter Berücksichtigung heutiger pluralisierter Familien- und Lebensformen. Konsequenterweise werden anschließend familiale Lebensbedingungen beschrieben und Gründe aufgezeigt, die Hilfen zur Erziehung in Form einer Vollzeitpflege fordern. Die Pflegefamilie als eine Form der familienersetzenden Intervention wird vorgestellt und ihre spezifischen Merkmale als Hilfe zur Erziehung beleuchtet. Im Zentrum der Betrachtung steht neben der Darstellung der rechtlichen Grundlagen, die Nennung von erziehungstheoretischen Aufgaben und Zielen, die zur Auseinandersetzung mit unterschiedlichen ersetzenden und ergänzenden Familienkonzeptionen in der Hilfe für Pflegekinder einladen. Im Arbeitsfeld der Begleitung und Betreuung von Pflegefamilien wird anschließend ein Blick auf das jugendhilferechtliche Dreieck mit seinen beteiligten Akteuren geworfen. Intra- und interfamiliale Spannungsfelder, die sich durch das Beziehungsdreieck zwischen Pflegefamilie, Pflegekind und Herkunftsfamilie aufspannen, werden im Hinblick auf die besondere Rolle der Pflegeeltern, die durch die Aufnahme eines Pflegekindes hohen Anforderungen und Belastungen im Alltag ausgesetzt sind, aufgezeigt.
Inhaltsverzeichnis
1. Einleitung
2. Begriffsbestimmungen
2.1 Die Familie: Pluralisierte Familien- und Lebensformen heute
2.2 Hilfen zur Erziehung in Vollzeitpflege
3. Die Pflegefamilie, ein soziales Familienkonstrukt
3.1 Rechtliche Grundlagen
3.2 Erziehungstheoretische Aufgaben und Ziele
3.3 Das Ersatz- und Ergänzungsfamilienkonzept
4. Das Beziehungsdreieck: Pflegefamilie, Pflegekind und Herkunftsfamilie
4.1 Intrafamiliäre Spannungsfelder in der Pflegefamilie
4.2 Interfamiliäre Spannungsfelder im Umgang mit der Herkunftsfamilie
5. Schlussbetrachtung und Fazit
Zielsetzung & Themen
Die Arbeit untersucht die komplexen Spannungsfelder im Beziehungsdreieck aus Pflegefamilie, Pflegekind und Herkunftsfamilie. Ziel ist es, die besonderen Anforderungen und Belastungen für Pflegeeltern zu beleuchten und deren Bedeutung für den Erfolg von Hilfe zur Erziehung in Form von Vollzeitpflege zu verdeutlichen.
- Pluralisierung von Familienformen und ihre Auswirkungen auf das Aufwachsen
- Rechtliche und erziehungstheoretische Grundlagen der Vollzeitpflege
- Analyse des Beziehungsdreiecks im System Familie
- Intra- und interfamiliäre Spannungsfelder und deren Bewältigung
- Die Rolle der Pflegeeltern und das Konzept des "Doing Family"
Auszug aus dem Buch
3.3 Das Ersatz- und Ergänzungsfamilienkonzept
Vor dem Hintergrund der beschriebenen konträren inneren Haltungen gegenüber der Herkunftsfamilie des Pflegekindes spiegelt sich das bindungstheoretische Pflegefamilienmodell in zwei unterschiedlichen Konzeptionen wider und beeinflusst maßgeblich den Integrationsverlauf und das Familie-Werden in der Pflegefamilie. In diesem Zusammenhang geht das Ersatzfamilienkonzept von Kindern mit verletzenden Vorerfahrungen aus, die „distanzlose- und beziehungslose, d. h. in ihrem Selbsterleben elternlose Kinder sind, oder [ ] nur durch Angst und Überanpassung an die leiblichen Eltern gebunden [sind]“ und für die in der emotionalen Ablösung von ihrer angstbesetzten Bindung an ihr Elternhaus die Chance besteht, in der Pflegefamilie eine sichere Basis zu finden, von der ausgehend es möglich ist, sichere und verlässliche Bindungen zu seinen Ersatzeltern aufzubauen, um Störungsbildern entgegenzuwirken und traumatische durch neue soziale Erfahrungen abzubauen. Der psychoanalytische Ansatz versteht sich pflegekindzentriert und durch die Distanzierung des Pflegekindes von seiner Herkunftsfamilie und den umfassenden Schutz seiner gesamten Pflegefamilie im Rahmen einer Dauerpflege ist eine Aufarbeitung seiner Negativerfahrungen möglich. Der Verzicht der Herkunftseltern auf ihre Elternrolle führt zu einer Reduzierung von Loyalitätskonflikten für das Pflegekind.
