Wenn im Zusammenhang mit Machiavellis Principe von Tugenden die Rede ist, so vermag dies im
ersten Moment befremdlich erscheinen, da Machiavelli doch lange Zeit als der klassische Lehrer
aller ruchlosen Machtpolitiker galt, die allein nach dem eigenen Machtkalkül und der Staatsräson
handelten und deren Tugendhaftigkeit doch zumindest bezweifelt werden konnte.
Nichtsdestotrotz enthält der Principe eine klare moralische Komponente, die nicht mit dem
Vortäuschen von erwünschten Tugenden, um die Untertanen zu täuschen, endet. Machiavelli weiß
sehr wohl um gesellschaftlich erwünschte und unerwünschte Eigenschaften eines Privatmenschen
und stellt die Sinnhaftigkeit dieser Eigenschaften in ihrem privaten Zusammenhang auch nicht in
Abrede.
Allein, er beschäftigt sich im Principe mit der Welt der Politik und der Macht. Und hier gelten
seiner Ansicht nach andere Spielregeln als im Privatleben. Deshalb können Tugenden, die einem
Menschen privat auszeichnen, in diesem Machtkontext schädlich sein, weshalb Machiavelli sie als
unerwünscht betrachtet. In dieser kurzen Arbeit soll dargestellt werden, was den Tugendbegriff
Machiavellis ausmacht und welche Auswirkungen dies auf eine im eigentlichen Sinne
„machiavellistische“ Politik hat. Als Quelle dienen vor allem die Kapitel 15 bis 19 des Principe, in
denen Machiavelli sich ausführlich mit nützlichen und schädlichen Eigenschaften eines Herrschers
auseinander setzt.
Letztendlich soll so ein Katalog von erwünschten Eigenschaften entstehen, die nach Machiavellis
Ansicht ein uomo virtuoso besitzen sollte. Gleichzeitig soll dokumentiert werden, dass Machiavelli,
wenn er im Principe von virtù und Tugenden spricht, eine eigene Definition von Tugend mit einem
eigenen Bezugssystem anwendet, welches nicht deckungsgleich mit dem gemeinhin verwendeten
moralischen Bezugssystem ist, so dass sich seine beschriebenen Regeln des politischen Machtspiels
letztlich nur schwer mit dem herkömmlichen moralischen Tugendbegriff beurteilen lassen können.
Inhaltsverzeichnis
1. Einleitung
2. Zum Begriff der Tugend und seiner Auslegung
3. Machiavellis Pathos des Wirklichen
4. Allgemeine Grundsätze, welche Laster und Tugenden zu meiden sind
5. Freigiebigkeit und Sparsamkeit
6. Grausamkeit und Milde
7. Liebe und Furcht der Untertanen
8. Verachtung und Hass der Untertanen
9. Ehrlichkeit und Treue eines Fürsten
10. Machiavellis Tugendbegriff
Zielsetzung & Themen
Die vorliegende Arbeit untersucht den spezifischen Tugendbegriff bei Niccolò Machiavelli, wie er in seinem Werk „Principe“ Anwendung findet. Ziel ist es, aufzuzeigen, wie Machiavelli traditionelle Moralvorstellungen in den Kontext politischer Notwendigkeit und Machtausübung überführt, um eine eigene Definition von „virtù“ zu begründen, die sich maßgeblich vom klassischen Tugendverständnis unterscheidet.
- Kontextualisierung des Tugendbegriffs im Vergleich zur traditionellen christlichen Ethik.
- Analyse der Handlungsorientierung eines Fürsten hinsichtlich moralischer und politischer Erwägungen.
- Untersuchung der Auswirkung verschiedener Charaktereigenschaften auf die Stabilität der Herrschaft.
- Bewertung des Spannungsfeldes zwischen privatem Moralanspruch und politischer Nützlichkeit.
