Die Zeitschrift "Sovjetskaja Etnografija" zur sowjetischen Nationalitätenpolitik in Mittelasien


Masterarbeit, 2009
139 Seiten, Note: Sehr gut

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Gliederung

Vorwort

Einleitung

1. Die Ethnografie in der wjetunion: Theorie und Praxis
1.1. Die Anfänge der sowjetischen Ethnografie
1.2. Die „vjetskaja Etnografija“ und ihre Autoren
1.3. Wichtige theoretische Ansätze der sowjetischen Ethnografie
1.4 wjetische (Feld)forschungen in Mittelasien

2. Die sowjetische Nationalitätenpolitik in Mittelasien
2.1. Die Grundzüge der Nationalitätenpolitik unter alin und seinen Nachfolgern
2.2. Die Umsetzung der sowjetischen Nationalitätenpolitik in Mittelasien
2.3. Nationenbildung in Mittelasien
2.4. Die Entwicklung nationaler Kulturen
2.5. Der alins Kampf gegen den „bürgerliche Nationalismus“

3. Die Folgen der Nationalitätenpolitik in Mittelasien
3.1. „zialistische Nationen“ in Mittelasien
3.2. ziokulturelle Transformationsprozesse in Mittelasien
3.3. Postsowjetisches Mittelasien

Umschrift der russischen kyrillischen hrift

Abkürzungsverzeichnis

Literaturverzeichnis

Literaturangaben

Zitierte Beiträge aus der „vjetskaja Etnografija“

Anhänge
Anhang 1
Anhang 2
Anhang 3
Anhang 4

Vorwort

Das Vorwort zu dieser Masterarbeit ist eine gute Gelegenheit, die Motivation, die mich zu diesem Thema bewog, und ein Dankeswort zu äußern. Die Impulse, die in mir das Interesse am Thema „Die Nationalitätenpolitik in Mittelasien“ erweckten, haben ihren Ursprung in meiner persönlichen Lebensgeschichte.

Ich bin in der Tatarischen Autonomen Sowjetrepublik[1] (TASSR) mit einer mehrheitlich muslimischen Bevölkerung aufgewachsen. In Kazan, der Hauptstadt, habe ich von Kindheit an in einer multinationalen Umgebung gelebt: Tataren, Russen, Ukrainer, Weißrussen, Usbeken, Juden, Tadschiken u. a. Als Kind aus einer tatarisch-russischen Mischehe bin ich sozusagen selbst ein Ergebnis der Nationalitätenpolitik in der Sowjetunion, denn generell wurden solche Ehen staatlich gefördert, um die Verschmelzung zur sowjetischen „sozialisti-schen Nation“ zu erreichen.

Am Beispiel meiner Familie kann man recht gut die Veränderungen verfolgen. In meiner Familie ist dies an den Lebensgeschichten nachvollziehbar, die dank dieser Arbeit nun auch schriftlich niedergelegt wurden.

Als Kind mit sowjetischer Erziehung habe ich mich gewundert, dass MARŠIDA, meine Ur-großmutter mütterlicherseits, kein Wort Russisch sprechen konnte. Sie sprach nur Tatarisch, schrieb es mit arabischen Schriftzeichen, las den Koran und verrichtete fünf Mal am Tage islamische Gebete. Den Inhalt nicht verstehend, sollte ich diese Gebete auf Arabisch nach-sagen, um sie auswendig zu lernen. Das kam mir als Kind merkwürdig vor. Die einfache Er-klärung meiner Eltern dafür war: „Das machen alte Leute. Früher war das so.“

Meine Großeltern AHMED und RUZALIA waren dann schon gut in die sowjetische Gesellschaft unter STALIN integriert. Dies mussten sie sich hart erarbeiten. In den 30er Jahren des XX. Jhs. mussten sie nach den Abschlüssen in einer nationalen Schule mit dem Unterricht auf Tatarisch, um sich beruflich weiter zu entwickeln, Russisch erlernen, was für sie eine völlig andere Sprache war.

Für ihre Tochter – also meine Mutter - wurde der stolze tatarische Name ILSIAR ausgewählt. Er bedeutet „die, die ihre Heimat liebt“. In der Zeit von CHRUSCHTSCHOV absolvierte meine Mutter die Hochschulreife sowie Hochschule auf Russisch und beherrschte dies auf mutter-sprachlichem Niveau. Im Kreise der Familie wurde überwiegend Tatarisch gesprochen.

Ich repräsentiere die vierte Generation dieser Familie. Russisch ist für mich durch Kinder­garten, Schule und Universität praktisch zur ersten Muttersprache geworden, und die Rolle des Tatarischen war nur noch auf das Familienleben bei meinen Großeltern begrenzt.

In meinem ehemaligen sowjetischen Pass bekannte ich mich jedoch zu meinen tatarischen Wurzeln,[2] denn bei Kindern aus Mischehen konnte selbst gewählt werden, welche Nationalität gelten sollte.

Tatarisch schreiben erlernte ich erst bewusst in den 1990er Jahren an der Universität, als ein nationales Wiedererwachen in der Zeit von BORIS JELZIN begann.

Meine nationale Identität als Kazan- Tatarin bewahre ich bis heute.

An dieser Stelle möchte ich auch meinen Dank aussprechen an diejenigen, die wesentlich zum Gelingen dieser Arbeit beitrugen und mir mit ihrem Wissen und weiterbringenden Rat-schlägen zur Seite standen.

Mein Dank gilt CHRISTINE MÜLLER-RADLOFF, Dipl.-Ing./Textilrestauratorin am Grassi-Museum für Völkerkunde zu Leipzig der Staatlichen Ethnographischen Sammlungen Sachsen. Beim Entstehen dieser Arbeit war sie eine erste Bezugs- und Diskussionsperson. Mit ihrer Hilfe als Lektorin für die deutsche Sprache hat sie dazu beigetragen, dass ich meine Ge-danken auf Deutsch niederschreiben konnte.

Weiterhin möchte ich ROLF SCHWARZER, Diplom- Museologe und ehemaliger Konservator im Leipziger Völkerkundemuseum, für seine sorgfältigen letzten Korrekturen danken.

Einleitung

In dieser Masterarbeit wurde zum Thema Mittelasien in der ethnologischen Fachzeitschrift „ Sovjetskaja Etnografija“ (SE), russisch „CoBeTCKasI [3]THorpaфHsI“, recherchiert. Im Mittel-punkt des Interesses standen die Beiträge aus der SE, die sich

1. den Völkern des sowjetischen Mittelasien und ihrer Stellung im Rahmen der Nationalitätenpolitik und
2. den soziokulturellen Transformationen bzw. den Auswirkungen der sowjetischen Nationalitätenpolitik auf die Lebensweise, Kultur und die Traditionen der mittel-asiatischen Völker widmeten.

Beide Fragen wurden im Kontext sowohl der offiziellen sowjetischen Historiografie als auch der westlichen kritischen bzw. antisowjetischen Historiografie behandelt.

Es wurden insgesamt etwa 450 Artikeß aus der Zeit von der Gründung der Zeitschrift im Jahre 1931 bis zum Jahre 1991 ausgewählt, in einer Tabelle im Windows-Exel-Programm zusammengefasst und in Bezug zu den oben geschriebenen Schwerpunkten analysiert bzw. ausgewertet. Der Zeitraum von 60 Jahren ermöglichte die notwendige Übersicht, um die wichtigsten Aspekte der sowjetischen Nationalitätenpolitik zu vergleichen. Zweitens werden der Stand, die Entwicklung und die Leistungen der sowjetischen Mittelasienwissenschaft in der UdSSR dargestellt.

An dieser Stelle ist es sehr wichtig zu bestimmen, was man eigentlich unter dem Begriff Mittelasien versteht. Unter den Begriffen sowjetisches Mittelasien, Mittelasien oder Zentral-asien wird im Rahmen dieser Arbeit das Gebiet verstanden, das durch das Kaspische Meer im Westen, die Grenze von Kasachstan und Kirgistan zu Russland im Norden, China im Osten und die Grenzen von Tadschikistan und Turkmenistan zu Afghanistan bzw. Iran im Süden begrenzt ist.

Im Fokus dieser Untersuchung stehen ausschließlich die fünf Sowjetrepubliken, die man im Kontext der Sowjetgeschichte als Turkmenische SSR (TuSSR), Usbekische SSR (UsSSR), Kasachische SSR (KSSR), Kirgisische SSR (KiSSR) und Tadschikische SSR (TaSSR) be-zeichnete. Weitere gebräuchliche Bezeichnungen, die in den sowjetischen Quellen vorkamen, waren Turkmenien, Usbekien, Kirgisien, Tadschikien und Kasachstan.

