In den 1950er Jahren stellte sich Noam Chomsky die Frage, inwieweit die Sprache als differentia specifica des Menschen angesehen werden kann. Was jedoch viele Sprachwissenschaftler zur Sprache zählen, ist nicht zwingend notwendig spezifisch für den Menschen. Dem will Chomsky Abhilfe schaffen. Er will jedoch nicht nur das spezifisch Menschliche der Sprache ausmachen, sondern auch das spezifisch Sprachliche bestimmen.
Als Forschungsgegenstand ist allerdings ein so komplexer und ambiger Begriff wie Sprache hinderlich. Daher unternahm Chomsky einige Versuche, den Sprachbegriff genauer zu differenzieren. Dadurch soll terminologisch eine Eindeutigkeit hinsichtlich der Frage erreicht werden, über welchen Aspekt von Sprache man eigentlich spricht: von dem Menschen eigenen und ihm angeborenen Sprachaspekten, von dem Gebrauch der Sprache oder von der Fähigkeit zu sprechen.
Chomsky führte 1965 die Kompetenz-Performanz-Dichotomie ein. Ab 1986 unterschied er zwischen I-Language und E-Language. Zusammen mit Hauser und Fitch ergänzte er 2002 die Unterteilung der Sprachfähigkeit im engen und im weiten Sinn. Diese Termini werden im ersten Teil dieser Arbeit geklärt. Das Augenmerk liegt dabei besonders auf den Relationen jener Begriffe zueinander. Ziel ist die Abgrenzung des Forschungsgegenstandes als Grundlage für die weitere Untersuchung.
Im zweiten Teil dieser Arbeit wird sukzessiv das spezifisch Menschliche der Sprache sowie das spezifisch Sprachliche beim Menschen zu bestimmen sein. In diesem Zusammenhang wird untersucht, welche Sprachphänomene als angeboren gelten können und wie der menschliche Spracherwerb u.a. von Chomsky erklärt wird. Diese Erarbeitung geschieht im Stil Chomskys auf drei methodischen Wegen. Zum Ersten wird auf die vergleichende Methode Tier versus Mensch zurückgegriffen. Die zweite Methode ist ein Vergleich aller menschlichen Sprachen hinsichtlich ihrer Unterschiede und Gemeinsamkeiten. Diese Methode hat ihre Berechtigung darin, dass alle Phänomene, die den Sprachen unserer Welt gleich sind (und die das Tier nicht aufweist), als universell und dem Menschen als angeboren gelten können. Aus diesem Grund werden auch Konsequenzen aus Gemeinsamkeiten des Spracherwerbs zur Argumentation herangezogen, welches die dritte Herangehensweise darstellt.
Letztendlich wird sich u.a. zeigen, dass die I-Language dem Menschen angeboren und ihm als kognitives System inhärent sein muss. Die Rekursion ist dabei das entscheidende Merkmal menschlicher Sprache.
Inhaltsverzeichnis
TEIL I Sprache als Forschungsgegenstand bei Chomsky
1 Kompetenz und Performanz
2 I- und E-Language
3 Sprachfähigkeit im engen und im weiten Sinn
4 Relationen zwischen Chomskys Begriffspaaren
TEIL II Spezifisch Mensch und spezifisch Sprache
1 Nichtgrammatische Aspekte der Sprache
1.1 Der sensomotorische Aspekt der Sprache
1.1.1 Der motorische Sprachaspekt
1.1.2 Die Sprachperzeption
1.1.3 Die Sprachproduktion oder das Vermögen zu Imitieren
1.2 Der konzeptuell-intentionale Aspekt der Sprache
1.3 Die fünf Hypothesen von Hauser/Chomsky/Fitch
2 Der Spracherwerb und grammatische Aspekte der Sprache
2.1 Der Spracherwerb bei Tier und Mensch
2.2 Der menschliche Spracherwerb und seine Regularitäten
2.2.1 Sprache als menschliche Notwendigkeit
2.2.2 Uniformität in den Entwicklungsphasen
2.2.3 Geschwindigkeit des Erstspracherwerbs
2.2.4 Die Komplexität der Sprache
2.2.4.1 Die Rekursion
a) Finite Elemente
b) Die Kreativität - Infinites aus Finitem
c) Diskrete Infinitheit
2.2.4.2 Kritik an der Recursion-Only Hypothesis
2.2.5 Platons Problem oder die Unzulänglichkeit des Stimulus
2.2.5.1 Positive und negative Evidenz beim Spracherwerb
2.2.5.2 Die Unzulänglichkeit des Stimulus
a) Quantitative Unterdeterminiertheit
b) Qualitative Unterdeterminiertheit
c) Unterdeterminiertheit durch Fehlen negativer Evidenz
d) Überdeterminiertheit des Stimulus
2.2.5.3 Antwort auf Platons Problem
2.2.6 Die Motherese Hypothesis als Gegenthese
2.3 Die Universalgrammatik oder das Angeborensein der Sprachfähigkeit
2.4 Der Mutterspracherwerb
2.4.1 Full Competence Hypothesis
2.4.2 Gradual Development Hypothesis
2.4.3 Fixierungsphasen während des Spracherwerbs
2.5. Das FOXP2-Gen – Ein naturwissenschaftlicher Beweis?
Zielsetzung & Themen
Die vorliegende Hausarbeit untersucht aus der Perspektive von Noam Chomsky, worin das spezifisch Menschliche der Sprache und das spezifisch Sprachliche des Menschen bestehen. Ziel ist es, durch die Analyse grundlegender Dichotomien und Konzepte wie Kompetenz/Performanz, I-Language/E-Language sowie der Sprachfähigkeit im engen (FLN) und weiten (FLB) Sinn, die sprachwissenschaftlichen Rahmenbedingungen für die Annahme einer angeborenen Sprachfähigkeit zu erörtern und diese kritisch zu beleuchten.