Auszug aus dem Buch
Zum Begriff der Tugend und seiner Auslegung
Der überkommene Tugendbegriff orientiert sich stark am Moralbegriff und ist daher im Abendland vor allem christlich geprägt. Die christliche Theologie kennt hier unter anderem die Tugenden von Glaube, Hoffnung und Liebe. Die Ethik unterscheidet zwischen Verstandes- und Willenstugenden und benennt insbesondere mit Gerechtigkeit, Tapferkeit, Mäßigung und Klugheit vier Kardinaltugenden. Insgesamt betrachtet stellen Tugenden die „durch Übung gewonnene Fähigkeit, beharrlich das [sittlich] Gute zu tun“, dar. Die Tugend ist hier ein Wert für sich, der a priori gegeben ist und nach dem das Leben auszurichten ist.
Machiavelli hingegen betrachtet Tugend oder virtù im Zusammenhang mit der Politik als Herrschaftstugend, weshalb er einen ganz anderen Maßstab an seinen Tugendbegriff anlegen kann. Für ihn ist – verkürzt gesagt – alles tugendhaft, was den Bestand des Staates fördert und Gefahren für ihn abwendet. Damit wird offensichtlich, dass der traditionelle moralische Tugendbegriff und Machiavellis staatsbezogener Tugendbegriff in eine Konkurrenz treten müssen, die offensichtlich wird, sobald zum Erhalt des Staates, seiner Ordnung (und möglicherweise auch der überkommenen Herrschaftsstrukturen) moralisch fragwürdige Entscheidungen getroffen werden müssen aus der Notwendigkeit der Situation heraus.
Zusammenfassung der Kapitel
Einleitung: Diese Einleitung führt in die Problematik ein, dass Machiavellis Tugendverständnis im „Principe“ konträr zum klassischen, moralisch geprägten Verständnis steht und auf die Anforderungen politischer Machtausübung zugeschnitten ist.
Zum Begriff der Tugend und seiner Auslegung: Das Kapitel kontrastiert den traditionellen christlich-moralischen Tugendbegriff mit Machiavellis instrumentalisiertem Begriff der „virtù“, die ausschließlich auf den Erhalt des Staates ausgerichtet ist.
Machiavellis Pathos des Wirklichen: Hier wird Machiavellis Absage an idealisierte Fürstenspiegel thematisiert, da er fordert, dass ein Herrscher sich an der Realität orientieren muss, anstatt an moralisch idealisierten Vorstellungen, die den Untergang provozieren könnten.
Allgemeine Grundsätze, welche Laster und Tugenden zu meiden sind: Es wird dargelegt, wie die öffentliche Wahrnehmung von Eigenschaften den Ruf des Fürsten beeinflusst und dass er abwägen muss, welche Laster seine Herrschaft gefährden oder stabilisieren.
Freigiebigkeit und Sparsamkeit: Das Kapitel analysiert, warum exzessive Freigiebigkeit den Haushalt belastet und langfristig schadet, während eine kluge Sparsamkeit die staatliche Handlungsfähigkeit sichert.
Grausamkeit und Milde: Es wird erörtert, unter welchen Bedingungen dosierte Härte bzw. Grausamkeit ordnungsstiftend wirken kann und warum ein Zuviel an Milde in der Politik oft kontraproduktiv ist.
Liebe und Furcht der Untertanen: Hier wird Machiavellis Kernthese diskutiert, dass es für einen Herrscher sicherer ist, gefürchtet als geliebt zu werden, da Liebe flüchtig ist, Furcht hingegen auf kalkulierbarer Konsequenz basiert.
Verachtung und Hass der Untertanen: Das Kapitel warnt den Fürsten davor, Handlungen zu begehen, die ihn bei der Bevölkerung verhasst oder verächtlich machen, insbesondere bei Eingriffen in Eigentum oder familiäre Ehre der Untertanen.