Nach der Unabhängigkeit im Jahre 1991 wurden aus den ehemaligen Sowjetrepubliken Nationalstaaten gegründet. Dies sind heute die selbständigen Staaten Kasachstan, Usbekistan, Tadschikistan, Turkmenistan und Kirgis(is)tan.[4]

Während der Recherche der verschiedenen Quellen, die in Bezug zu Mittelasien stehen, wurde festgestellt, dass es keine Übereinstimmung bei der Bezeichnung für das Wort Turkvölker gibt, die im Sinne der ethno-linguistischen Gruppe in mehreren Varianten bezeichnet wurden:

- Turken, Turkvölker,
- Türken, Türkvölker,
- Turkophone, turkophone Völker.[5]

In den für die Arbeit verwendeten Quellen setzte man Turkvölker mit Türken gleich, wobei das definitiv falsch ist, weil die Türken die bestimmte ethnische Gruppe in der Türkei sind. Möglicherweise kommt diese Verwirrung aus der Übersetzung der russischen Quellen, die für das Wort Turkvölker das Wort Türken benutzen und umgekehrt. In dieser Arbeit ist mit dem Wort „Turkvölker“ eine ethnisch - linguistische Gruppe und mit dem Wort Türken die tür-kische Nation in der Türkei gemeint.

Forschungstand

Zum Thema Nationalitätenpolitik in der UdSSR und speziell für das Gebiet Mittelasien liegen mehrere Monographien und Aufsätze vor, in denen eine grundsätzliche Spaltung in sowjeti-sche und antisowjetische bzw. westliche Historiografie zu erkennen ist.

Viele Literaturquellen stammen aus der Zeit des Kalten Krieges (1945 - 1991) und sind offen-sichtlich ideologisch geprägt. Das bestätigt unter anderen der renommierte Historiker GERHARD SIMON. Er weißt darauf hin, dass die Beschäftigung mit der sowjetischen Nationalitätenpolitik mit den politischen Orientierungen der Forscher und Geldgeber zusammenhängt.[6]

In dieser Phase entstanden im Westen zahlreiche Russland- und Osteuropastudien und wissenschaftliche Zentren. Diese Institutionen hatten unter anderem die Aufgabe, im Bereich der Propaganda eine Nivellierung des wirtschaftlichen und kulturellen Aufschwungs der UdSSR und im Bereich der Politik die sowjetische Nationalitätenpolitik und allgemein das Bild vom Sowjetstaat in den Augen der internationalen Öffentlichkeit und selbst in den Ländern des Ostblocks negativ darzustellen.

Die Traditionen der Erforschung Russlands waren in England am stärksten ausgeprägt. In den 1950er Jahren existierten dort die Abteilung für Slawistik in Cambridge, Nottingham und London, Abteilung für Russisch in Edinburgh, Manchester, Liverpool und Oxford, Studium der Sowjetgeschichte in Birmingham und Glasgow. In diesem Zusammenhang ist auch das Royal Institute of International Affairs in London zu erwähnen, dessen Forschungs-schwerpunkt sich auf die Sowjetunion und Osteuropa konzentrierte. Sie entwickelten die Theorie vom sowjetischen Kolonialismus, die u.a. in den Büchern von WALTER KOLARZ und zwei Fachzeitschriften für Osteuropakunde: „The Slavonic and East European Review“ sowie „Soviet Studies“[7] vorgestellt wurde.[8] Viele Autoren interpretierten die Geschichte Mittel-asiens einseitig als erzwungene Kolonisation und „eine Fortsetzung der Politik des zaristi-schen Russlands“[9], die die traditionelle Kultur der einheimischen Völker zerstörte. Sie schrieben über die Ausbeutung der Randgebiete als wirkliches Ziel der Sowjetpolitik. Oft wurden diese Aussagen aufgrund mangelnder russischer Sprachkenntnisse ohne echtes Quellenstudium gemacht, und das führte zur Vereinfachung der Sicht über die Geschichte. Als verblüffendes Beispiel dazu ist in unseren Literaturquellen das Buch von LADISLAUS SINGER „Sowjetimperialismus“ zu nennen. Er betrachtete die nationalen Republiken in Mittelasien als kolonial beherrschtes Gebiet. „Turkestan ist ein militärisch besetztes Land, wie dies andere Kolonien der Erde waren, die von Engländern, Franzosen, Holländern, Deutschen oder Belgiern verwaltet worden waren“.[10]

In den USA waren die Traditionen der Erforschung Russlands „weniger tief verwurzelt“ als in England. „Das plötzliche und schnelle Anwachsen des amerikanischen öffentlichen Interesses an der übrigen Welt fiel zeitlich zusammen mit dem Anwachsen der internationalen Be-deutung Sowjetrusslands.“[11] In der ersten Zeit wurde die Wissenschaft auf diesem Gebiet von den Auswanderern der ersten und zweiten Welle aus dem Russischen Imperium, der UdSSR und anderen osteuropäischen Ländern beherrscht. Hier sind besonders die Namen des amerikanischen Slawisten BERNARD PARES und des Sowjetologen RICHARD PIPES zu nennen. In seinen politisierten Büchern vertritt PIPES die Theorie des „sowjetischen Kolonialismus“.[12]

Die sowjetischen Ethnografen, Orientwissenschaftler und Historiker haben sich öffentlich mit den westlichen Ansichten auseinandergesetzt. So wurde der Wissenschaftszweig „Kritik der westlichen bzw. bourgeoisen Wissenschaft“ zu einem wichtigen Teil der sowjetischen Wissenschaft. Die Sowjetethnografen erhoben gegen die „bürgerliche“ Ethnologie den Vorwurf, sie diene der Festigung der „imperialistischen Kolonialherrschaft“.[13] Jedoch waren ihre eigenen Positionen und Kritiken stark von der sowjetischen Ideologie beherrscht, so dass sie nicht überzeugend und objektiv erschienen. In den Abhandlungen der sowjetischen Wissenschaftler ist lediglich über das Aufblühen bzw. die allmähliche Annäherung der sozia-listischen Nationen als einen Triumph der Leninschen Nationalitätenpolitik zu lesen.

In der SE sind zahlreiche Auseinandersetzungen der sowjetischen Ethnologen mit amerika-nischen Veröffentlichungen zu finden, beispielsweise schrieb TAT’JANA ŽDANKO eine Kritik anlässlich des Artikels des amerikanischen Historikers RICHARD PIPES "Muslime im sowjeti-schen Mittelasien, Tendenzen und Perspektiven - Demagogie und historische Wahrheit“.[14] Nach ihrer Einstellung verfälscht PIPES die Erfolge der Nationalitätenpolitik in Mittelasien und beruht sich auf nicht zuverlässige Quellen. „Von Anfang an ignorierte der Autor die ak-tuelle wissenschaftliche Literatur über die Geschichte und Ethnografie der Völker Mittel-asiens. Aufgrund des Mangels an objektiven, zuverlässigen und veröffentlichten Quellen musste er die Aussage von etwa 30 mittelasiatischen muslimischen Emigranten aus den jewei-ligen Regionen der UdSSR einbeziehen.“[15]

Einen besonderen Stellenwert nehmen hierbei die Anhänger des Konzepts „Panturkismus“ ein, die aus emigrierten ehemaligen Sowjetbürgern bzw. Wissenschaftlern bestanden.

Einigen von ihnen, wie JUSUF AKČURA, SADRI MAKSUDI, ZEKI VALIDI, AHMET TIMER, GAJAZ ISHAKI und MUSTAFA CHOKAEV, ist es gelungen, vor den stalinistischen Säuberungen in den Jahren 1920 – 1930 zu fliehen.[16] Andere Sowjetbürger sind nach ihrer Kriegsgefangenschaft in der Zeit des Zweiten Weltkrieges entweder in Europa geblieben oder nach den USA ausge-wandert.

Mit den nationalen Kreisen arbeitet die turkestanische Emigration Hand in Hand, deren Zahl

etwa drei Millionen Menschen umfasst.“[17] In ihren wissenschaftlichen Arbeiten und gesellschaftlichen Aktivitäten haben sie viel zur Verbreitung der Ideen des Panturkismus in Europa beigetragen. Ein wichtiger Vertreter dieser Richtung war BAYMIRZA HAYIT, der hier mehrmals zitiert wird. Er bezeichnete sich selbst als Turkestaner und beherrschte sowohl Russisch als auch alle Turksprachen, die in Mittelasien gesprochen werden. HAYIT arbeitete an einer wichtigen Stelle in der Kulturverwaltung in der UdSSR, und als ehemaliger Kriegs-gefangener promovierte er 1949 an der Universität Münster. Er bezog auch in seiner Arbeit die Quellen in usbekischer, kasachischer und russischer Sprache ein, was den Wert seiner Arbeiten um ein mehrfaches erhöht und schrieb eine ausführliche und faktenreiche Geschichte von Turkestan[18]. Seiner Meinung nach „versuchen die sowjetischen Historiker durch Fälschung der turkestanischen Geschichte zu beweisen, dass Turkestan ein „Kolonialland“ gewesen sei. Die alte Volkskultur wird verächtlich gemacht, das Bewusstsein einer Gemeinschaft des Turkentums bekämpft, und den religiösen Anschauungen werden im Interesse des Marxismus Grenzen gesetzt.“[19]

Aus der großen Reihe der politisierenden Arbeiten jeglicher Richtung ist die Arbeit von OTTO RUDOLF LIESS in zwei wesentlichen Gesichtspunkten hervorzuheben. Er versuchte, „die Wandlungen der ideologischen Konzeption, Beweggründe und Zielsetzung der sowjet-kommunistischen Nationalitätenpolitik in Theorie und Praxis aufzuzeigen“[20] und gehörte zu den wenigen Autoren, die in ihre Schriften die russischen Quellen, beispielsweise sowjetische Dekrete, Dokumente,[21] Zeitungen („Kommunist“, „Sowjetunion heute“) sowie die Zeitschrift „Sovjetskaja Etnografija“ einbezogen hatten.