- Chomskys sprachtheoretische Dichotomien (Kompetenz vs. Performanz, I-Language vs. E-Language)
- Die Differenzierung von Sprachfähigkeit im engen (FLN) und weiten Sinn (FLB)
- Der menschliche Spracherwerb im Kontext der Universalgrammatik
- Die Rolle der Rekursion als mögliche Kernkomponente der menschlichen Sprachfähigkeit
- Das Problem der Stimulusarmut (Platons Problem) und die Debatte um angeborene Sprachstrukturen
Auszug aus dem Buch
2.2.4.1 Die Rekursion
Wie bereits mehrfach angesprochen, unterscheidet sich die tierische von der menschlichen Sprache. Der Hauptgrund besteht darin, dass es der tierischen Sprache an „the rich expressive and open-ended power of human language“ mangelt. Der Mensch hingegen besitzt diese aufgrund seiner rekursiven Fähigkeit, von der HCF annehmen, dass sie keine Analogie im Tierreich findet. Hier sei noch einmal auf die dritte Hypothese von HCF verwiesen, die besagt, dass Tiere zu keiner kreativen Produktion von neuen bedeutungsfähigen Ausdrücken in neuen Situationen in der Lage sind. Zu solch einer kreativen Erzeugung sind jedoch rekursive Regeln nötig. Doch was genau sind rekursive Regeln?
Chomsky sagt, dass die Kenntnis der Sprache „at the very least a recursive procedure, which is enumerating the infinite set of expressions“ ist. Der Mensch ist also fähig, „einerseits beliebig viele Sätze zu produzieren bzw. zu verstehen und andererseits Sätze u. a. danach zu beurteilen, ob sie in der eigenen Sprache möglich sind oder nicht.“ Das Generieren von potentiell unendlichen Ausdrücken geschieht dadurch, dass „ein und dieselbe syntaktische Operation [...] immer wieder durchgeführt“ wird. Eine Regel, die wiederholt angewandt werden kann, nennt man rekursiv. Dabei ist die Grammatik, die im endlichen menschlichen Gehirn repräsentiert ist, selbst endlich.
Zusammenfassung der Kapitel
TEIL I Sprache als Forschungsgegenstand bei Chomsky: Dieses Kapitel führt in Chomskys grundlegende Begriffspaare ein, um den Forschungsgegenstand "Sprache" präziser zu definieren und interdisziplinäre Missverständnisse zu vermeiden.
TEIL II Spezifisch Mensch und spezifisch Sprache: Dieser Teil untersucht durch Vergleiche mit Tieren und Analysen des Spracherwerbs, welche Sprachaspekte dem Menschen spezifisch sind und ob diese als angeboren gelten können.
Schlüsselwörter
Noam Chomsky, Sprachfähigkeit, Universalgrammatik, Rekursion, I-Language, Kompetenz, Performanz, Spracherwerb, Platons Problem, FLN, FLB, diskrete Infinitheit, FOXP2-Gen, Sprachtheorie, Generative Grammatik
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit analysiert Noam Chomskys Sprachtheorie, um zu bestimmen, was das spezifisch Menschliche der Sprache und das spezifisch Sprachliche des Menschen ausmacht.
Was sind die zentralen Themenfelder?
Zentrale Themen sind die Abgrenzung sprachwissenschaftlicher Begriffe (Kompetenz/Performanz, I-Language/E-Language), die Untersuchung der Rekursion und die Erörterung, ob und wie Sprache dem Menschen angeboren ist.
Was ist das primäre Ziel der Arbeit?
Das Ziel ist es, den Forschungsgegenstand der Sprache terminologisch präzise zu definieren und Chomskys Annahmen über die genetische Verankerung der menschlichen Sprachfähigkeit wissenschaftlich zu untermauern oder einzuordnen.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Die Arbeit nutzt schwerpunktmäßig eine vergleichende Methode (Tier versus Mensch) sowie den Vergleich kognitiver Strukturen und die Analyse des kindlichen Spracherwerbs.
Was wird im Hauptteil behandelt?
Der Hauptteil befasst sich mit der Differenzierung von Sprachfähigkeit im weiten und engen Sinn, der Rekursionstheorie, dem Spracherwerbsprozess und dem Problem der Stimulusarmut.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Wichtige Begriffe sind Universalgrammatik, Rekursion, I-Language, Kompetenz, Performanz sowie die Unterscheidung zwischen FLN (faculty of language in the narrow sense) und FLB (faculty of language in the broad sense).
Was ist das sogenannte "Platons Problem" in der Sprachtheorie?
Es beschreibt das Lernbarkeitsproblem, wie Menschen so schnell und sicher eine komplexe Grammatik erwerben können, obwohl der sprachliche Input, den sie erhalten, unzureichend oder "arm" ist.
Welche Bedeutung wird dem FOXP2-Gen zugeschrieben?
Obwohl das Gen oft als "Sprachgen" bezeichnet und zur Erklärung der genetischen Verankerung von Sprache herangezogen wird, kommt die Arbeit zu dem Schluss, dass seine Relevanz für die spezifisch menschliche Sprachfähigkeit (FLN) nach aktuellem Stand zweifelhaft ist.
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- Anne Skroblin (Author), 2007, Das spezifisch Menschliche der Sprache und das spezifisch Sprachliche des Menschen, Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/137007