Die internationale Forschung zu Pflegekindern, die in der unmittelbaren Vergangenheit an Fahrt aufgenommen hat, ist vielfältig und gewährt unter anderem vertiefte Einblicke in Forschungsbereiche, die die Entwicklung von Pflegekindern in ihren Pflegefamilien, Interventionsmöglichkeiten bei Verhaltens- und Bindungsstörungen der Pflegekinder, Wirkungen von Umgangskontakten, prognostische Entscheidungskriterien für die Rückführung und die Auswahl und Vorbereitung von Pflegeeltern in den Blick nehmen. Empirische Untersuchungen, die das Familienleben in den Pflegefamilien beleuchten und dabei die leiblichen Kinder der Pflegeeltern mit ihren Erfahrungen zu Wort kommen lassen, sind bisher zurückhaltend veröffentlicht worden. Die Ergebnisse geben jedoch Hinweise darauf, dass leibliche Kinder einen wichtigen Beitrag zum Gelingen von Familienpflege leisten und Abbrüchen von Pflegeverhältnissen präventiv entgegenwirken. Bisher wurde dem Einfluss der Familienpflege auf geschwisterliche Beziehungen der leiblichen Kinder in der Literatur wenig Beachtung geschenkt. Der Untersuchungsgegenstand der vorliegenden Arbeit sind fünf Pflegefamilien, aus denen neun junge erwachsene, leibliche Kinder, darunter vier Geschwisterpaare in einer Retroperspektive über ihr Zusammenleben mit ihren Pflegegeschwistern berichten. Als Untersuchungsmethode wird ein empirischer Forschungsansatz vorgestellt, der den Zugang zu subjektiven Sichtweisen als Forschungsperspektive gewährt und sich an der Qualitativen Inhaltsanalyse nach Mayring (2015) orientiert. Aus den qualitativen Daten der Interviews wird rekonstruiert, wie die leiblichen Kinder ihr Aufwachsen in der Pflegefamilie erlebten, wie sie mit belastenden Situationen individuell und als biologische Geschwister umgingen und welche Unterstützung sie dabei erfuhren. Die Ergebnisse dieser Untersuchung zeigen, dass leibliche Kinder trotz schwieriger und traumatischer Ereignisse mit den Pflegekindern als junge Erwachsene eine positive Einstellung zur Familienpflege entwickeln. Dabei wurde im Rahmen der Interviewauswertung festgestellt, dass sie im Zusammenleben mit den Pflegegeschwistern vor allem eine Chance für ihre persönliche Entwicklung sehen. Ein wesentliches Ergebnis war, dass schwierige Phasen in den Familien individuell erlebt und bewältigt werden [...].
Inhaltsverzeichnis
I. EINLEITUNG
1. Übersehene Akteure der Pflegefamilie
2. Ziele der Arbeit und inhaltliche Gliederung
THEORETISCHER TEIL
II. BEGRIFFSBESTIMMUNGEN
1. Die Familie – Pluralisierte Familien- und Lebensformen heute
2. Hilfen zur Erziehung: Die Familienpflege
3. Die Pflegekinderhilfe
4. Die Pflegefamilie
5. Das Pflegekind
6. Die Herkunftsfamilie
III. STAND DER FORSCHUNG
1. Pflegefamilien in Daten und Zahlen
2. Studien zu leiblichen Kindern in Pflegefamilien
IV. THEORETISCHE GRUNDLAGEN
1. (Pflege-) Familien als soziale Systeme mit Besonderheiten
1.1 Die Familiensystemtheorie
1.2 Die Bindungstheorie
1.3 Pflegefamilien und ihre Besonderheiten
2. Leibliche Kinder in intrafamilialen Spannungsfeldern
2.1 Spannungsfeld: Leibliches Kind – Pflegeeltern
2.2 Spannungsfeld: Leibliches Kind- Pflegekind
3. Zusammenfassung
EMPIRISCHER TEIL
V. QUALITATIVES UNTERSUCHUNGSDESIGN
1. Methodisches Vorgehen zur Datenerhebung
2. Auswahl der Stichprobe
3. Durchführung
4. Auswertung der Daten
VI. DARSTELLUNG DER ERGEBNISSE
VII. DISKUSSION
1. Inhaltliche Diskussion
2. Methodische Diskussion
VIII. IMPLIKATIONEN
1. Empfehlungen für die Praxis der Pflegekinderhilfe
2. Anregungen für die weitere Forschung
IX. FAZIT
Zielsetzung & Themen
Die vorliegende Arbeit untersucht das Erleben von jungen Erwachsenen, die als leibliche Kinder in Pflegefamilien aufgewachsen sind. Ziel ist es, die Auswirkungen der Aufnahme eines Pflegekindes auf die familiäre Dynamik und das persönliche Wohlbefinden dieser "übersehenen Akteure" zu rekonstruieren, um eine kindzentrierte Perspektive für die Soziale Arbeit zu etablieren.