Eine weitere Arbeit, die auf Archivmaterialien und Dokumenten basiert, ist die von REINHARD EISENER.[22] Sie widmet sich dem Phänomen des tadschikischen Nationalismus. Am Beispiel des tadschikischen Nationalismus wurden die Fehler bei der Grenzziehung Mittel-asiens aufgezeigt.

End der 1970er Jahre rückten Probleme des Islam und des Nationalismus in den Vordergrund. So kam BENNIGSEN in seinem Buch „The Muslims of the Soviet Empire“ zu der Schlussfolgerung, dass der Islam das sowjetische Regime bedrohte. Er behauptete im Rahmen seiner Konzeption des Nationalismus, dass sich der Islam in den sowjetischen Republiken Mittelasiens als kultureller Faktor deutlich präsentierte. Die sowjetischen Muslime sollten seiner Meinung nach die Demografie und den Charakter des sowjetischen Systems ändern.[23] Aus der Sicht der sowjetischen Ethnologen haben die westlichen Autoren „die Ideen von Panislamismus und Panturkismus zu politischen Zielen benutzt, um eine Möglichkeit der Unabhängigkeit Mittelasiens von der UdSSR zu begründen.“[24]

Den Zerfall der UdSSR führte zu einer neuen Generation von Mittelasienwissenschaftlern. Zu der Zeit waren bereits die Wissenschaftler, die durch den „Kalten Krieg“ ideologisch geprägt waren, verstorben.[25] Die neu heranwachsenden westlichen Geisteswissenschaftler kon-zentrierten sich auf die geopolitischen Aspekte der neu entstandenen mittelasiatischen Republiken. Zu ihren Zielen gehörten auch die Sicherung der geopolitischen Interessen des Westens in Mittelasien, die Verdrängung Russlands aus dieser Region, die Frage nach den Ressourcen des Kaspischen Meeres, die Gefahr des islamischen Fundamentalismus etc. Daraus wird ersichtlich, dass diese Arbeiten auch ideologisch beeinflusst sind.[26]

Die Kritik an der sowjetischen Nationalitätenpolitik war ein Teil des wichtigsten politischen Ziels der westlichen Welt – Kampf gegen die UdSSR als größten geopolitischen Gegner in der zweiten Hälfte des XX. Jhs. Deshalb sind weder die sowjetischen noch die westlichen Quellen zuverlässig, und die Diskrepanz zwischen Reden, Wollen und Tun war besonders hoch anzusetzen.[27] Aus diesem Grunde sollte man das Betrachten solcher Themen wie der Nationalitätenpolitik, die sich nur auf die ideologisch politisierten Arbeiten oder die politi- schen Reden verlässt, vermeiden, denn dies birgt in sich die Gefahr, falsche Rückschlüsse daraus zu ziehen und bequemen Annahmen zu erliegen.[28]

1. Die Ethnografie in der Sowjetunion: Theorie und Praxis

1.1. Die Anfänge der sowjetischen Ethnografie

Im ersten Jahrzehnt nach der Oktoberrevolution (1918 – 1928) genoss die sowjetische Ethnografie noch relative Freiheit von der marxistischen Ideologie. Die Ausbildung der jungen sowjetischen Ethnografen lag noch in den Händen von bedeutenden Ethnologen mit Weltruf aus der vorrevolutionären Epoche wie VLADIMIR/ WALDEMAR BOGORAZ, LEV ŠTERNBERG, PETER PREOBRAŽENSKIJ, BERNGARD PETRI u. a.[29]

In den Beiträgen aus der Zeitschrift SE kann man ablesen, dass die Wissenschaftler im freien wissenschaftlichen Austausch mit der westlichen Welt standen und Aufsätze in engli-schen und deutschen Zeitschriften, aber auch Bücher bei fremden Verlagen erscheinen lassen konnten. In jedem Heft der SE konnte man sich durch die zahlreichen Berichte, Mitteilungen und Rezensionen über den aktuellen Stand der westlichen Ethnografie informieren. Es wurden regelmäßig neue Bücher und europäische ethnologische Zeitschriften präsentiert, Biblio-grafien zusammengestellt sowie über bestimmte Themen in der westlichen Literatur re-cherchiert.[30] Besonders aktiv in diesem Bereich war Professor EVGENIJ KAGAROV, der in der SE verschiedene Auslandsberichte und bibliografische Überblicke über die aktuelle deutsche, italienische, spanische und rumänische Ethnografie schrieb.[31]

Durch die Politik der sowjetischen Regierung wurden die ethnografischen Forschungsarbeiten und die Ausbildung der jungen Ethnologen gezielt gefördert. Diese Periode zeichnete sich auch durch vermehrte Gründungen ethnografischer Institutionen, die Einbeziehung der ein-heimischen Wissenschaftler und die Verbreitung der ethnologischen Feldforschungen aus. Bereits im Jahre 1917 wurde an der Akademie der Wissenschaften die Kommission zur Erfor-schung der nationalen Zusammensetzung der Bevölkerung Russlands eingerichtet, die später zur Kommission für die Erforschung der nationalen Zusammensetzung der Bevölkerung der UdSSR umgestaltet wurde. 1919 schuf man ethnografische Zentren an den Universitäten in Petrograd und Moskau. 1933 wurde auf der Grundlage des Museums für Anthropologie und Ethnografie das Institut für Anthropologie, Archäologie und Ethnografie gebildet, das später zum Institut für Ethnografie der Akademie der Wissenschaften der UdSSR umgestaltet wurde.

Ende der 1920er bis Anfang der 1930er Jahre begann die Veränderung in der Methodologie der Ethnografie sowie allgemein in der sowjetischen Wissenschaft. Die erste Konferenz der sowjetischen Ethnografen, die im April 1929 in Leningrad stattfand, fasste u.a. die Resolution über die Einführung des Marxismus in die ethnologische Forschung.

Diese Beschlüsse der Leningrader Konferenz wurden „für jeden Ethnografen als ver-pflichtend, der aktiv am sozialistischen Aufbau der UdSSR mitarbeiten und seine Forschung im Sinne der materialistischen Richtung zu betreiben wünscht“. erklärt.[32]

Ethnologen und Turkologen wie auch andere Wissenschaftler standen in Kontakt mit den zentralen Behörden und Institutionen, welche mit den Angelegenheiten der nationalen Re-publiken und Regionen befasst waren. Dies war 1917-1923/24 das Volkskommissariat für Nationalitätenangelegenheiten, dem aufgetragen war, „spezielle Forschungseinrichtungen und Lehranstalten zu organisieren zum Zwecke der Erforschung des Lebens der Nationalitäten und der Heranbildung von Kadern politischer Aktivisten nichtrussischer Nationalität.“[33]

Die ethnografischen Wissenschaftler waren in die Arbeit des Volkskommissariates mit einbe-zogen, das sich mit den Nationalitäten der UdSSR beschäftigte. So konstatierte LEV ŠTERNBERG im Jahre 1926 mit Bedauern, dass „ethnografische Arbeiten bei uns äußerst extensiv und manchmal von wenig vorbereiteten Leuten betrieben werden.“[34]

Nach der Auflösung des Volkskommissariates 1924 ging dieser Aufgabenbereich für die Jahre 1924-1930 auf die zweite Kammer des Zentralen Exekutivkomitees der Union über. Nach 1930 wurden die genannten Funktionen auf die Sowjetorgane übertragen.[35]

Die Forschungsinstitutionen waren zu politischen Organen zugeordnet. „Das sorgte für eine direkte Implantierung der Staats- und Parteipolitik in die wissenschaftlichen Institutionen.“[36]

Während der 20er und 30er Jahre wurde die sowjetische Wissenschaft von all jenen Gelehrten „gesäubert“, die sich gegenüber diesen Vorschriften gleichgültig verhielten oder sie gar offen abgelehnt hatten. Auf diese Weise wurden zwischen 1920 und den 1950er Jahren etwa 500 sowjetische Ethnologen und andere Geisteswissenschaftler der konterrevolutionären Propaganda, der Verbreitung nationalistischer Ideologie oder den Kontakten mit ausländischen Geheimdiensten beschuldigt und hingerichtet. Unter ihnen sind die Namen von renommierten Ethnologen wie PROF. PETER PREOBRAŽENSKIJ, PROF. BERNGARD PETRI, PROF. NIKOLAJ MATORIN, ALEXANDER ADRIANOV, der erste abchasische Ethnograf und Pädagoge SIMON BASARIJA, der erste jakutische Ethnograf GAVRIIL KSENOFONTOV. Viele andere starben unter unmenschlichen Bedingungen in den Arbeitslagern und Gefängnissen. Unter ihnen sind die Ethnologen NIKOLAJ KOZ’MIN, ANATOLIJ GENKO, FEDOR FIJEL’STRUP, ALEXEJ CHARUZIN, ALEXANDER ZOLOTAREV UND LEV ŠTERNBERG zu nennen.[37]

Die überlebenden Forscher wurden endgültig gezwungen, ihre Theorien den Klassikern des Marxismus anzupassen.

