Der Tugendbegriff in Machiavellis Principe


Wissenschaftlicher Aufsatz, 2009
24 Seiten

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

Einleitung

Zum Begriff der Tugend und seiner Auslegung

Machiavellis Pathos des Wirklichen

Allgemeine Grundsätze, welche Laster und Tugenden zu meiden sind

Freigiebigkeitund Sparsamkeit

Grausamkeitund Milde

Liebe und Furcht der Untertanen

Verachtung und Hass der Untertanen

Ehrlichkeit und Treue eines Farsten

Machiavellis Tugendbegriff

Tabellenverzeichnis

Tabelle 1: Von der Bevolkerung positiv und negativ bewertete Eigenschaften eines Fiirsten bei Machiavelli

Tabelle 2: Zwei Kategorien von Lastern bei Machiavelli

Tabelle 3: Eigenschaften von Fiirsten

Tabelle 4: Allgemeine Betrachtung von Freigiebigkeit und Geiz

Tabelle 5: Freigiebige Herrschaftsausiibung (kurzfristige Betrachtung)

Tabelle 6: Freigiebige Herrschaftsausiibung (mittelfristige Betrachtung)

Tabelle 7: Freigiebige Herrschaftsfausiibung (Gesamtbetrachtung)

Tabelle 8: Sparsame/geizige Herrschaftsausiibung

Tabelle 9: Allgemeine Betrachtung von Grausamkeit und Milde

Tabelle 10: Grausame Herrschaftsausiibung bei Cesare Borgia

Tabelle 11: Defizite einer milden Herrschaft

Tabelle 12: Die notwendige Grausamkeit von Heerfiihrern wie Hannibal

Tabelle 13: Erwecken von Liebe oder Furcht durch einen Fiirsten

Tabelle 14: Welche Eigenschaften eines Fiirsten Verachtung seitens der Bevolkerung auslosen

Tabelle 15: Wie Hass seitens der Bevolkerung entsteht

Tabelle 16: Zweierlei Kampfweisen bei Machiavelli

Tabelle 17: Sinnhaftigkeit eines fiirstlichen Wortbruchs nach Machiavelli

Tabelle 18: Machiavellis Tugendbegriff

Tabelle 19: Wahl politischer Mittel

Einteitung

Wenn im Zusammenhang mit Machiavellis Principe von Tugenden die Rede ist, so vermag dies im ersten Moment befremdlich erscheinen, da Machiavelli doch lange Zeit als der klassische Lehrer aller ruchlosen Machtpolitiker galt, die allein nach dem eigenen Machtkalkül und der Staatsräson handelten und deren Tugendhaftigkeit doch zumindest bezweifelt werden konnte.

Nichtsdestotrotz enthält der Principe eine klare moralische Komponente, die nicht mit dem Vortäuschen von erwünschten Tugenden, um die Untertanen zu täuschen, endet. Machiavelli weiB sehr wohl um gesellschaftlich erwünschte und unerwünschte Eigenschaften eines Privatmenschen und stellt die Sinnhaftigkeit dieser Eigenschaften in ihrem privaten Zusammenhang auch nicht in Abrede.

Allein, er beschäftigt sich im Principe mit der Welt der Politik und der Macht. Und hier gelten seiner Ansicht nach andere Spielregeln als im Privatleben. Deshalb können Tugenden, die einem Menschen privat auszeichnen, in diesem Machtkontext schädlich sein, weshalb Machiavelli sie als unerwünscht betrachtet. In dieser kurzen Arbeit soll dargestellt werden, was den Tugendbegriff Machiavellis ausmacht und welche Auswirkungen dies auf eine im eigentlichen Sinne „machiavellistische" Politik hat. Als Quelle dienen vor allem die Kapitel 15 bis 19 des Principe, in denen Machiavelli sich ausführlich mit nützlichen und schädlichen Eigenschaften eines Herrschers auseinander setzt.

Letztendlich soll so ein Katalog von erwünschten Eigenschaften entstehen, die nach Machiavellis Ansicht ein uomo virtuoso besitzen sollte. Gleichzeitig soll dokumentiert werden, dass Machiavelli, wenn er im Principe von virtu und Tugenden spricht, eine eigene Definition von Tugend mit einem eigenen Bezugssystem anwendet, welches nicht deckungsgleich mit dem gemeinhin verwendeten moralischen Bezugssystem ist, so dass sich seine beschriebenen Regeln des politischen Machtspiels letztlich nur schwer mit dem herkömmlichen moralischen Tugendbegriff beurteilen lassen können.