Das Ergänzungsfamilienkonzept dagegen nimmt aus einer systemtheoretischen Perspektive der Familienforschung ein durch die Pflegefamilie erweitertes Herkunftsfamiliensystem in den Fokus. In diesem Zusammenhang nimmt die Pflegefamilie ihr Pflegekind im Kontext seiner Herkunftsfamilie wahr und es erfährt dort, dass ungeachtet der Bindungsqualität auch bei einer dauerhaft angelegten Pflegschaft diese Bindung weiterhin geachtet und aufrecht erhalten wird, um bedeutsame familiale Auseinandersetzungen zur weiteren Identitätsbildung möglich zu machen. Das Konzept erfordert von allen Akteuren sich in einem offenen Elternsystem auszuloten, wo sich Pflegeeltern und Herkunftseltern in einer vom Kind unabhängigen Beziehung begegnen, um idealtypisch gemeinsam für das Kind zu sorgen, d.h., dass erst durch den Einbezug und nicht durch den Ausschluss der Herkunftseltern sich die Loyalitätskonflikte des Kindes auflösen.
Zusammenfassung der Kapitel
1. Einleitung: Anhand eines fiktiven Fallbeispiels wird in die Problematiken von Pflegeverhältnissen und die Notwendigkeit von erzieherischen Hilfen eingeführt.
2. Begriffsbestimmungen: Dieses Kapitel erläutert den modernen Familienbegriff und die gesetzlichen Grundlagen von Hilfen zur Erziehung in Vollzeitpflege.
3. Die Pflegefamilie, ein soziales Familienkonstrukt: Es erfolgt eine detaillierte Auseinandersetzung mit den Aufgaben von Pflegeeltern sowie verschiedenen pädagogischen Modellen für Pflegeverhältnisse.
4. Das Beziehungsdreieck: Pflegefamilie, Pflegekind und Herkunftsfamilie: Die Untersuchung konzentriert sich auf die spezifischen Spannungsfelder innerhalb der Pflegefamilie sowie in der Zusammenarbeit mit leiblichen Eltern.
5. Schlussbetrachtung und Fazit: Das Fazit fasst zusammen, dass Belastungen als Lernprozess begriffen werden müssen und eine professionelle Zusammenarbeit zwischen allen Akteuren entscheidend ist.
Schlüsselwörter
Pflegefamilie, Pflegekind, Herkunftsfamilie, Vollzeitpflege, Hilfen zur Erziehung, Jugendamt, Beziehungsdreieck, Kindeswohl, Bindungstheorie, Elternschaft, pädagogische Fachkräfte, Familiensystem, Ersatzfamilienkonzept, Ergänzungsfamilienkonzept, Doing Family.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser wissenschaftlichen Arbeit?
Die Arbeit beleuchtet die komplexen Herausforderungen in Pflegeverhältnissen, insbesondere die Spannungsfelder zwischen Pflegefamilie, dem Pflegekind und der Herkunftsfamilie.
Welche Themenfelder stehen im Zentrum?
Zentrale Themen sind die Anforderungen an Pflegeeltern, die rechtlichen Rahmenbedingungen der Vollzeitpflege und die Dynamik im Beziehungsdreieck der Beteiligten.
Was ist das primäre Ziel der Untersuchung?
Das Ziel ist es, aufzuzeigen, wie Pflegeeltern und Fachkräfte mit den vielfältigen Anforderungen umgehen können, um das Wohlergehen des Kindes langfristig zu sichern.
Welche methodischen Ansätze werden verfolgt?
Die Arbeit basiert auf einer theoretischen Aufarbeitung aktueller Fachliteratur und psychologischer sowie pädagogischer Konzepte zur Pflegekinderhilfe.
Was wird im Hauptteil der Arbeit behandelt?
Der Hauptteil analysiert die rechtlichen Grundlagen, erziehungstheoretische Ziele, verschiedene Pflegekonzepte und die spezifischen inner- sowie interfamiliären Spannungsfelder.
Welche Begriffe charakterisieren diese Arbeit?
Wichtige Begriffe sind insbesondere das jugendhilferechtliche Dreieck, das Konzept des "Doing Family" sowie der Unterschied zwischen Ersatz- und Ergänzungsfamilienkonzepten.
Worin unterscheidet sich das Ersatz- vom Ergänzungsfamilienkonzept?
Das Ersatzfamilienkonzept setzt stark auf den Schutz des Kindes durch Distanzierung von der Herkunftsfamilie, während das Ergänzungsfamilienkonzept die Herkunftsfamilie systemtheoretisch einbezieht.
Welche Bedeutung haben die leiblichen Kinder der Pflegeeltern?
Sie spielen eine bedeutende Rolle im Integrationsprozess, können jedoch durch Konkurrenz um Zuwendung ebenfalls belastet sein, was eine besondere Aufmerksamkeit der Pflegeeltern erfordert.
- Arbeit zitieren
- O. Neuner (Autor:in), 2020, Das Beziehungsdreieck Pflegefamilie, Pflegekind und Herkunftsfamilie. Hilfeprozesse im "System Familie" unter besonderer Berücksichtigung von Anforderungen und Belastungen für Pflegeeltern, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/1369443