1.2. Die „Sovjetskaja Etnografija“ und ihre Autoren

Die „Sovjetskaja Etnografija“, deutsch „Sowjetische Ethnografie“, war die bedeutendste Fachzeitschrift auf dem Gebiet der Ethnografie in der Sowjetunion, „die zum zentralen Organ aller Ethnografen im Lande wurde.“[38] Die SE wurde von der führenden Institution der Völkerkunde in der Sowjetunion, dem Institut der Ethnografie „NIKOLAJ MIKLUCHO- MAKLAJ“ der Akademie der Wissenschaften (AdW) der UdSSR, seit 1931 herausgegeben.[39] Sie ist die Nachfolgerin der Zeitschrift „Etnografija“, deutsch „Ethnografie“, die in den Jahren 1926–30 herausgegeben wurde.[40] Im Jahre 1931 wurden vier Hefte (Ausgaben), in den Jahren 1932-1936 sechs Hefte, 1937 vier Hefte und 1933-1947 nur zwei Hefte herausgegeben. Ab 1946 führte man die Herausgabe der Zeitschrift weiter. Bis 1956 wurde die Zeitschrift viermal im Jahr herausgegeben und ab 1957 sechsmal.

Es ist wichtig, darauf hinzuweisen, dass der Begriff „Sovjetskaja Etnografija“ nicht nur im Sinne der Zeitschrift zu verstehen ist, sondern auch als die ideologisch geprägte sowjetische Wissenschaft. Ein wichtiges Merkmal der sowjetischen Ethnologie, die sich in der Zeit der Entstehung des multikulturellen sowjetischen Staats herausbildete, war ihre Verbindung mit dem Aufbau des Sozialismus, den Aufgaben der Veränderungen der Kultur und Lebensgewohnheiten der Völker der UdSSR. Als Ziel der sowjetischen Ethnografie beschreibt die Ethnologin TAT’JANA ŽDANKO die Erforschung der Herausbildung und Entwicklung der sozialistischen Nationen und des Prozesses der Annäherung der Nationen und ihrer Umwandlung vom Sozialismus zum Kommunismus.[41] Deshalb diente eine Reihe von Arbeiten diesen ideologisch-politischen Zielen. In der SE wurden beispielsweise die politischen Reden von STALIN, BRESCHNEV, CHRUSTSCHOV und die zahlreichen Beschlüsse der Kommunistischen Partei und der Sowjetregierung veröffentlicht.[42]

In der SE findet man Artikel und Rezensionen, die sich Fragen der Ethnografie von Völkern der UdSSR und des Auslands sowie der Geschichte der Ethnografie widmen. Es wurden auch Abhandlungen und Feldforschungen über Anthropologie, Folklore und Archäologie veröffentlicht. Weiterhin wurden in Beiträgen und Mitteilungen die ethnographische Arbeit von Museen und wissenschaftlichen Instituten der UdSSR und des Auslands beleuchtet. Aus der Zeitschrift erfuhr man über zahlreiche Kongresse und Tagungen, an denen die sowjetischen Forscher über Fragen der Ethnogenese teilnahmen.[43]

Das Gebiet Mittelasien wurde sehr vielfältig präsentiert. Folgende Themenbereiche sind zu nennen: Anthropologie, Archäologie, Bibliografie, Sprachwissenschaft, Typologie, ethnische Geschichte, Ethnogenese, Ethnogeografie, materielle Kultur, geistige Kultur und die Nationalitätenpolitik. All das wurde in Artikeln, Vorträgen, Berichten, Kritiken, Diskussionen und Rezensionen vorgestellt. Jeder erwähnte Themenbereich wurde von sowjetischen Wissenschaftlern komplex erforscht. Z.B. die materielle Kultur der Völker Mittelasiens teilte sich in die verschiedenen Fachgebiete wie Behausungen, Bekleidung, Schmuck und handwerkliche Künste. Die Lebensgewohnheiten bildeten einen wichtigen Aspekt bei der Erforschung der geistigen Kultur. Die gesellschaftliche Struktur spiegelte sich in Themen wie den Mischehen usw. wider.[44] Außerdem findet man regelmäßig in der SE Rezensionen von Dissertationen und neu veröffentlichten Büchern, Berichte über aktuelle Feldforschungen, Beiträge zur Museologie und Kritiken zu westlichen ethnologischen Beiträgen.[45]

In der SE waren sowohl wissenschaftliche Arbeiten von führenden Sowjetgelehrten als auch von jungen Wissenschaftlern und Doktoranden veröffentlicht worden. Unter den renommierten ethnografischen Fachvertretern sind der Direktor des Institutes der Ethnografie VASILIJ BARTOLD und die Ethnologen SERGEJ MALOV, SERGEJ DUDIN, E. GAFFERBERG, ANNA ROZENFELD, NIKOLAJ KISLJAKOV, SAUL ABRAMZON, V. KURYLEV, SERGEJ TOLSTOV UND RACHMAT RACHIMOV zu nennen.[46] Viele von ihnen waren im Museum der Anthropologie und Ethnografie in Leningrad in der 1918 eröffneten Abteilung „Muslimische Völker Mittelasiens“ tätig.[47]

In den Zeitschriftenheften der „Sovjetskaja Ethnografija“ kann man die wissenschaftlichen Karrieren vieler anderer sowjetischer Ethnografen über die Jahre verfolgen, z.B. TAT’JANA ŽDANKO, S. MIRCHASILOV, GALINA VASIL’EVA UND SNEGIREV.[48] Sie begannen ihre Veröffentlichungen in den 30er Jahren in der SE als Doktoranden in Forschungsprojekten in Mittelasien, in den 50er Jahren habilitierten sie sich, waren Autoren von wissenschaftlichen Monografien und nahmen führende Positionen in ethnografischen Instituten der UdSSR ein.

Die meisten dieser Wissenschaftler blieben lange Jahre in den nationalen Gebieten tätig und bildeten im Laufe der 30-60er Jahre eine einheimische Nachwuchsgeneration heran.[49]

Eine Welle von „Spezialisten aus dem Zentrum“ erreichte die nationalen wissenschaftlichen Einrichtungen, als in der ersten Hälfte der 30er Jahre im Zuge der politischen Zentralisierung auch eine verbale Aufwertung der wissenschaftlichen Arbeit im Zentrum gegenüber den nationalen Gebieten stattfand und die einheimischen Kräfte in die Rolle des Lehrlings zurückversetzt wurden. Zusätzlich zu diesem Zuzug russischer Wissenschaftler kam es zu einer bedeutenden Einflussnahme des Zentrums auf die Wissenschaft in den Republiken und nationalen Gebieten dadurch, dass eine ständig steigende Zahl von jungen Leuten zum Studium nach Moskau und Leningrad ging und nach der Rückkehr an den nationalen Einrichtungen tätig wurde.[50]

1.3. Wichtige theoretische Ansätze der sowjetischen Ethnografie

Die sowjetische Ethnografie hatte sich als ein spezialisierter Zweig der historischen Wissenschaft, die die ethnische Entwicklung und die Entwicklung der Kultur und Lebensweise der Völker erforscht, verstanden.[51] Sie schloss bis zu einem gewissen Grade eine Anzahl von Disziplinen ein, die im Grenzbereich der Ethnografie mit anderen Wissenschaften lagen. Nach Auffassung der sowjetischen Ethologen gehörten dazu die Folkloristik, in der die Ethnografie die Literaturwissenschaft berührt, die Ethnogeografie, in der sie sich mit der Geografie verflicht, die Ethnoliguistik, die ethnische Anthropologie, die Ethnopsychologie, die Ethnobotanik usw. Die sowjetische Ethnografie beschäftigte sich mit der Siedlungsgeschichte und der Klassifikation der Völker, der Ethnogenese und ethnischen Geschichte, der Geschichte des Gesellschafts- und Familienlebens, der materiellen und geistigen Kultur, was anhand der Zeitschrift „Sovjetskaja Etnografija“ veranschaulicht wird.