- Rekonstruktion des Erlebens von Pflegefamilie aus der Sicht leiblicher Kinder
- Analyse intrafamilialer Spannungsfelder und ihrer Bewältigung
- Untersuchung der Bedeutung der Geschwisterrolle und Identitätsentwicklung
- Identifikation von Unterstützungsbedarf für leibliche Kinder in der Pflegekinderhilfe
Auszug aus dem Buch
Die Pflegefamilie – Pluralisierte Familien- und Lebensformen heute
„Wir sollen für Geschichte ein Foto einer Antiquität mitbringen!“ erklärt der Sohn seiner Mutter in der Karikatur mit dem Titel „Familienmodellhumor“ (Plassmann 2020) (Abb. 1) und die zum Schmunzeln anregende Antwort der Mutter gibt Anlass über den Begriff Familie im Kern nachzudenken. Das von Plassmann veranschaulichte Familienbild Plaumanns beschreibt eine selten gewordene, gefährdete Spezies familialer Lebensformen und lässt anklingen, dass sich Familie als tradierte Gewissheit, die sich in einem verheirateten Ehepaar mit gemeinsamen eigenen Kindern widerspiegelt sich in der heutigen Zeit verliert.
Die Familie ist als Lebensform fest in unserem Alltag verwurzelt und bildet für viele Menschen eine der wichtigsten zwischenmenschlichen Gemeinschaften. Die Begriffsklärung, was Familie bedeutet, hat einen subjektiven Charakter und bleibt auch aus dem Grund häufig mehrdeutig und vielschichtig. So existieren im alltäglichen Sprachgebrauch sehr unterschiedliche Ansichten darüber, was eine Familie bestimmt. Mit „Familie ist da, wo Kinder sind“, formulierte Richard von Weizäcker einen Satz mit dem die meisten Menschen übereinstimmen.
Bei der Definition des Begriffs Familie können rechtliche, biologische, funktionale und psychologische Sichtweisen unterschieden werden und je nachdem, welche Familiendefinition zugrunde gelegt wird, können bestimmte Beziehungskonstellationen als Familie aufgefasst werden. Das sozialpädagogische Arbeiten mit Familien bedarf einer familienpsychologischen Näherung an den Familienbegriff. Dies wird vor allem dann deutlich, wenn man bedenkt, dass für psychosoziale Arbeitsfelder die Familienpsychologie eine wichtige Grundlage für professionelles Handeln darstellt und Kenntnisse über psychologische Prozesse und Zusammenhänge in der Familie als Basis für die Planung und Umsetzung individuell angemessener Hilfemaßnahmen dienen.
Zusammenfassung der Kapitel
I. EINLEITUNG: Die Einleitung beleuchtet die Rolle leiblicher Kinder in Pflegefamilien als oft übersehene Akteure und erläutert die Zielsetzung sowie den Aufbau der Arbeit.
II. BEGRIFFSBESTIMMUNGEN: Es werden zentrale Fachbegriffe definiert, um das Verständnis für die komplexe Lebenssituation von Pflegefamilien im Kontext der Hilfe zur Erziehung zu schaffen.
III. STAND DER FORSCHUNG: Dieses Kapitel gibt einen Überblick über den nationalen und internationalen Forschungsstand und identifiziert die Forschungslücke bezüglich leiblicher Kinder.