Zum Begriff der Tugend und seiner Auslegung

Der iiberkommene Tugendbegriff orientiert sich stark am Moralbegriff und ist daher im Abendland vor allem christlich geprägt. Die christliche Theologie kennt hier unter anderem die Tugenden von Glaube, Hoffnung und Liebe. Die Ethik unterscheidet zwischen Verstandes- und Willenstugenden und benennt insbesondere mit Gerechtigkeit, Tapferkeit, MäBigung und Klugheit vier Kardinaltugenden. Insgesamt betrachtet stellen Tugenden die „durch Ubung gewonnene Fähigkeit, beharrlich das [sittlich] Gute zu tun",[1] dar.

Die Tugend ist hier ein Wert fiir sich, der a priori gegeben ist und nach dem das Leben auszurichten ist.

Machiavelli hingegen betrachtet Tugend oder virtu im Zusammenhang mit der Politik als Herrschaftstugend, weshalb er einen ganz anderen MaBstab an seinen Tugendbegriff anlegen kann. Fiir ihn ist — verkiirzt gesagt — alles tugendhaft, was den Bestand des Staates fördert und Gefahren fiir ihn abwendet. Damit wird offensichtlich, dass der traditionelle moralische Tugendbegriff und Machiavellis staatsbezogener Tugendbegriff in eine Konkurrenz treten miissen, die offensichtlich wird, sobald zum Erhalt des Staates, seiner Ordnung (und moglicherweise auch der iiberkommenen Herrschaftsstrukturen) moralisch fragwiirdige Entscheidungen getroffen werden miissen aus der Notwendigkeit der Situation heraus.

Die Tugend ist hier kein Wert fiir sich. Sie wird erst a posteriori ermittelt, wenn das Handeln an den zur Verfiigung stehenden Handlungsalternativen und an Niitzlichkeitserwägungen gemessen wird, die auf das Ziel, den Staat und seine Ordnung zu erhalten, ausgerichtet sind. Die Tugend einer Handlung lässt sich also hier ein Stiick weit am Enderfolg ablesen.

Machiavelli greift hier uniibersehbar antike romische Traditionen auf. Schon der romische Begriff der virtus, an den er seinen Tugendbegriff der virtu anlehnt, betont vor allem Kraft, Tapferkeit und Tiichtigkeit.[2] Dieser Tugendbegriff sagt Machiavelli mehr zu als der traditionelle christliche Tugendbegriff, da der romische Tugendbegriff die Menschen seiner Ansicht zu handelnden, ihr Leben aktiv gestaltenden Personen erzieht, wohingegen die christliche Tugend in seinen Augen zu kontemplativ sei, ihr Gliick iiberwiegend im Jenseits suche und die Menschen damit passiv mache.

Machiavellis Pathos des Wirklichen

Machiavelli verfolgt im Principe nach eigenem Bekunden einen klaren Ansatz: Er will die Dinge so beschreiben wie sie sind, und nicht Idealsituationen und Utopien schildern oder einen klassischen Fürstenspiegel erstellen, um eine realitätsferne Idealvorstellung von der Herrschaft zu vermitteln. Vielmehr geht es ihm darum, etwas Nützliches zu schreiben, quasi ein Brevier für einen Herrscher, dass in der Realität Anwendung finden könnte. Den traditionellen Fürstenspiegeln, die einem Herrscher mitteilen, wie er moralisch einwandfrei herrschen sollte, erteilt Machiavelli eine klare Absage. „[Es] liegt eine so groBe Entfernung zwischen dem Leben, wie es ist, und dem Leben, wie es sein sollte, [dass] derjenige, welcher das, was geschieht, unbeachtet [lässt] zugunsten dessen, was geschehen sollte, dadurch eher seinen Untergang als seine Erhaltung betreibt".[3] Ein Mensch müsse sich vor allem an seine Umgebung anpassen. Da die Mehrheit der Menschen nicht gut sei, könne ein Einzelner sich nicht vorbehaltlos zum Guten bekennen, ohne in sein Verderben zu rennen.[4]

Aus diesem Grund müsse auch ein Fürst, so sehr er auch in seinem Privatleben ein guter Mensch sei, „die Fähigkeit erlernen, nicht gut zu sein, und diese anwenden und nicht anwenden, je nach dem Gebot der Notwendigkeit."[5] Dies bedeutet, dass für einen Herrscher andere moralische Ansprüche angelegt werden müssen. Dieser dürfe seine Handlungsalternativen nicht durch selbst auferlegte moralische Fesseln begrenzen, sondern er müsse sich die Möglichkeit offen lassen, je nach Notwendigkeit der Situation angemessen zu handeln.

Festzuhalten bleibt, dass Machiavelli für sich den Anspruch erhebt, in seinen Analysen und Ratschlägen von der Wirklichkeit auszugehen.