In den Arbeiten der sowjetischen Ethnografen bildeten die Fragen der Ethnogenese bzw. Ethnogenetik einen wichtigen Schwerpunkt. Dieses Wort ist zum Leitmotiv für die sowjetische Ethnologie geworden. Die Lehre der Ethnogenese besagte, dass die ethnische Vereinigung und Verschmelzung im Sozialismus keineswegs gewaltsam verlaufen werden.

Im August 1942 fand in Taschkent eine Sitzung der historischen und philosophischen Abteilung der AdW der UdSSR „Über Fragen der Ethnogenese Mittelasiens“ statt. Unter den fünfzehn Referaten darf man den Vortrag von dem sowjetischen Historiker ALEXANDER UDAL’COV: „Die theoretischen Grundlagen der ethnogenetischen Forschung“ als wegweisend bezeichnen.[52] Mit dieser Tagung von Taschkent, kommentierte LIESS, war „eine wirkliche Wende in der weltanschaulich vorbestimmten Forschung der Archäologie, Geschichte, Anthropologie, Linguistik, Biologie, der materiellen und geistigen Kultur“[53] usw. gegeben.

Diese und spätere Konferenzen der beteiligten historischen und naturwissenschaftlichen Disziplinen der Ethnogenetik zielten für die UdSSR selbst darauf ab, den nationalen Bestand und die nationale Selbstbehauptung der nichtrussischen Nationalitäten zu relativieren und als ein unablässiges Verfließen mit Kreuzungen, Einschmelzprozessen und „dialektischen“ Neubildungen aus antagonistischen Elementen – als ein „Werden des Volkes“ darzustellen.

Hierfür ist die Theorie von Ethnosen von JULIAN V. BROMLEJ, sowjetischer Historiker und Ethnologe, Direktor des Instituts für Ethnografie der AdW der UdSSR (1966-1989) besonderer Beachtung wert. Seine Theorie über das Ethnos hatte riesigen Einfluss auf die sowjetische Ethnologie in den Jahren von 1950 bis 1980. In seinen Büchern[54] unternahm er den Versuch, eine sehr detaillierte Theorie zum Ethnos zu schaffen. Er unterscheidet dies im engeren und weiteren Sinn. Er bezeichnet eine Gemeinschaft von Menschen von der Urgesellschaft an als Ethnos im allgemeinen Sinne[55]. Im engeren Sinne deutete er den Begriff als eine historisch gewachsene, auf einem gemeinsamen Territorium und mit einer gemeinsamen Kultur lebende Gruppe von Menschen, die sich durch bestimmte Merkmale von den anderen abgrenzen und die sich dadurch als eine Gemeinschaft verstehen. Das sprachliche Äquivalent zu Ethnos in diesem Sinne im Russischen ist laut BROMLEJ der Begriff Nationalität.

Weiterhin schlägt er vor, den Terminus "Ethnos" im engeren Sinne durch den Begriff „Ethnikos“ zu ersetzen. Der Begriff stammt aus dem Altgriechischen und bedeutet soviel wie "volkhaft, dem Volke eigen". Das Ethnos wird sowohl durch spezifisch ethnische als auch zwischenethnische Kulturkomponenten gekennzeichnet. Die Wechselbeziehungen zwischen diesen beiden Seiten der Kultur im Rahmen eines Ethnos, die das dialektische Verhältnis von Besonderem und Allgemeinem widerspiegeln, sind nach Bromlej als Wechselwirkung von Form und Inhalt aufzufassen.

Laut BROMLEJ existiert das Ethnos nur außerhalb sozialer Institutionen, die als seine strukturbildende Form auftreten. Diese Funktion erfüllten unterschiedliche soziale Gemeinschaften, z.B. die Familie oder des Staat. Aus dieser Symbiose entstehen nach BROMLEJ spezifische ethno- soziale Gebilde bzw. Organismen. Diese Gebilde zeichnen sich durch eine relative Selbstständigkeit aus, die besonders günstige Voraussetzungen für die ethnische Reproduktion schaffen. Diese Gebilde definiert BROMLEJ als ethno- soziale Organismen (abgekürzt ESO).[56] ESO verfügen über eine ethnisch-kulturelle, territoriale, ökonomische, soziale und politische Gemeinsamkeit. Außerdem steht ein ESO in direkter Verbindung zu einer bestimmten Formation bzw. historisch- stadialen Typologisierung der ethnischen Gemeinschaften: Stamm, Völkerschaft, bürgerliche und soziale Nation.[57]

Außer Ethnos bzw. Ethnikos verwendete BROMLEJ die Begriffe Meta- Ethnos und Sub-Ethnos.

Meta- Ethnos wird als die überethnische und politische Gemeinschaft der Völker, z.B. das sowjetische Volk, verstanden, die sowohl ein gemeinsames Territorium, eine gemeinsame Wirtschaft als auch eine Kultur und Wertvorstellung hat. Als Synonym zu Meta- Ethnos schaffte Bromlej einen neuen synthetischen Begriff: ethnisch-sozialer Organismus (ESO), um allmähliche oder plötzliche Veränderungen, Entstehungen ethnischer Gemeinschaften oder Gruppen zu motivieren und die ethnische Existenz unabhängig von den Stufen der historischen Sozialentwicklung zu sehen. Sub- Ethnos ist nach BROMLEJ eine innere kulturelle Gliederung der Meta-Ethnose, z.B. Afroamerikaner in den USA. Eine einzelne Person ist ein Ethnophor, der persönlicher Träger der ethnischen Kultur ist.

1.4. Sowjetische (Feld)forschungen in Mittelasien

Die Schaffung einer Grundlage für die politische Verwaltung Mittelasiens gehörte aus sowjetischer Sicht zur den wichtigsten staatlichen Projekten und erforderte dringend die Erforschung der Völker und ihrer Kulturen.

Aus diesem Grund wurden zahlreiche Feldforschungen in Mittelasien von der Sowjetregierung gezielt unterstützt. Es begannen die Zeiten der großen Feldforschungen. Die erste große mittelasiatische Expedition war in der Zeit von 1926-1930 unter der Leitung von IVAN ZARUBIN durchgeführt worden.[58] Die Resultate dieser Expedition stellten die bedeutendsten Leistungen in der sowjetischen Ethnografie auf diesem Gebiet dar und bestimmten die Thematik der ethnografischen Forschungen in Mittelasien. Dazu gehören:

- ethnische Geschichte und Ethnogenese
- kulturelle Tradition und Brauchtum
- Traditionen in der Familie
- Unterschiede im kulturellen Bereich, die durch neue sowjetische Traditionen entstanden bzw. ersetzt wurden

Die in dieser Zeit gesammelten umfangreichen ethnografischen, geografischen und demografischen Quellenmaterialien spiegelten sich in zahlreichen Publikationen, Monografien, Doktor- und Habilitationsschriften wider.[59]

Eine der größten Expeditionen war die Choresmische Expedition unter der Leitung von SERGEJ TOLSTOV.[60] (in den Gebieten Turkmeniens, Süd- und Nordusbekistans und Karakalpakien). Zwischen 1937 und 1947 wurden von den sowjetischen Archäologen Überreste der materiellen Kulturen sowie Grabstätten, Festungen und religiöse Plätze entdeckt. Unter ihnen waren: Toprak- Kama, Staraja Nisa, Kara- Tepe, Fajaz – Tepe, Kiva Ak- Beschim, Adžina- Tege, Kalankach- Kasa, Zaman- Babas, Ismamut– Ata usw.[61]

Von 1951 bis 1954 wurde von Archäologen und Ethnografen der Akademie der Wissenschaften der UdSSR eine komplexe Feldforschung zur Bevölkerung des Fergana- Tals durchgeführt. Als nächste ist eine kirgisische Expedition von 1953-1956 mit dem Ziel, Atlanten und Abhandlungen darüber zu erstellen, zu nennen. Seit 1959 gab es auch Feldforschungen in Samarkand. 1951-1954 führte man Feldforschungen in Karakalpakien unter der Leitung von TOLSTOV und VINNIKOV durch. Danach folgten fünf weitere Expeditionen, die vom Institut der AdW der UdSSR koordiniert wurden.[62] Laut den Berichten von Ethnologin BALKIS KARMYŠEVA waren die Ziele der Expeditionen:

- die Sammlung von Informationen für die Erstellung des historisch-ethnografischen Atlasses Mittelasiens und Kasachstans
- die Untersuchung von Problemen der Ethnogenese der Völker Mittelasiens und der Herausbildung ihrer Kultur
- die Erforschung der aktuellen ethnischen Prozesse
- die Erforschung von soziokulturellen Transformationsprozessen unter dem Einfluss des Kommunismus[63]

Für diese Zwecke wurden drei Arbeitsgruppen gebildet:

- Kaška-Darinskij unter der Leitung von K. ZADYCHIN
- Zeravšanskij unter der Leitung von B. KARMYŠEVA[64]
- Turkmenskij unter der Leitung von JA. VINNIKOV

Die ethnische Struktur dieses Gebietes war recht kompliziert. Hier lebten Usbeken, Tadschiken, Turkmenen, Kasachen, Karakalpaken, Kirgisen, Tataren, Russen sowie andere ethnische Gruppen wie Araber, Juden, Zigeuner und Iraner.[65] Die Ergebnisse der langjährigen Expedition waren:

- die ethnografischen Karten
- die ethnografischen Abhandlungen, Berichte und Monografien[66]

Es wurde die Veröffentlichung des Bandes „Die Völker Mittelasiens und Kasachstans“ aus der Buchreihe „Die Völker der Welt“ geplant, die die Notwendigkeit einer neuen Feldforschung hervorgerufen hatte. Aus diesem Grund wurden weitere Arbeitsgruppen gebildet. Diese waren:

- die Zigeuner- Gruppe unter der Leitung von GRIGORIJ SNESAREV
- die Belutschen- Gruppe unter der Leitung von EDIT GAFFERBERG
- die Koreanische Gruppe unter der Leitung von JURIJ IONOV.