IV. THEORETISCHE GRUNDLAGEN: Die systemtheoretischen Aspekte von (Pflege-)Familien und die Bindungstheorie werden als theoretisches Fundament der Arbeit vorgestellt.
V. QUALITATIVES UNTERSUCHUNGSDESIGN: Der empirische Forschungsteil beschreibt das methodische Vorgehen, die Stichprobenwahl und die Datenauswertung.
VI. DARSTELLUNG DER ERGEBNISSE: Hier werden die Ergebnisse der Interviews strukturiert nach Phasen der Familienentwicklung und verschiedenen Systemebenen präsentiert.
VII. DISKUSSION: Die Ergebnisse werden kritisch reflektiert und in den wissenschaftlichen Fachdiskurs eingeordnet.
VIII. IMPLIKATIONEN: Basierend auf den Forschungsergebnissen werden praxisorientierte Empfehlungen für die Arbeit der Jugendhilfe gegeben.
IX. FAZIT: Eine abschließende Zusammenfassung betont die positive Einstellung der leiblichen Kinder und die Notwendigkeit, sie stärker als aktive Mitgestalter in den Hilfeprozess einzubeziehen.
Schlüsselwörter
Pflegefamilie, leibliche Kinder, Pflegekinder, Familiensystemtheorie, Bindungstheorie, Jugendhilfe, Hilfe zur Erziehung, Geschwisterbeziehung, qualitative Inhaltsanalyse, Familienalltag, Rollenkonflikt, Identitätsentwicklung, Sozialisation, Unterstützungssysteme, transgenerationale Beziehungen.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser Arbeit grundsätzlich?
Die Bachelor-Thesis befasst sich mit der Rolle leiblicher Kinder in Pflegefamilien und deren subjektivem Erleben des Zusammenlebens mit Pflegekindern.
Was sind die zentralen Themenfelder?
Zentrale Themen sind familiäre Dynamiken, die Veränderung von Beziehungsstrukturen, die Auswirkungen der Aufnahme auf das eigene Aufwachsen und die Rolle der Sozialen Arbeit.
Was ist das primäre Ziel der Untersuchung?
Das Ziel ist die Rekonstruktion der Perspektive leiblicher Kinder, um deren Bedürfnisse und Rolle im Pflegeverhältnis wissenschaftlich zu beleuchten und für Fachkräfte sichtbar zu machen.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Es handelt sich um eine qualitative Studie mit leitfadengestützten Experteninterviews, die nach der Methode der Qualitativen Inhaltsanalyse nach Mayring ausgewertet wurden.
Was wird im Hauptteil behandelt?
Der Hauptteil umfasst die theoretische Fundierung mittels Familien- und Bindungstheorie sowie die empirische Analyse der Aussagen von jungen Erwachsenen, die in Pflegefamilien aufgewachsen sind.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Pflegefamilie, leibliche Kinder, Familiensystem, Bindungstheorie, Jugendhilfe, Rollenkonflikte und Sozialisation.
Kommen die leiblichen Kinder selbst zu Wort?
Ja, die Arbeit stützt sich explizit auf subjektive Berichte von neun jungen Erwachsenen, darunter vier Geschwisterpaare, die ihre Erfahrungen retrospektiv schildern.
Welche Bedeutung kommt der Geschwisterbeziehung zu?
Die Untersuchung zeigt, dass die Geschwisterbeziehung eine zentrale Rolle spielt und für viele der leiblichen Kinder eine bedeutende Ressource sowie ein Lernfeld für persönliche Kompetenzen darstellt.
Gibt es negative Auswirkungen für die leiblichen Kinder?
Ja, negative Aspekte wie Eifersucht, Konkurrenz um elterliche Aufmerksamkeit, Belastungsgefühle und Rollenkonflikte werden in der Arbeit adressiert und durch Fallbeispiele belegt.
Welche Empfehlungen ergibt die Arbeit für die Praxis?
Die Autorin empfiehlt, leibliche Kinder von Beginn an aktiv als soziale Akteure in den Hilfeplanungsprozess einzubeziehen und ihre Bedürfnisse im Rahmen der Pflegekinderhilfe explizit zu würdigen.
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- O. Neuner (Author), 2021, Die Pflegefamilie als soziales Familiensystem, Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/1369454