Allgemeine Grundsätze, welhe Laster und Tugenden zu meiden sind

Machiavelli setzt grundsätzlich voraus, dass die Bevölkerung eines Landes ihrem Fiirsten bestimmte Eigenschaften zuschreibt. Diese zugeschriebenen Eigenschaften sind in der Regel mit einer Wertung verbunden, so dass hier von Tugenden und Lastern gesprochen wird. Machiavelli nennt einen beispielhaften Katalog von Eigenschaften, die in Tabelle 1 wiedergegeben werden. Zudem weist Machiavelli auf den Umstand hin, dass eine zugeschriebene Eigenschaft nicht zwangsläufig einer realen Eigenschaft des Fiirsten entsprechen muss, fiir die Wirkung dieser Eigenschaft auf den Ruf des Fiirsten ist ihre Zuschreibung entscheidend. Im Umkehrschluss ist eine Eigenschaft, die ein Fiirst zwar hat, aber durch die Bevölkerung nicht wahrgenommen wird, politisch nicht existent.

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Tabelle 1: Von der Bevölkerung positiv und negativ bewertete Eigenschaften eines Fi,irsten bei Machiavelli

Fiir einen Fiirsten ergeben sich aus den Tugenden und Lastern, die ihm zugeschrieben werden, besondere Probleme. Nicht nur steht und fällt sein Ansehen im Volk je nach den ihm zugeschriebenen Eigenschaften; zugleich hat jede Eigenschaft neben dieser moralischen Komponente noch eine praktische Seite. Denn jede Eigenschaft, die ein Fiirst wirklich inne hat, beeinflusst sein politisches Denken und Handeln und damit zwangsläufig auch seinen Erfolg.

Problematisch fiir einen Herrscher ist zudem, dass moralische und politische Tugenden nicht deckungsgleich sind. Was moralisch gut erscheint, muss deshalb nach Machiavelli nicht zugleich politisch sinnvoll und erfolgversprechend sein. So verhält es sich nach Machiavellis Ansicht zum Beispiel mit der Grausamkeit, die im Privatleben zu verurteilen ist, aber fiir ihn dennoch zu den politischen Tugenden gehören kann, wenn es die Notwendigkeit erfordert.

Ein Herrscher muss demnach in einen Auswahlprozess treten, um eine Abwägung vorzunehmen zwischen einigen konkurrierenden moralischen und politischen Tugenden. Hier müsse er darauf achten, dass „er den schlechten Ruf derjenigen Laster zu vermeiden weiB, die ihn die Herrschaft kosten würden, und [dass] er sich auch vor solchen Lastern, die ihn nicht um die Herrschaft bringen würden, zu hüten versteht, wenn es ihm möglich ist; vermag er dies jedoch nicht, so kann er sich ihnen mit geringeren Bedenken überlassen."[6] Wir sehen hier also, dass Machiavelli auch hier nach Nützlichkeitserwägungen vorgeht und empfiehlt, für die Herrschaftssicherung gefährliche Laster zu vermeiden.

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Tabelle 2: Zwei Kategorien von Lastern bei Machiavelli

Gleichzeitig gibt es Laster, deren Ruf für einen Fürsten sogar positiv sind, da sie seine Herrschaft festigen können, der Ruf eines solchen Lasters dürfe einen Fürsten nicht weiter besorgen.[7] Zusammenfassend gesagt befindet sich ein Fürst, wenn er sich überlegt, welches Bild von sich er seinen Untertanen vermitteln will, daher in einer schwierigen Situation, da er genau untescheiden muss, welche Tugenden und Laster er sich zuschreiben lassen will, um in seiner spezifischen Herrschaftssituation ein Maximum an Sicherheit zu erreichen.

[...]


[1] Grosses Universal Lexikon, Berlin 1975, Spalte 1577.

[2] Vgl.: Konrad Fuchs/Heribert Raab: Worterbuch Geschichte, 12. Aufl. Miinchen 2001, S.839.

[3] Philipp Rippel (Hg.): Niccolo Machiavelli. Der Fürst, Stuttgart 2003, S.119.

[4] Vgl.: ebd., S.119.

[5] Ebd., S.119.

[6] Ebd., S.121.

[7] Vgl.: ebd., S.121.

Ende der Leseprobe aus 24 Seiten

Details

Titel
Der Tugendbegriff in Machiavellis Principe
Autor
Jahr
2009
Seiten
24
Katalognummer
V137017
ISBN (eBook)
9783640447848
ISBN (Buch)
9783640448449
Dateigröße
476 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Machiavelli, Tugend, virtù, Principe, Der Fürst
Arbeit zitieren
M.A. Andre Budke (Autor), 2009, Der Tugendbegriff in Machiavellis Principe, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/137017

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