Darüber hinaus wurden die individuellen Feldforschungen der Wissenschaftler, die Berichte für den Sammelband “Völker Mittelasiens und Kasachstans“ erarbeitet. Dazu zählen Feldforschungen in der KiSSR über:

- die Russen und Ukrainer von T. STANJUKOBIČ

- die Dunganen von G. STRATANOVIČ
in der TaSSR über:

- die Juden von JA. KOLONTAROV

in Buchara über:

- die Iraner von F. LJUŠKEVIČ
- die Araber von PREDGORNYJ usw.

Die Berichte der Mittelasiatischen Feldforschungen kamen in die Bände „Die Völker Mittelasiens und Kasachstans“ und „Die Völker der Welt“, die man im Jahr 1960 auf dem XXV. Internationalen Kongress der Orientwissenschaftler in Moskau vorstellte.

SAUL ABRAMZON hat in der Zeit von 1953-1954 eine Feldforschung im Rahmen der Kirgisischen Archäologisch-ethnografischen Expedition, die von der AdW der UdSSR und der AdW der Kirgisischen SSR organisiert wurde, durchgeführt. Ergebnisse dieser Feldforschung wurden in zahlreichen Abhandlungen von diesem Wissenschaftler präsentiert.[67]

Eng mit den Ergebnissen und Auswertungen der zahlreichen Feldforschungen waren die Fragen der ethnischen Geografie verbunden. Die ethnische Geografie entwickelte sich in den Jahren der Sowjetmacht zu einer besonderen Wissenschaftsdisziplin, die die ethnische Zusammensetzung der Erdbevölkerung, ihre territoriale Verteilung, die Bevölkerungszahl und auch die Zusammensetzung der Völker nach ethnografischen Gruppen erforschte.[68] Bereits 1940 wurde an der Moskauer Universität das Institut für ethnische Statistik und Kartographie gegründet, das zwei Jahre später an das Institut für Ethnografie der AdW der UdSSR überführt wurde. Seit 1944 begann man an diesem Laboratorium planmäßig mit der Zusammenstellung von Karten über die Völker der Erde.

In verschiedenen Beiträgen der SE wurde das Projekt „Historisch-ethnografische Atlanten Mittelasiens“ und seine Ergebnisse vorgestellt. Diese Atlanten gehörten zu einer Reihe über die sowjetischen Republiken. Die Erstellung der ethnografischen Karten bzw. Atlanten trug erheblich zur Erforschung Mittelasiens bei. [69] Für die Herausgabe des Atlas war ein großer Zeitaufwand berechnet worden. Es wurden die thematischen Ausgaben geplant und im darauf folgenden Zeitraum realisiert: „Irrigation, Ackerbau und Rindviehwirtschaft“, „Handwerke und Gewerbe“, „Siedlungen und Behausungen“, „Bekleidung und Schmuck“, „Essen und Haushaltsgegenstände“, „Glaube und Gebräuche“, „Volkskunst und Ornament“ und weiteres. Es wurde weiterhin ein Sonderatlas, der die geografischen, geologischen, klimatischen Bedingungen und Bodenschätze beschrieb, geplant. Die Abhandlungen über die ethnischen Gruppen und zur ethnischen Geschichte spiegelten sich in den ethnischen Atlanten wider. Hierzu kamen auch linguistische und anthropologische Karten.

Die Frage nach der Zusammenstellung der Atlanten wurde schon in den 1950er Jahren diskutiert. In diesen Jahren kamen die Veröffentlichungen über die Arten, Strukturen, Inhalte und die Quellen der Atlanten zusammen. Bei der Zusammenstellung der Karten über die Siedlungsgebiete der Völker mussten von den sowjetischen Ethnografen eine ganze Reihe theoretischer und methodischer Fragen der ethnischen Kartografie und Statistik gelöst werden. Im Institut für Ethnografie der AdW der UdSSR wurden einige neue Kartografierungsmethoden erarbeitet, darunter die Methode der ethnischen Territorien, die es ermöglichte, Gebiete mit gemischter ethnischer Zusammensetzung kartografisch darzustellen. Gleichzeitig wurde eine andere Methode entwickelt, die es erlaubte, auf einer Karte sowohl den ethnischen Bestand als auch die Bevölkerungsdichte darzustellen. Die Ausarbeitung von Methoden der ethnischen Kartografie gehörte zu den wichtigsten Aufgaben der sowjetischen Ethnografie.

1956 fand der zweite Kongress der Archäologen und Ethnografen Mittelasiens in Duschanbe statt, wo beschlossen wurde, die kollektive Zusammenstellung des Atlasses Mittelasiens zu beginnen. Aus der SE erfahren wir über einen Kongress (1964 Moskau), auf dem die Methoden der Zusammenstellung historisch-ethnografischer Atlanten diskutiert wurden.[70] Vom Institut für Ethnografie der AdW der UdSSR wurden die Programme zum Sammeln von Informationen zum Atlas über die Themen „Bekleidung“ und „Behausung“ veröffentlicht.[71]

In den Jahren 1955 – 1965 wurden zahlreiche Feldforschungen in Mittelasien und Kasachstan durchgeführt. In der Zeit veröffentlichte man schon das Album der Bekleidung der Tadschiken. 1959 wurden die ersten ethnografischen Karten, die die Verbreitung der Jurten und verschiedener Arten der Frauenmützen innerhalb Kirgisiens darstellten, herausgegeben. In den „Berichten der kirgisischen Expedition“ wurden die detaillierten ethnischen Karten von Kirgisien gedruckt. Einen großen Beitrag zur Zusammenstellung der Atlanten hat das Buch von KLAVDIJA ANTIPINA über die materielle Kultur der südlichen Kirgisen geleistet.[72] Der Atlas von Mittelasien und Kasachstan zählte nach den zwei Bänden „Völker Mittelasiens und Kasachstans“ zur zweiten kollektiven Arbeit der sowjetischen Ethnologen. 1967 fand in Aschchabat die Besprechung der Arbeitsgruppen aus den mittelasiatischen Republiken sowie aus Moskau und Leningrad statt. Zum zweiten Treffen in Taschkent waren einige ethnografische Karten erarbeitet.[73]

Der Atlas Mittelasiens spiegelte drei historische Ereignisse wider:

- die Anngliederung[74] an Russland in den 60-70er Jahren des XIX. Jhs.[75]
- den Stand zu Anfang des XX. Jhs. vor der Oktoberrevolution. (Diese Atlanten fixierten die wirtschaftliche und kulturelle Entwicklung der jungen, sich neu gebildet habenden Nationen.)
- 1917-1930 als den Anfang der sowjetischen Geschichte.

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

2. Die sowjetische Nationalitätenpolitik in Mittelasien

2.1. Die Grundzüge der Nationalitätenpolitik unter S TALIN und seinen Nachfolgern

In Anlehnung an DANIEL MÜLLER versteht die vorliegende Arbeit unter Politik grundsätzlich drei Dinge: Das Reden, das Wollen und das Tun. Das Reden ist dabei der Diskurs über das (angebliche oder tatsächliche) Wollen und/oder Tun. Das Wollen ist das, was Politik tatsächlich beabsichtigt, aber keineswegs immer mit dem Reden identisch ist, da Politik ihre Ziele oft verschleiert, und auch keineswegs immer mit dem Tun identisch ist, da Politik ihre Ziele oft verfehlt.[76] Unter der Nationalitätenpolitik versteht man den Komplex von politischen, wirtschaftlichen sowie soziokulturellen Maßnahmen zur Regulierung der nationalen Vielfalt innerhalb eines Nationalitätenstaates.