Ehrlichkeit und Treue eines Fürsten: Es wird analysiert, dass ein Fürst nur dann Wort halten sollte, wenn dies seinen Zielen dient, und dass er bei Bedarf sowohl die Eigenschaften des Fuchses als auch die des Löwen vereinen muss.
Machiavellis Tugendbegriff: Dieses abschließende Kapitel fasst zusammen, dass für Machiavelli die politische Notwendigkeit und der Erfolg des Gemeinwesens das primäre Kriterium für tugendhaftes Handeln darstellen, welches die private Moral überschreiben kann.
Schlüsselwörter
Niccolò Machiavelli, Principe, Tugend, Virtù, Herrschaft, Politik, Moral, Staatsräson, Machtausübung, Untertanen, Furcht, Liebe, Effizienz, politisches Handeln, Gemeinwesen.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit untersucht, wie Niccolò Machiavelli in seinem Werk „Principe“ den Begriff der Tugend neu definiert, um ihn auf die Anforderungen politischer Machtausübung und staatlicher Stabilität anzupassen.
Was sind die zentralen Themenfelder der Untersuchung?
Die zentralen Themen sind der Vergleich zwischen privater Moral und politischer Notwendigkeit, der strategische Einsatz von Charaktereigenschaften wie Milde, Grausamkeit oder Freigiebigkeit sowie das Ziel der Sicherung von Herrschaft.
Was ist das primäre Ziel oder die Forschungsfrage?
Das Ziel ist aufzuzeigen, dass Machiavellis Tugendbegriff („virtù“) nicht auf traditionell-christlichen Moralvorstellungen basiert, sondern ausschließlich am Erfolg und dem Erhalt der staatlichen Ordnung gemessen wird.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Die Arbeit nutzt eine textnahe Inhaltsanalyse der Kapitel 15 bis 19 des „Principe“, wobei die Argumentation durch tabellarische Darstellungen der verschiedenen Handlungsoptionen und deren Wirkungen auf Ruf und Herrschaft unterstützt wird.
Was wird im Hauptteil behandelt?
Der Hauptteil analysiert spezifische Eigenschaftskomplexe des Fürsten – wie den Umgang mit Finanzen, die Ausübung von Härte versus Milde sowie die Frage, ob ein Fürst von seinem Volk geliebt oder gefürchtet werden sollte – unter dem Aspekt der politischen Zweckmäßigkeit.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Die Arbeit wird maßgeblich durch Begriffe wie „Virtù“, „Herrschaft“, „politische Notwendigkeit“, „Staatsräson“ und den Gegensatz von „privater Moral“ und „politischer Effizienz“ charakterisiert.
Warum ist laut Machiavelli Furcht für einen Fürsten effektiver als Liebe?
Machiavelli argumentiert, dass Liebe auf Dankbarkeit basiert, die von Menschen bei ihrem eigenen Vorteil schnell aufgegeben wird, während Furcht auf der Androhung von Strafe basiert und somit ein kalkulierbareres und beständigeres Bindungsmittel darstellt.
Kann ein Fürst nach Machiavelli auch „unmoralisch“ handeln?
Ja, sofern das Ziel – der Erhalt des Staates und der Ordnung – es erfordert. Das Handeln wird nach Machiavelli nicht an abstrakten moralischen Normen gemessen, sondern daran, ob es den Bestand der Herrschaft fördert oder gefährdet.
Welche Bedeutung haben die „Fuchs“ und „Löwe“ Metaphern bei Machiavelli?
Diese Metaphern verdeutlichen, dass ein Fürst flexibel sein muss: Der Fuchs steht für Schlauheit, um Fallen zu erkennen, der Löwe für Kraft und Stärke, um Wölfe abzuschrecken. Beide Eigenschaften müssen kombiniert werden, da einer allein nicht ausreicht.
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- M.A. Andre Budke (Autor), 2009, Der Tugendbegriff in Machiavellis Principe, Múnich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/137017