In der UdSSR stellte die Nationalitätenpolitik einen zentralen Bereich der inneren Entwicklung des Staates dar. Die Anfänge der sowjetischen Nationalitätenpolitik und ihre Durchsetzung in der Gesellschaft sind von STALINS Persönlichkeit enorm geprägt worden. JOSEF W. STALIN (1879 – 1953)[77] bekleidete den wichtigen Posten des Volkskommissars für die nationalen Angelegenheiten (1917-1923) und bezeichnete sich selbst als „russifizierter Georgier“.[78] STALIN befasste sich mit den nationalen Fragen schon vor der Oktoberrevolution. Zur Nationalitätenpolitik ist aus seinen Texten besonderes der Aufsatz „Marxismus und die nationale Frage“ (1913) bekannt. Mit dieser Schrift verfolgte er das Ziel, eine Nation und die sie kennzeichnenden Merkmale zu entwickeln, und hob die nationale Frage als von grundlegender Bedeutung für eine bolschewistische Lösung hervor. Die Weltbedeutung der Oktoberrevolution deutete STALIN in seiner Schrift „Der Oktoberumsturz und die nationale Frage“ (1918). Sie bestand aus seiner Sicht „in der Befreiung der unterjochten Völker, Kolonien und Halbkolonien vom Imperialismus“.[79]

Die Lektüre der Äußerungen STALINS und des späten LENIN zeigen deutlich die Akzentverschiebungen in der kommunistischen Nationalitätentheorie, die sich auf entsprechende Äußerungen des Manifestes der Kommunistischen Partei von MARX und ENGELS beruft. Der Nationalismus war für sie nur ein Hindernis auf dem Weg zur Weltrevolution.

[...]


[1] Heute hat sie den Status einer souveränen Republik Tatarstan und ist die größte muslimische Region in der Russischen Föderation.

[2] In den sowjetischen Pässen wurde die Nationalitätenzugehörigkeit eingetragen.

[3] Die Namen von den 450 Beiträgen aus der SE wurden aus dem Russischen ins Deutsche übersetzt. Bei den russischen Vor- und Nachnamen wurde die wissenschaftliche lateinische Transkription der kyrillischen Buchstaben verwendet. Siehe Umschrift der russischen kyrillischen Schrift auf Seite 85

[4] Das Suffix „stan“ das aus dem Persischen stammt und sowohl Ort wie Heimat bedeutet, hat auch eine zusätzliche politische Bedeutung, um die staatliche Unabhängigkeit zu betonen. In den verschiedenen Literaturquellen stellt man einen freien Umgang mit den Namen der Republiken ungeachtet des politischen Kontextes fest. Das betrifft besonders englischsprachige westliche Literatur. Das wird in dieser Arbeit vermieden. Die Staatsnamen sollten meines Erachtens den historisch-politischen Kontext beachten. Des weitere möchte ich auf den Landesnamen von Kirgisien eingehen. Im Deutschen gibt es zwei Varianten des Landesnamens: Kirgistan und Kirgisistan, wobei die erste Bezeichnung nicht korrekt ist, weil sie den Namen des Volkes verkürzt und übersetzt „Land der Kirgen“ statt Land der Kirgisen bedeutet. In dieser Arbeit wird die erste Variante Kirgistan benutzt, die der kirgisischen Eigenbezeichnung Kyrgystan näher steht.

[5] Siehe BALDAUF 1993, 782 S.

[6] SIMON 1986, S.45

[7] BOLSOVER, SETON-WATSON 1956, S.88

[8] KOLARZ 1961

[9] PIERCE 1955, S.665

[10] SINGER 1970, S.78 Der Autor gliedert die Geschichte Russlands unter dem Kriterium „Imperialismus“ in den zaristischen Imperialismus (1700-1917), die Anfänge des Sowjetimperialismus (1917-1920), Stalin – Schöpfer des Sowjetimperialismus, Imperialismus als höchstes Stadium des Sowjet-Kommunismus (1939-1954) und den sowjetischen Neo-Imperialismus (1954-1970).

[11] BOLSOVER, SETON-WATSON 1956, S. 89-90

[12] PIPES 1954, 1955

[13] Kommunistische Partei und die sowjetische Ethnografie. In: SE 1969, Nr.6 S.7

[14] PIPES 1955

[15] ŽDANKO, in: SE 1958, Nr.3 S.136

[16] Siehe Anhang 3

[17] HAYIT 1997, S. 23

[18] HAYIT 1956, 1958, 1980, 1997

[19] HAYIT 1997, S. 22

[20] LIESS 1972, S. 5

[21] Dazu gehören z. B. die zahlreichen Thesen des Zentralkomitees der KPdSU.

[22] EISENER 1991, 72 S.

[23] BENNIGSEN, WIMBISH 1986

[24] ŽDANKO, in: SE 1958, Nr.4, S. 138

[25] LAUMULIN 2001, S. 7

[26] FULLER 1997

[27] Aus diesem Grund versucht diese Arbeit, die Identität von Reden, Wollen und Tun gleichmäßig zu postulieren.

[28] Zwar wird in den meisten slawischen Sprachen Ethnografie als Synonym zu Ethnologie verwendet, aber es ist im Rahmen des politischen Kontextes zu sehen. Ethnografie (bzw. Ethnographie) ist nach der sowjetischen Definition ein Zweig in der historischen Wissenschaft, die durch die Methode der Beobachtungen Traditionen der Völker, materielle Kultur, soziale Institutionen, Ideologie und die Volkskunst erforscht. Dabei beschränkt sie sich nicht nur auf das Fixieren der aktuellen Prozesse, sondern betrachtet diese in ihrem historischen Kontext, im Prozess des Werdegangs. Gegenstand der sowjetischen Ethnografie ist die Erforschung der Abstammung der Völker, die Geschichte der Formierung der kulturellen Unterschiede, die Geschichte der Volksmigration. Siehe dazu Große Sowjetische Enzyklopädie. Moskau 1951, Band 12, S.249-255 Heute hat es sich jedoch auch im internationalen Sprachgebrauch immer mehr durchgesetzt, dass man zwischen „Ethnologie“ und „Ethnografie“ deutlich differenziert, indem man auf den ursprünglichen Wortsinn zurückgreift: „Ethnografie“, eine Zusammensetzung aus griechisch ethnos und graphein, lässt sich am besten mit Beschreibung fremder menschlicher Gruppierungen übersetzen. Dagegen ist „Ethnologie“ umfassender, insofern hierunter – in ebenfalls wörtlicher Übersetzung die „Lehre“ oder „Wissenschaft“ von eben jenen „fremden menschlichen Gruppierungen“ zu verstehen ist.. Mit diesen beiden Begriffen lassen sich demnach zwei verschiedene Arbeitsschritte in der Tätigkeit des Wissenschaftlers bezeichnen. Ethnografie ist die beschreibende Darstellung einzelner Ethnien. Ethnologie bezeichnet dagegen die systematische Auswertung der erhobenen empirischen Daten unter vergleichenden und theoretischen Gesichtspunkten. Siehe dazu KOHL 2000, S.100 . In dieser Arbeit wird der Begriff Ethnologie bzw. Ethnologen als Synonym zu Ethnografie bzw. Ethnografen verwendet.

[29] Siehe Anhang 2

[30] KАRUNOVSKAJA, in: SE 1922, S.262-263, SE 1931, S.128-129, KATOV, in: SE 1936, Nr.4-5, S.274-277

[31] KAGAROV, in: SE 1934, a), b) c) d)

[32] KOPPERS, Schicksal, S. 509

[33] Zitate nach BALDAUF 1993, S. 460

[34] ŠTERNBERG, in: SE 1931, S.217

[35] SIMON 1986, S. 157

[36] BALDAUF 1993, S. 463

[37] Siehe Anhang 2 und Repressalien ausgesetzte Ethnografen. Moskau 2003 (russ.)

[38] PERŠIC, ČEBOKSAROV, in: SE 1967, Nr.5, S.6

[39] Die weiteren Veröffentlichungen des Institutes für Ethnografie sind: „Die Mitteilungen des Institutes der Ethnografie“, (1946-1963) und „Die Abhandlungen des Institutes der Ethnografie“ (1947-1991)

[40] Die ethnografischen Zeitschriften vor der Oktoberrevolution sind: „Der ethnografische Sammelband“ (Sankt Petersburg, 1853-1864), „Die ethnografische Rundschau“ (Moskau, 1889-1916)

[41] ŽDANKO, in: SE 1964, S.3-24.

[42] Die Rede von STALIN.In: SE 1938, Nr.1, S.3-4.

[43] Unter anderem fanden statt: VII. Internationaler Kongress der Anthropologen und Ethnografen in Moskau 1964 und 1966 der VI. Internationale Kongress der Soziologen in Erevan, oder Tagung in Taschkent über die Ethnogenese (1947 und 1962), Allunionskonferenz in Frunze (heute: Bischkek), der Hauptstadt Kirgisiens, mit dem Hauptthema „Zur Koordinierung der Probleme der Annäherung sozialistischer Nationen“, siehe in: SE 1967, Nr. 1, S.8

[44] Die SE gliederte sich in bestimmte Rubriken: Allgemeine Ethnografie und Anthropologie, Ethnogenese und historische Ethnografie, Forschungen über der Völker der UdSSR, Forschungen über Ethnografie von ausländischen Staaten, Berichte und Chroniken, Kritiken und Bibliografien.

[45] Siehe Anhang 1

[46] Siehe Anhang 2

[47] ABRAMZON, KURYLEV, KISLJAKOV, LAVROV, RACHIMOV und JA. VINNIKOV leiteten zu unterschiedlichen Zeitpunkten diese Abteilung.

[48] Siehe Anhang 2

[49] Z.B. TAT’JANA ŽDANKO hat mehr als 40 Jahre in Karakalpakien gelebt, geforscht und die einheimischen Ethnografen ausgebildet. Unter ihrer Leitung sind etwa 20 Doktorarbeiten verteidigt worden.

[50] Der Lebenslauf der sowjetischen Ethnologin KLAVDIJA ANTIPINA (1904 - 1996) spiegelt das Schicksal vieler sowjetischer Bürger wider. In den 1930er Jahren studierte sie Ethnologie an der Moskauer Universität. Nachdem ihr Mann 1937 Repressalien ausgesetzt war und in einem stalinistischen Lager hingerichtet wurde, wurde sie mit ihrem kleinen Sohn nach Kirgisien ins Exil gebracht. Dort unterrichtete sie Russisch in einer nationalen Schule. Mit 49 Jahren begann sie jedoch ihren wissenschaftlichen Aufstieg in der Ethnologie. Sie wurde zur Professorin berufen und Autorin zahlreicher Monografien über die Ethnografie der Kirgisen. (Siehe ANTIPINA 1962, 124 S.)

[51] PERŠIC, ČEBOKSAROV, in: SE 1967, Nr.5, S.62

[52] Einige der wichtigsten Thesen daraus seien nach LIESS 1972, S.38 auszugsweise angeführt:
a) „Vor unseren Augen entsteht eine neue wissenschaftliche Disziplin – die Ethnogenetik, welche die Fragen der Ethnogenese behandelt. Eine derartige wissenschaftliche Disziplin vermag ihre echte wissenschaftliche Fragestellung und Entwicklung allein in der Sowjetunion zu erhalten.
b) Keine einzige Frage der Ethnogenetik kann allseitig, endgültig auf der Grundlage eines einzigen Forschungsgebietes entschieden werden – des archäologischen, anthropologischen, linguistischen oder historischen – sondern jede nur durch gleichzeitige Zusammenarbeit all dieser Disziplinen.
c) Die sowjetische Ethnogenetik lehrt nicht metaphysisch das ein für allemal festgelegte „Ethnos“, sondern die Prozesse der Ethnogenese im Leben der Stämme und Völker, die auf der Entwicklungsgrundlage der produktiven Kräfte und Beziehungen verlaufen, und sich geschichtlich in immer engeren Wechselbeziehungen, Vereinigungen, Kreuzungen und Kultureinflüssen bekunden.
d)Der grundlegende Prozess der Ethnogenese führt von der Vielheit zur Einheit, von der Vielzahl der Sprachen und Kulturen der kleinen Stämme und Völkerschaften zu stärkeren Stämmen und ihren Verbänden, schließlich zu den heutigen nationalen Sprachen und Kulturen. Gleichzeitig kann ein zweiter Nebenprozess der Auflösung von Stämmen und Völkern in Tochterstämme und – Völker stattfinden, der den ersten Prozess von der Vielheit zur Einheit nicht aufhebt“. Siehe auch SE 1947, Nr. 6-7, S. 301

[53] LIESS 1972, S.47

[54] Ethnos und Ethnografie, Moskau 1973, (russ.) Theorie vom Ethnos, Moskau,1983, (russ.) Aktuelle Probleme der Ethnografie, Moskau, 1981, (russ.) Ethno- soziale Prozesse: Theorie und Praxis, Moskau, 1987 (russ.)

[55] BROMLEJ zufolge ist „Ethnos“ den Wandlungen der Sozialentwicklung seit der Sklavenhaltergesellschaft bis zum Sozialismus schlechthin entzogen.

[56] BROMLEJ 1973, S.37

[57] Siehe dazu ausführlich auf Seit 60 ff.

[58] Siehe dazu KONDAUROV, in: SE 1936; S.111-117

[59] ZARUBIN 1932, 220 S., KISLJAKOV 1959, 268 S., GAFFERBERG 1969, 270 S, PEŠČEREVA .Moskau, 1959, 396 S.

[60] TOLSTOV 1953, 363 S.

[61] KUZ’MINA, in: SE 1958, Nr.2, S.24-33

[62] 1957-1958 unter der Leitung von KISLJAKOV 1959-1961, unter der Leitung von KARMYŠEVA

[63].) KARMYŠEVA, in: SE 1962, S. 137-140

[64] Die Arbeitsgruppe unter der Leitung von Karmyševa hatte die usbekischen halbnomadischen Stämme, die früher unter den Namen Turken bekannt waren, erforscht.

[65] Bis Ende des XIX./Anfang des XX. Jhs. war die ethnische Struktur noch komplizierter dadurch, dass die Usbeken und die Turkmenen aus verschiedenen Völkerschaften und lokalen Gruppen entstanden waren.

[66] z.B. die Monografie von K.L. ZADYCHIN „Usbeken des Gebietes Kaška-Darja, Moskau 1965 (russ.), der Artikel von VINNIKOV, JA. Eine Fahrt zu den Usbeken-Sakar. In: SE 1959, Nr. 3, S. 107-114 (russ.) GAFFENBERG, EDIT, Die materielle Kultur und Lebensgewohnheiten der Belutschen in der Turkmenischen SSR. Moskau 1965. KISLJAKOV, Usbeken und Tadschiken in Bucharischen Königreich. Moskau 1961 (russ.) PEŠČEREVA, E.M Handwerk in Mittelasien Ende XIX./ Anfang XX. Jhs. In: Berichte des Instituts der Ethnografie der AdW der UdSSR, Band XXV, S. 39-46. (russ.)

[67] ABRAMZON, in: SE 1960, 356 S., SE 1972, 478 S., SE 1974, S.403, SE 1990, S. 403

[68] BRUK 1964, S.43

[69] Darüber berichtete ausführlich ŽDANKO, in: SE 1971, S. 31-42

[70] BRUK, RABINOVIČ, in: SE 1964, S.103

[71] MACHOVA, RUSJAJKINA, in: SE 1958, 24 S., VASIL’IEVA, MACHOVA, in: SE 1958, 16 S.

[72] ANTIPINA, 1962, 123 S.

[73] z.B. über das Thema „Ackerbau“

[74] In sowjetischen Quellen als Beitritt bezeichnet. Siehe MIRCHASILOV, FAJZIEV, in: SE 1964, S.7

[75] Außer den Chanaten Buchara und Chiva , deren Eingliederung zu Russland 1868 und 1873 geschah. Diese Gebiete waren sogar aus der Volkszählung 1897 ausgeschlossen, weil sie noch als unabhängige Protektoratstaaten betrachtet wurden.

[76] MÜLLER 2008, S. 28

[77] mit bürgerlichem Namen JOSIF DŽUGAŠVILI

[78] NEVEŽIN 2003, S.158

[79] STALIN 1918, S. 60

139 von 139 Seiten

Details

Titel
Die Zeitschrift "Sovjetskaja Etnografija" zur sowjetischen Nationalitätenpolitik in Mittelasien
Hochschule
Universität Leipzig  (Institut für Ethnologie)
Veranstaltung
Mittelasien
Note
Sehr gut
Autor
Jahr
2009
Seiten
139
Katalognummer
V136953
Dateigröße
7643 KB
Sprache
Deutsch
Anmerkungen
Die Namen von den 450 Beiträgen aus der SE wurden aus dem Russischen ins Deutsche übersetzt. Bei den russischen Vor- und Nachnamen wurde die wissenschaftliche lateinische Transkription der kyrillischen Buchstaben verwendet. Im Fokus dieser Untersuchung stehen ausschließlich die fünf Sowjetrepubliken, die man im Kontext der Sowjetgeschichte als Turkmenische SSR (TuSSR), Usbekische SSR (UsSSR), Kasachische SSR (KSSR), Kirgisische SSR (KiSSR) und Tadschikische SSR (TaSSR) bezeichnete.
Schlagworte
Zeitschrift, Sovjetskaja, Etnografija, Nationalitätenpolitik, Mittelasien, Sehr
Arbeit zitieren
Sofya Fayzi (Autor), 2009, Die Zeitschrift "Sovjetskaja Etnografija" zur sowjetischen Nationalitätenpolitik in Mittelasien, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/136953

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